Geschichten aus der Beethoven-Stadt mit Beteiligung von Sohn@Sohn

Wo doch Standort-Patriotismus jetzt so gefragt ist. Hier Geschichten aus der Beethoven-Stadt, an denen Sohn@Sohn engagiert beteiligt waren. Gemeint sind die fundierten und ambitionierten Projekte von Dr. Ingrid Bodsch zum Beethoven-Jubiläum 2020 – also zum 250. Geburtstag des Komponisten. In dieser Zeit entstand folgender Film in Bonn-Kessenich:

In Bonn erinnert man sich an Johann Joseph Eichhoff, den visionären Wegbereiter des europäischen Binnenmarktes. Unter französischer Herrschaft steigt er zum Generaldirektor der Rheinschifffahrts-Verwaltung auf. 1815 erfüllt er sich einen Traum: Er wird zum Wiener Kongress hinzugezogen. Dort nutzt die Fluss-Schifffahrts-Kommission seine Expertise. Nach Abschluss der Arbeit trifft er seinen Jugendfreund Beethoven, der ihn bittet, einige Erinnerungsstücke für Freunde im Rheinland mitzunehmen.

Eichhoff kann man als Vorreiter der freien Rheinschifffahrt bezeichnen. Man muss sich den Rhein zur Zeit des Ancien Régime als Handelsweg vorstellen, der immer wieder frequentiert wurde. Aber gerade weil er ein Handelsweg war, versuchte jeder kleine Fürst am Rhein, mit einer Zollstation oder einer Burg abzukassieren. Im Zweifelsfall musste ein Schiffer 32 Mal Zoll oder Gebühren zahlen. Es wurde viel geschmuggelt, die Schiffer wurden unter Druck gesetzt. Der Rhein konnte sein Potenzial als Verkehrsweg nicht entfalten. Eichhoff sah das früh, ebenso wie andere. Aber er sah auch, dass es sehr schwierig war, diesen Weg zu öffnen.

Dann kamen die Franzosen. Sie ignorierten mit einem Federstrich diese Grenzen und setzten einen Verwaltungsakt in Gang, der den ganzen Rhein regulierte. Sie vereinheitlichten die Gebühren, nahmen die Zollstationen weg und so weiter. Als Direktor war das für Eichhoff ein gefundenes Fressen. Schon in der ersten Rezension von 1802 wurde seine Übersicht über die vier französischen Departements auf der linken Rheinseite und seine ausgezeichneten Kenntnisse der Rheinschifffahrt hervorgehoben. Eichhoff blieb nicht lange Oberbürgermeister von Bonn, er wurde Präfekt des Arrondissements Bonn.

Beide, Eichhoff und Beethoven, starben 1827. Aber ihre Verbindung reichte über ihren Tod hinaus: Peter Joseph (von) Eichhoff, Johann Josephs erfolgreichster Sohn, spendete 1836 1000 Gulden für die Errichtung des Bonner Beethoven-Denkmals. Die „Allgemeine Zeitung“ (Augsburg) wies damals auf die ungewöhnliche Höhe der Summe hin. „Unter den einzelnen ausgezeichneten Privatpersonen […] verdient eine besondere ehrenvolle Erwähnung die über alle Erwartung ansehnliche Gabe des (in Bonn geborenen) Herrn [ehemaligen, D. A.] Hofkammerpräsidenten v. Eichhoff“.

Was hat Ludwig van Beethoven zu einem der größten Komponisten aller Zeiten gemacht? War es nur sein außergewöhnliches musikalisches Talent oder spielte auch sein Umfeld eine entscheidende Rolle? Die Ausstellung „Bonns Goldenes Zeitalter: Beethovens kurfürstliche Residenzstadt“ gab dazu fundierte Antworten. Sie erstreckte sich über fünf Räume und bot einen umfassenden Überblick über Beethovens Zeit in Bonn. „Wir haben eng mit der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien zusammengearbeitet, um eine beeindruckende Sammlung von Exponaten zusammenzustellen“, so Bodsch.

Ein Schwerpunkt der Ausstellung lag auf Beethovens enger Beziehung zur Familie von Breuning. Als Jugendlicher fand er hier eine zweite Heimat. Durch seinen Freund Wegeler wurde Beethoven regelmäßiger Gast im Hause der Hofrätin von Breuning. Hier konnte er nicht nur seine musikalischen Fähigkeiten weiterentwickeln, sondern auch von der literarischen und intellektuellen Atmosphäre profitieren. Die Familie von Breuning hatte enge Verbindungen zu anderen gebildeten Kreisen in Bonn und war bekannt für ihre Leidenschaft für Musik und Literatur.

Ein weiterer wichtiger Einflussfaktor in Beethovens Leben war Maximilian Franz, der Kurfürst von Köln und Hochmeister des Deutschen Ordens. Maximilian Franz war nicht nur Beethovens Arbeitgeber, sondern auch ein großer Musikliebhaber. Er erkannte früh das außergewöhnliche Talent des jungen Komponisten und unterstützte ihn in seiner Karriere. Durch seine finanzielle Unterstützung ermöglichte er Beethoven sogar ein Stipendium in Wien.

Die Ausstellung präsentierte auch Beethovens berühmtes Porträt, das zu Lebzeiten des Kurfürsten Maximilian Franz entstand und in ganz Deutschland bekannt wurde. Es zeigt, wie Beethoven bereits zu dieser Zeit als herausragender Komponist gefeiert wurde.

Die Ausstellung „Bonns Goldenes Zeitalter: Beethovens kurfürstliche Residenzstadt“ bot einen faszinierenden Einblick in Beethovens Leben und sein künstlerisches Schaffen. Sie dokumentierte, wie sein Umfeld und seine Beziehungen zu einflussreichen Persönlichkeiten seine Karriere maßgeblich beeinflusst haben.

