@DieTechniker Schlumpf-Figuren haben meinen Schreibstil verbessert

„Lieber @IlloSZ – können sie uns saubere, wissenschaftliche Studien nennen, die die Nicht-Wirksamkeit von Homöopathie belegen?“

Die Replik der Krankenkasse „Die Techniker“ ist nicht nur ein hübsches Beispiel, wie man auf Twitter untergehen kann, sondern generell mit Zahlen, Daten, Fakten oder Studien nicht umgehen sollte. Als Versicherter muss ich also die Nicht-Wirksamkeit der Homöopathie belegen. So ist man schön aus dem Schneider. So macht es ja auch die Theologie: Wenn ich die Nicht-Existenz Gottes nicht beweisen kann, ist es der Beweis für die Existenz Gottes.

Und was schiebt die Krankenkasse nach?

„Seit März 2013 arbeiten wir mit der Charité in Berlin an einer wissenschaftlichen Studie. Ergebnisse 2018.“

Also liegen wohl keine Befunde vor.

Auf Twitter gibt es schon herrliche Reaktionen, die die „Beweisführung“ der Versicherung ad absurdum führen:

Helmut Schmidt hätte mit der These antreten können, dass sein kettenrauchender Konsum von Menthol-Zigaretten dazu beigetragen hat, seinen 96. Geburtstag in relativ guter Verfassung zu feiern. Körperlich hatte er einige Beschwerden, aber geistig war Schmidt noch in bester Verfassung und konnte mit unterschiedlichen Geistesgrößen kenntnisreich über die weltpolitischen Entwicklungen diskutieren.

Oder: Seitdem ich Himbeer-Marmelade esse, bin ich ein glücklicher Mensch. Versucht da mal, den Gegenbeweis zu erbringen.

Als Orientierungsmaßstab für solche Debatten eignet sich der Wissenschaftstheoretiker Karl Popper und die Theorie des Kritischen Rationalismus: Den Geistesblitz für seine Erkenntnisse bekam Popper in der Wiener Beratungsstelle für Kinder und Jugendliche des Individualpsychologen Alfred Adler. Dass alles menschliche Handeln durch einen tiefverwurzelten Minderwertigkeitskomplex beherrscht sein soll, konnte Popper in seiner Tätigkeit für Adler nicht überzeugen. Er berichtete Adler im Jahre 1919 über einen Fall in der Beratungsstelle, der nicht in das Schema „Inferioritätskomplex“ passte. Adler aber hatte nicht die geringste Schwierigkeit, ihn im Sinne seiner Theorie als einen Fall von Minderwertigkeitsgefühlen zu diagnostizieren, obwohl er das Kind nicht einmal gesehen hatte.

„Ich war darüber etwas schockiert und fragte ihn, was ihn zu dieser Analyse berechtigte. Meine vieltausendfältige Erfahrung, war seine Antwort; worauf ich mich nicht enthalten konnte zu erwidern: ,Und mit diesem Fall ist Ihre Erfahrung jetzt eine vieltausend-und-einfältige‘“, so Popper.

In den folgenden Jahren arbeitete er am Beginn seiner wissenschaftlichen Karriere an einem Kriterium, das zwischen Wissenschaft und Scheinwissenschaft unterscheidet. Adler, Freud und Co. ging es ausschließlich darum, nach Bestätigungen ihrer Theorien zu suchen – also eine induktive oder positivistische Vorgehensweise, die damals Standard war. Man schließt vom Einzelnen auf das Allgemeine. Schon Ende des Jahres 1919 kam Popper zu dem Schluss, „dass die wissenschaftliche Haltung die kritische war; eine Haltung, die nicht auf Verifikationen ausging; sondern kritische Überprüfungen suchte: Überprüfungen, die die Theorie widerlegen könnten.“

Beim Tweet der Krankenkasse handelt es sich sogar noch um eine verschärfte Variante der Unwissenschaftlichkeit. Niemand ist in der Lage, die Nicht-Wirksamkeit oder Nicht-Existenz zu beweisen. Man kann nur den Effekt oder die Wirksamkeit belegen. So sehen es auch Annette von Zumbusch und Johannes Ring in ihrem Buch „Neurodermitis – Ursachen und Therapien“.

Man müsse den Beweis für die Wirksamkeit einer Methode erbringen, wenn man erwartet, dass andere die Methode übernehmen und sogar die Solidargemeinschaft die Kosten tragen soll. In einem dreijährigen Versuch konnte beim Einsatz der Homöopathie kein Unterschied zu einem Placebo-Mittel festgestellt werden. Also keine positive Wirkung. Nur auf so einer Basis kann man seriös diskutieren.

Aber eines ist klar. Seitdem Schlumpf-Figuren auf meinem Schreibtisch stehen, schreibe ich bessere Beiträge auf ichsagmal.com 🙂

Tweed-Sakko statt Tweet-Kompetenz

Man spürt die Verkrampfung der liebwertesten Gichtlinge aus dem Industrieparadies des 20. Jahrhunderts, wenn sie sich mit Dingen beschäftigen müssen, die sie nicht kapieren. In Anlehnung an das Standardwerk von Marshall McLuhan formuliert es der Grafiker Quentin Fiore in seiner Schrift „Das Medium ist die Massage“ etwas deutlicher: Ein Überleben sei heute unmöglich, wenn man sich seiner Umwelt, dem sozialen Drama, mit einer starren, unveränderlichen Haltung nähert – eine geistlose, immer gleiche Reaktion auf das Verkannte. „Leider begegnen wir dieser neuen Situation mit einem riesigen Ballast überholter intellektueller und psychologischer Reaktionsmuster. Sie lassen uns h-ä-n-g-e-n. Unsere eindrucksvollsten Wörter und Gedanken verraten uns. Sie verbinden uns mit der Vergangenheit, nicht mit der Gegenwart“, schreibt Fiore.

Der „Salesmanager 4.0“ hasst in Wahrheit die Welt der Blogs, Foren und Netzwerke. Alles eine Zeitgeisterscheinung. Er kann einen Tweet nicht von einem Tweed unterscheiden. Letzteres hängt ja als Sakko in seinem Kleiderschrank. Warum sollte es da noch etwas anderes geben. Neumodischer Kram. Das Netz richtet sich aber nicht mehr nach den Gesetzen der Tweed-Kanalarbeiter.
Es herrscht asymmetrisch, wie es die Zeit-Autorin Tina Hildebrandt formulierte in ihrem Exkurs über den Depp-der-Woche.de. Unkontrollierbare Schwärme gegen Individuum oder Organisation. Der Salesmanager 4.0 ist in Wahrheit ein Kaiser Wilhelm der Neuzeit, der fest an die Zukunft des Pferds glaubte und das Automobile für eine vorübergehende Erscheinung hielt. In zehn Jahren wird es diesen Manager nicht mehr geben. Am Montag mehr in meiner The European-Kolumne über den Abschied von den Tweed-Managern: Die asymmetrische Herrschaft der Netzkommunikation.