
Beethovens verschollener Tanz kehrt heim – Ein Meisterwerk zwischen Stolpern und Genie, jener „Alla danza tedesca,“ die selbst unter Beethovens Experimenten als eine der frechsten Kapriolen gilt.
Jörg Widmann, der nicht nur als Komponist, sondern auch als begnadeter Klarinettist bekannt ist, eröffnete seinen Vortrag ohne Manuskript, ein bewusster Akt, der den Geist des improvisierenden Beethoven wachrufen sollte. Widmann beschrieb die Handschrift des Komponisten nicht nur als musikalisches Dokument, sondern als eine Art „Schlachtfeld“ – voll von durchbohrten Papieren, radierten Noten und scharfkantigen rhythmischen Brücken, die eher Hindernisse als Leitplanken schufen. Bahners berichtet, wie Widmann in seiner Analyse bemerkte, dass Beethoven durch seine irritierenden Akzentsetzungen die Musiker ins Stolpern bringe. Ein „Hiccup,“ ein musikalischer Schluckauf, sei das Ergebnis – und zugleich ein Bild für die deutsche Seele, die, wie Widmann spitz fragte, immer wieder ins Straucheln gerate.
Die Ministerin für Kultur und Wissenschaft, Ina Brandes, versuchte in ihrem Grußwort, dieser tiefgehenden Symbolik eine Brücke in die Gegenwart zu schlagen. Ihre Rede, mit einem Schritt aus dem Schatten des Notenständers heraus ins Zentrum der kleinen Bühne vorgetragen, war weniger durch technische Analysen als durch einen feierlichen Ton geprägt: „Ein Dokument der Menschheitsgeschichte,“ nannte sie das Autograph und verwies auf die bewegte Provenienz – von den Petscheks in Aussig bis zu den Beschlagnahmungen durch die Nationalsozialisten und der späten Restitution durch den tschechischen Staat. Diese Worte, die laut Bahners den Applaus des Publikums hervorriefen, erinnerten daran, dass Kunst und Geschichte oft in untrennbarer Verbindung stehen.
Daniel Hope, der als Präsident des Beethoven-Hauses zugleich musikalischer Botschafter und eloquenter Werber für Sponsoren ist, sprach von der „politischen, moralischen und humanen Dimension“ Beethovens. Seine Stimme schwang wie eine Geige durch die Ohren der Gäste, als er behauptete, dass Beethoven in die „Abgründe der Menschheit“ blicken lasse. Doch wie Widmann andeutete, könnte man meinen, Beethoven wolle uns dort verharren lassen, anstatt einen Ausweg anzubieten.
Das musikalische Highlight des Abends war zweifellos die Darbietung des Avada String Quartets, die mit jugendlicher Energie den Satz „Alla danza tedesca“ interpretierten. Widmanns nachfolgende Demonstration zeigte dann, wie Beethoven durch minimalste Notenveränderungen den Weg vom Tanz zur Katastrophe skizzierte. „Eine Sechzehntelnote statt einer Achtel – und plötzlich gleicht die Musik einem torkelnden Zecher“, kommentierte Widmann mit einem Augenzwinkern.
Patrick Bahners schrieb in der FAZ, dass es bei dieser Feier weniger um die Reverenz vor Beethoven als um die Freude am spielerischen Diskurs ging. Die Gäste, von hochrangigen Kulturfunktionären bis zu internationalen Vertretern, schienen über die Mischung aus intellektueller Schärfe und musikalischer Leidenschaft gleichermaßen begeistert. Man mag sich fragen, ob Beethovens Geist, der laut Widmann gern „zwischen die Beine der Musiker“ warf, mit einem schalkhaften Lächeln auf diese Inszenierung blickte.
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Kunst nicht allein durch ihre Schönheit besticht, sondern durch ihre Kraft, zu irritieren, zu hinterfragen und neue Horizonte zu eröffnen. Das Autograph, das nach Jahrzehnten der Odyssee wieder in Bonn gelandet ist, symbolisiert nicht nur einen Triumph der Kulturförderung, sondern auch die unendliche Aktualität Beethovens: ein Genie, das uns immer wieder auf den Takt hinweist, den wir nicht erwarten.
Ein kleiner Hinweis auf die Sohn@Sohn-Produktionen zu Beethoven:
Weitere Videos findet Ihr auf der YouTube-Seite des Fördervereins StadtMuseum Bonn.