Gerne erinnern wir uns an die Publikation, die sich mit Beethovens Bild im Manga auseinandersetzte.

„Vor mir liegt ein prachtvolles Buch, groß, farbenprächtig und imposant, bedruckter Leineneinband und Schutzumschlag, und mit 2, 7 Kilo auch sehr gewichtig! Ebenso gewichtig wie sein Inhalt, denn ‚Wirres Haar und rotes Halstuch. Beethovens Bild im Manga‘ ist ein Referenzwerk zum Thema. Eigentlich sollte es zusammen mit einer ebenso einzigartigen Ausstellung erscheinen, aber deren ‚körpernahe Ausrichtung‘ mit Spielkonsolen, vielen Tablets und ähnlichem zu interaktiven Agieren aufrufenden Präsentationsformen versagten uns in Zeiten der Pandemie die Realisierung. Dafür rückte der schon immer als opulent illustriertes Begleitbuch konzipierte Katalog in den Mittelpunkt. Er wurde zum realen Katalog einer virtuellen Ausstellung, mit besonderem Blick auf Japan, dem mit Abstand hungrigsten Markt für derartige Publikationen. Der schon früh gefundene Titel orientiert sich an den vom berühmten Stieler-Porträt ausgehenden Merkmalen, die zum Charakteristikum für Beethoven-Darstellungen wurden, auch wenn der Meister in sonst ganz unkenntlicher Form erscheint“, sagte Bodsch.

Mit Dr. Kazuko Ozawa und Dr. Matthias Wendt konnte die Herausgeberin und Initiatorin Dr. Ingrid Bodsch schon früh zwei kompetente und von ihr für die Thematik zu begeisternde Bearbeiter gewinnen, die es großartig verstanden, die überwältigende Fülle von Beethoven-Bildern ikonographisch zu erfassen und zu systematisieren.  Ihrer Überzeugungskraft ist auch die Gewinnung der Professoren Monika Schmitz-Emans, Tsuchida Eizaburo und Kim Sung-hwa für drei herausragende Aufsätze zu verdanken, von denen zwei sich exemplarisch dem Komplex Anime und Videospiel widmen, während Monika Schmitz-Emans mit Tezuka Osamus berühmtem Mangazyklus Ludwig B. eine zentrale Schöpfung der „bildlichen Beethovenrezeption“ umfassend beleuchtet. Und als künstlerisches Highlight enthält das Buch einen extra für die Publikation angefertigten Manga von Acato Ao, einer international bekannten jungen Künstlerin, die 2019 eine eigene Fernsehserie bekommen hat, und vor wenigen Wochen eine besondere Würdigung in Asahi Shinbun, eine der größten und seriösesten japanischen Zeitungen. Und dieses Prachtwerk, 446 Seiten, erschienen im Verlag des StadtMuseum Bonn, hg. von Ingrid Bodsch, bearbeitet von Kazuko Ozawa und Matthias Wendt, als Projekt im Rahmen und gefördert von BTHVN2020, ist für 35 Euro zu erwerben.

Bei Amazon ist das Opus noch zu erwerben.

art meets science – Stiftung Herbert W. Franke: Gipfeltreffen der Computerkunst-Pioniere im Juli in Berlin

Herbert W. Franke, 1954 vor seinem selbst-gebauten Analogrechner, mit dem die Serie „Oszillogramme“ entstand. © Stiftung Herbert W. Franke

Die „art meets science – Stiftung Herbert W. Franke“ lädt vom 2. bis 6. Juli zum ersten „Generative Art Summit“ in die Akademie der Künste in Berlin ein. Sie bringt die weltweit wichtigsten Pioniere der Generativen Kunst aus sieben Jahrzehnten in einem generationen-übergreifenden Dialog zusammen. 

Ausgangspunkt dieser Veranstaltung über Kunst und Technologie ist Herbert W. Franke (1927-2022), Urvater der Computerkunst, mit seiner Werkserie „Oszillogramme“, die seit 1954 mit Hilfe eines selbstgebauten Analogrechners entstand.

Sie gilt heute als Meilenstein der generativen Kunst. Diese reicht im 21. Jahrhundert inzwischen bis zur neuesten Generation des Internets, dem Web3, oder dem Einsatz Künstlicher Intelligenz. Für den Gedankenaustausch über diese facettenreichen kreativen Gestaltungskonzepte hat die Stiftung mehr als 50 Ehrengäste aus der ganzen Welt eingeladen. Sie reichen von der klassischen Computerkunst des 20. Jahrhunderts – wie Frieder Nake, Larry Cuba oder Christa Sommerer – bis zur neuesten Generation von KI-Künstlern und -Künstlerinnen, beispielsweise Sasha Stiles und Mario Klingemann.

Aber auch die weltweit bedeutendsten Sammler dieser Kunstrichtung, wie Anne und Michael Spalter, sowie renommierte Vertreter von Museen, bekannte Kuratoren und Gründer von NFT-Plattformen sind Teil dieses Community-Treffens aus der ganzen Welt.

Der „Generative Art Summit“ bildet 2024 den Schwerpunkt der Aktivitäten der „art meets science – Stiftung Herbert W. Franke“. Ermöglicht wurde die Veranstaltung durch das Projekt zu Herbert W. Frankes Software ZENTRUM. Das Werk, das er 1982 auf einem Apple II realisierte, gilt als eines der weltweit ersten dynamischen Programme digitaler Kunst. Es wurde für das Web3 übersetzt und Ende 2023 in einer Edition von 222 Unikaten verkauft. 

