Verleger sind wie Taxizentralen #lsr

Verleger sind wie Taxizentralen

Richard Gutjahr hat die Absurdität des Leistungsschutzrechtes mit einer sehr trefflichen Analogie zur App „MyTaxi“ erläutert.

„Dieses kleine, unscheinbare Programm ist so simpel wie genial: Nur zweimal auf einen Knopf drücken, und das Taxi kommt. Das Smartphone ermittelt den aktuellen Standort, gleicht die Koordinaten mit verfügbaren Taxis in der Umgebung ab und informiert Fahrer über den neuen Auftrag. Seit Sommer kann man über die App sogar kinderleicht bezahlen.“

Zudem wird der Name und das Foto des Taxifahrers eingeblendet, der Taxifahrer kennt meinen Namen und der Standort seines Taxis wird mir auf einem kleinen Stadtplan angezeigt, so dass ich weiß, aus welcher Richtung das angeforderte Fahrzeug kommt. Missverständnisse sind also ausgeschlossen. Beim Einsteigen begrüßt der Fahrer mich dann noch mit meinem Namen – personalisierter Service nennt sich so etwas. Aber was noch wichtiger ist:

„Keine nervtötenden Warteschleifen mehr am Telefon, bis endlich jemand abhebt und meine Bestellung entgegennimmt. Kein Füße-in-den-Bauch-stehen und sich wundern, wo denn bloß das Taxi bleibt“, so Gutjahr.

Zudem brauche ich in einer fremden Stadt den Telefonisten in der Taxizentrale nicht umständlich erklären, wo ich mich gerade befinde. Ich schließe mich dem Votum von Richard an: Das Ganze ist einfach genial.

„Genial für den Kunden – genial für die Taxifahrer. Weniger genial für die Mittelsmänner, die Telefonisten in den Taxizentralen, die in Zukunft nicht mehr gebraucht werden.“

Vielleicht verstehen jetzt Call Center-Manager, warum die personalisierte Dienste via App oder Web Telefonanrufe überflüssig machen. Kein Kunde ruft gerne eine Hotline an. Wenn sich die virtuellen Dienste auf mein Nutzungsszenario einstellen und eine Software mich automatisch bedient, ist mir das tausendmal lieber.

Aber was hat das denn nun mit dem Leistungsschutzrecht zu tun?

Na die Verlage sind in einer Situation wie die Taxizentralen. Sie haben den Web-Diensten von Google & Co. wenig entgegenzusetzen, so Richard Gutjahr.

„Geld fordern für Ideen, die sie selbst nicht hatten. Das ist es, worum es beim Leistungsschutzrecht geht. Und weil im Herbst gewählt wird, traut sich kaum ein Abgeordneter des Döpfners alte Leier zu hinterfragen. Nicht der Journalismus ist tot, sondern die Geschäftsmodelle. Man hätte diese Entwicklung erkennen und sozialverträglich begleiten können. App-Programmierer ausbilden, statt Taxi-Telefonisten. Datenjournalisten statt Warteschleifen-Musik-Komponisten. Hier haben übrigens nicht nur die Verlage geschlafen, sondern auch die Journalistenverbände, die über Jahre hinweg damit beschäftigt waren, die Zukunft zu bekämpfen, statt den Übergang ins Digitalzeitalter zu begleiten. Das Leistungsschutzrecht, ein unheilvolles Gemisch aus Saturiertheit, Ahnungslosigkeit, und mangelnder Kreativität.“

Das LSR ist ein weiterer Indikator für die Rückständigkeit Deutschlands auf dem Web zu einer vernetzten Ökonomie und Gesellschaft. Siehe auch: Im Land der digitalen Lustlosigkeit. Und meine The European-Kolumne: Lustlos im Netz.

Wie Online-Dienste und Startups auf das Leistungsschutzrecht reagieren, hat Martin Weigert sehr schön zusammengefasst.

Ins Schwarze trifft auch das Blogposting von Michael Seemann: “Institutionen werden alles dafür tun, die Probleme, für die sie geschaffen wurden, zu erhalten“, so eine Erkenntnis des amerikanischen Medienwissenschaftlers Clay Shirky. Zu diesem Zweck haben in der westlichen Welt die starken Institutionen der Massenmedien die Politik – und so die ganze Gesellschaft – für ihre Zwecke in Geiselhaft genommen. Die Knappheit von Information muss gewährleistet bleiben, koste es, was es wolle.

