Der neue Gatekeeper für Nachrichten heißt mobiler Internetnutzer und nicht Facebook

Vinewalker bei der mobilen Internet-Nutzung
Vinewalker bei der mobilen Internet-Nutzung

Als sich der Mobilfunkstandard UMTS im Jahr 2008 auf dem deutschen Massenmarkt durchsetzte, etablierte sich auch das mobile Internet im Alltag, schreibt der Dienst Statista, was natürlich großer Humbug ist. Als im Jahr 2000 der große Run auf die UMTS-Lizenzen stattfand, träumten die Netzbetreiber vom mobilen Surfen, Location Based Services und Navigationssystemen auf Smartphones, mobilem Payment und vielfältigem M-Commerce. Außer den eher wenig erfolgreichen Versuchen, den japanischen i-Mode Service auch in Europa zu platzieren, war jeder Versuch, werthaltigen Content bereit zu stellen, bereits schon in der Produktentwicklung steckengeblieben. Display-Logos und Klingeltöne stellten den einzigen mobilen Content dar, für den bezahlt wurde.

Was 2008 statistisch messbar wurde, lag nicht an UMTS, sondern hängt mit einem Datum zusammen: Es geht um den 9. Januar 2007. Apple stellte an diesem Tag der Öffentlichkeit einen Prototyp des iPhones auf seiner Macworld Conference & Expo in San Francisco vor. Erst mit dem iPhone-Marktstart reden wir intensiv über 3G, Apps und Datendienste. Die Explosion an intelligenten Datendiensten bringt bis heute die Telcos in Verlegenheit. Das App-Fieber führte zu Schüttelfrost bei den Netzbetreibern. Davon haben sich die Telekoms dieser Welt nie so richtig erholt. Und nun bekommen auch die klassischen Medien mit etwas Verspätung eine mobile Infektion, wie Huffington Post Deutschland-Chefredakteur Sebastian Matthes sehr schön beschreibt.

Die Smartphone-Revolution
Die Smartphone-Revolution

Die Smartphone-Dominanz und der steigende Anteil bei der mobilen Nutzung des Internets haben dramatische Auswirkungen für Dienstleister, Händler, Medienunternehmen – kurz:

„Es lässt kaum einen Wirtschaftszweig unberührt. Ganz besonders wird es die Arbeit von News-Seiten verändern: Sie müssen in vielen Bereichen ganz anders arbeiten. Wir bewegen uns anders durch das mobile Internet Denn das mobile Internet funktioniert grundlegend anders als das Internet, das wir vom PC aus ansteuern. Wir navigieren hier seltener mit Suchmaschinen durch das Internet, nicht mehr von Website zu Website und wieder zu unseren Bookmarks. Wir nutzen stattdessen entweder die nativen Apps der Anbieter oder wir bewegen uns mit sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter durchs Netz. An der Bushaltestelle, im Flughafen, vor dem Einschlafen: Ein kurzer Blick in die Apps, ein Klick auf einen spannenden Text – so sieht die Zukunft der Massenmedien aus. Jeder Dritte konsumiert Nachrichten bei Facebook. Der Schmierstoff dieser mobilen Zukunft sind die Empfehlungen in sozialen Netzwerken. Jeder dritte Amerikaner liest bereits Nachrichten via Facebook, haben die US-Forscher von Pew Research beobachtet. Aber nicht, so schreiben die Forscher, weil jeder von ihnen zig Nachrichtenseiten geliked hat. Sie lesen vor allem Texte, die ihre Freunde empfohlen haben. Wir lesen, was unsere Freunde lesen. Und das ist die eigentliche Revolution“, so Sebastian Matthes.

Früher bestimmten die Massenmedien als Gatekeeper unseren Nachrichten-Konsum. Jetzt ist es der mobile Internet-Nutzer und nicht Facebook, wie es der Netzökonom ausdrückt. Facebook ist als auswechselbare Plattform nur Mittel zum Zweck.

