Amiens: Die Kathedrale als Spiegel Europas – John Ruskins Suche nach der verlorenen Einheit – Exkursion der Marcel-Proust-Gesellschaft

Im Vortrag von Jürgen Ritte über John Ruskin und dessen „Bibel von Amiens“ wird die Kathedrale von Amiens zur eindrucksvollen Bühne, auf der sich Architektur, Geschichte und die christlichen Wurzeln der europäischen Kultur in Stein verewigen. Ruskin, ein viktorianischer Kunstkritiker, Maler und Sozialphilosoph, sah in der gotischen Architektur nicht nur Schönheit, sondern eine moralische und kulturelle Botschaft. Er gilt als einer der bedeutendsten Kunsthistoriker des 19. Jahrhunderts und betrachtete die gotischen Kathedralen als „Bücher aus Stein“, die es zu lesen und zu interpretieren gilt.

Ritte erklärte, dass Ruskin in seiner „Bibel von Amiens“ die Kathedrale zur Allegorie für den Glauben und das kulturelle Fundament Frankreichs erhebt. Für Ruskin ist die Kathedrale von Amiens eine Art visuelle „Bibel“, deren Skulpturen und Fassaden Tugenden, Sünden und die Geschichte des Christentums repräsentieren. In seiner Analyse jedes noch so kleinen Details der Kathedrale sieht Ruskin eine Art Lehrbuch der Tugend, das zugleich die moralische und geistige Architektur der Gesellschaft widerspiegelt. Ritte betonte: „Ruskin wollte nicht nur Schönheit vermitteln, sondern einen moralischen Wert.“ Ruskin sah in der Architektur einen „pädagogischen Impuls“, wie Ritte es formulierte, der durch die kunstvolle Gestaltung der Fassaden und Statuen die christliche Kultur für alle sichtbar machen sollte.

Die Exkursion der Marcel-Proust-Gesellschaft 2024 bringt diese Perspektiven lebendig nahe, indem sie die Teilnehmer durch die Schauplätze führt, die für Ruskin und Proust von großer Bedeutung sind. Am frühen Morgen versammelt sich die Gruppe in Köln, um die Reise nach Amiens anzutreten. Dort erwartet die Teilnehmer die Kathedrale, die Ruskin als ein monumentales Sinnbild des Glaubens ansieht. Für ihn ist Amiens nicht nur ein Ort der Architektur, sondern auch der Geschichte, und so interpretiert er die Skulpturen und Reliefs der Kathedrale als Allegorien der Tugenden und Sünden. Diese Lesart zieht sich wie ein roter Faden durch Rittes Vortrag und ermöglicht es, Ruskins tiefen Respekt für die gotische Kunst zu verstehen.

Von Amiens geht es weiter nach Rouen, wo die Gruppe im Hotel Flaubert Quartier bezieht und den Tag bei einem gemeinsamen Abendessen ausklingen lässt. Am nächsten Tag in Cabourg, im Grand Hôtel, spüren die Teilnehmer Prousts Inspiration für seine literarischen Werke – ein Erlebnis, das die spirituelle und kulturelle Reise abrundet und den proustschen Bezug zu den prägenden Landschaften und Stimmungen verdeutlicht.

Ein besonderer Höhepunkt dieser Reise ist jedoch die Kathedrale von Rouen. Diese prächtige gotische Struktur inspirierte nicht nur Ruskin, sondern auch Victor Hugo, und Ritte erläuterte, wie diese Bauwerke in Frankreich und Deutschland zu Symbolen nationaler Identität wurden. „Ruskin betrachtete die Gotik als eine moralische Sprache, und für ihn sprach sie am stärksten in den Kathedralen Frankreichs,“ erklärte Ritte.

Ein unterhaltsamer Moment im Vortrag war Rittes Anekdote über Ruskins kuriosen Blick auf die deutsche Geografie. Obwohl Ruskin viel gereist war, hatte er eine ungewöhnliche Vorstellung von Deutschlands Topografie. So schrieb er beispielsweise, dass der Drachenfels „direkt in den Harz“ übergehen würde, eine Behauptung, die in ihrem geographischen Eifer vielleicht poetisch, aber keineswegs präzise ist. Und Eisenach? Das deutete Ruskin als eine Art „Eis- und Wasserort“, wie Ritte schmunzelnd erklärte. „Für Ruskin waren Namen wie der Drachenfels oder Eisenach voller Symbolik, auch wenn die Realität etwas anderes sagte,“ fügte Ritte hinzu. Diese humorvolle Anekdote bringt die Eigenheiten eines Denkers zum Vorschein, der im Detail der Architektur poetische Bedeutung suchte, jedoch im geographischen Verständnis hin und wieder über Landkarten stolperte.

Die Exkursion bringt schließlich die Teilnehmer nach Illiers-Combray, wo das Musée Marcel Proust – Maison de Tante Léonie die Gruppe tief in Prousts persönliche Welt eintauchen lässt. Dieser Ort, der Prousts „verlorene Zeit“ so lebendig macht, erinnert an die Bedeutung des Erinnerns und Wiedererkennens, Themen, die auch in Ruskins Arbeit zentrale Rollen spielen. Der letzte Tag widmet sich der bildenden Kunst, und im Musée des Beaux-Arts in Rouen beschließen die Teilnehmer die Reise mit einem Blick auf die Werke von Jacques-Émile Blanche, einem engen Freund Prousts.

In der Kathedrale von Amiens, den Küsten Cabourgs und den Gassen Combrays verweben sich die Geschichten von Ruskin und Proust, die beide das Vergängliche und das Ewige in ihren Werken festhalten wollten. So wird Ruskins „Bibel von Amiens“ zu einer Hommage an das künstlerische und spirituelle Vermächtnis Frankreichs – und Ritte lädt seine Zuhörer ein, mit Ruskins Worten die Welt neu zu sehen: als Buch, das stets darauf wartet, gelesen zu werden.

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