Taucht ein in Schumpeters bahnbrechende Analyse des Kapitalismus und Sozialismus, die auch heute noch von großer Relevanz ist.
Professor Heinz D. Kurz sprach auf der Next Economy Open über die 10. Auflage von Joseph Schumpeters Hauptwerk „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“. Es handelt sich um die erste vollständige deutsche Ausgabe des Werkes. Professor Kurz hat in verschiedenen Städten Volkswirtschaftslehre gelehrt, unter anderem an der New School for Social Research in New York, in Bremen, Kiel und München. Er interessiert sich sowohl für ökonomische Theorien als auch für die Geschichte der Ökonomik. Er betont, dass die Ökonomik wie die Philosophie eine Geschichte hat und dass das, was heute gesagt wird, morgen bereits Geschichte ist.
In der Vergangenheit hat Professor Kurz wichtige Artikel über Max Weber, Marx und die Theorie der ökonomischen Produktion, Verteilung und des Wachstums veröffentlicht. Er hat ein wichtiges Vorwort zur zehnten Auflage von Schumpeters Werk geschrieben. Diese neue Auflage unterscheidet sich deutlich von den vorherigen, sowohl inhaltlich als auch sprachlich.
Der fünfte Teil des Werkes, der bisher nicht in der deutschen Ausgabe enthalten war, wurde nun ins Deutsche übersetzt. Dieser Teil umfasst etwa 100 Seiten und enthält auch eine Einführung von Professor Kurz, in der er die Gründe für die vorherige Nicht-Aufnahme des fünften Teils diskutiert und die Wirkungsgeschichte des Werkes beleuchtet.
Die neue Ausgabe des Werkes wurde insgesamt überarbeitet, um die Deutungen und Spekulationen klarer zu machen und Schumpeters Sprachstil stärker hervorzuheben. Es wurden nur wenige Änderungen vorgenommen, um mögliche Übersetzungsfehler zu korrigieren. Besonders im fünften Teil war es eine Herausforderung, den barocken Stil von Schumpeter beizubehalten und gleichzeitig die Sätze verständlicher zu gestalten.
Professor Kurz kritisiert die merkwürdigen Begründungen des Herausgebers Edgar Salin, warum der fünfte Teil nicht in die deutsche Ausgabe aufgenommen wurde. Salin behauptete unter anderem, dass Schumpeter vor dem deutschen Publikum geschützt werden müsse, da er angeblich sozialistische und kommunistische Inhalte in das Werk einfließen ließ. Professor Kurz findet diese Begründungen seltsam und unverständlich, insbesondere da Salin selbst ein angesehener Wirtschaftswissenschaftler war.
Professor Kurz kritisiert auch die harten Urteile, die Salin über Schumpeter gefällt hat. Er findet diese Vorwürfe unverständlich und merkwürdig, insbesondere da Salin die vorherigen Teile des Werkes, die auf derselben Theorie basieren, nicht kritisiert hat.
Das Hauptthema von Schumpeters Werk „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ ist die Diskussion über die Schicksalsfrage des Kapitalismus und Sozialismus. Schumpeter analysiert die Theorien von Marx und argumentiert, dass der Kapitalismus nicht aufgrund seines Scheiterns, sondern aufgrund seines Erfolgs zusammenbrechen wird. Er betrachtet den Kapitalismus als eine sich selbst zerstörende Ordnung, die zur Konzentration des Kapitals und zur Bürokratisierung führt. Schumpeter diskutiert auch die Frage, ob der Sozialismus überleben kann und ob er Gefahr läuft, in eine Tyrannei abzudriften.
Professor Kurz betont, dass Schumpeter ein dynamisches Verständnis der Wirtschaftsentwicklung hat und den Innovator in den Vordergrund stellt. Er kritisiert jedoch auch Schumpeters Lob des Monopols und der Großunternehmen, da dies im Widerspruch zu seinen früheren kritischen Betrachtungen steht. Er weist darauf hin, dass Schumpeter ein Meister der Ironie und des Witzes ist und oft auf verschiedenen Ebenen argumentiert.
Abschließend stellt Professor Kurz fest, dass Schumpeters Werk „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ eines der bedeutendsten Werke in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften ist. Es bietet eine umfassende Analyse der aktuellen und zukünftigen Entwicklungen des Kapitalismus und Sozialismus und wirft wichtige Fragen auf, die auch heute noch relevant sind.
In diesem Jahr ist die Next Economy Open übrigens am 7. und 8. Dezember.
Der Bonner Philosoph Markus Gabriel hat in Luzern einen bemerkenswerten Vortrag über Möglichkeiten eines ethischen Kapitalismus gehalten. Es ist eine Idee, die uns dazu aufruft, unsere wirtschaftlichen Aktivitäten auf das höchste Gut auszurichten: ein menschenwürdiges Leben für alle. Diese Vision steht im Gegensatz zur gängigen Vorstellung vom Kapitalismus als reinem Profitstreben. Colin Mayer, Autor des Buches „Capitalism and Crisis: How to Fix Them“, bezeichnet den Kapitalismus als eine Problem-Lösungsmaschine. Gabriel hat auf das im Januar 2024 erscheinende Opus verwiesen. Mayer argumentiert, dass Profit und moralisches Handeln sich nicht widersprechen müssen. Er definiert den wahren Profit als das, was dem Menschen nützt.
Die Grundidee des Ethischen Kapitalismus ist, dass wir durch unser wirtschaftliches Handeln dazu beitragen können, die Probleme der Menschheit zu lösen und Lebensqualität für alle zu schaffen. Dabei müssen wir jedoch auch die negativen Auswirkungen unserer Aktivitäten, wie negative Externalitäten, berücksichtigen und in den Preis einbeziehen.
Ein zentraler Begriff in dieser Diskussion ist das „höchste Gut“, wie es Immanuel Kant definiert. Kant beschreibt das höchste Gut als eine Struktur, in der Glückswürdigkeit und Glückseligkeit zusammenfallen. Glückseligkeit bedeutet, dass unsere Bedürfnisse spontan befriedigt werden, ohne Lücken zwischen Begehren und Befriedigung. Kant argumentiert, dass es einen Unterschied macht, ob jemand Glückseligkeit verdient oder nicht. Das höchste Gut entsteht, wenn wir durch unser moralisches Handeln profitieren und anderen helfen.
Eine Gesellschaft, die moralisches Handeln bestraft, ist schlechter als eine Gesellschaft, die es belohnt. Der Ethische Kapitalismus fordert daher, dass wir ethische Heuristiken in unser Wirtschaftsleben integrieren. Unternehmen sollten nach Ansicht von Gabriel eine Ethikabteilung haben, die ethische Fragen beantwortet und bei der Lösung moralischer Probleme unterstützt. Diese Abteilung kann dazu beitragen, nachhaltigen Profit zu erzielen, indem sie ethische Fragen in der Unternehmenskultur und der Wertschöpfungskette professionell bearbeitet. Sozusagen über einen „Chief Philosopher Officer“. Jedes vernünftige Unternehmen brauche einen CPO, proklamiert Gabriel.
Der Ethische Kapitalismus basiert auf der Idee, dass freie Märkte von Menschen betrieben werden. Die unsichtbare Hand, wie von Adam Smith beschrieben, besteht darin, dass Menschen fähig sind, moralische Tatsachen zu erkennen und sich mit den mentalen Zuständen anderer Lebewesen zu beschäftigen. Die unsichtbare Hand ist also das menschliche Vermögen, das Gute und das Böse zu tun. Freie Märkte allein garantieren jedoch nicht automatisch moralisches Handeln. Es bedarf einer bewussten Auseinandersetzung mit ethischen Fragen und einer Integration von moralischen Prinzipien in das wirtschaftliche Handeln.
Der Ethische Kapitalismus fordert daher, dass Unternehmen ethische Fragen ernst nehmen und eine Ethikabteilung einrichten, die ihnen bei der Lösung dieser Fragen hilft. Eine solche Abteilung kann ethische Probleme analysieren und Lösungen entwickeln, die sowohl ökonomisch als auch moralisch sinnvoll sind. Unternehmen, die sich ethisch verhalten und zur Lösung der Probleme der Menschheit beitragen, werden langfristig profitabler sein.
