Neues aus der Hausmeister-Republik: Urheberrechtskeule gegen das Einbetten von Videos #BGH #youtube

Kultur des Teilens in Gefahr

Wer Online-Videos in seine Website einbindet, könnte nach Einschätzung des Bundesgerichtshofs Urheberrechte verletzen. Das berichtet tagesschau.de. Das sogenannte Framing sei nicht mit einfachen Links vergleichbar, sagte der Vorsitzende Richter Joachim Bornkamm. Eine Entscheidung soll am 16. Mai verkündet werden. Willkommen in einem neuen Kapitel der Hausmeister Republik Deutschland.

„Der BGH hat am Donnerstag in einer mündlichen Verhandlung angedeutet, dass im ‚Einbetten‘ von YouTube-Videos in Websites gegen den Willen des Urhebers eine Rechtsverletzung liegen könnte. Entschieden haben die obersten Richter den Fall noch nicht. Der BGH erwägt, den Sachverhalt dem Europäischen Gerichtshof in Luxemburg vorzulegen, weil europäisches Recht eine Rolle spielen könnte. Im vorliegenden Fall wurde das Video auf YouTube eingestellt und von den Betreibern einer anderen Website auf ihrer eigenen Homepage eingebettet. Der Urheber des Films wollte diese Form der Wiedergabe auf der anderen Website verbieten“, so tagesschau.de.

Warum lädt der Kläger seine Videos dann bei Youtube hoch, macht sie öffentlich und teilbar?

Wenn aus diesem Einzelfall das Einbetten von Youtube-Videos in Frage gestellt wird, schwindet die Essenz des Kopierens und Teilens. Das wäre ein harter Schlag. Das Urheberrecht in Deutschland erweist sich immer mehr zum Totengräber eines offenen Netzes. Besonders die unendliche Reproduktion von Inhalten macht den Charme des Social Webs aus. Wer Videos wie exklusive Ware behandeln will, soll zu Hause Dia-Vorträge halten oder zu Filmabenden einladen. Er könnte ja auch auf Youtube in den Privatmodus gehen und nur ausgewählten Nutzern den Zugriff einräumen. Alles auch ohne ärgerliche Gerichtsklagen möglich. Aber man will eben auch Öffentlichkeit erzielen, aber gleichzeitig die Einbettung verhindern – ziemlich widersprüchlich.

Update 15:00:

Tagesschau.de hat es wohl arg verkürzt dargestellt. Es geht wohl in erster Linie um das widerrechtliche Hochladen eines Videos. Das werde ich aber nächste Woche bei der BGH-Pressestelle in Erfahrung bringen. Im Bloggercamp werden wir uns auf alle Fälle damit auseinandersetzen.

Advertisements

Über das kollektive Buchprojekt „Eine neue Version ist verfügbar“ und die Dankeschön-Ökonomie

Crowdfunding-Buchpionier Dirk von Gehlen

Gerade habe ich eine sympathische Nachricht von Dirk von Gehlen über den Fortgang seines Buchprojektes auf der Crowdfunding-Plattform Startnext bekommen. Ein schönes Beispiel für meine Thesen, die ich in meiner Kolumne für das Debattenmagazin „The European“ ausgebreitet habe.

Textauszug:

Crowdfunding hat das Potenzial, die Spielregeln der Ökonomie radikal zu verändern – und nicht nur die digitale Variante.

„Das Fundraising-Prinzip als neues Paradigma revolutioniert Motivationen und Verhaltensweisen der Marktteilnehmer. Der Anbieter wirbt nicht mehr für den Kauf eines Produktes, sondern für die freiwillige Unterstützung bei der Realisierung (Pre-Order-Modell) und bei der Aufrechterhaltung des Angebots“, schreibt Ansgar Warner in seinem Buch „Krautfunding – Deutschland entdeckt die Dankeschön-Ökonomie“.

Das ist weitaus schwieriger, als im Verborgenen irgendetwas auszubrüten und es dann mit großem Marketing-Geschrei unter die Leute zu bringen.

„Um in der Dankeschön-Ökonomie zu bestehen, muss man die Menschen für eine Sache begeistern“, so Warner.

Kunden gehen freiwillig in Vorkasse

Und das schon bei der Ausbreitung der Ideenskizze auf Plattformen wie „Kickstarter“ oder „Startnext“. Jeder Schritt, jeder Fortgang und jede Verfeinerung des Projektes wird mit dem Unterstützerkreis geteilt und durch die Reaktionen der Kunden, die in Vorkasse gehen, verbessert.

Es ist die perfekte Form einer Ökonomie der Beteiligung, die sich im Crowdfunding manifestiert. Es könnte das etablierte Finanzsystem in den Schatten stellen, Unternehmensgründungen beflügeln, als Katalysator für Innovationen fungieren und für eine Demokratisierung der Beziehungen zwischen Unternehmen und Konsumenten beitragen.

Man erlebt dabei immer mehr Menschen, die ohne Zwang, ohne Abo-Modelle, ohne Zahlungsschranken und ohne Schutzgesetze bereit sind, freiwillig für Start-ups, Kunst, Kultur oder Journalismus zu bezahlen. Sie widerlegen damit die Dauerschwätzer des Establishments, die nach staatlichen Hilfen schreien, um nicht durch die vermeintliche Kostenlos-Mentalität der Netzbewohner in den Abgrund gestürzt zu werden.

Soweit der Hinweise auf meine Story.

Hier nun das Schreiben von Dirk von Gehlen (bin gespannt auf die morgige Zeit-Ausgabe!):

„In der morgigen Ausgabe der Wochenzeitung ‚Die Zeit‘ schreiben Kilian Trotier und Maximilian Probst im Feuilleton über Sie. Ich habe es gerade in der iPad-Version gelesen und erlaube mir deshalb den Hinweis auf den Text mit dem Titel ‚Leser, mach’s selbst!‘. Darin beschreiben die beiden Autoren, wie das Schreiben von Büchern im Netz zu einem kollektiven Abenteuer wird. So die Unterzeile, die mit dem Satz endet: ‚Das Publikum mischt mit‘.