Der offizielle Verkauf der Tickets für den Summit über die Akademie der Künste beginnt Ende März. Vorab-Informationen: 

Partner der Veranstaltung: ZKM Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe; Institut heidersberger; EXPANDED.ART.

Da wartet ein ganz großartiges Projekt auf uns Anfang Juli. Man hört, sieht und streamt sich in Berlin 🙂

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Ich wäre gern wie Rabelais

Täglicher Schreibanreiz
Wenn du für einen Tag jemand anderes sein könntest, wer wärst du und warum?

Irgendwie fehlt mir die Liebwerteste Gichtlings-Kolumne, die ich über einen sehr langen Zeitraum für das Debattenmagazin „The European“ geschrieben habe. Der eine oder andere Abonnent von ichsagmal.com wird sich vielleicht erinnern. Mit dem Eigentümer-Wechsel ist ja dann die Mehrzahl der Kolumnisten abgehauen. Ich zählte zu den Flüchtlingen.

Ich wäre gerne viel mehr ein frecher und sprachmächtiger Spinner auf den Spuren von Rabelais:

„Gute Leute, erlauchte Zecher und ihr, liebwerteste Gichtlinge, saht ihr jemals Diogenes, den zynischen Philosophen?“ – so begann der Renaissance-Denker Francois Rabelais seine Rede. Wirtschaft, Gesellschaft und Politik brauchen eine neue Innovationskultur in seinem Sinn. Wir brauchen freche Spinner, die für frischen Wind sorgen. Auch heute noch.

Kersten Knipp im Gespräch mit Peter Sloterdijk zu seinem Opus „Zeilen und Tage III“: Ein Einblick in das Leben eines Vielschreibers und Vielreisenden

Zeit vergeht, Tage werden zu Jahren. Doch bedeutet mehr Zeit auch mehr Ereignisse? Für den Vielschreiber und Vielreisenden Peter Sloterdijk sicherlich. Sein dritter Band der Aufzeichnungen, „Zeilen und Tage III, Notizen 2013 bis 2016“, ist kürzlich erschienen. Doch es ist mehr als nur eine Chronik, so Kersten Knipp im Interview mit Sloterdijk.

Der philosophische Schriftsteller zieht aus dem Alltäglichen Kapital. Er würdigt das Kleine, das leicht zu Übersehen ist. Die Puzzleteile, aus denen sich die Gegenwart zusammensetzt. Sloterdijk bleibt auch in diesem dritten Band seiner Grundhaltung treu, die dem Zufall sympathisiert. Warum? Weil der Zufall unser bester Freund ist. Er liefert Ereignisse, für deren Bestellung wir nicht verantwortlich sind. Es gibt immer einen Vorrang des Zufälligen vor dem Notwendigen. Das gibt uns das Gefühl von Freiheit.

Doch dazu gehört auch die Fähigkeit, schnell mit dem Zufall umzugehen, sich schnell auf Neuigkeiten einzustellen. Sloterdijk beschreibt eine menschliche Fähigkeit, die Kognition anderer Menschen zu ergreifen und die eigene zu befragen. Dadurch entbinden wir uns vom Umgriff der Umwelt. Welt ist das, was die Umwelt überschreitet.

Sloterdijk spricht auch über die Sprache. Sie ist ein wesentliches Element des Lebens. Solange dir die Sprache nicht abhanden kommt, bleibst du am Leben. Für die klassische Philosophie dreht sich alles um die Fähigkeit zu reden. Deshalb war die Rednerausbildung in der Antike so wichtig. Sie hat Menschen eingeübt, in keiner Situation ganz hilflos zu werden.

Sloterdijk sieht sich selbst als philosophierenden Schriftsteller. Seine Haupttätigkeit ist das Schreiben, das philosophische Element ist eher ein Adjektiv. Er glaubt nicht, dass man im Hauptberuf Philosoph sein kann oder soll.

In „Zeilen und Tage 3“ sieht Sloterdijk die Literatur als Versuch, der Zeit und der Fülle habhaft zu werden. Du kannst den Zug der Zeit nicht aufhalten. Er rollt über die Momente hinweg, an denen die Zeit stillzustehen scheint. Doch durch das Schreiben eines Tagebuchs, besser eines Stunden- oder Minutenbuchs, kann man die Zeit verdichten.

Sloterdijk spricht auch über die Freiheit der Sprache. Zum akademischen Raum haben die Polizei und Gemeinheit keinen Zutritt. Freie Fahrt der Rede in der Akademie. Einer der größten Erfindungen der alten europäischen Kultur ist die Ausgrenzung eines Bezirks, in dem das freie Wort beheimatet ist. Ein Ort für freie Meinungen und Meinungsstreit.

Peter Sloterdijk zu seinem Opus „Zeilen und Tage III, Notizen 2013 bis 2016“. Das Buch ist bei Suhrkamp erschienen, hat 604 Seiten und kostet 34 Euro. E-Book: 29,99 Euro.

Das Gespräch könnt Ihr Euch im WDR 3 Podcast anhören in der Sendung GUTENBERGS WELT – DAS LITERATURMAGAZIN. In dieser Ausgabe stellt Kersten Knipp Bücher vor, die die Kunst des Fragments feiern und immer wieder neu zum Erzählen ansetzen.

Schöner Warten: Ein Blick auf die positiven Seiten des Wartens

Warten hat Konjunktur – und das nicht erst seit Corona! Denn ständig warten wir, sei es beim Einkaufen, beim Arztbesuch, auf dem Amt oder im Stau. Diese Momente können oft zur Geduldsprobe werden und manche empfinden sie als verlorene Zeit. Doch der Servicekünstler Armin Nagel zeigt uns, dass Warten auch anders sein kann: Schöner Warten beschäftigt sich auf positive und unterhaltende Weise mit der Kunst des Wartens und zeigt uns, welche Möglichkeiten dieser unerwartete Freiraum bieten kann.