Der Netzökonom hat allerdings recht, wenn er die Aktivitäten der Leistungsschutz-Gichtlinge gegen Google als sinnlos darstellt. Der Suchmaschinen-Gigant wird für den Nachrichtenkonsum irrelevanter. Scheiße für die Abmahn-Bubis von VG Media und Co.

Auf Facebook gab es zu den Thesen des Huffington Post Deutschland-Chefredakteur heftige Kritik.

Die beiden Hauptakteure des Streits, Karsten Werner und Sebastian Matthes, haben wir in unsere Bloggercamp.tv-Sendung am Mittwoch eingeladen. Start wie immer direkt nach der Tagesschau um 20:15 Uhr.

Ich selbst werde das Thema in meiner The European-Kolumne am Mittwoch aufgreifen und würde gerne Eure Meinung zu diesem Thema einbauen. Schickt mir also Eure Sicht der Dinge bis morgen (Dienstag) so gegen 14 Uhr zu. Entweder hier als Kommentar oder per Mail an gunnareriksohn@gmail.com.

Man hört und sieht sich spätestens am Mittwoch bei Bloggercamp.tv. Oder man trifft sich am Donnerstag auf der Buchmesse. Da produziere ich mit meinem Kollegen Wolfgang Schiffer wieder eine Folge von Wortspiel-Radio.

HuffPost Live via Hangout – News-Formate mit dem Google-Dienst #StreamCamp14

Social TV-Show mit Sarah Wiener
Social TV-Show mit Sarah Wiener

HuffPost Live ist ein internet-basierter Video-Streaming-Sender, der am 13. August 2012 von der amerikanischen Nachrichtenseite The Huffington Post gestartet wurde. Mit eigenen Nachrichten und Livegesprächen mit den Nutzern der Seite über Plattformen wie Skype und Google Hangout werden pro Tag acht Stunden Programm angeboten. Von 10 bis 18 Uhr werden pro Tag acht Stunden Liveprogramm produziert. Passend zu den Themen der Mutterseite werden hier in einem speziell für das Internet erstellten Sendeformat kurze und interessante Bewegtbilder mit Livediskussionen gemischt.

Der Wiener IT-Berater Robert Redl war in einer der ersten Sendungen der Huffington Post dabei und konnte dort die europäische Sicht vertreten. Er wurde zur Sendung „Sound off Community Talk“ eingeladen, in der ein Moderator mit Gästen über tagesaktuelle Artikel der Internetseite diskutiert. Damit schafft der Sender mehr Aufmerksamkeit für die Artikel und bekommt von den Nutzern O-Töne und direktes Feedback zu seinen Publikationen. Die Leser und Zuschauer fühlen sich besser eingebunden und bleiben der Seite und dem Sender treu. Die Sendung mit Robert Redl fand am 24. September 2012 statt. Er wurde in einer E-Mail im Vorfeld vom Community-Manager als Hangout-Veteran bezeichnet, was durchaus seine Richtigkeit hat. Er war auch schon bei Bloggercamp.tv ein gern gesehener Hangout on Air-Gast und ist in der Szene bekannt wie ein bunter Hund.

Im Vorfeld werden die Teilnehmer kurz per E-Mail gebrieft und darauf hingewiesen, Kopfhörer bereitzuhalten, falls es durch ihre Hardware akustische Rückkopplungen geben sollte. Dann musste Robert der Abtretung der Verwertungsrechte an Bild und Ton der Sendung zustimmen und versichern, dass er über 18 Jahre alt ist. Die Redaktion macht einen kurzen Technik-Check mit dem Teilnehmer, um keine unliebsamen Überraschungen in der Sendung zu erleben. Trotzdem war eine Teilnehmerin in der Show über ihr Smartphone im fahrenden Auto dabei. Die hat der Moderator nach einer kurzen scherzhaften Ankündigung stummschalten lassen, da sie akustisch überhaupt nicht zu verstehen war.

So sieht der Buchumschlag aus
So sieht der Buchumschlag aus

Nachzulesen mit vielen weiteren journalistischen Anwendungsbeispielen in unserem Livestreaming-Opus, das am 4. September im Hanser-Verlag erscheint.