Eines von zwei größeren Beispielen in dem Text ist ‚Eine neue Version ist verfügbar‘ – und somit Sie (also icke, da ich ja das Gehlen-Opus finanziell unterstütze, gs). Denn das mitmischende Publikum, das sind ja Sie. 350 Leserinnen und Leser, über die es in der morgigen Ausgabe von ‚Die Zeit‘ heißt:

‚Diese 350 sind nun live dabei, wenn von Gehlen sein Buch schreibt, Kapitel für Kapitel. Interviews stellt er auf eine Google-Docs-Plattform, sodass alle die Texte lesen können; und immer wenn er selbst etwas schreibt, schickt er es per Mail herum, wartet auf Kommentare, ändert Stellen, fügt Links hinzu, die ihm seine ,Crowd‘ zusendet.‘

Ich schreibe Ihnen das, weil diese Erwähnung mich einerseits freut. Andererseits schreibe ich es aber vor allem, weil die Autoren des Textes ziemlich viel von dem verstanden haben, was wir hier gerade machen. Sie beschreiben es als besonderes Experiment, als das auch ich es empfinde. Und wann hat man schon die Gelegenheit, genau das seinen Leserinnen und Lesern gespiegelt von ‚Die Zeit‘ sagen und Ihnen so dafür danken zu können? In diesem Sinne verspreche ich, dass die nächste Mail wieder einen Schreibfortschritt dokumentiert.“

So begegnet man seinen Lesern und Kunden auf Augenhöhe, liebwerteste Leistungsschutz-Gichtlinge.

Morgen also die Zeit kaufen!

Was macht eigentlich hgm-press? Die Michels und ihre Abmahnungen

Das kotzende Einhorn hat sich wie viele andere Blogger ausführlich mit der „Abmahnpolitik“ eines Unternehmens beschäftigt, das unter dem Namen „hgm-press Michel OHG“ derzeit für Schlagzeilen in der Blogosphäre sorgt. Am Wochenende habe ich in unterschiedlichen Quellen recherchiert, wer nun hinter diesem Laden steckt. In den offiziellen Auskunftsdiensten findet man nicht viel. Etwa der jüngste Eintrag im Handelsregister:

„In () gesetzte Angaben der Anschrift und des Geschäftszweiges erfolgen ohne Gewähr. Veränderungen 30.04.2012 hgm-press Michel OHG, Berlin, Germaniastraße 18-20, 12099 Berlin. Sitz / Zweigniederlassung: Geschäftsanschrift:; Germaniastraße 18-20, 12099 Berlin.“

Dann klafft eine große Lücke in den Veröffentlichungen des Handelsregister. Am 7. Juni 1999 ist folgendes zu lesen.

„hgm-press Michel OHG , Berlin (Wegenerstr. 12–13, 10713 Berlin). Die persönlich haftenden Gesellschafter Elisabeth Michel geb. Thiel, Kai H. Michel und Hans-G. Michel dürfen Rechtsgeschäfte mit sich selbst oder mit sich als Vertreter Dritter abschließen.“

Hin-und-her-und-Zottelbär – so geht das familiäre Spielchen weiter.

Da darf das Söhnchen natürlich nicht fehlen.

Eintrag vom 29. März 1999:

„hgm-press Michel Nachf. Elisabeth Michel , Berlin (Wegenerstr. 12–13, 10713 Berlin). Persönlich haftende Gesellschafter: Kai H. Michel, geb. 04. 07. 1978, Berlin; Hans-G. Michel, geb. 21. 08. 1951, Berlin. Kai H. Michel und Hans-G. Michel sind als persönlich haftende Gesellschafter in das Unternehmen eingetreten. Nunmehr: Offene Handelsgesellschaft. Beginn: 1. Januar 1999. Die Firma ist geändert. Neue Firma: hgm-press Michel OHG.“

Am 22. Januar 1996 ist wieder ein betriebliches „Großereignis“ zu vermelden:

„hgm-press Michel OHG, Berlin (Wegenerstr. 12–13, 10713 Berlin ). Der Gesellschafter Hans-Gerd Michel ist aus der Gesellschaft, die dadurch aufgelöst ist, ausgeschieden. Geschäft und Firma werden von Elisabeth Michel geb. Thiel als Alleininhaberin fortgeführt. Die Firma ist geändert. Neue Firma: hgm-press Michel Nachf. Elisabeth Michel.“

Die Mutti gibt wohl den Ton an.

Warum Vati nicht mehr am Steuer sitzt, kann man nur spekulieren.

Meldung am 22. Januar 1996:

„hgm-press Michel OHG, Berlin (Wegenerstr. 12–13, 10713 Berlin ). Der Gesellschafter Hans-Gerd Michel ist aus der Gesellschaft, die dadurch aufgelöst ist, ausgeschieden. Geschäft und Firma werden von Elisabeth Michel geb. Thiel als Alleininhaberin fortgeführt. Die Firma ist geändert. Neue Firma: hgm-press Michel Nachf. Elisabeth Michel.“

Über die Information vom 28. Februar 1986 erfährt man zumindest etwas über den Geschäftszweck und die beruflichen Hintergründe dieser Weltfirma:

„hgm-press Michel OHG, Berlin (Wegenerstr. 12–13, 1000 Berlin 31 ). (An- und Verkauf von Produktionen (Foto–Text) für den Medienbereich Presse, Vergabe von Aufträgen, Produktionsbetreuung.) Offene Handelsgesellschaft. Beginn: 11. März 1986. Persönlich haftende Gesellschafter: Presseagentin Elisabeth Michel geb. Thiel, Berlin, und Journalist Hans-Gerd Michel, Berlin.“

Ah ja. Presseagentin und Journalist gründen eine Firma, die bis heute eine unglaubliche Expansion in der Mitarbeiterzahl erfahren hat. Elisabeth, Hans-Gerd und der Kai – was für eine famose Unternehmergeschichte. Vom Journalisten Hans-Gerd Michel habe ich jedenfalls noch nie etwas gehört – was ja auch völlig egal ist.

Vielleicht bieten die öffentlich zugänglichen Informationen des Bundesanzeigers weitere Anhaltspunkte für Recherchen. Über Hinweise würde ich mich sehr freuen.