In seinem Buch „Schöner Warten: Über den Umgang mit einem unvermeidlichen Zustand“ betrachtet Nagel das Thema Warten aus einem ganzheitlichen und kreativen Blickwinkel. Als Künstler und Redner für Unternehmen bringt er einen frischen und unkonventionellen Ansatz in die Diskussion. Er interviewt Experten und lässt ihre unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven in seine Betrachtungen einfließen. Ein wichtiger Aspekt, den er thematisiert, ist die Erwartungshaltung. Wenn wir uns beispielsweise auf einen Flug vorbereiten, können wir das Warten als eine Zeit des Genusses und der Vorfreude gestalten. Doch es gibt auch das unerwartete und kafkaeske Warten, das uns das Gefühl von Machtlosigkeit vermittelt.

Übertragung auf LinkedIn.

Nagel zeigt uns, dass Warten in verschiedene Richtungen gehen kann. Während das Warten auf die Geburt eines Kindes eine Vorfreude und ein wunderbares Erlebnis sein kann, gibt es auch das furchterregende Warten auf den Tod, wie im Fall eines zum Tode verurteilten Häftlings. Hier wird deutlich, wie vielfältig das Thema Warten ist und welche unterschiedlichen Emotionen es hervorrufen kann.

Ein weiterer Aspekt, den Nagel in seinem Buch behandelt, ist die Bedeutung von Service und Kundenerlebnissen beim Warten. Er erzählt die Geschichte einer Supermarktchefin, die kreative Ideen entwickelt hat, um das Warten angenehmer zu gestalten. Zum Beispiel hat sie eine Eieruhr an der Kasse stehen, die alle paar Minuten klingelt. Wenn eine Frau an der Kasse steht, bekommt sie eine Blumenampel geschenkt, während ein Mann am Vatertag ein Fässchen Bier erhält. Die Kassiererinnen reichen Hustenbonbons an Kunden weiter, die husten, und begrüßen die Kunden morgens mit passender Musik. Diese kleinen Gesten machen das Warten zu einem angenehmen Erlebnis und zeigen, dass Service mehr ist als nur Effizienz.

Nagel betont, dass Service darin besteht, anderen Menschen das Leben leichter zu machen. Es geht um Einfachheit, Leichtigkeit und Humor. Er stellt fest, dass viele Unternehmen sich bemühen, ihren Service zu verbessern, aber es gibt immer noch Schwierigkeiten bei der Umsetzung. Große Unternehmen haben oft Probleme, personalisierten Service anzubieten und die Kundenperspektive einzunehmen. Nagel verweist auf die Service Design Expertin Frau Professor Mager, die betont, dass Service Design viel mit einem Drehbuch zu tun hat. Es geht darum, die Kundenperspektive einzunehmen und innovative, lustige Services zu entwickeln.

Nagel zeigt auf, dass es wichtig ist, die Bedürfnisse der Kunden zu verstehen und ihnen bereits vorab etwas anzubieten, das sie überrascht und zeigt, dass man sich mit ihnen beschäftigt hat. Er betont die Bedeutung von Menschlichkeit und kleinen Gesten, die oft mehr bedeuten als materielle Geschenke. Er ermutigt Unternehmen, sich von der klinischen und aufgesetzten Servicekultur zu verabschieden und stattdessen eine persönliche und spielerische Atmosphäre zu schaffen.

Service Design und die Kunst des Wartens sind eng miteinander verbunden. Es geht darum, den Service ganzheitlich zu betrachten und wie eine Choreografie zu gestalten. Es geht um Leichtigkeit, Einfachheit und Humor. Nagel betont, dass Service mehr ist als nur Effizienz und dass es darum geht, anderen Menschen das Leben leichter zu machen. Er fordert Unternehmen auf, die Kundenperspektive einzunehmen und innovative, lustige Services zu entwickeln.

Insgesamt bietet Nagels Buch „Schöner Warten“ einen frischen und kreativen Blick auf das Thema Warten. Er zeigt uns, dass Warten nicht immer eine Geduldsprobe sein muss, sondern auch eine Chance für positive und unterhaltsame Erfahrungen bietet. Es ist an der Zeit, das Warten zu einem angenehmen und bereichernden Erlebnis zu machen.

Thomas Mann und die Buddenbooks: Die Entschlossenheit eines Frühvollendeten

Edo Reents’ Betrachtung im Jahr 2002 von Thomas Manns „Buddenbrooks“ anlässlich des hundertjährigen Jubiläums des Werks ist eine tiefgreifende Reflexion über das Genie eines Autors, der sich bereits in jungen Jahren als Meister der Literatur erwies. Reents hebt in seiner Betrachtung die außergewöhnliche literarische Qualität der „Buddenbrooks“ hervor und beleuchtet die persönliche und schriftstellerische Entwicklung Thomas Manns, die durch diesen Roman entscheidend geprägt wurde.

Der Artikel beginnt mit einer humorvollen Betrachtung des jungen Thomas Mann, der sich selbst „Thos“ nannte, und entfaltet sich zu einer detaillierten Analyse des Werkes und seiner Bedeutung in der deutschen Literaturgeschichte. Reents zeichnet ein Bild von Manns früher Meisterschaft, die sich in den „Buddenbrooks“ manifestiert, einem Werk, das die gesellschaftlichen und psychologischen Verhältnisse einer Lübecker Kaufmannsfamilie über Generationen hinweg darstellt. Der Autor skizziert eindrucksvoll, wie Manns tiefe Verwurzelung in der literarischen Décadence mit der nüchternen Erzählung der Kaufmannsgeschichte kontrastiert.

