Max Weber wird „heftiger und lauter, #Schumpeter sarkastischer und leiser“ – Zwei Großdenker streiten im Wiener Café Landtmann

Ab 1911 unterrichtet Joseph Schumpeter Volkswirtschaftslehre in Graz. Vorher war er vom Wintersemester 1909/1910 bis zum Sommer 1911 außerordentlicher Professor für politische Ökonomie an der Universität Czernowitz. Seine Karriere als Professor begann also in seinem 26. Lebensjahr. Schon 1911 legt er mit der „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ eines seiner Hauptwerke vor. Beruflich ist er also ein Frühvollendeter wie der Dichter Hugo von Hofmannsthal.

In dieser Zeit wird Max Weber auf Schumpeter aufmerksam. Er hält ihn für hochgeeignet, der Kandidat neige allenfalls in populären Vorträgen zu Paradoxien, eine Variante des Morbus Sombart also. Im Frühjahr 1918 kommt es dann in Wien auf Bitten Webers – arrangiert durch den österreichischen Bankier Felix Somary – zu einem Treffen mit Schumpeter. Nachzulesen in der vorzüglichen Weber-Biografie von Jürgen Kaube, erschienen im Rowohlt-Verlag.

„Das Gespräch im Café Landtmann kam bald auf die Russische Revolution. Schumpeter findet erfreulich, dass nun der Sozialismus nicht mehr bloß diskutiert werde, sondern seine Lebensfähigkeit zu erweisen habe. Darüber regt sich Weber sehr auf. Der Kommunismus sei unter den russischen Entwicklungsumständen ein Verbrechen, es werde in menschlichem Elend und einer Katastrophe enden“, schreibt Kaube.

Das könne schon sein, so Schumpeter, aber das wird für uns ein recht nettes Laboratorium.

„Eines mit gehäuften Menschenleichen“, fährt Weber auf, der es vor nicht allzu langer Zeit noch berechtigt fand, dass Millionen für die jeweilige Ehre in Schützengräben starben.

„Der Nationalismus war offenbar unter den europäischen Entwicklungsumständen kein Verbrechen. Somary ist von diesem Streit nicht überrascht. Er kennt Weber ausnehmend gut und bezeichnet ihn als ’nervösen Stürmer‘, der immerfort kämpfe, ‚auch wenn es sich um kleinste lokale Dinge‘ handele. Schumpeter dagegen sei auf dem Wiener Theresianum, dem Gymnasium für künftige Diplomaten, dazu erzogen worden, über den Dingen zu stehen und nie persönlich zu werden, ‚alle Spielregeln und Ismen‘ zu beherrschen, aber keiner Richtung anzugehören. Somary also will ablenken und weist auf die Veränderungen der sozialen Entwicklung durch den Krieg hin. Nun wirft Weber Großbritannien die Abkehr vom Liberalismus vor. Schumpeter widerspricht. Weber wird ‚heftiger und lauter, Schumpeter sarkastischer und leiser‘. Die Kaffeehausbesucher unterbrechen ihre Schachpartien und hören zu. Bis Weber aufspringt und mit den Worten ‚Das ist nicht mehr auszuhalten!‘ auf die Ringstraße hinausstürzt. Hartmann bringt ihm den Hut nach und versucht vergebens, ihn zu beruhigen. Schumpeter schüttelt den Kopf: ‚Wie kann man nur so in einem Kaffeehaus brüllen'“, so Kaube.

Hat Max Weber hier vielleicht gegen sein Postulat der Neutralität verstoßen? Wissenschaftler sollten sich doch in normativen Fragen heraushalten. Unter dem Stichwort Werturteilsstreit findet Ihr die entsprechenden Quellen.

„Hat Joseph Schumpeter im Café Landtmann sein Gegenüber also einfach darauf hingewiesen, dass Max Weber sich selbst vor einer letzten Rangfrage seiner Wertsetzungen drückte, ob denn nun Wissenschaft oder Politik sein Beruf war? Denn nur der Politiker in Weber konnte sich über Schumpeters Abgeklärtheit aufregen, der Wissenschaftler hätte sie verständlich finden müssen. Zudem führt die Sozialwissenschaft keine Experimente durch, und wenn ihr die Geschichte nun ein solches Experiment in Gestalt einer Revolution anbietet, tut sie gut daran, kühl zu bleiben, um ihre Chancen auf Erkenntnisgewinn nutzen zu können. Doch Weber bleibt natürlich nicht kühl“, erläutert Kaube.

So glaubte er ja lange Zeit an einem deutschen Sieg im Ersten Weltkrieg. Im Frühjahr 1918 war allerdings klar, dass es dazu nicht mehr kommen würde. Das von Schumpeter erwähnte Experiment war für den Patrioten Weber natürlich eine Zumutung.

Ihr merkt schon, wie facettenreich das Wirken von Schumpeter war.

Kommt also heute Abend in den Buchladen 46 in Bonn.