Aber irgendwie läuft in unserem Rechts- und Verwertungssystem generell etwas falsch. Es darf einfach nicht zulässig sein, ohne persönliche Betroffenheit im Auftrag Dritter Abmahnungen loszutreten. Wenn es direkt um Konkurrenten geht, kann ich das noch nachvollziehen. Die Geschäftsgrundlage der Serienabmahner halte ich für sittenwidrig. Und auch der BGH hat darüber schon in ähnlicher Weise entschieden.

Leider ist die durchschlagende Wirkung dieser Entscheidung ausgeblieben. Die Abmahn-Fabriken machen fröhlich weiter. Und sie finden immer wieder Lücken in den Gesetzen.
Es gibt Abmahnvereine, die beispielsweise im medizinischen Sektor agieren. Dahinter steckt wohl häufig die Pharmaindustrie oder auch die klassische Medizin. So dient das Heilmittelwerbegesetz quasi als Checkliste für vermeintliche Wettbewerbsverstöße.

Wenn man den Mut hat, das Ganze vor Gericht zu bringen, sind schon viele Abmahnungen gescheitert, weil den Akteuren die Aktivlegitimation abgesprochen wurde. Aber wer hat schon Zeit, Geld und Nerven, um es auf Prozesse ankommen zu lasse. Man muss einen beachtlichen Grund haben, um Abmahnungen rauszuschicken. Bei Serienabmahnungen ist das zweifelhaft. Den beachtlichen Grund bei einem Drei-Personen-Unternehmen sehe ich nicht.

In Ehrfurcht sollte man daher nicht erstarren. Ein entscheidender Punkt ist eben die Aktivlegitimation. Es ist das Recht, Ansprüche in eigenem Namen geltend zu machen. Ein solches Recht ist dann gegeben, wenn gegen den anderen Vertragspartner auf Erfüllung geklagt werden soll, weil zwischen dem Anspruch und dem Anspruchsteller ein enges rechtliches Verhältnis besteht. Die Erfordernis der Aktivlegitimation soll Populärklagen beschränken, um zu verhindern, dass die Gerichte durch die Entscheidung abstrakter Rechtsfragen blockiert werden.

Siehe auch die Recherchen des kotzenden Einhorns: Abmahngeschäft? Die Salamitaktik der Agentur hgm-press Michel OHG

Warum Warnmodell-Gichtlinge Jeff Jarvis lesen sollten

„Das radikal öffentliche Unternehmen ermutigt seine Angestellten, die Tools der sozialen Netze zu nutzen, direkte und offene Beziehungen mit den Kunden zu unterhalten, in dem sie Fragen beantworten, sich Vorschläge anhören und umsetzen, Probleme lösen und Produkte verbessern“, schreibt Jeff Jarvis in seinem neuen Buch „Mehr Transparenz wagen! Wie Facebook, Twitter & Co. die Welt erneuern“.

Soziale Netzwerke werden künftig eine noch viel größere Wirkung auf Wirtschaft und Gesellschaft haben, weil sie die Machtverhältnisse verändern und alte Einrichtungen verdrängen, die auf Mangel und Kontrolle beruhen. Etwa die kollektiven Hausmeister der Republik, die sich nicht mit einer Kultur der Offenheit, des Teilens und der Mitbestimmung anfreunden können.

Einen neuen Club der Controlling-Geister gibt es in Köln zu bewundern: Die liebwertesten Betonkopf-Gichtlinge nennen ihre Hausmeister-Initiative „enGAGE – Gesprächs- und Arbeitskreis Geistiges Eigentum“. Ziel ist eine härtere Durchsetzung von Urheberrechten. Dahinter stecken Professor Rolf Schwartmann und Dr. Christian-Henner Hentsch. Schwartmann war Autor eines vom Bundeswirtschaftsministerium in Auftrag gegebenen Gutachtens für 2-Strikes-Warnmodelle.

„Das Ergebnis seiner Studie war natürlich vollkommen unabhängig und so. Als das Gutachten im Frühjahr präsentiert wurde, stellten wir unser Schattengutachten zu Warnmodellen vor. Was man bei 2-Strikes-Warnmodellen immer mitdenken muss, ist natürlich der dritte Schritt“, schreibt netzpolitik-Blogger Markus Beckedahl.

Als völlig „unabhängiger“ Warnmodell-Apologet ist Hentsch auch Leiter des Schwerpunktes Urheberrecht bei der Kölner Forschungsstelle für Medienrecht und im „Nebenberuf“ zufälliger Weise auch noch wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bundestagsabgeordneten Günter Krings – also im parlamentarischen Zentrum der CDU/CSU-Urheberrechtshardliner.

Weil ja bald die Sankt Martins-Umzüge laufen: Wer gibt, dem wird gegeben

In der Share Economy sind diese Ziegelstein-Diktatoren in ihren Schützengräben noch nicht angekommen.

„Facebook, YouTube, Twitter, Wikipedia, Flickr, Kickstarter, Trip-Advisor, Foursquare, Blogger, Yelp, Ushahidi, SeeClickFix und all die anderen ‚sozialen’ Webangebote vernetzen Menschen zu einer neuen, schnell wachsenden Beziehungsökonomie, deren Motor das Gegenseitigkeitsprinzip ist: Hilfst du mir, so helf’ ich dir. Mit Tipps, Ratschlägen, Produkten und Ansprechpartnern“, so Wolfgang Michal in einem Beitrag mit dem Titel „Was würde Jarvis tun?“.

Ausführlich in meiner morgigen The European-Kolumne nachzulesen.

Lesenswert auch: Kundendialoge in einer Shareconomy: Teilen statt Besitzen.

Wie social die IT-Welt mittlerweile ist, verhandelt am Freitag unter meiner Moderation ein Social Media Breakfast von Harvey Nash in München mit talkabout-Geschäftsführer Mirko Lange als Hauptredner. Für die Liveübertragung sorgt Hannes Schleeh als Mister Hangout On Air.

Wo die Reise im Einzelhandel hingehen könnte, beleuchtet: Cookbutler: Ein Lichtblick für den Online-Lebensmittelhandel.

Weiteres zu den Verbots-Gichtlingen: Unionsnaher Verein will Urheberrecht konservieren.

