Wie Facebook unsere Daten verspeist: Zwingt man Zuckerberg mit Datenschutz in die Knie?

Das t3n-Magazin hat heute sehr ausführlich dokumentiert, wie ausgeklügelt und weitreichend Facebook mit Trackingtools unsere Daten verspeist.
Grundlage des Beitrages ist ein Artikel von Byron Acohido in USA Today. Er hat mit Engeneering Director Arturo Bejar, Engineering Manager Gregg Stefancik sowie Andrew Noyes und Barry Schnitt einige hochrangige Facebook-Mitarbeiter interviewt.

„Eine der wohl pikantesten Bestätigungen zum Tracking durch Facebook: Das Unternehmen hat zugegeben, dass es seine Nutzer auch trackt, nachdem sie Facebook verlassen haben. Wer mit seinem Facebook-Account angemeldet ist und im Web surft, wird von einem Cookie geloggt. Das bedeutet im Detail, dass das Session Cookie dabei neben den besuchten Webseiten auch den Namen, die E-Mail-Adresse, Freunde und alle anderen Daten des entsprechenden Nutzerprofils mit aufzeichnet.“

Was macht nun Facebook mit den gesammelten Daten?

„Gegenüber USA Today äußerte sich Facebook auf diese Frage dahingehend, dass man die gesammelten Daten lediglich dazu verwende, um die Sicherheit und Plugins zu verbessern. Man hätte keine anderen Pläne zur Verwendung der Informationen. Allerdings hat das soziale Netzwerk erst vor kurzem einen Patentantrag für eine Technologie gestellt, die Tracking-Daten in Korrelation mit Werbung bringen soll. Das macht aus Sicht von Facebook durchaus Sinn, denn die Erkenntnisse aus dem Tracking von Suchanfragen und den besuchten Seiten der Nutzer erlauben nicht nur Rückschlüsse auf deren Vorlieben, sondern auch auf politische und religiöse Einstellung oder auch Gesundheitsaspekte. Diese Informationen sind für werbetreibende Unternehmen Gold wert. Bisher scheint Facebook, wenn man dem Netzwerk Glauben schenken mag, diese Daten nicht zu verkaufen – die Verlockung dürfte jedoch groß sein.“

Eigentlich wollte ich heute ja in meiner heutigen Freitagskolumne für Service Insiders das Thema Facebook und die Diktatur der Marketing- und Werbeindustrie aufgreifen. Bin aber ein wenig angeschlagen (schnief, hüstel), so dass ich erst am Montag fertig werde. Ein paar Reaktionen auf meinen Aufruf vor ein paar Tagen möchte ich hier dennoch bringen.

Peter Jebsen, Leitender Redakteur AUDIO VIDEO FOTO BILD:

Hier kann doch nicht von Ausbeutung die Rede sein! Wir entscheiden freiwillig, welche persönlichen Informationen wir mit Facebook teilen.
Re: „Wer hat denn mal auf die Einblendung einer personalisierten Anzeige irgendetwas gekauft?“ Ich noch nicht. Ich habe lediglich mal als jemand, der bestimmte Bands „geliket“ hat, eine *kostenlose* Compilation eines ähnlichen Soulsängers empfohlen bekommen und heruntergeladen. Die hat mir sehr gut gefallen, so dass ich mir wohl auch die regulären Alben kaufen werde.
Ich hätte es bedauert, wenn ich dieser personalisierten Anzeige nicht begegnet wäre.

Markus Hövener von Bloofusion:

Was erwarten die Leute eigentlich? Es gibt nichts geschenkt – auch und vor allem nicht im Netz. Die Nutzung von Facebook ist grundsätzlich kostenlos – aber für die Bereitstellung des Dienstes zahlen wir eben alle kollektiv. Vielleicht führt Facebook ja mal eine Bezahlvariante ein, bei der man dann Facebook nutzen kann, ohne dass die Daten missbraucht werden.

Es ist aber auch von Vorteil, wenn Facebook viel von mir weiß, denn dann kann mir zielgerichtet Werbung ausgeliefert werden. Ja, das ist kommerziel, aber Werbung bekomme ich sowieso. Dann darf die auch zielgerichtet sein.

Und wen das stört, der darf sich ja gerne von Facebook fernhalten. Man kann ja ein erstaunlich gutes Leben ohne Facebook realisieren.

Olaf Kopp von SEM Deutschland:

Ich sehe das so, Facebook, Google & Co. stellen verschiedene Service kostenlos zur Verfügung. Dass diese Unternehmen das nicht aus purer Nächstenliebe tun ist klar. Sie wollen Daten sammeln, um ihre Marketing Dienstleistungen aufzuwerten, die dann von Werbetreibenden gegen Entgelt genutzt werden können. Ich finde das legitim und jeder aufgeklärte Internet Nutzer kann entscheiden, ob er diese Dienste nutzt oder nicht. Über mich als Einzelperson erfährt der Werbetreibende nichts (das besagt unser Datenschutz). Ich werde höchstens zum Teil einer Zielgruppe. Es ist ein Abwegen zwischen dem Mehrwert des Services und dem Willen Nutzungsdaten zur Verfügung zu stellen. Möchte ich das nicht nutze ich eben keine Social Networks oder andere nichtkommerzielle Suchmaschinen.