Es ist wichtig zu betonen, dass der Ethische Kapitalismus nicht bedeutet, dass wir das Wirtschaften einstellen oder auf Privateigentum verzichten sollten. Im Gegenteil, der Ethische Kapitalismus fordert uns auf, unsere wirtschaftlichen Aktivitäten so zu gestalten, dass sie zum höchsten Gut beitragen. Dies bedeutet, dass wir uns auf die Lösung der moralischen Probleme der Menschheit konzentrieren und dabei wirtschaftliche Mittel nutzen.
Der Ethische Kapitalismus ist eine Vision für eine nachhaltige Wirtschaft, in der wir durch unser Handeln zum Wohl aller beitragen. Es ist eine Aufforderung, die moralische Dimension des Wirtschaftens anzuerkennen und ethische Prinzipien in unser wirtschaftliches Handeln zu integrieren. Indem wir uns auf das höchste Gut ausrichten, können wir eine bessere und gerechtere Welt schaffen. Der Ethische Kapitalismus ist eine Chance, den Kapitalismus zu transformieren und eine neue Form des Wirtschaftens zu etablieren, die auf moralischen Prinzipien basiert. Zur Zeit ist das allerdings noch eine Leerstelle in der Ökonomie und in der Ökonomik.
Bislang laufen solche Themen über die Marketing-Abteilung: Ethik-Camouflage.
Im Gespräch mit Philip Kovce kürzlich diskutierte Peter Sloterdijk in Basel das komplizierte Konzept der Freiheit im europäischen Kontext. Er verknüpfte die Freiheitsgeschichte Europas sowohl mit ihrem historischen Hintergrund als auch mit den aktuellen Steuerdebatten. Dabei ging er auf den Balanceakt zwischen Autonomie und Verantwortung ein, den die Freiheit immer mit sich bringt.
In Bezug auf die Entwicklung des Freiheitskonzepts in Europa ging er zurück zu den antiken Griechen, die sich dagegen entschieden, von Persern dominiert zu werden, ein Standpunkt, der in Schlachten wie Salamis und dem Marathonlauf verkörpert wird. Diese Urszene der europäischen Freiheit veranschaulicht den Wunsch, sich nicht von äußeren Mächten beherrschen zu lassen.
Interessanterweise verband Sloterdijk den Marathonlauf mit der tieferen Bedeutung von Freiheit. Das Laufen eines Marathons, so argumentierte er, ist nicht nur eine physische Leistung, sondern auch ein Ausdruck der Entscheidungsfreiheit und Autonomie des Einzelnen. Dieses Verlangen, autonom zu sein, steht im Widerspruch zum Wunsch, sich von höheren Mächten oder Ideologien leiten zu lassen, wie es bei den Persern der Fall war.
Doch Sloterdijk merkt auch an, dass die Grenze zwischen Freiheit und Gebundenheit fließend ist. Zum Beispiel Alkibiades, der in unterschiedlichen Kontexten unterschiedliche Identitäten annahm und so zur Personifikation des „postmodernen Europäers“ wurde, der sich nicht auf eine einzige Identität festlegt.
Der entscheidende Punkt in Sloterdijks Überlegungen ist die Unterscheidung zwischen zwei Arten von Freiheit: die Freiheit, „banal zu bleiben“, und die Freiheit, sich durch Training und Übung weiterzuentwickeln und über sich selbst hinauszugehen. Er betonte, dass wahre Freiheit nicht nur darin besteht, sich gegen externe Einflüsse zu wehren, sondern auch in der Fähigkeit, sich selbst herauszufordern und zu wachsen.
In „Du musst dein Leben ändern“ argumentiert Sloterdijk, dass Menschen, die sich einem Trainingsziel verschreiben, wie Musiker oder Sportler, Tausende von Stunden üben müssen, um Meisterschaft zu erlangen. Diese Idee des Trainings und der Übung, so Sloterdijk, ist auch in den ursprünglichen christlichen Traditionen zu finden, wo Gläubige als „Athleten Christi“ bezeichnet wurden.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Peter Sloterdijks Perspektive auf die Freiheit eine Herausforderung für moderne Interpretationen darstellt. Er betont die Notwendigkeit, sich sowohl gegen externe Kontrollen zu wehren als auch das individuelle Potential durch Training und Übung zu maximieren. In einer Zeit, in der Freiheit oft als bloße Abwesenheit von Beschränkungen verstanden wird, bietet Sloterdijk eine tiefere, nuanciertere Sichtweise auf das, was es wirklich bedeutet, frei zu sein.
Er verweist auf Arthur Koestler und der Unterscheidung zwischen dem Yogi und dem Kommissar. Diese Einsicht, dass es zwei Haupttypen von Menschen gibt, die die Realität definieren, ist heute ebenso relevant wie in den 1940er Jahren. Diejenigen, die versuchen, die Welt durch aktives Handeln zu verändern, und diejenigen, die sich in tiefe Selbstreflexion und spirituelle Praktiken vertiefen.
In der heutigen Zeit, in der der Klimawandel, geopolitische Spannungen und soziale Ungerechtigkeiten uns täglich konfrontieren, kann man argumentieren, dass beide Ansätze – der des Yogi und des Kommissars – notwendig sind. Es gibt einen dringenden Bedarf an Menschen, die aktiv in der Welt handeln und versuchen, Veränderungen herbeizuführen. Gleichzeitig gibt es einen ebenso dringenden Bedarf an Menschen, die tiefe innere Arbeit leisten, um die kollektiven und individuellen Traumata und Wunden zu heilen, die unsere Gesellschaften durchziehen.
Vielleicht ist die wahre Herausforderung unserer Zeit, einen Mittelweg zwischen diesen beiden Extremen zu finden. Ein Weg, der sowohl das Engagement für die äußere Welt als auch eine tiefe spirituelle Praxis beinhaltet. Ein Weg, der es uns ermöglicht, sowohl aktiv in der Welt zu handeln, als auch einen inneren Raum des Friedens und der Klarheit zu pflegen.
Koestlers Unterscheidung zwischen dem Yogi und dem Kommissar bietet uns eine wertvolle Linse, durch die wir diese Herausforderungen betrachten können, und sie lädt uns dazu ein, sowohl nach innen als auch nach außen zu schauen, um Antworten zu finden.
Am Schluss des sehr spannenden Interviews mit einem gut informierten und vorbereiteten Moderators ging Sloterdijk auf die Stärken und Schwächen von politischen Regelsystemen ein. Brauchen wir eine Verschweizerung der Welt?
Die Schweiz ist nicht nur ein Land, sondern ein Konglomerat von Kantonen, die in vielen Dingen ihre eigene Politik machen. Und diese Kleinheit, diese Dezentralisation ermöglicht eine Nähe zwischen dem Wähler und seinem Repräsentanten, die in großen politischen Systemen einfach verloren geht. Es gibt eine Transparenz und eine Rechenschaftspflicht, die man in großen Ländern nicht findet.
Es könnte als Vorbild dienen, dass Dezentralisation und eine Rückkehr zu kleineren, lokalen Gemeinschaften eine Antwort auf die Probleme unserer Zeit sei.
Die Globalisierung hat viele Vorteile gebracht, aber auch das Gefühl, dass die großen Entscheidungen immer weiter von uns entfernt getroffen werden. Die Helvetisierung könnte eine Antwort darauf sein, das Gleichgewicht wiederherzustellen und die Macht näher an die Menschen zurückzubringen.
Die Wahrheit sei nach Ansicht von Sloterdijk, dass wir in einer Welt leben, in der die alten Ideen von Nationen und Grenzen sich als zunehmend unpassend und problematisch erweisen. Der Wandel zu kleineren, regionalen Einheiten sei nicht nur aus organisatorischen oder administrativen Gründen sinnvoll, sondern auch aus kulturellen und ökologischen. Ein Ansatz, der den regionalen Gegebenheiten und Kulturen Rechnung trägt, ermöglicht es, Ressourcen effizienter zu nutzen und gleichzeitig kulturelle Eigenheiten zu bewahren.
Aber es gehe nicht nur darum, kleinere Einheiten zu schaffen. Es geht auch darum, wie diese Einheiten miteinander interagieren. Eine Rückkehr zum Mittelalter, in dem jede kleine Stadt oder Region ihre eigenen Gesetze und Regeln hatte, wäre sicherlich nicht wünschenswert. Aber eine Form von Regionalismus, der auf Kooperation und gegenseitigem Respekt basiert, könnte eine Lösung für viele der aktuellen Probleme bieten.