Besonders hervorzuheben ist Reents‘ Einblick in Manns kreative Krise nach den „Buddenbrooks“. Er beschreibt, wie der Erfolg des Romans sowohl eine Bürde als auch eine Inspiration für Manns späteres Schaffen darstellte. Diese Sichtweise wird durch Zitate und Anekdoten bereichert, die Manns Ringen um Anerkennung und Selbstverständnis als Autor beleuchten.

Reents stellt die „Buddenbrooks“ als ein Werk dar, das in seiner Komplexität und Vielschichtigkeit auch heute noch fasziniert. Er betont die Bedeutung des Romans für die deutsche Literatur und unterstreicht, wie es Mann gelang, tiefgründige Themen wie den gesellschaftlichen Verfall und den Konflikt zwischen Kunst und Leben meisterhaft zu verweben.

Abschließend vermittelt Reents den Lesern das Gefühl, dass trotz der Vielzahl an Analysen und Interpretationen die „Buddenbrooks“ ein lebendiges und bedeutendes Werk bleiben, das weiterhin neue Generationen von Lesern begeistern wird. Sein Beitrag ist nicht nur eine Hommage an Thomas Manns literarisches Genie, sondern auch eine Ermutigung, sich erneut mit einem Klassiker der deutschen Literatur auseinanderzusetzen.

Und wenn es um den Frühvollendeten geht, muss ich direkt an das Referat von Constantin denken über Hugo von Hofmannsthal und über die Doktorarbeit seines Deutschlehrers Thomas Delfmann unter dem Titel: Ernst Weiß – Existenzialistisches Heldentum und Mythos des Unabwendbaren.

Ragnar Helgi Ólafssons „Lose Blätter“: Ein poetisches Kaleidoskop in zufälliger Harmonie

In ihrem neuesten Signaturen-Beitrag stellt Elke Engelhardt den Gedichtband „Lose Blätter“ von Ragnar Helgi Ólafsson vor, der von Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gíslason ins Deutsche übersetzt wurde. Ólafsson, ein vielseitiger Künstler aus Reykjavik, hat diesen Band in einer ungewöhnlichen Weise zusammengestellt: Nachdem er zunächst von seinem isländischen Lektor ermutigt wurde, einen neuen Gedichtband zu schreiben, entschied er sich, eine zufällige Auswahl aus 600 Seiten seiner Poesie zu treffen. Die ausgewählten Gedichte wurden dann wie bei einem Kartenspiel gemischt und in einem Buch gebunden.

Die Einzigartigkeit des Buches wird durch die Vorschläge für eine individuelle Lesereihenfolge der Gedichte weiter verstärkt. Jedes Exemplar von „Lose Blätter“ enthält ein Lesezeichen, das dem Leser eine persönliche Reihenfolge der Gedichte nahelegt. Ólafsson betont, dass er keine Kontrolle über die Interpretation der Gedichte durch den Leser ausüben möchte. Die Gedichte selbst bieten eine Vielfalt an Themen und Stilen, von Mini-Epen und Aphorismen bis hin zu absurden Gedankenspielen und genauen Beobachtungen.

Engelhardt hebt die poetische Qualität und die tiefe Zärtlichkeit in Ólafssons Werk hervor. Die Gedichte laden den Leser dazu ein, hinter die scheinbaren Wahrheiten des Lebens zu blicken und bei jedem erneuten Lesen neue Geheimnisse zu entdecken. Der zweisprachige Charakter des Buches ermöglicht es den Lesern, auch die isländische Sprachschönheit zu erleben.

Insgesamt präsentiert Engelhardt „Lose Blätter“ als ein Werk, das nicht nur durch seine poetische Kraft besticht, sondern auch durch seinen originellen Ansatz in der Präsentation und Strukturierung der Gedichte. Es ist ein Buch, das zu einer einzigartigen und persönlichen Leseerfahrung einlädt.

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Der Glaspavillon von Bruno Taut in Köln: Ein historischer Meilenstein der Architektur

Heute tauchen wir ein in die Welt der Literatur, genauer gesagt in Manfred Schneiders Werk „Transparenztraum: Literaturpolitik, Medien und das Unmögliche“. Wir beginnen mit einem Auszug aus Kapitel 7, „Die Träume von 1900: Spirituelle Glashäuser von Bruno Taut“, eingeleitet durch ein Gedicht von Paul Scheerbart: „Im Glashaus brennt es nimmermehr, man braucht da keine Feuerwehr.“

Die legendäre Werkbundausstellung in Köln. Bruno Taut, bekannt für seine Hufeisensiedlung in Berlin-Neukölln – genauer gesagt in Britz – und seine expressionistische Architektur, hat ein Konzept realisiert, das in die Fachgeschichte eingegangen ist. Wir beschäftigen uns mit seinem Glashaus, einem Highlight der Kölner Werkbundausstellung 1914.

Die Ausstellung präsentierte neue Baukultur. Prominente Vertreter des Werkbundes, gegründet 1907, lieferten markante Beispiele. Künstler, Architekten, Publizisten, Politiker und Industrielle hatten sich der Veredelung der gewerblichen Arbeit verschrieben, durch die Verbindung von Kunst, Industrie und Handwerk.

Bekannte Architekten wie Henry van de Velde und Walter Gropius steuerten Entwürfe und Gebäude bei. Sie empfahlen den Besuchern eine neue Formensprache und Materialkultur. Doch nur wenige Werke blieben im Gedächtnis der Architekturgeschichte haften, darunter das Glashaus von Bruno Taut.