Zurück zum Punkt Verbesserung der Marketing Dienstleistungen. Ich bin es leid während eines Boxkampfs in jeder Pause mit Werbung belästigt zu werden für Produkte an denen ich kein Interesse habe. An für mich uninteressanten TV und Print Werbung haben wir uns gewöhnt. Ist das besser? Ich denke nicht. Dann lieber abgestimmt auf die Zielgruppe zu der ich, aufgrund meiner Internet Nutzung zugeordnet wurde.

Ich denke auf der anderen Seite haben Werbetreibende und Marketing Agenturen die Verantwortung die neuen Möglichkeiten wie z.B. Behavourial Targeting oder Retargeting nicht inflationär zu nutzen, sondern mit Blick auf die Zielgruppe. Es geht nicht um Penetration, sondern Animation. Im Bereich Social Media funktioniert Werbung meistens eh nicht (siehe auch meinen Beitrag Warum Social Media Werbung und Facebook Ads nicht funktionieren) also hat man hier eh schlechte Karten mit plumpen Marketingmethoden und ist auf die Sympathie des „Freundes“ angewiesen.

Eine ganz andere Frage wirft Christian Heller in seinem Buch Post-Privacy auf, die ich schon in meiner The European-Kolumne „Warum der Staat das freie Netz hasst“ angedeutet habe:

Machtzentren wie Google und Facebook ziehen Datenschützer magisch an. Aber nicht, weil sich die Datenschützer um die Freiheit des Netzes sorgen. Es sind Mitspieler, die eher nach den Ordnungsregeln der Paternalisten spielen. „Das sind Ordnungen, in deren Rahmen der Datenschutz sich Lösungen wie das ‚Recht auf Vergessen‘ oder das ‚Verpixelungsrecht‘ erträumt und plant. Will der Datenschutz diese Rechte durchsetzen, sind es diese Ordnungen, die er bewusst oder unbewusst verlangt: König Facebook ja, denn der sorgt für Ruhe und Ordnung; ein freies Netz nein, denn dort kann ja wer weiß was mit den Daten passieren“, so der Buchautor Christian Heller.

Der deutsche Datenschutz müsste Facebook eigentlich lieben, da es ein zentralistisch kontrolliertes Netz im Netz ist. Was auf Facebook passiert, passiert unter Kontrolle des Zuckerberg-Konzerns. „Facebook zensiert. Facebook scheißt Nutzer raus, die sich falsch verhalten…Facebook sieht und hört alles – und verspricht gleichzeitig in gewisser Weise Privatsphäre. Stelle ich etwas auf eine öffentliche Website, ist es ungehindert für alle Augen der Welt einsehbar. Auf Facebook dagegen kann ich einstellen, wer gucken darf. Ich kann verschiedene soziale Sphären bestimmen, von denen die eine dieses sehen darf und die andere jenes…..“, so Heller. Facebook locke mit jener informellen Selbstbestimmung, die die Kontrollfreaks immer einfordern. Allerdings bezahle man mit der Unterwerfung unter das Regime von Facebook – seine Überwachung, seine Zensur, sein Hausrecht. Facebook sei eigentlich das, was staatliche Datenschützer für das komplette Internet ersehnen: Ein überwachtes und gesteuertes Datenkontrollnetz.

Datenanarchie versus Datenkontrolle ist wohl eher das Spannungsfeld, in dem man die Dickfische Facebook und Google betrachten sollte. Werbung und Marketing sind da nur Nebenkriegsschauplätze mit reichlich überschätzter Wirkung. Bis Sonntag kann ich Meinungsäußerungen noch gut gebrauchen. Vor Sonntag werde ich die Kolumne für Service Insiders nicht fertigstellen.

Der Müll und die klebrigen Finger in Bonn: Warum zu große Müllverbrennungsanlagen überleben


„Hier enden ich“. Das soll Cassius zu Florentus gesagt haben, bevor beiden in Bonn-Endenich hingerichtet wurden, so eine Lateinlehrer-Legende. „Gönnen wir das doch einfach unserer Müllverbrennungsanlage. Seit Inbetriebnahme 1992 hat sich der Bonner Müll auf ein Drittel der Verbrennungskapazität reduziert. Trotzdem soll die Müllverbrennungsanlage sogar noch erweitert werden, für 13,5 Millionen Euro. Zwei Millionen kämen für die Altbestandssanierung hinzu, mindestens. Das alles für den Mülltourismus, den kein Mensch braucht? Nein die überflüssigen zwei Drittel sparen wir besser durch Rückbau ein. Unsere Lungen und Nachfahren werden es uns danken“, nachhaltig“, schreibt der Bonner Rechtsanwalt Dr. Claus Recktenwald in einem Leserbrief, der im General Anzeiger erschienen ist. Auslöser des Empörungsschreibens war ein Artikel von Rolf Kleinfeld: „Mehr Platz für den Müll“.