„In vielen deutschen Regionen gibt es jahrhundertealte Kompetenzen, die ihr Licht bis in die Gegenwart werfen. Heute spricht man von industriellen Ökosystemen. So wurden im Schwarzwald seit jeher Uhren gefertigt, was feinmechanische Fähigkeiten erfordert. Schließlich gilt die Uhrmacherei als ‘Schlüsseltechnologie des Industriezeitalters’. Aus dieser Tradition sind in der Schwarzwaldregion mehr als 500 medizintechnische Firmen entstanden“, sagt der Hidden-Champion-Forscher Hermann Simon.
Oder Firmen wie Bizerba auf der Schwäbischen Alb in der Lebensmitteltechnologie und Multivac als Maschinenbauer im Allgäu. Gleiches gilt für Göttingen. „Wieso findet man dort 39 Hersteller von Messtechnik?“, fragt Simon. „Die Erklärung liegt in der mathematischen Fakultät der Universität Göttingen, die über Jahrhunderte weltweit führend war. Eine dieser Firmen gehen auf Prinzipien zurück, die Carl Friedrich Gauss entdeckte. Der frühere Siemens-Vorstand Edward Krubasik bemerkte: ‘Deutschland nutzt die Technologiebasis, die bis ins Mittelalter zurückgeht, um im 21. Jahrhundert erfolgreich zu sein’.”
In einer Session auf der Next Economy Open brachte Deepa Gautam-Nigge (SAP), Herausgeberin des Buches „#EcosystemInnovation“, thematische Sonderwirtschaftszonen ins Spiel. Etwa bei Technologien, die den Klimaschutz, die Kreislaufwirtschaft und die Energiewende nach vorne bringen. „Hier liegen die Stärken von Europa und Deutschland und das sollte gezielt gefördert werden.“ Die gesellschaftliche Notwendigkeit sei evident. Die besten Köpfe, die besten Talente und Innovationen seien in Deutschland und Europa vorhanden.
Man glänzte durch die Kultur: Ingrid Bodsch über die Kleinstaaterei in Deutschland. pic.twitter.com/x6V6BIg1PA
Vom Weltkonzern über mittelständische Hidden Champions bis zum Kleinbetrieb, von der energieintensiven Grundstoffindustrie über Maschinen- & Fahrzeugbau bis zur Raumfahrt: Wir stärken den Industriestandort 🇩🇪in seiner ganzen Vielfalt. Die neue #Industriestrategie ist der Kompass.
— Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (@BMWK) October 24, 2023
Der Weg zu mehr Wirtschaftssicherheit führe nicht über Protektionismus und Abschottung, sondern über Offenheit und Diversifizierung, proklamiert das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz in ihrem Strategiepapier „Industriepolitik in der Zeitenwende – Industriestandort sichern, Wohlstand erneuern, Wirtschaftssicherheit stärken.
Die Bundesregierung habe daher neue Impulse in die Handelspolitik gebracht. Blockaden bei CETA seien gelöst worden und Verhandlungen für Abkommen mit verschiedenen Ländern wurden intensiviert. Gleichzeitig werden außenwirtschaftliche Instrumente überprüft, um Investitionen genauer zu prüfen und den Abfluss deutscher Technologie zu kontrollieren. Ist das dann nicht Protektionismus? (GS)
Die geopolitischen und volkswirtschaftlichen Risiken haben gezeigt, dass in bestimmten Bereichen eigene Produktionskapazitäten unerlässlich sind. Dies gilt vor allem für die Rüstungsindustrie, um den Bedarf Europas und seiner Verbündeten zu decken. Auch in den Bereichen Halbleiter und Technologien für die Energiewende und Dekarbonisierung sei Deutschland gut positioniert. Allerdings sei eine Ansiedlung ohne staatliche Unterstützung aufgrund der massiven Subventionierung in anderen Teilen der Welt unrealistisch. Die Bundesregierung fördere daher die Ansiedlung von Produktionskapazitäten und hat bereits Unternehmen überzeugt, nach Deutschland zu kommen.
Die Corona-Pandemie und der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine haben gezeigt, dass Abhängigkeiten von Rohstoffen und Vorprodukten Risiken bergen. Um diesen entgegenzuwirken, habe die Bundesregierung ihre Rohstoffstrategie aktualisiert. Schwerpunkte seien die Stärkung der Kreislaufwirtschaft, Ressourceneffizienz und Recycling, die Diversifizierung der Rohstoff-Lieferketten durch internationale Partnerschaften und die Entwicklung und Anwendung von wirksamen ESG-Standards.
Die Bundesregierung habe in den vergangenen 21 Monaten eine Vielzahl von Maßnahmen ergriffen, um die Wirtschaftssicherheit zu stärken. Dazu gehören horizontale Maßnahmen zur Unterstützung der Wirtschaft, die Förderung von Handelsbeziehungen und Investitionen, die Anwendung von handelspolitischen Schutzmaßnahmen, die Überprüfung des Investitionsprüfungsrechts und die Stärkung der Exportkontrolle. Zudem setztedie Bundesregierung auf den Ausbau von Forschungs-, Entwicklungs- und Fertigungskapazitäten für Halbleitertechnologien und die Förderung der Kreislaufwirtschaft.
Die Bundesregierung arbeite eng mit europäischen und internationalen Partnern zusammen, um die Wirtschaftssicherheit zu stärken und Risiken zu minimieren. Dabei wird ein hohes Maß an Offenheit in den Handels- und Investitionsbeziehungen angestrebt, gleichzeitig aber auch die Resilienz und Verringerung volkswirtschaftlicher Risiken berücksichtigt. Die Maßnahmen sind verhältnismäßig und zielen darauf ab, den Industriestandort Deutschland zu stärken und unzulässigen Wettbewerbsverzerrungen entgegenzuwirken.
Die Bundesregierung setze sich für eine nachhaltige und resiliente Rohstoffversorgung ein. Dazu gehören die Stärkung der Kreislaufwirtschaft, die Unterstützung des heimischen Bergbaus und die Entwicklung von ESG-Standards. Es werden Förderprogramme und Finanzierungsinstrumente eingesetzt, um private Investitionen anzuziehen und die Rohstoffversorgung zu sichern. Zudem werde die Zusammenarbeit mit europäischen Partnern intensiviert, um Risiken im Zusammenhang mit Auslandsinvestitionen entgegenzuwirken.
Die Bundesregierung fördere den Ausbau von Forschungs-, Entwicklungs- und Fertigungskapazitäten für Halbleitertechnologien und -anwendungen. Dabei werden bestehende Kompetenzen gestärkt und technologische Lücken geschlossen. Zudem werde der heimische Bergbau unterstützt, um Rohstoffe sicher und unter ökologischen sowie sozialen Standards zu fördern. Die Bundesregierung arbeite an der Modernisierung des Bergrechts, um den heimischen Rohstoffabbau zu erleichtern.
Die Bundesregierung erarbeitet eine nationale Strategie, um die Kreislaufwirtschaft zu stärken. Dabei werden verschiedene Handlungsfelder wie Kunststoffe, Fahrzeuge und Batterien, Metalle, Gebäude und Bekleidung bearbeitet. Zudem werden EU-Initiativen im Rahmen des Green Deals unterstützt, um einen nachhaltigeren Umgang mit Ressourcen zu fördern. Das ist auch bitter nötig. Die Kreislaufwirtschaftsquote liegt in Deutschland bei 13 Prozent.
Die Bundesregierung setze sich für eine sichere und nachhaltige Rohstoffversorgung ein und arbeitet eng mit europäischen und internationalen Partnern zusammen. Durch gezielte Maßnahmen und Förderprogramme sollen die Wirtschaftssicherheit gestärkt und Risiken minimiert werden. Dabei werde auf Offenheit, Diversifizierung und Nachhaltigkeit gesetzt, um den Industriestandort Deutschland zu stärken.
Aber wird das gelingen? Internationale Beispiele sprechen eine andere Sprache.
Im Jahr 1987 wurde festgestellt, dass die amerikanische Halbleiterproduktion in Schwierigkeiten war, da Japan Marktanteile und Arbeitsplätze eroberte und die nationale Sicherheit und das Wirtschaftswachstum bedrohte. Um die Produktion anzukurbeln, versprach die Regierung in Partnerschaft mit der Industrie jährliche Subventionen in Höhe von 100 Millionen Dollar (250 Millionen Dollar in heutigem Geld) für die Bildung eines Forschungs- und Entwicklungskonsortiums namens Sematech.