Die Huffington Post Deutschland, die seit dem 10. Oktober 2013 unter der Leitung von Sebastian Matthes gestartet ist, hat bisher noch kein Livestreaming-Format am Start. Matthes hat aber bereits bei seinem vorherigen Arbeitgeber, der Wirtschaftswoche, mit dem WiWo Lunchtalk ein Hangout on Air-Format zusammen mit Franziska Blum eingeführt, das um 12 Uhr mit einem Gast live gesendet wird. Mal sehen, ob und wann wir ein deutsches Hangout on Air-Format der Huffington Post zu sehen bekommen. Das wird dann vielleicht auch Thema einer StreamCamp-Session „News-Formate mit Hangout on Air“ oder so ähnlich. Werde das jedenfalls vorschlagen 🙂

Wir freuen uns sehr, das die Huffington Post als Hangout-Trendsetter in diesem Jahr StreamCamp-Medienpartner mitwirkt. Das passt gut zusammen, nicht nur der Veranstaltungsort München.

Kleiner Tipp: Sichert Euch das SPECIAL-TICKET für 60 Euro. Beinhaltet die zweitägige StreamCamp-Teilnahme, Getränke und Essen sowie ein
signiertes Buch “Livestreaming mit Hangout on Air”!!!!

Über Ungleichgewichte der Partizipation und digitale Versäumnisse

Hier kann man Internet und Demokratie ausdrucken - wenn man über einen Drucker verfügt
Hier kann man Internet und Demokratie ausdrucken – wenn man über einen Drucker verfügt

Es gibt immer noch ein „Ungleichgewicht der Partizipation“ zwischen den Möglichkeiten, die das Social Web bietet und den Beteiligungsangeboten von Politik, Staat und Wirtschaft. Technologisch komfortabel gelöst ist beispielsweise das Portal FragdenStaat.de. Das Begehren nach Information und Partizipation wird allerdings von den Behörden mit einer perfiden Kunst des Abwimmelns zunichte gemacht. So hat das Informationsfreiheitsgesetz 13 Paragrafen und fast die Hälfte des Regelwerkes kann eingesetzt werden, um Anfragen wieder loszuwerden.

Wenn Partizipationsprojekte der öffentlichen Hand ins Leere gehen, wie beim „Liquid-Friesland-Projekt“, an dem sich innerhalb eines Jahres nur 60 Bürger beteiligt haben bei einer Landkreis-Einwohnerzahl von 100.000, liegt es vielleicht nicht in erster Linie an der mangelhaften Beteiligungsbereitschaft der Bevölkerung, sondern an der schlechten Umsetzung dieser Initiativen.

Internet-Kritiker wie der CDU-Politiker Stephan Eisel können sich mal das Vergnügen machen, den eGovernment-Aktionismus der Bundesregierung etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Stichwort BundOnline. Das sind Internet-Mumien, die das Dasein von Untoten fristen. Kaum ein Projekt hat die erhoffte Nutzerfrequenz erreicht. Das Kabinett-Ärzteteam hat bei seinen Online-Initiativen etwas Wesentliches vergessen: Wo krankt der Patient und welche Therapie ist sinnvoll? Wer braucht die Internetdienstleistungen des Bundes, was muss getan werden, damit sie auch genutzt werden und wie können Doppelentwicklungen vermieden werden? Ohne Anamnese gibt es keine erfolgreiche Medikation.

Die verstorbenen Patienten des BundOnline-Projektes wurden in aller Stille zu Grabe getragen und die Todesursache lautet in allen Fällen „ärztliches Versagen“. Man braucht sich nur das Verteidigungsministerium anzuschauen. Die schreiben seit Jahren lieber wöchentlich lange Berichte, warum sie etwas nicht können, statt es einfach zu tun. Das Phänomen der mangelhaften Beteiligung liegt wohl eher an der digitalen Inkompetenz von Verwaltungen und Regierungen. Oder an einer Blockadepolitik, um sich nicht in die Karten schauen zu lassen.