An der Gesamtkapazität wird zwar nichts geändert. Die 13,5 Millionen Euro werden für einen Ersatzbunker ausgegeben, um den laufen Betriebs der MVA sicherzustellen. An der Idiotie der Überkapazitäten ändert das allerdings auch nichts. Wie das zustande kam, beschreibt Claus Recktenwald übrigens in seinem Handheld-Roman „Juckeldiduckel“ – Kapitel „TA-Siedlungsabfall“: Dort kann man einiges lesen, wie man der Kommune eine überdimensionierte MVA aufschwatzt, wie man die Müllmassen falsch kalkulierte, wie das Wertstoffrecycling als Störenfried wahrgenommen wird und warum es bislang keinen Rückbau der Anlage gab. Das packe nur keiner an, „zu viele haben noch vom Aufbau klebrige Finger“, so Recktenwald.

Und genau hier liegen die Schwachpunkte der Novelle des Kreislaufwirtschaftsgesetzes, die kürzlich im Bundestag beschlossen und noch vom Bundesrat abgesegnet werden muss. Die schwarz-gelbe Koalition hatte erklärt, möglichst rasch eine erweiterte Wertstoffsammlung in Deutschland einführen zu wollen. Wer denn Zugriff bekommen soll, regelt die das neue Kreislaufwirtschaftsgesetz nicht. Diese Frage soll in einem eigenen Wertstoffgesetz festgelegt werden – wahrscheinlich im nächsten Jahr.

Der Kampf um jede nur erdenkliche Tonne Müll ist also vorprogrammiert, da die Novelle an diesem Punkt schwammig formuliert ist: Demnach könnten gewerbliche Sammlungen eingeschränkt oder verboten werden, wenn sie die „Gebührenstabilität“ gefährden oder die Vergabe von Entsorgungsleistungen im Ausschreibungswettbewerb erschweren oder unterlaufen würden. Der Grundsatz laute zukünftig: Wenn die Kommune die Wertstoffe der Haushalte selbst effizient erfasst und hochwertig verwertet, soll sie durch gewerbliche Sammlungen nicht daran gehindert werden. Wenn sie dieses Angebot nicht machen kann oder will, kann sie ein besseres Serviceangebot des gewerblichen Sammlers an die Haushalte nicht verhindern.

Die kommunalen Gebietskörperschaften hatten schon im Vorfeld der Novelle des Kreislaufwirtschaftsgesetzes auf die negativen Konsequenzen einer erweiterten Wertstofferfassung für die Höhe der Müllgebühren hingewiesen. Die Logik der Müllgebühren-Kalkulation giert nach mehr Müll in der Restmülltonne, um die überdimensionierten Müllverbrennungsanlagen der auszulasten. Wo das hinführt, kann man in den kommunalpolitischen Niederungen der rheinischen Tiefebene besichtigen mit teuren und zu großen MVAs in Bonn, Leverkusen und Köln. Aber wer redet heute noch über die Schmierenkomödie und die klebrigen Finger, die der Journalist Werner Rügemer so treffend als „Colonia Corrupta“ entlarvt hat? Die Zeche zahlen die Privathaushalte im Rheinland mit überhöhten Müllgebühren. Ökologische Faktoren wie Abfallvermeidung, Wiederverwendung, Reparatur, Recycling, Energiegewinnung oder die Reduktion des Verbrauchs fossiler Energien sucht man in der Restmüll-Kalkulation der Stadtkämmerer vergeblich. Die Betriebskosten orientieren sich an der Tonnage. Je mehr Müll in den Verbrennungsöfen landet, desto geringer sind die Müllgebühren pro Tonne. Wird eine Müllverbrennungsanlage nicht ausgelastet, fallen „Leerkosten“ an, die zu einem Anstieg der Müllgebühren führen. „Die in Deutschland aufgebaute Überkapazität von Müllverbrennung war ein schwerer umweltpolitischer Fehler, auch wenn sie meist ‚ökologisch‘ begründet wurde“, kritisiert Ernst von Weizsäcker, Ko-Präsident des Internationalen Ressourcenpanels, gegenüber dem Debattenmagazin The European.

Wenn also das Ziel der Gebührenstabilität von den Kommunalpolitikern ins Feld geführt wird, könnte sehr schnell der hehre Grundsatz der Nachhaltigkeit auf der Strecke bleiben und dem Grundgedanken der Novelle des Kreislaufwirtschaftsgesetzes zuwiderlaufen. Der Gesetzgeber sollte daher ähnlich vorgehen wie in der Telekommunikation. Klare Regeln für die Kreislaufwirtschaft formulieren und über die Bundesnetzagentur als neutrale Stelle überwachen lassen. Zudem sollten wir uns endgültig von den ineffizienten Müllverbrennungsanlagen verabschieden – mit denen ist kein Staat und schon gar keine Energiewende zu machen.

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