Update: Hier geht es zur The European-Kolumne

Urheberrecht: Börsenverein sucht den Dialog? Ich habe meine Bildung doch aus dem Internet

Am 13. September sollen Verlage ausgewählte Politiker, Piraten, Medienvertreter, Bibliothekare, Universitäts- und Hochschulvertreter und Bürger zu sich einladen, um über das Urheberrecht zu diskutieren und die Verlagsarbeit zu präsentieren. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat die Aktion „Zum Dialog bereit?“ initiiert und unterstützt die Veranstalter mit Papieren zum Urheberrecht, zentraler Öffentlichkeitsarbeit und der Vermittlung von politischen Ansprechpartnern. Bislang ist die Beteiligung eher spärlich.

Und ob das wirklich ein Dialog werden soll, ist höchst fraglich. Eigentlich steht das Ziel der Geschichte schon fest, wie man der Aktionsbeschreibung entnehmen kann:

„Gemeinsam kann gleichzeitig Öffentlichkeit geschaffen werden für die Qualität dessen, was langsam entsteht, und für die zentrale Bedeutung und Aufgabe der Verlage für Netzpublikationen. Im Gepäck haben die Veranstalter das Thema Urheberrecht. Sie sollen dafür werben und dessen Relevanz für den Umgang mit Inhalten, Kultur und Wissensmanagement herausstellen.

Entsprechend kritisch würdigt Matthias Spielkamp von iRights.info das „Gesprächsangebot“:

„Man muss nicht böswillig sein, um anzunehmen, dass es sich in erster Linie um eineWerbeveranstaltung handeln soll.“ Werbung könne bei den Teilnehmern der Debatte angebracht sein, die tatsächlich keine Ahnung davon hätten, wie das Buchgeschäft funktioniert. Aber: „Zum einen gibt es davon nicht allzu viele, die man ernst nehmen müsste, zum anderen gibt es sehr wohl viele, die sich gut auskennen und gerade deshalb daran zweifeln, dass das bestehende Urheberrecht eine Welt mit Digitalisierung und Internet angemessen reguliert.“

Es bleibe abzuwarten, ob die Verlage diese Kritiker zu den Veranstaltungen einladen. Erst dann könne man wirklich von Dialog sprechen, sagt Spielkamp gegenüber buchreport.de.

Der Dialog-Auftrag erinnert ein wenig an die Reaktionen des Börsenverein-Justiziars auf meine kritischen Einwände zu seinen Urheberrechts-Positionen, die er auf der Berliner Wissenschaftskonferenz „Informare“ vortrug. Das geht immer nach dem Motto: Wasch mich, aber mach mich nicht nass. Kleiner Auszug des Streites:

Da sagte ich zum Justiziar des Börsenvereins, er solle aufhören, mit dem Urheberrecht die Internetnutzer zu kriminalisieren. Musik- und Filmindustrie haben sich daran schon die Zähne ausgebissen. Vollzugsdefizit. Da sagte der Justiziar, dass ich meine Bildung aus dem Internet habe. Ist ja nicht das Schlechteste.

Im Obi Wan Kenobi-Panel haben wir das dann ein wenig durch den Kakao gezogen – mit Unterstützung von Playmobil-Piraten 🙂

Liebe Urheber, schauen wir doch der GEMA, VG Wort und Co. mehr auf die Finger!

Foto von Heiko Körfer

Der Rechtswissenschaftler Thomas Hoeren hat sich im brandeins-Interview sehr sachlich und differenziert über das Urheberrecht geäußert und einige Defizite in der Berichterstattung angesprochen, die man zu weiteren Recherchen nutzen sollte.

So räumt Hoeren mit dem Märchen auf, dass es den Verlagen und Musikkonzernen wirklich um die Urheber geht:

„Die gesamte Konstruktion zwischen Urhebern, Verwertern und Nutzern ist seit längerer Zeit komplett aus den Fugen geraten. Das Urheberrecht will und soll ein Recht der Kreativen sein, es ist aber längst ein reines Wirtschaftsrecht der Verwerter. Die Industrie hat sich über Jahrzehnte hinweg mit teilweise atemberaubenden Manövern Stück für Stück des Kuchens genommen, der ihr juristisch gesehen nicht gehört.“

Oder zu unseren Lieblingen GEMA und VG Wort:

„Nehmen Sie etwa die großen Verwertungsgesellschaften VG Wort und Gema. Das sind eigentlich Organisationen für Autoren und Komponisten. Diese Gesellschaften sammeln große Mengen Geld ein von Unternehmen oder Privatleuten, als Gegenleistung dafür, dass urheberrechtlich geschützte Werke etwa im Radio gespielt oder privat kopiert werden dürfen. Jeder, der zum Beispiel einen USB-Stick, einen Kopierer oder einen Scanner kauft, zahlt über den Ladenpreis eine Geräteabgabe an die Verwertungsgesellschaften. Dieses Geld fließt aber nicht komplett an die Urheber, wie es eigentlich sein müsste. Auch Verlage und Musik-Label kassieren mit, ohne juristisch dazu einen Hauch von Berechtigung zu haben.“

„Die Musik-Label etwa haben irgendwann entdeckt, dass die Gema über eine Sonderkonstruktion aus den Dreißigerjahren, die ausnahmsweise angewandt wurde, nicht nur Geld an Komponisten, sondern auch an Musikverlage ausgeschüttet hat. Das waren Unternehmen wie zum Beispiel Schott, die Musiknoten verlegt haben und keine Tonträgerhersteller waren. Die großen Label haben sich nach dem Zweiten Weltkrieg da rangehängt, haben sich zum Teil pro forma Musikverlage zugelegt oder selbst einen gegründet und gesagt, sie wollen auch Geld haben. Sie haben es bekommen und bekommen es bis heute, je nach Ausschüttung sind es rund 40 Prozent der Gesamtsumme.“

Aus den Dreißigerjahren???? Das sollte man doch mal näher untersuchen. Was war denn damals wirklich die Motivation und warum wird das heute so praktiziert.

Hoeren mahnt, dass man den Einfluss von bestimmten Unternehmen der Unterhaltungsindustrie nicht unterschätzen dürfe, und man muss außerdem wissen, dass es damals innerhalb der Gema mafiöse Strukturen gab, die die Gema noch bis heute beherrschen. Da sollte man etwas konkreter werden. Wer ist das genau?