Taut entwarf das Glashaus als Werbepavillon der zeitgenössischen Glasindustrie. Doch er schrieb seinem Bauwerk auch eine sakrale Funktion zu: Es sollte ein „Gewand für die Seele“ sein. Das Gebäude bestand aus einem Betonsockel, der für eine Freitreppe geöffnet war. Darauf ruhte ein polygonaler Stützenkranz aus 14 Elementen mit dicken Glasbausteinen, der in eine spitze Kuppel aus farbigen Gläsern überging. Über dem Eingang konnte man den Spruch lesen: „Das bunte Glas zerstört den Hass.“

Im Inneren führten glasüberzogene Metallstufen zum oberen Projektionsraum, in dem ein Farbenkaleidoskop spielte. Eine künstlich beleuchtete Wasserkaskade floss über sieben Stufen. Prismengläser zerlegten das einströmende Licht in Spektralfarben. Mosaikartige Glasbilder und farbige Gläser ergänzten den zauberhaften Eindruck dieses Kunstwerks.

Zum Abschluss empfehle ich den Ausstellungsband „Kristallisationen, Splitterungen“, der einen tieferen Einblick in das Werk von Bruno Taut bietet. Bekommt man mit Sicherheit im modernen Antiquariat.

Es ist bedauerlich, dass die Stadt Köln zum hundertjährigen Jubiläum der Werkbundausstellung nicht mehr getan hat. Sie hätte zumindest eine kleine Variante von Tauts Glashaus wieder errichten können. Aber das ist eine andere Geschichte.

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Digitale Technologien und transnationaler Dialog: Über ein europäisches Netflix nachdenken, eine Mediathek, in der Inhalte aus allen EU-Ländern verfügbar gemacht werden #EuropaKonferenz

Von Goethe bis zur Popkultur: Neue Ideen für Europa! Wie transnationale Kommunikation und Popkultur die Abendländerei überwinden können. Ein Blick auf die Visionen von Goethe und die Rolle der Intellektuellen heute.

Wie froh wäre Johann Wolfgang von Goethe gewesen, das grenzenlose und echtzeitige Netz für den transnationalen Dialog einzusetzen. Der Dichterfürst nutzte den Postweg. Aber auch hier gab es eine Besonderheit. Das Postmonopol war in privater Hand und galt als Grundpfeiler der vorindustriellen Modernisierung. Ihr „Erfinder“ Franz von Taxis wurde auf eine Stufe mit Christoph Kolumbus gestellt. Der damalige Provider „Thurn und Taxis“ gewährte Goethe ein Freibriefrecht. „Für Briefe von und an Goethe musste kein Porto bezahlt werden“, erwähnt der Literaturwissenschaftler Peter Goßens im Interview mit Sabria David, Kuratorin des Projektes „Streaming Egos“.

Dichterfürst als Social Web-Enthusiast

Goethe konnte so viele Briefe schreiben, wie er wollte. Mit dieser freien Kommunikationsform entwickelte er sich zum Netzwerker für den europäischen Diskurs. Es war die Triebfeder seines kosmopolitischen Humanismus, von dem sich die völkisch gesinnten Politiker rechter Parteien eine Scheibe abschneiden sollten. Heute würde Goethe dafür Facebook, Twitter, Periscope, Hangout on Air und einen Blog einsetzen. Damals nutzte er vor allem seine eigene Zeitschrift „Ueber Kunst und Alterthum“, um mit den „Literatoren“ Europas in Kontakt zu treten. „Neben seiner umfangreichen Korrespondenz, den Besuchern und Gesprächen, die zum Weimarer Alltag gehörten, war es vor allem das Projekt der Zeitschrift, die es dem alternden Goethe ermöglichte, ein virtuelles, aber durch seine gedruckte Form manifestes Kommunikationsnetz zu spannen und seine Wahrnehmung des weltliterarisch Bedeutsamen bekannt zu machen“, schreibt Goßens in seiner Habilitationsschrift „Weltliteratur“, erschienen im J.B. Metzler-Verlag. Goethe ging es darum, dass die gebildeten Menschen seiner Zeit miteinander darüber diskutieren, wie man altes Wissen in die neue Zeit rettet und ein neues gesellschaftliches Modell entwickelt:

„Wenn wir eine europäische, ja eine allgemeine Weltliteratur zu verkündigen gewagt haben, so heißt dieses nicht, dass die verschiedenen Nationen von einander und ihren Erzeugnissen Kenntnis nehmen, denn in diesem Sinne existiert sie schon lange, setzt sich fort und erneuert sich mehr oder weniger; nein! hier ist vielmehr davon die Rede, dass die lebendigen und strebenden Literatoren einander kennen lernen und durch Neigung und Gemeinsinn sich veranlasst finden gesellschaftlich zu wirken“, schreibt der Universalgelehrte in einem Grußwort an die Versammlung von Naturforschern und Ärzten im Jahre 1828.

Programmatik zur Überwindung nationaler Verblendung – Schaffung einer europäischen Öffentlichkeit

Goethe schuf eine kleine, aber sehr einflussreiche europäische Öffentlichkeit. Er suchte und fand Verbündete für sein weltliterarisches Unterfangen zur Schaffung eines transnationalen Kommunikationssystems. Weltliteratur wird von Goethe nicht als Kanon definiert, sondern als Programmatik zur Überwindung nationaler Verblendung. Nicht die Lektüre literarischer Werke steht im Vordergrund, sondern die grundlegende Kenntnis der Kulturen anderer Länder. Der Dichterfürst verstand sich als Katalysator zur Herausbildung einer europäischen Leserschaft. Zu seiner Lieblingslektüre zählte dabei „Le Globe“, die sich nationalen Vorurteilen und kulturellen Hegemonie-Bestrebungen entgegenstellte. 