Und wie man ohne Mittelsmänner, also ohne Verlage, Projekte auf die Beine stellen kann, wollen wir mit unserer Crowdfunding-Initiative „Die Streaming-Revolution – Ein fließendes Buch über und mit Hangout on Air“ unter Beweis stellen. Die Finanzierungsphase hat vor gut einer Woche begonnen. Jetzt können Unterstützer sich für unterschiedliche Modelle entscheiden, um das Ganze ins Rollen zu bringen 🙂

Warum man nach Dubai schauen sollte und Verlegerbübchen nicht so wichtig sind #wcit12

Wort am Donnerstag

Während sich Verlegerbübchen und Möchtegern-Lobbyisten im Grabenkampf gegen Google positionieren und mit absurden Formulierungen wie „Hehlerbande“ oder „Taliban“ um sich werfen, wird in Dubai über die Zukunft der Internet-Regulierung debattiert. Beides ist wichtig. Aber wenn ich mir die Ziele der autoritären Staaten anschaue, die im Netz ihre Ziegelstein-Diktatur-Visionen realisieren wollen, sollten wir in den nächsten Tagen verstärkt Konferenz der Internationalen Fernmeldeunion schauen.

Beispielsweise morgen. Da organisiert die EU-Kommission zwei Videokonferenz-Schaltungen live aus Dubai, an denen auch die europäische Bürgerrechtsorganisation European Digital Rights (EDRi) teilnehmen wird.

„EDRi organisiert jetzt eine öffentliche Fragerunde und ermöglicht damit einen direkten Einblick in das Geschehen in Dubai: Stellt einfach Eure Fragen über Twitter an @edri_org und/oder verseht Eure Tweets mit dem hashtag #askthecom. Fragen und Antworten werden dann in Updates drüben veröffentlicht“, teilt netzpolitik.org mit.

Hier die Meldung im Original:

Over the next two weeks, EDRi will participate in two video conferences, on the 7 and 12 December, organised by the European Commission in order to get live feedback from the ITU’s World Conference on International Telecommunications (WCIT) in Dubai.The video conferences are an opportunity to get answers on the discussions taking place regarding some of the proposals that have been put forward and shed more light on the negotiations that could profoundly change the internet as we know it. Some ITU members states have tabled proposals that could indeed mean the end of the open, neutral and free internet. Issues of cybersecurity, limitations on access to infrastructure and sovereignty raise serious concerns about their impact on fundamental rights such as the right to freedom of expression and to privacy.

Send your tweets with the hashtag #askthecom to @edri_org and we will publish your questions and the answers we receive in updates of this post.

Ich selbst werde aber morgen leider nicht aktiv mitmischen. Bin auf der Skipiste 🙂

Meedia, abstürzende Payment-Strategien, Holzhammer-Sprüche und der „Fall“ Niggemeier

Der Branchendienst Meedia schlägt auf den FAZ-Journalisten und Blogger Stefan Niggemeier ein, wegen seiner Kritik an der Paid Content-Strategie des Springer-Konzerns. Martialisch schreibt Meedia gar vom Umschalten des Alpha-Journalisten auf Aggro und macht daraus einen „Fall Stefan N.“. „Dass der Springer-Verlag mit seinem Paid Content-Vorstoß polarisieren und Widerspruch hervorrufen würde, war klar. Aber mit diesem Echo hatte wohl niemand gerechnet. ‚Aussichtslos, selbstmörderisch, unverschämt‘, hämt Medienjournalist Stefan Niggemeier und verreißt den Test auf ganzer Linie. Nicht die Kritik irritiert, sondern die Art, wie sie vorgetragen wird – besserwisserisch, unversöhnlich, beleidigend. Die Abrechnung gerät zur Hasspredigt. Vom Alpha- zum Aggro-Blogger: der Abstieg eines preisgekrönten Autors“, so die Einschaltquoten-Fans von Meedia, die uns jeden Tag mit den bescheuerten „Statistiken“ der „werberelevanten“ Zuschauer von 14 bis 49 Jahren beglücken (eine Erfindung des früheren RTL-Chefs Helmut Thoma).

Es ist ja noch höflich von Meedia, nicht zu verschweigen, dass Niggemeier das Medienportal der Bertelsmänner als „Um- und Abschreibedienst“ tituliert hat und zumindest eine Motivation für den Rundumschlag gegen den FAZ-Mann damit nicht verborgen bleibt. Niggemeiers Medienwelt scheine einfach strukturiert. Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Gratis-Web und Paid Content. „Weswegen er vermutlich ein Experiment (und um nichts anderes handelt es sich bei dem Springer-Vorstoß) nicht als solches be- und abhandeln kann. Bei Stefan Niggemeier hat man den Eindruck, dass die Wut auf das Medienbusiness im Allgemeinen und deren unverschämten Versuch, mit Inhalten vielleicht sogar online Geld zu machen, in diesem Fall das einzige erkenntnisleitende Motiv gewesen ist“, führt Meedia weiter aus. Man müsse die Bezahlschranke bei Abendblatt.de und Morgenpost.de nicht gut oder sinnvoll finden. Und ganz sicher sei das Editorial von „Abendblatt“-Vize Matthias Iken in vielerlei Hinsicht als unglücklich zu werten.