Und jetzt wird es spannend im brandeins-Interview. Der Redakteur wendet ein, dass das nach einer Verschwörungstheorie klinge. Die Gema werde doch vom Deutschen Patent- und Markenamt beaufsichtigt.
Darauf Hoeren:

„Die Kontrolle funktioniert aber nicht, und in der Wissenschaft ist das ein offenes Geheimnis. Beim Deutschen Patent- und Markenamt gab es früher einen einzigen juristischen Prüfer. Von dem hieß es immer, er sei bei der Sitzung der Gema anwesend gewesen und habe nichts zu beanstanden gehabt. Er saß da wie der Notar bei der Ziehung der Lottozahlen und hat die Entscheidungen der Gema abgenickt. Die Missstände gingen immer weiter, wie etwa die eben erwähnten Ausschüttungen an die Musikindustrie. Das ist passiert und passiert noch immer. Die Verwertungsgesellschaften sind unfassbar intransparente Organisationen. Auch bei der VG Wort kassieren die Verlage mit, obwohl sie das nicht dürften, und niemand kann eigentlich noch genau sagen, wie es überhaupt dazu kam.“

Auf die Schweinerein im Wissenschaftsbetrieb will ich jetzt nicht eingehen. Aber vielleicht könnte man sich noch ausführlicher mit GEMA und VG Wort auseinandersetzen. Ich bekomme ja regelmäßig von VG Wort richtig gigantische Beträge überwiesen – so in der Größenordnung von 50 Euro. Also werde ich mich mit diesem Laden näher beschäftigen.

@hrbruns könnte doch weiter bei der GEMA bohren oder?

Wer hat noch Interesse, kollektiv über die Verwertungsgesellschaften zu recherchieren oder weiterführende Infos zur Verfügung zu stellen? In den nächsten Wochen werde ich das jedenfalls in meinen Kolumnen aufgreifen. Mal schauen, wie offen die Damen und Herren mit den Presseanfragen umgehen. Wahrscheinlich schneiden die genauso gut ab wie Google und Gazprom…..

So lustig wie die Bootstour in San Francisco ist das Thema allerdings nicht. Und wenn wir nicht weiterkommen, gibt es nur einen, der das lösen kann: Chuck Norris.

Buchpiraterie ignorieren? Ein neuer Kopisten-Fall erregt die Gemüter #Gut-Raub

„Zum Auftakt der AKEP-Konferenz in Berlin hat Sascha Lobo der Branche Ratschläge zum „Buchstabenverkauf“ der Zukunft mit auf den Weg gegeben und diese historisch fundiert – um am Ende die Zuhörer mit der Ankündigung zu überraschen, selbst einen Verlag zu gründen“, schreibt der Buchreport in seinem Bericht „Ignoriert Piraterie“:

Verleger müssten ihr Geschäft vom Produkt zum Service entwickeln, mit der Tendenz, am Ende einen Produktpreis von 0 Euro anzusetzen. Dieses Prinzip habe es schon im 17. Jahrhundert bei Lesezirkeln, der Vermietung von Zeitschriften, gegeben, einem kostenpflichtigen temporären Zugang zur Lektüre.

„Die wohl knackigste – und unter den Zuhörern besonders umstrittene – These: Verlage sollten Piraterie ignorieren. Es werde immer Leute (’15 bis 20% der Menschen sind Arschlöcher‘) geben, die kopiergeschützte Bücher knacken. Diese gezielt zu ignorieren, verschaffe den Verlegern einen besseren Schlaf und weniger Feinde. Wenn Bücher zunehmend zu Services ausgebaut würden, seien diese ohnehin nicht mehr kopierbar – und bei einem Preis von 0 Euro für das Buch an sich sei Piraterie dann nicht mehr umsatzrelevant.“

Sinnvolle Vorschläge. Aber meine aktuellen Recherchen stimmen mich nachdenklich. Die Buchbranche hat nach den folgenden Fakten wohl die Schlacht gegen Buchpiraten bereits verloren. Aufgedeckt wurde dieses schamlose Kopistentum von einem renommierten Schriftsteller. Folgendes ist mir zugespielt worden.

Auch Professoren zählen zur Kopisten-Mafia!

„Heutzutage verführt die Leichtigkeit der Vervielfältigung zu allen möglichen Dingen.“

Selbst Wissenschaftler an deutschen Hochschulen seien in diesem Kopisten-Netzwerk verstrickt. Da werde dann schnell von der Aufzeichnung einer Zweistundensendung im Hörfunk ein Plagiat erstellt. Das habe einer kopiert und in hoher Stückzahl an seine Freunde verschenkt. Der Schriftsteller erwähne das nur als Spitze des Eisberges, um zu dokumentieren, wie das simple Gefühl für Recht und Unrecht schon aufgeweicht ist, wenn so etwas an dürrem Professorenholze schon geschieht.

Auch Hörfunksender sind Teil des Kopisten-Netzwerks

Selbst Hörfunksender würden das machen und entsprechende Exemplare seiner Vorträge an Zeitschriften verschicken, die das seitenlang abdrucken – ohne das Ganze autorisieren zu lassen oder zu entlohnen. Erst auf Druck des Verlage sei eine Zeitschrift dann bereit gewesen, wenigstens einen kleinen Betrag zu bezahlen. Freiwillig waren die nicht dazu bereit. Autoren sind ständig solchen Nötigungen und Vergewaltigungen ausgesetzt. Hier schlage eine zweifelhafte Denkweise und Gesinnung durch. Der Schriftsteller lasse sich seitdem vom Hörfunk grundsätzlich erstmal schriftlich geben, dass die keine Exemplare von seinen Ein- oder Zweistundensendungen erstellen. Erlauben würde er nur fünf oder sechs Exemplare für die Sprecher und eins fürs Archiv, „damit ist wenigstens ein legales Löchlein verstopft…“. Das sei eine erste Maßnahme, aus der zumindest sein Protest hervorgeht gegen dergleichen. Denn wie und wo zu ein in korrigierter Form erscheinen soll, würde gerne der Schriftsteller bestimmen. Völlig verantwortungslos sei auch das Verhalten der Zeitungen im Umgang mit diesen Raubkopien, die das ohne Gegenprüfung übernehmen und sogar im Literaturteil besprechen würden. Teilweise würden die Diebe den gestohlenen Mantel mit einer solchen Eleganz tragen, dass Fragen zum eigentlichen Besitzer gar nicht mehr aufkommen.