Der Plan erwies sich größtenteils als erfolglos. Eine 1994 veröffentlichte Studie von Douglas Irwin vom Dartmouth College und Peter Klenow von der Stanford University fand keinen Beweis dafür, dass Sematech die Investitionspläne in der Halbleiterindustrie verändert hat. Dennoch gibt es Lehren für die Politiker von heute. Die Regierungen der westlichen Welt bieten in den kommenden Jahren Subventionen in Höhe von 400 Milliarden Dollar an, um die Kapazitäten zu steigern. Die EU strebt bis 2030 einen Anteil von 20 Prozent an der weltweiten Chipherstellung an und plant auch Anreize für die Produktion von seltenen Erden, Batterien und Solarzellen. Diese ehrgeizigen Projekte werden jedoch bald mit der Realität kollidieren. Es ist für Regierungen schwierig, lebensfähige Industrien zu schaffen, und die wirtschaftlichen Kosten der Industriepolitik sind in der Regel hoch.
Laut der Wirtschaftsweisen Veronika Grimm ist die Gesetzgebung in Deutschland in einigen Bereichen nicht ausreichend widerstandsfähig, und es gibt Hindernisse, die das effiziente Wirtschaften behindern. Ein prominentes Beispiel hierfür ist die Lagerhaltung. Dieses Thema hat auf dem Handelskongress in Berlin im vergangenen große Wellen geschlagen. Derzeit gibt es Überlegungen, wie Unternehmen, insbesondere die sogenannten „Hidden Champions“ im Maschinenbau, ihre Abhängigkeit von Zulieferern verringern und mehr in die Lagerhaltung investieren können. Dabei wird eine steuerliche Benachteiligung ins Licht gerückt. Die Lösung? Eine „Rohstoffbevorratungsrücklage“ könnte den steuerlichen Nachteil ausgleichen.
Die deutsche Industrie befindet sich in einem Übergang und einige der aktuellen Strategien – insbesondere die Just-in-Time-Lieferung – müssen möglicherweise überdacht werden. Das erfordert jedoch erhebliche Vorlaufzeit, besonders wenn es um die Diversifizierung von Lieferbeziehungen geht.
Ein Bereich, der besondere Aufmerksamkeit erfordert, ist der Abbau und die Weiterverarbeitung kritischer Rohstoffe. Es gibt nur eine begrenzte Anzahl von Firmen weltweit, die in diesem Sektor tätig sind. Laut Grimm müssen neue Partnerschaften, vor allem im Ausland, gesucht werden, um Kapazitäten schnell verfügbar zu machen.
Ein weiteres kritisches Thema, das Grimm hervorhebt, ist die Photovoltaik. Mit einem Großteil der Panels, die in China hergestellt werden, oft unter Nutzung von Kohlekraftwerken, besteht die Herausforderung darin, die Abhängigkeit von solchen monopolisierten Produktionssystemen zu verringern.
Grimm hält es für sinnvoll, mehr Ressourcen in den Ausbau der Kreislaufwirtschaft-Infrastruktur zu investieren und Technologien zu verfeinern, um den Bedarf an kritischen Rohstoffen weiter zu verringern. Dies würde nicht nur die Umweltauswirkungen verringern, sondern Deutschland auch in eine bessere Position versetzen, um als Vorreiter in der nachhaltigen Rohstoffnutzung und -verwertung aufzutreten.
Wie abhängig sind wir von ausländischen Anbietern. Da hapert es wohl bei der Datenlage. Es fehlen Informationen über die heimische Produktion und die Austauschbarkeit von Produkten. Professor Gabriel Felbermayr betonte in einem Vortrag des ifo-Instituts, dass die Analyse der Handelsströme allein nicht ausreicht, um die tatsächliche Abhängigkeit zu bestimmen.
Es sei schwierig, strategische Güter oder Industrien objektiv festzulegen. Die Analyse von Handelsbeziehungen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten ist eine komplexe Aufgabe, die eine sorgfältige Betrachtung der Daten erfordert. Man braucht eine „Trade Policy Intelligence“, also ein tieferes Verständnis für die globalen Handelsströme.
In der Wirtschaftspolitik und in der Außenwirtschaftspolitik stellt sich die Frage, wie man diversifizierte Beziehungen fördert, um Resilienz gegenüber externen Schocks aufzubauen. Statt spezifische Listen von „strategischen Gütern“ zu erstellen, die schnell veraltet sein könnten, sollten wir uns vielleicht auf ordnungspolitische Rahmenbedingungen konzentrieren, die Diversifizierung und Resilienz in der Wirtschaft fördern. Dies würde dazu beitragen, Abhängigkeiten zu reduzieren und sicherzustellen, dass die Wirtschaft flexibel und widerstandsfähig gegenüber äußeren Störungen bleibt.
Ad-hoc-Politiken oder Maßnahmen, die auf nicht validierten Annahmen basieren, können zu unerwünschten Ergebnissen führen. Die Schaffung eines ordnungspolitischen Rahmens, der Diversifizierung und Resilienz fördert, scheint der klügere Weg zu sein.
Aber Made in Germany? Das Verhältnis zwischen in den Exporten enthaltener inländischer Bruttowertschöpfung und importierten Vorleistungen hat sich stark zugunsten des Auslandes verschoben. Die Fertigungstiefe in Deutschland hat in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten kontinuierlich abgenommen. Bei uns findet die Forschung, Veredelung und Endmontage statt. Kein Service-Experte würde von einer Ökonomie ohne Produktion und Produkte träumen. So ist das „Industrieprodukt“ iPhone sicherlich der Ausgangspunkt für den Erfolg der Dienste. Aber von welcher Wertschöpfung profitiert denn die amerikanische Volkswirtschaft? Die iPhone-Produktion findet in Asien statt und steht am Ende der Forschung und Entwicklung des Cupertino-Konzerns. Apple ist ein Paradebeispiel für die Relevanz von Design, Marketing, Software und intelligenten Anwendungsprogrammen. All das treibt den Wert von Apple und nicht der reine Akt der Industrieproduktion. „Meine Maschine, mein Produkt, mein geniales Ingenieurwissen, meine Erfindungen und meine Patente“ als Geisteshaltung der „stolzen Industrienation“ reichen nicht aus, um Markterfolge zu erzielen.
Visionärer sollten deutsche Firmen bei der Entwicklung von Eco-Systemen sein mit einer smarten Kombination von Produkten, Anwendungen und Services: „Wachsender Dienstleistungsanteil heißt ja auch, dass mehr Dienstleistung ‚in‘ den Produkten steckt. Das eben auch ‚das Harte‘ nur verkauft werden kann, weil immer mehr ‚Weiches‘ drin ist. Das ist das Prinzip der Co-Adaption“, bemerkte Wirtschaftsprofessor Lutz Becker vor einigen Jahren. Daran hat sich nichts geändert.
Beide Welten müsse man als Ganzes sehen und geschickt so rekombinieren (Schumpeter), dass wir auf eine neue Ebene (Spiel-Level) der Rationalisierung gelangen. „Rationalisierung verstehe ich nicht als Kostensenkung, sondern im ureigensten und aufgeklärten Sinne von ‚Ratio‘. Rationalisieren, kann also auch heißen: schneller, besser , schöner, gesünder“, so Becker.
Siehe auch meinen Vortrag beim Webmontag in Frankfurt:
Mehr Visionen, weniger Pläne – Abschied von der „alten“ Industriepolitik.
Am Freitag spreche ich in der Sohn@Sohn-Adhoc-Sendung mit dem Hidden-Champion-Forscher Hermann Simon zur Industriestrategie des BMWK. Habt Ihr Fragen, die ich einfließen lassen soll?