Zudem wird die Digitalisierung nicht als Querschnitts-Thema gesehen, sondern auf „Neue Medien“ reduziert, wie Nico Lumma in seiner Huffington Post-Kolumne treffend bemerkt:

„Wenn das Digitale nur als ‚Neue Medien‘ angesehen wird, dann wird es auch wie ein Wurmfortsatz der Medien behandelt und seiner Eigenständigkeit beraubt werden. So kann dann der Bundestag weiter machen wie bisher, die Bundesregierung lässt sich beim IT-Gipfel feiern und ab und zu werden mal einigen Startup-Gründern die Hände geschüttelt von einem Digital-Koordinator im Kanzleramt.“

Das Digitale sei weit mehr als nur Multimedia, es betrifft nicht nur die Medienbranche, sondern es revolutioniert jeden einzelnen Aspekt von Staat und Gesellschaft.

„Die Wirtschaft verändert sich immer schneller, der Jobmarkt ist in Bewegung und die Algorithmen werden für Umwälzungen sorgen, gegen die die Rationalisierungsmaßnahmen der 70er und 80er Jahre wie eine nette Episode aussehen“, schreibt Lumma.

Seine Forderung nach Einrichtung eines Zukunftsministeriums und den passenden Ausschuss dazu im Bundestag unterstütze ich leidenschaftlich – verbunden mit dem Wunsch nach einem digitalen Masterplan der Bundesregierung. Kommt in Berlin endlich aus den analogen Socken raus.

„Wichtige aktuelle Analysen können Sie hier ausdrucken“: Dieses äußerst lukrative Angebot kann ich leider nicht mehr in Anspruch nehmen – es fehlt an meinem Arbeitsplatz der Drucker.

Warum der deutsche Mecker-Michel ab und zu auch mal „like“ sagen könnte

Like-Taste für den Mecker-Michel
Like-Taste für den Mecker-Michel

In Deutschland gibt es eine merkwürdige Stimmungslage, wenn es um Netzthemen und neue Technologien geht. Besonders die Berichterstattung gehe in eine Richtung, die viele nicht mehr ertragen können, sagt Sebastian Matthes, Ressortleiter Technik & Wissen der Wirtschaftswoche und designierter Chefredakteur der Huffington Post Deutschland.

Es komme eine neue Idee oder Technik auf den Markt und man findet alles ganz fürchterlich.

„Technologie hat in Deutschland einen positiveren Blick verdient“, so Matthes in Deutschlandradio Wissen.

Es gebe auch einen negativen Bias der Medien, wenn über Internet-Themen berichtet wird. Deutschland könne einen etwas konstruktiveren Blick auf das Netz und auf das Leben im Netz vertragen. Genau das werde er in seiner neuen Aufgabe bei der Huffington Post versuchen.

Google macht vieles richtig

Das heißt nicht, alles hochzujubeln. So machen die liebwertesten Google-Gichtlinge im Umgang mit den eigenen „Kunden“ eine Menge falsch. Stichwort: Content-Zensur und AGB-Diktatur. Technologisch macht der Suchmaschinen-Konzern aber auch einen unglaublich guten Job. Etwa bei der Etablierung des Streaming-Dienstes Hangout on Air, mit dem man Videos live ins Internet übertragen kann. Vor gut einem Jahr war das noch ein unglaublicher Kraftakt und es gab Experten, die betrachteten das Livestreaming von Video- oder Audio-Beitragen als Königsdisziplin der Datenübertragung im Netz. Die Bedenkenträger in Deutschland zerreden das Ganze entweder medienrechtlich oder mosern an der Einfachheit der Anwendung herum. Wer so etwas nicht selber zusammen bastelt, sei kein würdiger Vertreter der Podcast- oder Videozunft.

Völlig unterschätzt wird die bahnbrechende Veränderung durch die Graswurzel-TV-Bewegung.

„Technologisch beginnt der Wandel mit der Atomisierung der Distributionskosten. Das Betreiben eines Blogs kostet im Gegensatz zum Druck einer Zeitung praktisch kein Geld mehr. Die Aufnahme und Bereitstellung eines Podcasts ist kaum den Betriebskosten eines Radiosenders zu vergleichen. Nur im Fernsehen hält sich hartnäckig das Gerücht, dass die Distributionskosten unbezahlbar seien“, schreibt Nikolai Longolius in seinem Buch „Web-TV – AV-Streaming im Internet“.