Offene Demokratie-Diskurse mit Unternehmern und Managern? #PeterDrucker

peter-drucker

„Chefs dürfen zur Politik nicht schweigen“, fordern Peter Paschek, Unternehmensberater und Dozent an der Technischen Universität München, und Winfried Weber, Professor für Management an der Hochschule Mannheim, in einem Gastbeitrag für die FAZ. Sie berufen sich auf den Management-Guru Peter Drucker (beide Autoren sind Gründungsmitglieder der Peter Drucker Society of Mannheim e.V.), der davon überzeugt war, dass freie Unternehmer eine menschenrechtsbasierte Demokratie brauchen – und sich für sie einsetzen müssen.
Zumindest heute würde die Erkenntnis wachsen, dass erhebliche Anstrengungen erforderlich sind, um den politischen Humanismus westlicher Prägung und den darauf basierenden demokratischen Rechtsstaat zu fördern, weiterzuentwickeln und gegebenenfalls zu verteidigen.

„Seine Institutionen sind gefährdet, da ihre Legitimität in Frage gestellt wird. Dieses nicht nur von politischen Gruppierungen, die heute unter dem Sammelbegriff Populisten kategorisiert werden. In Frage gestellt wird sie auch aufgrund ihrer eigenen Erstarrung. Es reicht nicht aus, die Besinnung auf die christlich-abendländischen Werte zu fordern, um dann zur Tagesordnung überzugehen. Werte sind geschichtlich gewordene Strebensziele, die zur Diskussion gestellt werden müssen und die der Gestaltung und Erneuerung bedürfen“, schreiben Paschek und Weber.

Wie könne dieses anspruchsvolle Ziel – angesichts des Politikverständnisses der Manager und des Managerverständnisses von Politik – in die Tat umgesetzt werden? Die Gastautoren beziehen sich auf den „Wirtschaftsethiker“ Karl Homann, der allerdings nicht gerade mit einem normativen Forschungsverständnis glänzt.

Man müsse einen Dialog mit offenem Ausgang mit den Betroffenen führen, so Homann. Es sei „in Rechnung“ zu stellen, dass die Menschen besonders in Umbruchsituationen ihre Lage zentral in ethischen Kategorien – wie Würde, Gerechtigkeit, Ebenbürtigkeit, Partizipation – auslegen. Sie werden nur dann bereit sein, sich auf eine neue Ordnung für die Weltgesellschaft einzulassen, wenn sie ihr normatives Selbstverständnis darin aufgehoben finden. Diese Diskursverantwortung beginne im Unternehmen, und zwar in der informellen Kommunikation der Manager mit Kollegen, Mitarbeitern und Vorgesetzten.

„Ein erster Schritt in Richtung einer Diskursverantwortung im Sinne von Drucker und Homann wäre, diesem Umfeld Orientierung zu geben, die getragen ist von der Bereitschaft, eine Kultur des zivilisierten Umgangs mit politischen Differenzen zu fördern und konstruktiv zu gestalten. Eine vielfach vorhandene, unreflektierte Demokratieskepsis und die Illusion, dass politische Entscheidungsfindung mit der Schnelligkeit der Wettbewerbswirtschaft vollzogen werden kann, stehen dem aber im Wege“, so Paschek und Weber.

Zur Überwindung dieser Barriere wäre eine gezielte Überarbeitung des weiten Feldes der Curricula von Management-Aus- und -Weiterbildung überfällig.

„Führungskräfte benötigen eine umfassende Bildung, in der Tugenden wie Urteilsvermögen, verantwortungsvolle Selbstbegrenzung oder Vorbildfunktion gelehrt und Extremismus, Machtmissbrauch und Vertrauensverlust diskutiert werden.“

Es gehe nicht um die großen Würfe, sondern auch hier, wie Max Weber es formulierte, „um das Durchbohren dicker Bretter mit Augenmaß und Leidenschaft zugleich“. Andernfalls drohe den Demokratien eine Ära unter der Herrschaft autoritärer Figuren.

Wie soll das funktionieren, wenn Führungskräfte die Öffentlichkeit mit ihren weltweit führenden PR-Botschaften einseifen und überhaupt nicht an einem offenen Dialog interessiert sind?

Siehe auch: Unternehmenskommunikation im Datenstrom des Netzes – in Deutschland dominieren die „Controlletis“

Voraussichtlich im Juni Voraussichtlich im Juni wird die Mannheimer Drucker Society zu diesem Thema einen Executive-Roundtable veranstalten:

„Management und Politik in turbulenten Zeiten“
Peter Druckers Appell an die Wirtschaftselite

Referenten: Peter Paschek, Prof. Dr. Winfried Weber und andere

Welche Aufgaben kommen Wirtschaftsmanager zu?
Peter Druckers Aufruf bezieht eine klare Position:
„Performing, responsible management is the alternative to tyranny and our only protection against it.”

Wie wäre es mit einem Diskurs, der live ins Netz übertragen wird? Der Netzökonomie-Campus würde das auf die Beine stellen 🙂

Bespaßungsmaßnahmen für den Büroalltag: Mister K. und die kreative Knetmasse

Genehmigungsbürokratie

Ich sitze im Büro, also bin ich? Diesen Mythos verbreiten vor allem Konzerne mit allerlei Bespaßungsmaßnahmen, um zu kaschieren, dass das Angestelltendasein immer noch in einem „Gehäuse der Hörigkeit“ stattfindet, wie es die Wirtschaftswoche mit Verweis auf Max Weber beschreibt. Freiheit am Arbeitsplatz sei nur ein anderes Wort für Dressur.