13 OCT 2023, BERLIN/GERMANY:
Europa Konferenz der Willi-Eichler-Akademie und der European Academie Berlin „Wende in Europa: Ausblick auf eine neue Zeit“, Europäische Akademie Berlin,
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In ihrer Keynote auf der Berliner Europa-Konferenz im Grunewald zeigt sich Dr. Anna Kaminsky, Direktorin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, bestürzt vom Terrorüberfall der Hamas auf Israel: „Die Bilder der getöteten Zivilisten, der verschleppten Geiseln, ihrer Demütigung und Entwürdigung waren erschütternd. Und der darauffolgende Jubel der arabischen Communities auch in Deutschland hat mich fassungslos und wütend gemacht. Zu diesem Zeitpunkt war ich gerade mit einer Delegation in Taiwan, um den dortigen Übergang zur Demokratie kennenzulernen und über Fragen der Transitional Justice zu diskutieren. Dabei ging es auch um die Themen dieser Tagung: Wie verändert sich die kollektive und subjektive Erinnerung? Welche Narrative über die Vergangenheit dominieren aktuelle Diskurse? Wovon hängen jeweils thematische Konjunkturen in den Vergangenheitsdiskursen ab? Wie kann diese lang zurückliegende Gewalt- und Diktaturerfahrung an eine junge Generation vermittelt werden, die damit nur wenig verbindet oder ihre Verachtung demokratischer Grundkonsense auch im Bereich der Erinnerung offen zeigt. Welche Aufgaben und Funktion hat und kann Aufarbeitung erfüllen?“
Im ersten Teil ihres Vortrage zur Transformation der Erinnerung und der Aufarbeitung nach 1990 geht sie auf die historische Situation ein und auf die Entwicklungen, die Ende der 1980er Jahre eine Überwindung der kommunistischen Diktaturen und der deutschen und europäischen Teilung ermöglichten. Im zweiten Teil reflektiert Kaminsky Fragen der Erinnerungspolitik und Aufarbeitung nach 1989/90 in den einstigen kommunistisch beherrschten Ländern. Zu Ende der 1980er Jahre setzten in vielen Regionen der Welt Liberalisierungs- und Demokratisierungsprozesse ein. Taiwan schlug 1987 ebenso wie Südkorea einen Weg zur Demokratisierung ein. Die dort bis dahin herrschenden Militärdiktaturen leiteten – unter dem Druck der Proteste im Land -Reformen und Liberalisierungen des politischen und gesellschaftlichen Lebens ein. Das Kriegsrecht wurde abgeschafft, Meinungs- und Pressefreiheit garantiert; politische Repression wegen abweichender Meinungen zurückgefahren und demokratische Wahlen abgehalten. Neue Parteien entstanden. Eine Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit dem politischen Unrecht im „Weißen Terror“ hingegen blieb in Taiwan lange aus:
„Diese begann erst nach 2016, als die oppositionelle DPP, die Regierung stellte und die Kuomingtang für längere Zeit in die Opposition ging. Auch in Südkorea ist die Beschäftigung mit der Militärdiktatur und insbesondere mit der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste von 1980 in Guangjou bis heute weitgehend ausgeblieben. Die Aufarbeitung konzentriert sich hier auf die Zeit des Koreakriegs von 1950 – 1953, die kommunistische Diktatur der Kim-Dynastie im Norden und die Folgen der andauernden Teilung der koreanischen Halbinsel. Auch auf den Philippinen und in der Türkei wurden 1987 neue Verfassungen verabschiedet, die die Restriktionen der Militärdiktaturen beendeten“, so Kaminsky
1987 war auch das Jahr, in dem
Gorbatschow, die als Perestroika bekannt gewordenen Reformen bekannt gab
Matthias Rust auf dem Roten Platz in Moskau landete, was zur Entlassung hochrangiger Militärs in der Sowjetunion und der Umsetzung der Perestroika auch im Militär führte,
Erich Honecker die Bundesrepublik besuchte und eine Stärkung seines Regimes in der DDR erhoffte,
SPD und SED ein gemeinsames Grundsatzpapier über den „Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit“ verfassten und
Ronald Reagan vor dem Brandenburger Tor seinen Aufruf an Michail Gorbatschov „Please Mr. President! Tear down this wall“ richtete.
„Trotz dieser Entwicklungen deutete 1987 kaum etwas daraufhin, dass nur zwei Jahre später der gesamte kommunistische Block in Europa zu Fall gebracht werden würde. Noch im September 1989 gab eine große Mehrheit der westdeutschen Bevölkerung an, dass sie nicht damit rechneten, die Öffnung von Mauer und Grenze noch zu erleben. Dabei gärte es zu diesem Zeitpunkt längst in vielen Ländern des Ostblocks. Immer mehr Menschen überwanden ihre Angst und trugen ihren Protest in die Öffentlichkeit. In Polen fanden im Juni die ersten halbdemokratischen Wahlen statt, bei denen alle freiwählbaren Mandate an die Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc gingen. Ungarn baute ab dem Frühsommer seine Grenzanlagen entlang des Eisernen Vorhangs ab und erkannte die Genfer Flüchtlingskonvention an. In den baltischen Ländern, die noch unter sowjetischer Herrschaft standen, erinnerte am 23. August eine 600 Kilometer lange Menschenkette an den Verlust der Unabhängigkeit und die Annexion durch die Sowjetunion in der Folge des Hitler-Stalin-Paktes am selben Datum fünfzig Jahre zuvor.“
So sehr das Ende der kommunistischen Herrschaft und die Einführung von Demokratie erstrebt worden waren, so wenig waren die meisten Menschen auf die Herausforderungen der Umgestaltungsprozesse vorbereitet. Für viele glich diese Zeit einer „Achterbahnfahrt“.
„Für mich, meine Angehörigen und Freunde begann nach der Friedhofsruhe in der DDR ein Leben wie in der Achterbahn. Ich möchte es nicht missen. Aber ich möchte es auch nicht noch einmal erleben.“ (Wittenburg 2015).
„Es galt, sich nicht nur über Nacht an völlig neue Gesetze, Regelungen oder auch Waren zu gewöhnen. Die Menschen mussten auch lernen, dass nicht mehr staatliche Instanzen die meisten Entscheidungen reglementierten und vorgaben. Eigeninitiative und Eigenverantwortung waren nun gefragt. Vor allem aber war kaum jemand auf die ökonomischen Probleme vorbereitet. In allen einstmals kommunistisch regierten Ländern – im Unterschied zu den Diktaturen etwa in Südkorea, Taiwan oder Chile – war die Wirtschaft infolge der ineffizienten Planwirtschaft auf Verschleiss gefahren worden. Die marode Industrie war schon lange nicht mehr auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig. Gerhard Schürer hatte den desolaten Zustand der DDR-Wirtschaft bereits im Sommer 1989 in einer geheimen Analyse für das Politbüro der SED beschrieben. Nach seiner Einschätzung waren 30 Prozent der DDR-Betriebe nicht mehr zu retten, für weitere 40 Prozent sah er mit erheblichen Investitionen Überlebenschancen und nur für 30 Prozent sah er eine Chance, sich im marktwirtschaftlichen Wettbewerb zu behaupten. Eine Analyse, die sich bei der späteren ökonomischen Umgestaltung weitgehend bestätigen sollte“, betont Kaminsky.
Während in vielen der einstmals unter diktatorischer Herrschaft stehenden Länder Reformprozesse begannen, die alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens umfassten und die Bevölkerungen vor riesige Umbrüche stellte, verdeckte dieser Aufbruch zugleich gegenteilige Entwicklungen:
Die Auflösungsprozesse in der Sowjetunion führten zu einem Zusammenbruch staatlicher Strukturen. In der Russischen Föderation verbinden bis heute viele Menschen die Vorstellungen von Demokratie mit „Chaos“. Dies äußert sich in Umfragen bspw. dergestalt, dass eine Mehrheit der Menschen überzeugt ist, dass das westliche Demokratiemodell für Russland ungeeignet ist.
Hinzu kamen mannigfaltige militärische Aggressionen, um den Zerfall des Imperiums aufzuhalten. Militärische Aggressionen wie gegen Tschetschenien, Armenien und Georgien sollten den Zerfalls des sowjetischen Imperiums ebenso aufhalten wie die Interventionen 1991 in den baltischen Staaten, die insbesondere in Litauen zu zahlreichen Todesopfern führte, die Unabhängigkeit dieser Staaten nach den Jahren der sowjetischen Okkupation jedoch nicht aufhalten konnten.