Auch diese Bastion wird niedergerissen. Wie das geht, führe ich morgen in meiner The European-Kolumne aus.

Oder einfach anschauen, wie Huffington Post live funktioniert:

Noch ausführlicher wird das in den Sessions auf unserem StreamCamp am 16. und 17. November in Kölle thematisiert.

Leistungsschutz-Pharisäer: Was zahlen eigentlich die Verleger für die Leistungen von Google? #lsr

Piraten und sogenannte Urheber 006

Ob jetzt die Google-Kampagne gegen das Leistungsschutzrecht klug ist oder nicht, möchte ich an dieser Stelle nicht weiter kommentieren. Ändert ja eh nichts mehr. Pharisäerhaft finde ich die gekünstelte Empörung über den Suchmaschinen-Gigant, der seine Marktmacht für öffentliche Kampagnen missbraucht. Da brüllen ja die richtigen Salon-Löwen. Eine Melange der Springer-Döpfner-Keese-Lobbyisten-Gesetzgebungsantreiber übt sich in einer perfiden Agitation nach dem Muster „Haltet den Dieb“. Gewichtige Kritik am Gesetzentwurf lassen die die Gralshüter des Qualitätsjournalismus so ganz nebenbei unter den Tisch fallen. Dafür rauscht seit Monaten im redaktionellen Teil eine Kampagne nach der anderen durch den Blätterwald. „Mein Kopf gehört mir“ und so weiter…..

Die Argumentation der liebwertesten Leistungsschutz-Gichtlinge ist so simpel wie bei eingeschaltetem Verstand fragwürdig, berichtet das Medienmagazin dwdl:

„Google verdiene ja Geld mit journalistischen Inhalten der Verlage. Gemeint sind jene kurzen Anreißer-Texte in den Suchergebnissen von Google und Google News. Man scheint bei den Verlagen keinerlei Vertrauen in die eigenen Inhalte zu haben, sonst müsste man sich kaum darum sorgen, dass die Leser sich mit diesen Info-Häppchen in der Suchübersicht von Google zufrieden geben würden. Aber eine ohnehin schon durch den verminderten Mehrwertsteuersatz staatlich subventionierte Branche, die seit Jahren mehrheitlich das Jammern und Klagen perfektioniert statt mit Leistungen zu überzeugen oder gar zu begeistern, ist sich zur Rechtfertigung eines Leistungsschutzrechtes nicht zu schade, journalistische Grundwerte über Bord zu werfen. Willkommen in der Propaganda eines Print-Kartells – und kaum jemand empört sich hörbar öffentlich, weil die veröffentlichte Meinung abgesehen von öffentlich-rechtlichem Rundfunk und wenigen unanhängigen Bloggern und Online-Journalisten zum Kartell gehört.“

Was so alles unter der Decke bleibt, hat Stefan Niggemeier eindrucksvoll zusammengefasst. „Lügen fürs Leistungsschutzrecht.“

Warum werden eigentlich die Redakteure in den so genannten Qualitätsmedien angehalten, für die Online-Ableger ihrer Publikationen möglichst google-optimiert zu schreiben?

Sie werden angehalten, die richtigen Schlagworte in der richtigen Häufigkeit einzusetzen. Nur so schnellen die Zugriffe auf Artikel hoch und erzielen die gewünschte Aufmerksamkeit. Was zahlen eigentlich die Verleger für die Dienste von Google, die sie jeden Tag bislang kostenlos in Anspruch nehmen?

Wenn nun die Verleger Google zur Kasse bitten, könnte ich es verstehen, wenn der Suchmaschinen-Konzern den Spieß umdreht. Werden die Anreißer-Texte nicht mehr eingeblendet, brechen die Klickraten ein. Das Leistungsschutzrecht wird das Siechtum der Verlage sogar noch beschleunigen. An den strukturellen Defiziten ändert das nichts – sie werden eher konserviert und verlangsamen den Wandel, wie es Wolfgang Münchau in seiner Kolumne „Tod der Verleger“ ausführte.