„Die Welt dreht sich schnell und immer schneller, verraten uns die Soziologen, nur im Büro steht alles still. Kein Fortschritt nirgends, weit und breit. Der Mensch hat im vergangenen Jahrhundert den Fernseher erfunden, den Mond besucht und das Genom entschlüsselt, allein sein Angestelltenleben innoviert, das hat er nicht“, so die Wirtschaftswoche.

Noch immer rieche die Büroluft nach Anonymität und Organisation, nach Funktionalität und Vergemeinschaftung, nach Kreativitätswüste und liniertem Denken:

Die nine-to-five-Ketten

„Ganz gleich, ob eingepfercht in blickgeschützten Boxen oder lichtdurchfluteten Aquarien, in milchverglasten Vorzimmern oder verschließbaren Zellen, ob Seit an Seit im Metropolenloft oder eingelassen in die Weite einer aufgelockerten Bürolandschaft mit Kaffee-Vollautomat und Schallschutz-Stellwänden – im Büro beschleicht einen, frei nach Jean-Jacques Rousseau, das Gefühl: ‚Der Mensch ist frei geboren, und liegt doch nine-to-five in Ketten’.“

Je kühner Architektur-Avantgardisten und Management-Gurus die Perfektionierung des arbeitsteiligen Miteinanders auch vorantrieben – heraus komme immer nur eine weitere Mode der humanen Käfig- und Kleingruppenhaltung.

Letztlich versteckt sich hinter den modernen Lichtsuppen-Fassaden die alte Ideologie des industriekapitalistischen Taylorismus, der auch die Büroabläufe auf Fließband-Effizienz trimmt. Was an Freiheiten im Bürokomplex zugelassen wird, sind reine Simulationsübungen, um die Mitarbeiter bei Laune zu halten. Selbstbestimmtes Arbeiten sieht anders aus, ob nun die Angestellten am Freitag mit oder ohne Hawaii-Hemd am Arbeitsplatz erscheinen dürfen.

Es sind mehr oder weniger originelle Einfälle des Personalmanagements, um das Büroleben erträglicher zu machen. Das geht am besten mit ganzheitlichen Konzepten, die in speziellen Motivationsseminaren eingeimpft werden. Die lieben Kolleginnen und Kollegen stellen sich im Kreis auf, greifen zum feuchten Händchen des Nachbarn und rufen im Chor:

„Es beginnt ein kreativer Tag und ich fühle mich gut. Just great.”


Gestresste Mitarbeiter können ihren Frust in albernen Rollenspielen abbauen. Managementaufgaben werden danach mit Knetmasse nachgestellt, weil man ja alles etwas spielerischer angehen will. Meinen Ex-Kollegen von o.tel.o dürfte der erste Auftritt unseres neuen Chefs – nennen wir ihn Mister K. – noch gut in Erinnerung sein. Mit seinen Autoverkäufersprüchen brachte er in wenigen Minuten die Motivation der kompletten Kommunikationsabteilung auf eine Raumtemperatur von Minus zwanzig Grad. Schon mal ähnliches erlebt? Mehr davon in meiner The European-Mittwochskolumne.

Liquid Democracy für die Wirtschaftswelt keine Utopie: Der Außendruck steigt

Riecht das Thema Liquid Democracy in Unternehmen nun nach Basisdemokratie ohne Entscheidungsfindung und täglicher Vollversammlung im Labermodus? Mitnichten. Was ich privat als Konsument und Wähler an Möglichkeiten zur Partizipation im Social Web wahrnehme, möchte ich irgendwann auch am Arbeitsplatz erleben. Wie beim Trend „Bring Your Own Device“. Deshalb wird der Druck auf Unternehmen steigen, so bwl zwei null-Blogger Matthias Schwenk, die Technologien der Beteiligung auch intern einzusetzen. Mit Romantik und Utopie hat das nichts zu tun.

Mit den Möglichkeiten der Vernetzungseffekte erhöht sich die Wahrscheinlichkeit in Organisationen enorm, auf kluge und weise Menschen zu stoßen, die einen hilfreichen Beitrag zu einem Thema leisten können. Es reduziert die Möglichkeiten der Meinungsdiktatoren in Wirtschaft, Politik und Medien, Wissen zu horten und über monopolisiertes Wissen Macht auszuüben.

Das Ganze ist unglaublich anstrengend. Wer sich gegen die vielen Stimmen im Netz durchsetzen will, muss sehr gute Argumente haben und ein wahrer Überzeugungskünstler sein beim Bohren dicker Bretter, wie es Max Weber formuliert hat – intern wie extern.

Nachzulesen in meiner Kolumne für „The European“.

Mehr zu diesem Thema in meiner morgigen Kolumne für den Fachdienst Service Insiders.