35 Jahre vergangen seit Überwindung kommunistischer Diktaturen – Anlass erneut zu schauen: was bedeutet 1989 heute noch? Was geht uns das noch an (junge Generation, Ältere? Zwiespalt zwischen Erinnerung an Heimat und Wissen um Diktatur, Unrecht Erinnerung an Mut, Demokratie, Freiheit – kollidieren mit Erfahrung Zusammenbruch nicht nur Kommunismus, sondern Wirtschaft, Umbruch in allen Bereichen, Rosskur, brutale neoliberale Erfahrungen, Raubtierkapitalismus.
In einer Episode von Sohn@Sohn diskutierten wir mit Professor Wolfgang Wahlster, dem ehemaligen Chef des Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI), über den rapiden Fortschritt in der KI-Welt. Wahlster sieht in der steigenden Aufmerksamkeit für künstliche Intelligenz sowohl überraschende als auch erwartete Trends.
Er betont, dass die Möglichkeit, Systeme wie Chat GPT zu testen – dank Open Access – zu einer erhöhten Interaktion bei den Nutzern geführt hat. Journalisten haben das System mit extremen Fragen herausgefordert, was teils erstaunliche, teils bedenkliche Ergebnisse lieferte.
Wahlster weist darauf hin, dass trotz des aktuellen Hypes die Technologie, die dem Ganzen zugrunde liegt, solide ist und sich über 40 Jahre entwickelt hat. Es handelt sich nicht um Magie, sondern um harte Arbeit, unterstützt durch enorme Rechenkapazitäten. Das heutige System basiert auf Daten, Mustererkennung und Kombinatorik.
Zu den entscheidenden Entwicklungen im Bereich KI zählt laut Wahlster die Einführung von riesigen Modellen mit Milliarden von Parametern, der Einsatz sogenannter „Embedings“ und „Attention-Mechanismen“, und das sogenannte „Finetuning“.
Wahlster erinnert sich an eine Pressekonferenz im Jahr 2006, bei der er die Vision einer Antwortmaschine im Gegensatz zur Linküberflutung, wie sie bei Google vorherrscht, vorstellte. Wahlster argumentiert, dass die Nutzer konkrete Antworten auf ihre Fragen suchen und nicht durch unzählige Links navigieren möchten, um diese Antworten zu finden. Es ist nicht nur eine Frage des Komforts, sondern auch der Effizienz und Relevanz.
„Wir brauchen keine Suchmaschinen, sondern Findemaschinen“, sagt Wahlster. Statt einer Liste von Links möchte er eine klare Antwort.
In Anbetracht der monumentalen Investitionen, die Giganten wie Microsoft in den USA tätigen, scheint Europa in einem Wettrennen um technologische Dominanz zu liegen. Doch während einige behaupten, Europa könne nicht mithalten, betont Wolfgang Wahlster, dass nicht allein die Finanzkraft den Unterschied ausmacht.
„Wir in Europa müssen uns auf Ressourceneffizienz und innovative Algorithmen konzentrieren.“ Er hebt hervor, dass Europa zwar nicht die finanziellen Mittel hat, um in allen Sprachen zu konkurrieren, aber die Region kann sich durch qualitativ hochwertige und ethisch verantwortungsbewusste KI-Systeme auszeichnen. Er vergleicht dies mit dem Sicherheitssektor, wo viele Länder Technologien aus den USA oder China vermeiden und sich stattdessen auf europäische Produkte verlassen, weil sie den hohen Standards vertrauen.
In einem früheren Gespräch reagiert Wahlster auf die Kritik von Thomas Sattelberger, dem früheren Personalchef der Deutschen Telekom und Ex-Politiker, an der angeblich verfehlten KI-Forschung in Deutschland. Allein das DFKI könne sich vor Aufträgen aus dem staatlichen und industriellen Sektor kaum noch retten, führte Wahlster aus. Die Kritik von Sattelberger sei nicht nachvollziehbar.
“Er ist ja nicht der absolute Spezialist für KI und war doch eher für Personalpolitik zuständig. Ich kenne ihn nicht als KI-Experten. Das soll er mal gründlicher anschauen. Wir haben 80 Spin-Off-Firmen generiert. Wir haben Firmenwerte von über einer Milliarde Euro generiert. Wir haben gerade in den vergangenen zwei Jahren Firmen für über 100 Millionen Euro verkauft. Das ist nun wirklich ein Witz, was Thomas Sattelberger behauptet. Da müsste er etwas genauer recherchieren”, so die Replik von Wahlster.
Das #DFKI habe allerdings auch Forschungsaufgaben. “Wir bilden die nächste Generation von Hochschullehrern aus und bringen KI-Talente hervor. 96 Professoren für KI, die in Deutschland tätig sind, wurden bei uns ausgebildet”, betont der frühere DFKI-Chef. Man sollte bei der Beurteilung der Forschungsarbeit nicht nur auf Spin-Off-Firmen schauen. Auch die etablierten Unternehmen in Deutschland würden die Relevanz der KI erkennen und sich erfolgreich innovieren. Etwa Bosch und Siemens, denen das in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder gelungen sei. “In den USA sind viele große Unternehmen den Abgrund runter gestürzt. Man hat dort zwar erfolgreiche Spin-Offs, es werden in der Öffentlichkeit allerdings immer die gleichen Beispiele genannt. Siemens, Bosch und andere Unternehmen in unserem Land waren und sind über Generationen hinweg Flaggschiffe. Das muss man erst einmal können. Diese Unternehmen haben KI-Abteilungen errichtet und setzen lernende Systeme bis in die Produktentwicklung ein”, erläutert Wahlster. Sattelberger sollte eine Deutschlandtour machen und sich diese Anwendungen anschauen. Wahlster würde ihn dabei begleiten. Ist leider nicht zustande gekommen.
Sattelberger hat nachgelegt: Die verlorenen KI-Jahre: Tragik deutscher Forschungspolitik. „Die Bundesregierung verharrte lange auf einer fast ausschließlichen Förderung von symbolischer KI. Sie engagierte sich erst sehr spät im Zuge der Ausschreibung der Kompetenzzentren für Maschinelles Lernen (ML-Kompetenzzentren) im Jahr 2017 für die seit 2012 stärker sichtbar gewordenen Ansätze der neuronalen KI.“ Über symbolische KI würde ich gerne mal mit Sattelberger sprechen…..
Steigerung der Unternehmensinvestitionen im ersten Halbjahr 2023: Trotz schwierigem Umfeld und hoher Belastungen haben die Unternehmensinvestitionen im ersten Halbjahr 2023 deutlich zugenommen. Doch wie geht es weiter? Die Erwartungen der Unternehmen sind gespalten. Gleichzeitig steigt die Kreditfinanzierung im Mittelstand, aber es zeichnet sich eine Trendwende bei den Kreditverhandlungen ab. Zudem gibt es einen Umsatzzuwachs im letzten Jahr, aber belastete Gewinnmargen. Die Finanzierungssituation für Unternehmen wird zur Herausforderung. Doch trotz allem zeigen sich solide Eigenkapitalquoten und ein Rückgang von Zombie-Unternehmen. Lest mehr über die aktuellen Entwicklungen im Mittelstand.
Auch in Krisenzeiten zeigt sich der deutsche Mittelstand in seiner Gesamtheit robust. Das belegt das KfW-Mittelstandspanel 2023. Sowohl Umsätze als auch Investitionen der 3,8 Millionen kleinen und mittleren Unternehmen legten der repräsentativen Befragung von KfW Research zufolge im zurückliegenden Jahr 2022 zu, in moderatem Umfang auch die Beschäftigung. Die durchschnittliche Eigenkapitalausstattung der Unternehmen bleibt stabil und ihre Schuldentragfähigkeit ist weiter gegeben. Die Umsatzrendite fiel zuletzt allerdings auf den niedrigsten Stand seit 2015. Vor allem die kleinen Unternehmen blieben offenbar häufig auf den gestiegenen Kosten sitzen. „Seit dem Jahr 2020 wird die Resilienz des deutschen Mittelstands durch sich überlappende Krisen auf eine harte Probe gestellt. Doch auch 2022 sind allen Belastungsfaktoren wie Krieg in der Ukraine, Energiekrise und steigenden Preisen zum Trotz die Blessuren bei den kleinen und mittleren Unternehmen überschaubar geblieben“, so Köhler-Geib.