Sättigung durch Schwarzmarkt-Angebote macht zweite Auflagen fast unmöglich!

In dieses Regime der Raubkopien sind also vielfältige Kreise verstrickt. Völlig unmöglich sei es, eine wirklich gute zweite Auflage von den eigenen Werken auf den Markt zu bringen.

„Was soll jetzt werden, können wir noch eine zweite Auflage machen, wenn der Markt gesättigt wird auf unrechtmäßige Weise.“

So viel Kopisten-Dreistigkeit gegen die kreativen Leistungen eines Autors lassen einen sprachlos zurück. Ich habe nur ein Bruchteil der Beweise über das Kopisten-Netzwerk in Deutschland dokumentiert.

Empörte sollten gar nicht mehr weiterlesen!

Aber auch ich bin ein übles Collage-Ferkel. Die Dokumentation stammt aus dem Jahr 1970 und betrifft die analoge Kopisten-Mafia unter den Raubdruckern. Die stark abgewandelten Aussagen habe ich den Gesprächen von Gunar Ortlepp mit dem Schriftsteller Arno Schmidt entnommen. Sie waren dann Basis für den Spiegel-Artikel „Gut Raub“, der auch 1970 erschien (Nr. 37, S. 216 bis 217). Vielleicht liest ja der Eine oder Andere nicht bis zum Schluss und entwickelt daraus eine neue Skandalgeschichte über das digitale Piratentum – das würde mir sehr gefallen 🙂

Liebwerteste Welt-Gichtlinge, labert nicht mehr über’s Urheberrecht, zitiert auch Blogs als Quelle #GEMA-Story

Welt-Online hat ja eine richtig heiße Story „recherchiert“: „Gema erhöht Speicher-Abgabe um 1850 Prozent – Die Gema erhöht die Abgaben auf USB-Sticks und Speicherkarten kräftig. Ab Juli werden diese von 10 Cent auf bis zu 1,95 Euro steigen. Grund für die Erhöhung sei der technische Fortschritt, heißt es.“ Toll, liebwerteste Welt-Redaktion. Oder sollte ich Gichtlinge sagen? Diesen Titel habt Ihr Euch redlich verdient. Denn die Quelle für diese Story ist doch wohl mein geschätzter Blogger-Freund Heinrich Rudolf Bruns, der mit seinem Blogpost vor zwei Tagen einen echten Scoop landen konnte:

Aus 10 Cent werden fast 2 Euro – Der USB-Stick wird richtig teuer.

Die Welt-Redaktion wird mir wahrscheinlich erklären, dass die Geschichte auf eigenen Recherchen beruht (klar, Ihr habt zum Telefonhörer gegriffen und den GEMA-Sprecher befragt – tolle Leistung) und daher keine Notwendigkeit besteht, die Ursprungsquelle zu zitieren oder gar zu verlinken. Wenn Blogger erwähnt werden, heißt es ja häufig in den Berichten der „Qualitätsmedien“, „laut Internet“ blablabla. Das ist man ja schon gewöhnt. Aber liebwerteste Welt-Gichtlinge, seid doch wenigstens so ehrlich und dokumentiert den von Bruns ausgelösten Web-Tsunami, der Euch mit Sicherheit zu diesem Artikel inspiriert hat: @hrbruns hat das auf seinem Blog sehr schön dokumentiert: Ein Blog und seine Wirkung.

Ganz anders ist übrigens Spiegel Online verfahren. Dort heißt es in dem Artikel „USB-Sticks werden teurer“.

„Die Leermedienabgabe auf USB-Sticks und Speicherkarten soll erheblich steigen. Derzeit beträgt die Abgabe pro Stick und Speicherkarte noch pauschal zehn Cent, doch im Sommer sollen die Preise auf bis zu knapp zwei Euro steigen. Der Blogger Heinrich Rudolf Bruns verweist auf ein Gema-PDF vom 10. Mai, aus dem die neuen Preise hervorgehen. Die Zentralstelle für private Überspielungsrechte (ZPÜ), vertreten durch die GEMA, die Verwertungsgesellschaft (VG) Wort und die VG Bild-Kunst legen darin die neuen Preise fest, die ab dem 1. Juli gelten sollen: Für USB-Sticks und Speicherkarten mit einer Kapazität von bis zu vier Gigabyte beträgt die Vergütung demnach 91 Cent. Für einen Stick mit mehr als vier Gigabyte werden 1,56 Euro, für eine Speicherkarte dieser Größe sogar 1,95 Euro fällig.“

Korrekt. So macht man das!

Entsprechend kritisch würdigt Heinrich Rudolf Bruns die Vorgehensweise der Welt-Redaktion:

„Der Verlag gefällt mir. Autorenrechte beschneiden, mies behandeln, sich aufregen wegen vermeintlicher Urheberrechtsverletzungen und ein Leistungsschutzrecht fordern.“

Recht hat er. Hiermit verleihe ich der Welt-Redaktion den Gichtling-Medienorden des Tages.

Update: Auf Facebook hat sich nun Welt Online „erklärt“. Hier die Disputation:

Oliver Michalsky: Lieber Gunnar Sohn, ich will Ihnen gern erläutern, was wir getan haben: nämlich eine Meldung der Nachrichtenagentur dapd vom 24. Mai 16.58 Uhr publiziert, was Sie an dem Kürzel erkennen können. Nicht mehr, nicht weniger. Der bemerkenswerte Blogbeitrag von Heinrich Rudolf Bruns ist darin nicht erwähnt – und er ist zuvor an uns vorbeigegangen. Das sollte nicht, kann aber durchaus passieren.

Gunnar Sohn: Oliver Michalsky da taucht noch ein Kürzel mit jk auf – nehme an, dass ist der Redakteur, der das bearbeitet hat. Merkwürdig, Merkwürdig, für eine Agenturmeldung habt Ihr das aber prominent auf Eurer Facebook-Seite platziert…..Spiegel Online hat das fast zeitgleich gebracht mit Hinweis auf @hrbruns – zumindest nachtragen könnte Welt Online das noch. Auch Agenturmeldung(en) sollte man zumindest auf die Quellen-Lage prüfen. Bruns Blogposting ist so fett im Netz gelaufen, dass man das eigentlich nicht übersehen konnte. Sorry. Schlampig.

