Missbrauchsfälle an katholischer Schule: Aufklärer musste gehen

In der katholischen Kirche wartete eine glänzende Karriere für Mathias Wirth. Aber dann kam doch alles ganz anders:

„Ich hatte immer schon katholischer Priester werden wollen. Um Menschen bei Lebenswenden und an Grenzen beizustehen. Parallel zum Theologiestudium lebte ich bereits im Priesterseminar“, schreibt Wirth in einem Beitrag für die Zeitschrift Chrismon.

Um daneben noch etwas Praktisches zu machen, arbeitete er an einem katholischen Jungengymnasium als Lehrer fur Religion und Philosophie. Der Vertrag sollte erst einmal ein Jahr laufen, war aber für länger geplant. Die Schüler wählten Wirth zum Vertrauenslehrer.

„Bald berichteten mir Schüler, dass ein Pater, der im Sanitätsdienst arbeitet, bei vielen Beschwerden Zäpfchen verabreiche. Ich habe erst gelacht, so skurril fand ich das – schon dass die beiden Priester der Schule ausgerechnet in einem so körpernahen Bereich wie dem Sanitätsdienst arbeiten -, aber die Schüler waren sehr ernst. Da wurde mir blitzartig klar, was es bedeutet, wenn ein katholischer Geistlicher Kindern im Gymnasialalter Zäpfchen rektal verabreicht – und dass er damit das allen Priestern bekannte Berührungsverbot, die ‚regula tactus‘, bewusst bricht. Abgesehen davon, dass Lehrer keine Medikamente verabreichen dürfen, schon gar nicht auf diese Weise. Und wenn Kinder akute Schmerzzustände haben, gehören sie zum Arzt. Ich habe mich bei Sexualmedizinern informiert und mich an eine Beratungsstelle gegen sexuellen Missbrauch gewandt: Bin ich hysterisch? Nein, sagten die, da besteht Anlass für den Verdacht sexuellen Missbrauchs. Ich erfuhr, dass sexueller Missbrauch bei Kindern selten Sex im Keller hinterm Ofenrohr ist. Sondern dass es oft um die Produktion von Bildern geht, die später für masturbatorische Fantasien benutzt werden“, so Wirth.

Die Beratungsstelle hat ihn vorgewarnt: Häufig werde der Brandmelder für den Brand verantwortlich gemacht. Und genau so ist es abgelaufen.

„Als ich die Sache der Schulleitung übergab, hieß es: Was ich mir einbilden würde, das Vorgehen sei medizinisch sinnvoll und mit den Eltern geklart. Ich wurde dann in der Schule abschätzrg als ‚der Aufdecker‘ bezeichnet. Bei einer Lehrerversammlung bekam ich Redeverbot“, schreibt Wirth.

Dann erstatteten Eltern Anzeige. Die Staatsanwaltschaft hat mittlerweile das Verfahren eingestellt, weil sexuelle Motive nicht nachweisbar seien. Die Eltern überlegen ietzt, Beschwerde beim zuständigen Oberlandesgericht einzulegen, auch weil ein wichtiger Zeuge nicht gehört worden sei.

„Am Ende des Schuljahrs habe ich trotz allem den Schulleiter gefragt, wie denn die Planung fürs nächste Schuljahr sei. ‚Ohne Sie‘, sagte er. Er sei sehr enttäuscht von mir. Ich sagte: ‚Ich bin auch unfassbar enttäuscht, wie Sie an einer christlichen Schule mit den Schwächsten, den Schülern, umgehen.‘ Wir gaben uns nicht die Hand, er blieb hinter seinem Schreibtisch sitzen“, so Wirth.

Der gesamte Vorfall machte dem hoffnungsvollen Priestertalent klar, dass die katholische Kirche nicht mehr der richtige Platz für ihn ist. Eine gute Entscheidung!