Die Unternehmensinvestitionen im ersten Halbjahr 2023 seien deutlich gestiegen. Großunternehmen verzeichneten eine nominale Steigerung um 7 Prozent. Im Vergleich zum Vorjahr stiegen die Investitionen nominal um 9,6 Prozent und real um 3,1 Prozent. Trotz der hohen Belastungen und des schwierigen Umfelds für Unternehmen war der Start ins Jahr also stark. „Es bleibt jedoch fraglich, ob dieser positive Trend anhalten wird. Laut einer Umfrage erwarten nur 50 Prozent der Unternehmen, dass ihre geplanten Investitionsvorhaben wie geplant umgesetzt werden. 37 Prozent erwarten eine Verminderung oder Verschiebung und 13 Prozent gehen sogar von einer vollständigen Aufgabe aus“, erläutert die KfW-Chefvolkswirtin.
Banken verhandeln restriktiv
Die Finanzierungssituation stellt eine weitere Herausforderung dar. Im letzten Jahr stieg die Anzahl der Kreditnehmer im Mittelstand für Investitionszwecke deutlich auf 763.000. Das Volumen der Kreditfinanzierung von Investitionen erhöhte sich im Jahr 2022 auf 76 Milliarden Euro, was etwa 32 Prozent der Investitionen entspricht. Für dieses Jahr zeichnet sich jedoch eine Trendwende ab. Im dritten Quartal gaben 32 Prozent der mittelständischen Unternehmen zu Protokoll, auf restriktive Banken bei Kreditverhandlungen gestoßen zu sein. „Obwohl dies nicht bedeutet, dass sie keinen Kredit erhalten haben, zeigt es doch, dass die Verhandlungen schwieriger waren. Im letzten Jahr gab es einen Rekord an erfolgreich abgeschlossenen Kreditverhandlungen, ob sich dies in diesem Jahr wiederholen wird, ist jedoch fraglich“, betont Köhler-Geib.
Rückgang von Zombie-Unternehmen zeigt solide Finanzlage
Trotz der schwierigen Lage seien die mittelständischen Unternehmen finanziell gut aufgestellt. Fast 60 Prozent der Unternehmen bewerten ihre Liquiditätslage als sehr gut oder gut, weitere 30 Prozent als ausreichend. Die Eigenkapitalquoten im Mittelstand sind nach wie vor hoch, mit einem leichten Rückgang von 31,4 auf 31,2 Prozent im vergangenen Jahr. „Besonders erfreulich ist, dass ein höherer Anteil von Unternehmen eine Eigenkapitalquote von über 30 Prozent aufweist. Nur noch ein Viertel der Unternehmen hat eine niedrige Eigenkapitalquote von weniger als 10 Prozent. Die Finanzlage der mittelständischen Unternehmen ist also solide“, sagt Köhler-Geib auf der Pressekonferenz der KfW.
Ein weiterer Aspekt ist die geopolitische Situation, insbesondere der Überfall Russlands auf die Ukraine und die damit einhergehende Radikalisierung und autoritäre Entwicklung. Misik argumentiert, dass Warnungen und Hinweise aus osteuropäischen Ländern, die näher an der Situation waren, nicht ausreichend beachtet wurden. Das dritte Thema in diesem Zusammenhang ist die Frage, ob der eiserne Vorhang immer noch in den Köpfen der Menschen existiert. Gunnar Sohn gibt in dem Gespräch zu, dass er Putin falsch eingeschätzt und seine Tendenzen zum Totalitarismus unterschätzt hat. Er war der Meinung, dass diplomatische Gespräche möglich seien, doch die Realität des Krieges gegen die Ukraine habe ihn eines Besseren belehrt. Misik stellt die Frage nach den Konsequenzen für Europa.
Die Krisen, mit denen das moderne Europa konfrontiert ist, sind vielschichtig. Einige haben bewusst eine kritische Haltung gegenüber Russland eingenommen und argumentieren, dass ein so großes Reich nicht demokratisch regiert werden kann. Andere haben nur oberflächlich hingesehen und kaum von Ereignissen wie den Demonstrationen 212, dem Maidan und der Krimbesetzung Notiz genommen. Die Frage ist, wie man in einer Situation mit einem massiven strategischen Dilemma umgeht. Experten warnen sogar davor, dass die Ukraine diesen Krieg verlieren könnte. Die Fronten bewegen sich kaum, aber viele Menschen verlieren ihr Leben. Wenn Putin nur sieben Kilometer erobern würde, könnte er den Krieg symbolisch als Sieger verlassen. Dann stellt sich die Frage, wie wir mit Russland umgehen sollten. Eine Isolation wie bei Nordkorea ist keine Option, da Russland zu groß und zu bevölkerungsreich ist. Es gibt keine einfache Antwort darauf. Auf der einen Seite gibt es sicherheitspolitische Fragen innerhalb der Europäischen Union, auf der anderen Seite ist die NATO ein Hoffnungsträger. Es stellt sich die Frage, ob wir uns nur auf die Stärken der NATO verlassen oder auch eine eigenständige Sicherheitspolitik in der Europäischen Union betreiben sollten. Europa ist nicht gleichbedeutend mit der NATO. Es ist schwierig zu beantworten, wie wir das ausbalancieren können.
Von der NATO-Perspektive aus betrachtet, ist Europa bereits durch die NATO abgesichert, aber wir müssen uns auch fragen, wie sich die transatlantische Dimension entwickelt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die USA unter einem neuen Präsidenten aus der NATO austreten oder ihre Verpflichtungen reduzieren. In Europa gibt es Mitgliedsstaaten, die sich angesichts der Bedrohung durch Russland unsicher fühlen. Wir sollten auch über eine neue europäische Sicherheitsordnung und einen möglichen Helsinki-Prozess mit Russland nachdenken. Leider fehlt es in der Außenpolitik an Kompetenz und Visionen. Wir stehen vor vielen Herausforderungen, wie der Eskalation zwischen China und den USA im Pazifikraum sowie den Konflikten im Nahen Osten. Es ist schwierig, eine positive Utopie zu haben, aber wir müssen diplomatische Lösungen suchen und Spannungen entschärfen.
Wenn wir den Konflikt im Nahen Osten betrachten, erkennen wir, dass er nicht nur durch den jahrzehntelangen Konflikt und die Radikalisierung der Hamas in Gaza ausgelöst wurde, sondern auch durch geopolitische Interessen. Die Unterstützung der Hamas durch den Iran und möglicherweise auch Russlands Interesse an der Eskalation des Konflikts spielen hierbei eine Rolle. Es wird deutlich, wie unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen. Bei der Diskussion über die Sicherung der Zukunft durch Rückbesinnung auf gemeinsame Werte stellen wir fest, dass es im Westen eine gewisse Verwirrung gibt, die mit einer Art westlichem Selbsthass einhergeht. Dennoch sind die Werte von Pluralismus, Demokratie und Liberalität von großer Bedeutung und es gilt, sie gegen äußere und innere autoritäre Versuchungen zu verteidigen. Außerdem müssen wir Überzeugungsarbeit leisten und in den Dialog treten, um Verständnis für die verschiedenen politischen Kulturen in Europa zu entwickeln. Politische Bildung und ein Verständnis für Komplexität sind hierbei wichtige Aspekte.
In Bezug auf die deutsche Politik zeigt sich, dass die AfD bei den letzten Wahlen zwar einen gewissen Zustimmungsgrad erlangt hat, aber auch 80 Prozent der Menschen diese Partei nicht unterstützen. Es gibt jedoch ein Problem damit, dass selbst Politiker, die die Komplexität verstehen, oft nicht in der Lage sind, damit umzugehen. Das liegt daran, dass Demokratien regelmäßig Wahlen haben und Politiker alle vier Jahre wiedergewählt werden müssen.
Das liegt daran, dass Demokratien regelmäßig Wahlen haben und Politiker alle vier Jahre wiedergewählt werden müssen. Dadurch konzentrieren sich Politiker oft auf kurzfristige Probleme und haben nicht genug Aufmerksamkeit für langfristige Herausforderungen. Es gibt auch eine endemische Krisenhaftigkeit, von der wir seit einiger Zeit betroffen sind, wie die Corona-Krise, Inflationskrise, Wirtschaftskrise und der mögliche Zusammenbruch ganzer Branchen. Es ist schwierig, eine positive Utopie zu haben, aber wir müssen diplomatische Lösungen suchen und Spannungen entschärfen.
Misik erwähnt auch sein Buch „Politik von unten“, das sich mit dem Comeback der Sozialdemokratie und den Herausforderungen europäischer Sozialdemokratien befasst.