Oliver Michalsky: Ja, lieber Gunnar Sohn. So wie Ihr Sprachgebrauch.

Gunnar Sohn: Sorry, Oliver Michalsky, wenn man das so breit ins Netz pustet, sollte man in der Lage sein, die Primärquelle zu finden.

Fazit: Schlampig auf Seiten von Welt Online und der Nachrichtenagentur. Bei meinem harten Urteil bleibe ich!

Update:

Ich finde es sehr gut, dass Welt Online jetzt die Quelle Heinrich Rudolf Bruns eingefügt hat. Insofern Dank an Oliver Michalsky. Vielleicht zeigt ja dapd auch noch diese Größe.

Hat alles nichts genutzt. Der Streit geht weiter….

Michalsky sagt: Um bei der Wahrheit zu bleiben: die Quelle des Textes ist gekennzeichnet. Dies jetzt in Abrede zu stellen, lieber Gunnar Sohn, führt überhaupt nicht weiter. Auch das Gutti-System spielt hier keine Rolle: Wenn wir einen Agenturtext verwenden, in der die Agentur ihre Quelle nennt, nämlich die Gema, und wir dies so wiedergeben, ist das vollkommen korrekt. Was sollen wir denn tun, wenn die dpa ein exklusives Zitat von der Bundeskanzlerin bringt? Sollen wir im Bundeskanzleramt anrufen und fragen, ob die dpa das frei erfunden hat? Wie weltfremd sind Sie eigentlich?

Gunnar Sohn Jetzt fallen Sie wieder in den alten Modus zurück, Herr Oliver Michalsky. Wie kompetent sind Sie denn in puncto digitaler Recherche? Wenn eine Meldung schon vor zwei Tagen im Netz hochschießt, News-Aggregatoren den Blogpost von Heinrich Rudolf Bruns am Mittwoch (!!!) als Top-News bringen, eine Story 418 Retweets und 429 Likes verzeichnet, kann man das natürlich mal übersehen. Wie weltfremd sind Sie denn?

Oliver Michalsky In welchen alten Modus? Ich wehre mich nur gegen Ihre Falschbehauptungen.

Gunnar Sohn ‎Oliver Michalsky Das ist meine Meinung und keine Falschbehauptung. Sie sagen, ich sei weltfremd. Damit kann ich leben und gebe den Vorwurf gerne zurück. Spiegel Online war halt in diesem Fall besser informiert. So ist das Leben.

Freibeuter-Wutrede des Geo-Chefs: Wer gegen Piraten schießt, sollte von verärgerten Autoren nicht schweigen

Vielfach wird ja eine Versachlichung der Urheberrechts-Debatte verlangt, um konstruktiv nach Lösungen zu suchen. In den Thesenpapieren von SPD und Piraten gibt es da ja schon ein paar Anknüpfungspunkte – man wird ja bescheiden. Trotzdem leiden immer noch einige Adepten der Printindustrie unter unerklärlichen Sprech-Durchfällen. Einen aktuellen Fall greift der Dienst Meedia unter der Überschrift „Gaedes Wutrede gegen das Freibeutertum“:

Peter-Matthias Gaede zieht gegen die Gegner des Urheberrechts ins Feld: Der Geo-Chef hat eine Erklärung verfasst, in dem er die Chefredakteure in Deutschland dazu aufruft, den Wert des geistigen Eigentums offensiv zu verteidigen. Immer mehr Musiker, Autoren und Künstler bezögen Position „gegen das Freibeutertum“, nur die Chefredakteure schwiegen bislang. Gaede schweigt nicht – und trommelt nicht nur für das Urheberrecht, sondern auch und vor allem gegen dessen Verächter.“

In dem Pamphlet von Gaede geht es dann richtig zur Sache:

„Vielleicht sind Sie, wie ich, der Meinung, dass es Zeit ist, eine vernehmbare Stimme in dieser Diskussion zu werden.“ Es sei an der Zeit, jenen entgegenzutreten, die, wie die Piratin Julia Schramm, den Begriff des geistigen Eigentums als ‚ekelhaft‘ bezeichnen. „Dass es Zeit ist, jenen zur Seite zu stehen, die, wie die Unterzeichner des Aufrufs ‚Wir sind die Urheber‘, einer denunziatorischen Reaktion ausgesetzt sind.“

Hm, G wie Geo, G wie Gaede. Da sage ich nur, G wie Google und mal nachgeschaut, was noch in meinem Langzeitgedächtnis verankert ist. Richtig: Freier Autor klagt gegen Geo und gewinnt. Nachzulesen bei Niggermeier in seinem Blogpost „Gericht erklärt Geo: Autoren haben Rechte“.

„Christian Jungblut hätte dankbar sein sollen, dass sein Text von der Geo-Redaktion überarbeitet und in so vielen Details geändert wurde, dass von seinem Schreibstil nichts übrig geblieben war. Der Anwalt von Gruner + Jahr teilte dem freien Journalisten mit, dass sein Manuskript von niemand geringerem als ‚einer Preisträgerin des 1. Preises beim Henri-Nannen-Preis 2008 — bekanntlich dem Nachfolger des Kisch-Preises — redigiert wurde‘. Auch Peter-Matthias Gaede, der Chefredakteur von ‚Geo‘, sei ‚als ein Preisträger des 1. Preises beim Kisch-Preis 1984 (…) sicherlich über jeden Zweifel erhaben‘. Jungblut selbst hingegen hat nur einen 3. Platz beim Kisch-Preis 1986 vorzuweisen. Es geht aber gar nicht um die Frage, ob die Reportage, die Jungblut für Geo über den Deichbau in den Niederlanden geschrieben hat, nach der gründlichen Änderung durch die Redaktion besser war als vorher. (Seine blasse Erzählweise sei durch einen lebendigen und plastischeren Stil ersetzt worden, argumentierte der Verlag vor Gericht.) Es geht um die Frage, ob Jungblut als Urheber ein Recht darauf hat, dass sein Werk nicht gegen seinen Willen in einer massiv veränderten Form veröffentlicht wird“, schreibt Stefan Niggemeier.