Aber sei es verhältnismäßig, wenn Niggemeier Text und Autor mit Vokabeln wie „Frechheit“, „unredlich“ und „verlogen“ belegt, wenn er Iken nachsagt, dieser schimpfe rum „wie ein einarmiger Rentner 1968 über die langhaarigen Studenten“? „Hallo!? Das hat doch mit Konfliktstil nichts mehr zu tun. Niggemeier leistet sich eine Entgleisung, deren Ursachen weniger im Thema als beim Kritiker selbst zu suchen sind. Ist der so frustriert von der Medienrealität, dass er nur noch mit Aggression darauf reagieren kann“, fragt sich Meedia.

Niggemeier selbst habe nichts konstruktives zur Debatte beizutragen. Dass er glaube, das Micro-Payment sei für Verlage der Schlüssel zum Webgeschäft, ist ebenso umstritten und im Übrigen reine Spekulation. Nun, haben sich die Meedia-Macher mal die Preise bei der Bezahldatenbank Genios/GBI angeschaut? Wenn man drei, vier oder mehr Euro für einen Artikel zahlen muss, kann man wohl kaum von einer Payment-Strategie sprechen, die den Massenmarkt erreichen kann.

Und wer vergreift sich denn in der Tonlage, wenn nicht Springer-Chef Döpfner.
Der Fachzeitschrift Horizont hat das treffend kommentiert: „Freibiermentalität“, „Web-Kommunismus“? – warum man mit Holzhammer-Sprüchen keinen Paid Content etabliert.

Und was hat denn Niggemeier wirklich aufgeregt? Das verschweigen die Anbeter der RTL-Quoten. Es war vor allen Dingen das rüde Vorgehen des Springer-Verlages: „Ohne jede Ankündigung standen die Leser heute plötzlich vor geschlossenen Schranken mit Euro-Zeichen. Und nicht nur die Leser: Auch viele Mitarbeiter wussten nichts davon, dass die Angebote, für die sie arbeiten, nicht mehr frei zugänglich sind. Die Online-Inhalte der Lokalausgaben sind komplett kostenpflichtig; in den Haupt-Ressorts ist es eine größere Auswahl.
Wer alle Texte lesen will, muss entweder Abonnent der gedruckten Zeitung sein oder für 7,95 Euro im Monat Abonnent der Online-Ausgabe werden. Sich einen einzelnen Artikel, an dem man besonders interessiert ist oder über den man vielleicht bei Google gestoßen ist, für ein paar Cent freizuschalten, ist nicht möglich. Damit folgt das ‚Abendblatt‘ exakt der tödlichen Strategie der Musikindustrie, die sich jahrelang geweigert hatte, dem offenkundigen und technisch leicht zu erfüllenden Wunsch der Kundschaft nachzukommen, einzelne Musiktitel erwerben zu können. Die Musikindustrie aber wollte um jeden Preis am für sie lukrativen Geschäftsmodell der CD festhalten — mit dem Ergebnis, dass sie fast am Ende ist und branchenfremde Unternehmen wie iTunes jetzt groß im Geschäft sind“, so Niggemeier.

Meedia kritisiert den ewigen Vergleich mit der Musikindustrie, aber er trifft halt den Kern. Es fehlt an attraktiven Preismodellen, es fehlen Überlegungen für mobile Endgeräte (Verlage haben Leute wie Döpfner und keinen Steve Jobs), es fehlen attraktive und gut funktionierende Apps (vergleicht doch mal die iPhone-Applikation der New York Times mit dem ständig abstürzenden Angebot der Tageszeitung „Die Welt“ – übrigens schmiert die Meedia-App auf dem iPhone auch häufig ab!).

Döpfner und Co. haben den Sturz vom Medien-Thron immer noch nicht verkraftet. Man könnte pychologisch auch von einer narzisstischen Kränkung der Gestern-Medien sprechen. So schreibt Niggemeier zu recht: „Die Zeitungsbranche glaubt aber immer noch, dass ihr Geschäft so läuft, dass die Leser die Inhalte gefälligst so zu kaufen haben, wie die Verlage sie verkaufen wollen. Die Verleger glauben offenkundig, dass sich bei Journalismus nicht um eine Dienstleistung handelt, bei der die erfolgsversprechendste Strategie die ist, die den Wünschen der Kundschaft so weit wie möglich entgegenkommt. Sie halten sich für unverzichtbar und ihre Produkte für unersetzbar. Sie folgen der Musikbranche in den Abgrund“.
Aber das kann uns doch eigentlich egal sein. Genau so wie die Schummel-TV-Quoten von RTL, die Meedia jeden Tag rausflötet.