Sein Anliegen wurde von nationalistischen Bedenkenträgern als undeutsche Gesinnung ausgelegt. AfD, Pegida und Co. würden es heute wohl genauso formulieren. 

Mit seiner internationalen Netzwerkstärke konnte Goethe dieses Stammtisch-Gebrüll übertönen. Ähnliches erhofft sich Günther Rüther von den Intellektuellen unserer Zeit. Im 19. und 20. Jahrhundert waren es vor allem Kriege, die der europäischen Idee neue Kraft verliehen. Den Intellektuellen ging es dabei um die Überwindung nationalistischer Vorurteile, den Abbau von Hass oder Intoleranz und vor allem darum, verloren gegangene Freundschaften zwischen den Völkern erneut zu stiften, schreibt Rüther in seinem neuen Buch „Die Unmächtigen – Schriftsteller und Intellektuelle seit 1945”, erschienen im Wallstein Verlag. Europa brauche jetzt die Stimme der Intellektuellen. Sie müssen die Sprache der Macht und der Expertokratie dechiffrieren, um der europäischen Idee wieder Auftrieb zu geben.

Popkultur statt rückwärtsgewandter Abendländerei

Rüdiger Altmann, der frühere Berater von Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, kritisierte bereits in den 1990er Jahren das schleichende Gift der rückwärtsgewandten „Ersatzideologien” unter dem Deckmantel der Abendländerei. 

Es sei die Aufgabe Europas, den Kulturkonflikt einer sich wandelnden Welt auszuleben und mit neuen Ideen zu überwinden. Welches sind die europäischen Ideen, die Europas Existenz heute ausmachen? Das kann nicht die Idee eines sich gegen die übrige Welt abgrenzenden Europas sein, das um seine Identität, auch um seine geschichtliche Identität, ringt. Die entscheidende Frage ist: Findet Europa den Mut, neue Ideen zu formulieren und auszuleben, die die ganze Welt angehen, also in diesem Sinne nicht spezifisch europäische sind? Auf diese Weise könnte Europa wieder jene Weltgeltung erlangen, die es früher gehabt hat.

Altmann betont dabei die Kraft der Popkultur. Die mediale Kultur habe einen großen Bedarf und Verbrauch an Ideen.

„Darin unterscheidet sie sich deutlich von der Kultur der Klassengesellschaft alten Stils. In gewissem Sinne ist sie unideologisch. Zugleich entfaltet sie in der Massengesellschaft ein Kommunikationsfeld von großer Kraft…” Genau das sollte von der europäischen Zivilgesellschaft ausgehen. Vielleicht ist die Popkultur ein veritables Mittel, den Nationalisten und Rassisten in den europäischen Staaten das Wasser abzugraben – in transnationalen Dialogformaten. Als Vorbild für den transnationalen Netz-Diskurs könnten Goethe und die von Sabria David geförderte Salonkultur sein. Die Dialogutopie der Gelehrten des 18. und 19. Jahrhunderts war der Grundstein für Lesegesellschaften, literarische Salons und Debattierclubs. Allerdings mit den Restriktionen der örtlichen Verfügbarkeit.

Die Konvergenz der digitalen Technologien bewirkt neue Formen der Kommunikation. Was wir jetzt erleben, ist eine Abweichung von geschlossenen Medienformaten. Schon vor über 30 Jahren experimentierten die Kurd Alsleben und Antje Eske mit vernetzten Dialogen über HyperCards. Essentiell sei dabei die kulturelle Tiefe der Konversationen. Alsleben und Eske wollen die künstlerischen Qualitäten und die politische Dimension von sozialen Netzwerken im Internet abtesten. Es geht dabei um das mühsame Aushandeln von Positionen. Es geht um die Überwindung von Ressentiments und nationalistischen Vorurteilen. Eine aufgeklärte europäische Öffentlichkeit ist vonnöten, um den Vereinfachern und Verführern kein Spielfeld zu bieten, die mit simplen Antworten agitieren und zur Polarisierung anstacheln, um nicht komplexe Lösungen für komplexe Probleme anbieten zu müssen. 

Das wurde auch auf der Europa-Konferenz der Willy-Eichler-Akademie zum Thema „Wende in Europa: Ausblick auf eine neue Zeit“ aufgegriffen.

Die Frage, die im Raum stand: Wie können wir die Bürgerinnen und Bürger für Europa begeistern? Wie können wir der Jugend eine attraktive Perspektive bieten?

Die Diskussion wurde live übertragen und es gab Reaktionen aus dem Netz. Ein Nutzer auf Youtube kritisierte, dass viel geredet, aber zu wenig gehandelt wird. Die Sorgen der Menschen finden in Brüssel nicht ausreichend Gehör.

Ein Projekt der Bundeszentrale für politische Bildung, Eurotopics, versucht, das zu ändern. Es bietet täglich eine europäische Presseschau und dokumentiert, was wirklich in Europa passiert.

Das Auditorium der Konferenz war sich einig, dass Zuhören ein guter Ansatz ist. Es wurde hervorgehoben, dass fast jedes Thema einen europäischen Bezug hat, von hohen Lebensmittelpreisen bis hin zur Energiekrise. Im Panel schlug man vor, über ein europäisches Netflix nachzudenken, eine Mediathek, in der Inhalte aus allen Ländern verfügbar gemacht werden können.