Das Landgericht Hamburg entschied gegen Gruner + Jahr (308 O 78/10): Es untersagte dem Verlag, den entsprechenden Artikel aus Heft 12/2009 weiter zu verbreiten. Entscheidend für das Urteil war dabei nicht die Zahl der Preise, sondern das Urheberpersönlichkeitsrecht, das dem Urheber das Recht gibt, „eine Entstellung oder eine andere Beeinträchtigung seines Werkes zu verbieten, die geeignet ist, seine berechtigten geistigen oder persönlichen Interessen am Werk zu gefährden“.

Wie Gaede mit freien Autoren umgeht, kann man in der Niggemeier-Story sehr schön nachlesen. Da steigt bei mir der Wutpegel. Heuchelei hoch drei, Meister Gaede.

Bestraft mich doch endlich!

Der liebwerteste Zeit-Gichtling Adam Soboczynski ist ein heldenhafter Kämpfer für die Rechte von geknechteten, gebeutelten und verarmten Künstlern, die in den Fängen von freibeuterischen Piraten bald ein Dasein am Hungertuch fristen müssen. Die Wochenblatt-Edelfeder macht sich wenig Gedanken, wie das Vollzugsdefizit des Urheberrechtes beseitigt werden kann und schreibt in unnachahmlicher Klarheit, dass sich die Künstler mit ihrer Protestnote „Wir sind die Urheber“ bemerkenswert kompromisslos in Szene setzen. Achtung, ich verdinge mich jetzt als Kopist und zitiere Sobo in Auszügen, bitte nicht abmahnen:

„Sie zielen nicht auf bereits diskutierte Modelle wie etwa Kultur-Flatrates oder freiwillige Bezahlsysteme, die das Urheberrecht ersetzen könnten, sondern unmissverständlich auf die Stärkung desselben unter den neuen digitalen Gegebenheiten – mit welchen Mitteln auch immer.”

Mit welchen Mitteln auch immer! Da sind doch Bedenkenträger wie Dirk von Gehlen oder Frank Schirrmacher völlig fehl am Platz. Sie reden einfach zu viel von den Kehrseiten der Urheber- und Verwerter-Herrlichkeit sowie von den digitalen Irrläufen der etablierten Industrien, die sich in ihren analogen Erdlöchern verschanzen zur Vorbereitung der finalen Abwehrschlacht gegen Filesharing-Piraten.

Nachdenken könnte Künstler verwirren

Warum sollten sich auch Künstler die Finger schmutzig machen mit Recherchen über die Abmahn-Gichtlinge dieser Republik, die in unsäglich aufwändigen Verfahren IP-Adressen identifizieren, jeden noch so kleinen Regelverstoß ahnden, grotesk überhöhte Strafzölle mit einer Durchschnittssumme von 1000 Euro erheben und damit, „wie Constanze Kurz in der FAZ schrieb, allein 2011 Einnahmen in Höhe von 190 Millionen Euro generierte, die in Anwaltskanzleien und Eintreiberbüros größtenteils versickern“, so Frank Schirrmacher. Bislang konzentriert sich die Gebühren-Abzocke noch auf die Musikbranche. Im Literaturbetrieb geht es gerade erst los, wie der FAZ-Herausgeber in seinem Opus „Schluss mit dem Hass“ konstatiert. Da ist es Sobo und Co. wohl wurscht, wenn man nur die Dummen erwischt und die schlauen Kopisten an ihrem bösen Treiben auch in Zukunft nicht hindern kann. Hauptsache, die Kasse klingelt.

Warum sollten die Protest-Künstler überhaupt nur in Ansätzen differenziert über Ursache und Wirkung der vernetzten Ökonomie nachdenken. Das von den Verwertern aufgeführte Untergangsdrama folgt einem bewährten Drehbuch, wie Dirk von Gehlen in seinem Buch Mashup darlegt: In er ersten Phase singt der Klagechor vom Sterben einer ganzen Branche – hier dienen die Musikmanager als profilierte Regisseure: „

In der zweiten Phase versucht man dann, durch technische Mittel wie das sogenannte Digitale Rechtemanagement (DRM) nicht nur das Vagabundieren der Kopien, sondern das Kopieren an sich zu unterbinden; und schließlich gehen die Konzerne dazu über, juristische Schritte gegen den kopierenden Verbraucher einzuleiten, um so ein Klima der Abschreckung zu schaffen. Diese dritte Phase ist verbunden mit Lobbyarbeit bei Politikern und Parlamentariern, die diese für eine Verschärfung des Urheberrechts gewinnen soll“, erläutert SZ-Redakteur Dirk von Gehlen.

Die Empörung der „Funk-Jockeys“

Dann stößt man die Medienarbeit an mit Überschriften wie „Die Musikindustrie steht vor ihrer gefährlichsten Krise“ oder „Umsatzverlust von mehr als einer Milliarde“. Diese Headlines kann man mit dem Zufallsgenerator aus dem Zeitungsarchiv gewinnen. Bei der Umsatzverlust-Story habe ich etwas geschwindelt und die Währung unterschlagen. Es war von „Mark“ die Rede und man blickte in den 1970er Jahren sorgenvoll auf die Partisanen und Piraten des verschworenen Ordens der Cassetten-Raubkopierer, zu denen auch ich damals zählte. „Funk-Jockeys“ wie Frank Elstner und Thomas Gottschalk sowie der damalige Jupiter-Rekord-Chef Ralph Siegel bildeten die Speerspitze der Schallplatten-Industrie. Die Totschlagformel „Umsonstkultur“ war noch nicht erfunden. Damals ging es um „Hits zum Nulltarif“. Heute wohl semantisch etwas zu kompliziert für die PR der Verwerter und Urheber. Da liebt man es derber und formuliert nicht mehr allzu komplizierte Sätze wie „Hometaping is killing music“. Besser ist: „Raubkopierer sind Verbrecher“ oder „Aufruf gegen den Diebstahl geistigen Eigentums“.

Die Aufruf-Künstler mögen es monokausal. Wer den starken Staat gegen digitale Hausierer und Kopisten in Stellung bringen will, darf nicht zurückblicken auf die Fehler der Gesternbranchen, wie ich sie in dem Fachmagazin „Absatzwirtschaft“ beschrieben habe. Und was ich weiter noch so alles zu diesem Thema geschrieben habe, steht morgen in meiner The European-Kolumne.

Update: Hier geht es zur Kolumne.