Die Nabelschau der Printmedien

„Springer-Chef Matthias Döpfner beschwor neulich in der Welt ‚gute Zeiten für Verleger, die Wachstum gestalten wollen‘. Ich sehe das ganz anders. Die Krise ist eine fantastische Gelegenheit für neue Medienunternehmer, aber nicht für ihn und andere Großverleger vergangener Zeiten. Das hat nichts mit der Qualität des Managements zu tun, sondern ist eine Frage ökonomischer Logik. Das ‚Internet als Chance für Verleger‘ gehört – nach dem Satiriker H.L. Mencken – in die Kategorie von Thesen, die hübsch, plausibel und falsch sind.“

In den analogen Zeiten hätten sich die Verleger mit ihren Zeitungen und Magazinen dumm und dusslig verdient. Das digitale Zeitalter habe dieses Geschäftsmodell vollständig zertrümmert. Die Prozess sei mit einfacher mikroökonomischer Logik erklärbar.

„Zum Ersten sind die Eintrittsbarrieren verschwunden. Mit Plattformen wie WordPress kann jeder sein eigenes Blog, sogar bescheidene News-Webseiten gestalten. Mit Open-Source-Redaktionssystemen kann man mit geringem Aufwand die komplexesten Websites managen. Für wenige Tausend Euro und ein bisschen Fantasie kann man ein Online- und Mobilangebot hinbekommen, das denen fast aller deutscher Verlage überlegen ist. Die meisten quetschen immer noch ihre analogen Inhalte auf die Website oder auf das iPad, anstatt die kommunikativen Möglichkeiten auszunutzen, die diese neuen Medien bieten. Mit der Extrem-Absenkung der Eintrittsbarrieren verschwand das Oligopol der Verlage in kürzester Zeit. Außenseiter wie die Huffington Post überrundeten in den USA jahrhundertealte etablierte Organisationen wie die New York Times. Die Neuen haben ein von Grund auf multimediales Internetkonzept kreiert“, so Münchau.

Große Verlage seien weniger flexibel in der Ressourcenallokation.

„Ihre relative Größe ist heute kein Wettbewerbsvorteil mehr. Meine eigene Erfahrung mit Verlagsmanagern gerade in Deutschland ist, dass sie vorwiegend analog gestrickt sind. Wenn ich lese, dass ein Verlag sich damit brüstet, massiv in das Internet zu investieren, dann erahne ich ein massives Missverständnis: Der analoge Mensch sieht das Internet als einen weiteren Vertriebskanal für analoge Produkte“, führt der FTD-Kolumnist weiter aus.

Kommt mir irgendwie bekannt vor. Sagen die Manager in der Service-Industrie auch immer. Mit Kanälen ist in der digitalen Welt aber nichts mehr zu machen:

„In digitalen Medien sind Informationen aufteilbar. Die alte Zeitung war, technologisch bedingt, eine Art große Koalition aus Politik, Wirtschaft, Feuilleton und Sport. Die meisten Leser legen immer sofort mindestens zwei Teile einer solchen Zeitung weg, obwohl sie dafür bezahlt haben. Die Katze im Sack ist im Internet unverkäuflich, weil es genügend Katzen außerhalb der Säcke gibt“, meint Münchau.

IBM und Kodak seien zwei entgegengesetzte Beispiele dafür, wie man sich aufgrund einer monumentalen Marktverschiebung anpasst. Kodak gehe gerade den Bach runter, weil es auf sein Geburtsrecht des Marktführers pochte, das es im digitalen Zeitalter nicht aufrechterhalten konnte. IBM verkleinerte sich und flüchtete in eine Reihe lukrativer Nischen.

„Nach meinen persönlichen Erfahrungen droht den deutschen Verlagen das Schicksal von Kodak“, resümiert Münchau.

Das Leistungsschutzrecht wirkt dabei wie ein Katalysator. Und tschüs.