Das schrieb ich Anfang des Jahres: These: Die eigene wirtschaftliche Lage kann man mit belastbaren Daten bewerten. Die Beurteilung der allgemeinen wirtschaftlichen Lage ist eher ein Abbild der Medienberichte.
Und da dominiert in der Gefahren-Wahrnehmung Inflation und der Ukraine-Krieg.
Forschungsfrage: Was passiert, wenn Twitter-X und Co. vor allem den politischen Medientenor nur verstärken und es fast unmöglich für die Bevölkerung machen, Primärquellen wahrzunehmen und den Erregungsüberschuss im Netz mit Distanz, Nüchternheit und Skepsis wahrzunehmen? Gibt es überhaupt noch eine Chance für eine kritische Urteilskraft jenseits von reißerischen Überschriften, Pöbeleien, Beleidigungen, Zynismus und Verdrehungen?
Im Wust der Postings überschlagen sich auch Journalisten im Kampf um die Deutungshoheit und in der Sucht nach Aufmerksamkeit.
Die Bildung öffentlicher Meinung wird so immer mehr zum Spielball von besonders sendungsbewussten und netzwerkmächtigen Akteuren, die mit ihren Agitationen besonders erfolgreich sind, wenn eine Überprüfung der Faktenlage schwierig, zweitaufwändig oder schlichtweg ermüdend ist – etwa beim Studium von Wirtschaftsstatistiken.
Da das eigene Erfahrungswissen für die Bildung der individuellen Meinung und somit der Bevölkerungsmeinung jedoch ein wichtiger Faktor ist, scheinen komplexe und schwer überprüfbare Sachverhalte wie beispielsweise Wirtschafts- oder Sicherheitspolitik ein Schlachtfeld für Meinungskämpfe zu sein. Besonders eklatant ist das bei Themen, die man zumindest in Ansätzen mit seiner eigenen Lage abgleichen kann. Vor 14 Jahren – also ungefähr zum Regierungsantritt von Angela Merkel – stuften nur rund 40 Prozent ihre Lage als gut ein.
Ganz anders wird die wirtschaftliche Entwicklung im Ganzen wahrgenommen. Hier gibt es seit 2009 nur vereinzelt Zeitabschnitte, in denen eine positive Wirtschaftsentwicklung verortet wird. Ein positives Delta wie bei der Abschätzung der eigenen Wirtschaftslage zwischen 70 und 7 Prozent gab es im vergangenem Jahrzehnt bei der allgemeinen Wertung der Wirtschaftslage nie. Nah- und Fernsicht klaffen also extrem weit auseinander.
Mit der leichten technischen Rezession, die wir seit Anfang des Jahres konstatieren, gibt es wieder mehr Nahrung für Medien und Social Web, um den Standort Deutschland schlecht zu reden. Das hinterlässt Spuren bei der Beurteilung der allgemeinen wirtschaftlichen Lage:
Das die Lage schlecht sei, wird ungefähr so negativ gesehen, wie Anfang 2009 zur Zeit der Finanzkrise. Die eigene Lage wird hingegen nach wie vor optimistisch gewertet. Und das hat gute Gründe: Während der Pandemie waren international die Schweiz und Deutschland jene Länder, die am schnellsten die Arbeitswelt, da wo es möglich ist, auf Homeoffice umgestellt haben. Kaum ein Wirtschaftsmedium titelte mit der Überschrift „Wir sind Remote-Weltmeister“ weit vor den angeblichen Tech-Giganten USA, China und Co. Kaum einer reflektierte, wie wir mit kluger Wirtschaftspolitik ohne großartige Firmenzusammenbrüche durch die Corona-Zeit gekommen sind. Andere Länder haben jetzt einen viel größeren Nachholbedarf und liegen deshalb in den Wachstumsraten vorn, so Wolfgang Brickwedde vom Institute for Competitive Recruiting in der Sendung #ZPNachgefragt.
Und selbst die technische Rezession dürfte bald der Vergangenheit angehören:
„Das Geschäftsklima der Mittelständler hat sich zum Sommerausklang kaum noch verschlechtert, die Geschäftserwartungen allein klettern sogar erstmals wieder leicht nach oben. Gleichzeitig offenbart der Blick in die Segmente ein differenziertes Bild: Bei den Mittelständlern verbessert sich die Stimmung im Verarbeitenden Gewerbe und dem Großhandel und bei den Großunternehmen sogar über alle Hauptwirtschaftsbereiche hinweg. Der konjunkturelle Talboden könnte erreicht sein“, teilt KfW-Research mit.
In Deutschland wäre es so wichtig, wenn nur in Ansätzen der unternehmerische Staat realisiert werden könnte, wie ihn die Autorin und Wissenschaftlerin Mariana Mazzucato skizziert hat. Etwa im Klimaschutz oder in der Verteidigungspolitik. Regierungen sollten einen Wandel herbeiführen – und zwar nicht, indem sie kleinkariert herumpfuschen, um kurzfristige Lösungen zu finden, sondern indem sie ihre Investitionskraft besser nutzen, fordert Mazzucato. Der staatlich-bürokratische Komplex in Berlin ist für so etwas zur Zeit nicht in der Lage.
China und die USA seien in der Umsetzung einmal gefasster Pläne viel konsequenter als wir – da wird zügig gehandelt, sagt der Innovationsforscher Dietmar Herhof im Interview mit dem Berliner Journalisten Manfred Ronzheimer. „Wir schreiben eine Legislaturperiode lang an Strategien und wundern uns nach drei Jahren, wenn der Wahlkampf wieder beginnt, dass nichts geschafft wurde. Unsere Forschungs- und Innovationspolitik ist blockiert“, sagt Herhof. „Strategische Vorausschau gibt es fast nicht oder wird durch ritualisierte Forecasting-Übungen ersetzt. Aber selbst die Ergebnisse und Informationen, die bei den Regierenden ankommen, werden entweder nicht wahrgenommen oder nicht zur Umsetzung gebracht.”
Wie gut ist China noch? Angeblich werden wir vom Reich der Mitte bei Digitalisierung, E-Mobilität und KI-Forschung überrollt. Da überschätzen Harhoff und der ehemalige FDP-Bundestagsabgeordnete Thomas Sattelberger die Innovationskraft der kommunistischen Staatsbürokraten in Peking. Das hat der Sinologie-Professor Daniel Leese bei einer Tagung der Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung gut zum Ausdruck gebracht.
Es ging um Alexis de Tocqueville und den Meisterdenker der KP-China Wang Huning. Der Modernisierungspfad sei eher die Schwäche des chinesischen Staates, sagt Leese: „Die Innovationskraft der Unternehmerinnen und Unternehmer entfaltete sich in einem eher schwachen regulatorischen Umfeld, die die Politik der 1980er und 1990er Jahre maßgeblich geprägt hat.“
Wir sollten uns vor dem Wettbewerb der politischen Systeme nicht fürchten. Zentralistisch miserabel gesteuerte Staatsbürokratien sind völlig ungeeignet für den Innovationswettbewerb.
Wer Internet-Unternehmer in den Knast steckt, kann wohl kaum innovativ sein. Staatsbürokraten wie der Diktator Xi Jinping sind wenig geeignet, Sprunginnovationen anzustoßen, zu planen oder am Markt durchzusetzen. Sie spionieren und schikanieren ihr Land eher mit Überwachungsterror und hausmeisterlich brüllenden Drohnen. Wir sollten uns vor dem Wettbewerb der politischen Systeme nicht fürchten. Zentralistisch miserabel gesteuerte Staatsbürokratien sind völlig ungeeignet für den Innovationswettbewerb.
Wir brauchen eine Politik, die Individualität, Partizipation und Ideen-Vielfalt fördert. Wichtig ist zudem die Infrastruktur. Das belegt die Forschungsarbeit des Wirtschaftshistorikers Philipp Robinson. Beispielsweise mit Blick auf die Preußen im 19. Jahrhundert: Etwa bei der Gewerbe- und Industrieförderung, der Qualitätssicherung von Industrie- und Gewerbeprodukten, der Bereitstellung öffentlicher Güter und Infrastruktur bis hin zur gezielten Importsubstitution und infant industry protection, die bis heute in weniger entwickelten Ländern bisweilen erfolgreich angewandt wird.