Texte als Kunstwerke: Literaturabend bei Böttger in Bonn

In der wunderbar bibliophilen Atmosphäre der Literaturbuchhandlung Alfred Böttger sitzt Elke Engelhardt, die Autorin, gegenüber dem ehemaligen WDR-Hörspielchef Wolfgang Schiffer. Sie diskutieren ihr neues Buch „100 sehr kurze Gespräche“. Doch sind es wirklich Gespräche? Engelhardt erklärt, dass sie sich von Julietta Fix und ihrer Online-Literaturzeitschrift Fix Poetry inspirieren ließ. Fix musste die Zeitschrift aus finanziellen Gründen aufgeben, aber Engelhardt erinnert sich dankbar an ihre Zeit als Rezensentin dort.

Engelhardt sieht Literatur als Gespräch. Sie liest nie etwas, ohne dass es sie beeinflusst. Es inspiriert sie oder weckt Widerstand in ihr. Mit diesem Hintergrund hat sie ihr neues Buch geschrieben. Sie arbeitet mit Zitaten und antwortet darauf mit genau 100 Worten. Nicht mehr, nicht weniger. Die Zitate stehen für sich, unabhängig von ihrer Länge.

Die Zitate stammen aus Büchern, die Engelhardt gelesen hat. Sie begann mit dem Sammeln der Zitate, als sie Schwierigkeiten hatte, ins Schreiben zu kommen. Sie stellte sich die Aufgabe, 100 Tage lang auf 100 Zitate mit 100 Worten zu antworten. Ursprünglich veröffentlichte sie diese auf ihrem Blog Mützenfalterer. Nach positiven Reaktionen entschied sie sich, die Texte in ein Buch zu verwandeln. Sie überarbeitete einige Texte und fügte neue hinzu.

Engelhardt sieht die Begrenzung auf 100 Worte als Herausforderung und Inspiration. Es war schwierig, bei 100 Worten aufzuhören, aber sobald sie es geschafft hatte, fühlte sich der Text rund an. Der Literaturkritiker Meinolf Reul beschreibt Engelhardts Arbeit als „Spielmut“. Sie stimmt dem zu und ist ihm dafür dankbar. Jedes neue Buch erfordert Mut, da sie alle sehr unterschiedlich sind.

Am Leseabend bei Böttger entfaltet sich das zweite Autorengespräch. Wolfgang Schiffer eröffnet mit einem Gedicht von Ragnar Helgi Ólafsson. Seine tiefe Radiostimme verleiht den Worten Nachdruck:

"Ich lehne Vergleiche ab. Das, was ich sage, ist.

Ich lehne alle Vergleiche ab. Alles ist das, was es ist.

Ein Vergleich ist überdies moralisch fragwürdig. Er birgt ein Urteil in sich und Gewalt.

Was sonst ist es, wenn man einem Kind sagt, es sei wie ein anderes Kind oder einem Jugendlichen, du bist genau wie deine Mutter.
Ich lehne Vergleiche ab. Haus ist Haus, Meer ist Meer, Milch ist Milch, Punkt ist Punkt."

Ólafssons Gedichtband trägt den bezaubernden Titel „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“. 2020 folgte ein Erzählband „Handbuch des Erinnerns und Vergessens“. Ólafsson veröffentlichte auch Theaterstücke in Island und ein bemerkenswertes Buch, „Die Bibliothek meines Vaters“. Dieses Sachbuch brachte ihm eine Nominierung für den isländischen Literaturpreis ein.

Die Welt wartete dann gespannt auf einen neuen Lyrikband von ihm. „Sein Lektor in Island bat mich, Ólafsson zu ermutigen, einen neuen Lyrikband zu schreiben. Und er tat es. Oder besser gesagt, er tat es nicht, wie wir später hören werden. Der Titel seines neuen Werks, ‚Lose Blätter‘, ist inspirierend“, erläutert Schiffer.

Warum „Lose Blätter“? „Weil Poesie flüchtig ist wie ein Schmetterling. Wenn man sie nicht an die Realität bindet, fliegt sie davon und bleibt verschollen. Man braucht also Blätter, um sie festzuhalten. Es muss eine Balance zwischen der faktischen und der poetischen Seite geben“, sagt Ólafsson

Ólafsson hatte eine Sammlung von 600 Seiten Poesie. Er plante, die besten Seiten auszuwählen und daraus ein hervorragendes Buch zu machen. Aber als er die ersten 100 Seiten las, fand er sie langweilig und leblos. Schließlich entschied er sich, die Seiten wie ein Kartenspiel zu mischen und fast zufällig 150 Seiten auszuwählen. Diese wurden dann zu „Losen Blättern“ gebunden, um nicht verloren zu gehen.

Ólafsson liebt die Nacktheit der Poesie. Sie sollte alleine stehen, ohne Unterstützung durch ein Gedicht davor oder dahinter. Jedes Gedicht sollte für sich selbst sprechen:

„Ich betrachte meine Texte als Kunstwerke. Jedes Exemplar meines Buches hat eine individuelle Nummer und ein Lesezeichen, um den Lesern Freiheit zu gewähren. Ich möchte keine Kontrolle oder Manipulation ausüben. Die Strukturierung der Gedichte in einer bestimmten Reihenfolge beeinflusst jedoch, wie die Leser die Probleme verstehen. In der nächsten Ausgabe werden wir eine andere Übersetzungsmöglichkeit vorstellen.“

Ólafsson vergleicht das Schreiben mit den visuellen Künsten. Man setzt einen Rahmen und schafft etwas Neues. Genügend Anregungen für die Lektüre dieser zwei Bände, die im Elif Verlag erschienen sind.

Hier ist der komplette Leseabend:

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