Alternativer Wirtschaftsbuchpreis ging durch die Decke #awb16 #fbm16

Da ist er. Der Gewinner des #awb16
Da ist er. Der Gewinner des #awb16

Der spontan auf Facebook gestartete Alternative Wirtschaftsbuchpreis entfaltete bei seinem Kaltstart eine große Resonanz. Der ichsagmal.com-Blogbeitrag wurde 431 Mal auf Facebook geteilt, intensiv auf Twitter kommentiert und mit einigen Proklamationen begleitet. 8.345 Stimmen wurden abgegeben bei knapp 4.000 Seitenaufrufen am finalen Abstimmungstag.

ichsagmalexplodierte

Mehrfach-Votings waren möglich, was von zwei Buchfan-Fraktionen weidlich genutzt wurde. Man kennt das ja von TV-Abstimmungen beim Eurovision Song Contest. Die Zahl der Einzelaufrufe zeigt aber, dass sich sehr viele Buchbegeisterte für ihre Favoriten ins Zeug legten.

Autor mit Netzwerkstärke

Sieger des ersten alternativen Wirtschaftsbuchpreises #awb16 ist Martin Gaedt mit seinem Opus „Rock your idea – Mit Ideen die Welt verändern“, erschienen im Murmann-Verlag. Das kristallisierte sich erst in den letzten vier Stunden des Votings heraus. Am Donnerstagabend sah Claus Dierksmeier mit seinem Buch „Qualitative Freiheit: Selbstbestimmung in weltbürgerlicher Verantwortung“ wie der sichere Sieger aus.

Das Netzwerk von Gaedt bewies wohl die größere Ausdauer oder hatte die schnelleren Finger. Gaedt setzte sich mit 58 Prozent durch. Dierksmeier verzeichnete 38 Prozent. Alle nominierten Autorinnen und Autoren vereint die Originalität ihrer Gedanken. So reibt sich Gaedt in seinem Buch an der Konformität des Wirtschaftslebens, wie der frühere Personalvorstand Thomas Sattelberger. Blind und unaufmerksam werde alles Unpassende bei der Rekrutierung aussortiert. Genau dieses Unpassende sei aber für Innovationen so wichtig.

Mit dem Sieger und dem Co-Sieger werde ich in den nächsten Wochen Autorengespräche via Hangout on Air führen und ausführlich auf die beiden Bücher eingehen. Ich freue mich schon auf den #AWB17 – der wird dann früher gestartet und mit Talkformaten auf der Frankfurter Buchmesse begleitet.

Ausführlich nachzulesen in meiner Netzpiloten-Kolumne.

#fbm16 Wir starten den alternativen #Wirtschaftsbuchpreis – Bitte nominiert Autorinnen und Autoren

Vom Nutzen der Bücherhaufen
Vom Nutzen der Bücherhaufen

Auf Facebook ist Kritik am diesjährigen Handelsblatt-Wirtschaftsbuchpreis aufgekommen.

Hauptkritik von Nils Pfläging:

„Der Buchpreis ist meiner bescheidenen Ansicht nach komplett falsch (nicht nur „schlecht“!) kuratiert.
Beispiel Shiller/Akerlof – sollten die wirklich für den DEUTSCHEN Wirtschaftsbuchpreis nominiert sein?“

Lutz Becker sagt:

„Es gibt extrem gute deutschsprachige Wirtschaftsbücher, die nie in einem Ranking erschienen sind.“

Das lässt sich ändern. Wir starten einfach einen alternativen Wirtschaftsbuchpreis. Jeder kann bis zu zwei Titel nennen, die im Jahr 2016 (!) erschienen sind. Ich werde das heute Abend zusammenfassen und über ichsagmal.com zur Abstimmung stellen.

Bis zum Donnerstag kann man voten. Am Freitag – parallel zur Buchmesse – wird dann der Sieger oder die Siegerin verkündet. Bedingung: Autorin oder Autor müssen aus deutschsprachigen Ländern kommen. Preis (unter der Bedingung, dass Autorin oder Autor noch leben): Ein Autorengespräch via Hangout on Air mit ausführlicher Vorstellung des Werkes 🙂

Eine kleine Begründung für die Nominierung wäre nicht schlecht. Das eigene Buch kann man natürlich auch nicht nominieren.

Es kann losgehen. Vorschläge entweder hier als Kommentar posten oder auf Facebook.

Lanier und der digitale Angstschweiß: Vom gescheiterten Unternehmer zum „Internet-Pionier“ #fbm14 #Lebenzerstört

Solche Abbildungen haben mein #lebenzerstört
Solche Abbildungen haben mein #lebenzerstört

Auf der Frankfurter Buchmesse gab es bei einigen Verlagsmitarbeitern ein selbstzufriedenes Lächeln, wenn der diesjährige Friedenspreisträger Jaron Lanier zur Sprache kam. Er spricht das an, was viele andere schon immer mal sagen wollten:

„Das Internet zerstört unser Leben.“

Oder wie es Nico Lumma in einem ironischen Zwischenruf auf Facebook formuliert:

„Die Rückwärtsgewandten haben ihre Vaterfigur gefunden. Alles soll wieder so werden, wie es nie war.“

Lanier bedient zumindest in Deutschland den vorurteilsbeladenen Kanon der Internet-Skeptiker, die am liebsten wieder zur Tagesordnung des traditionellen Geschäfts übergehen wollen. Was der Friedenspreisträger und seine Apologeten in die Welt posaunen, sagt mehr über das Weltbild der Kritiker als über die Wirklichkeit aus, betont Tim Cole, Co-Autor des Opus „Digitale Aufklärung – Warum uns das Internet klüger macht“.

https://twitter.com/nerdlicht/status/521602106948861952

Sie sehen die Menschen als Vieh, das nur stumm wiederkäuen könne und sich im Rudel bewegt. Ohne mediale Hirten könnte man die Zumutungen des digitalen Lebens nicht überstehen.

In Wahrheit geht es beim kollektiven Gejammere um Machtverschiebungen oder um enttäuschte Erwartungen, wie bei Lanier, der das Internet für Maoismus hält und dabei wohl nur seine eigenen gescheiterten Projekte als Risikokapital-Unternehmer kompensiert.

#Lebenzerstört, zumindest das unternehmerische Leben von Jaron Lanier
#Lebenzerstört, zumindest das unternehmerische Leben von Jaron Lanier

Lanier gar als „Internet-Pionier“ zu titulieren, liegt wohl eher am Bestreben der Preisjury des Börsenvereins zur Glanzerhellung des gekürten Autors.

Der mediale Hype um den „Programmierer, Sänger und Autor“, der vor Jahren erfolglos mit Avataren herumexperimentierte, hat eher den Charakter eines „Wrestling-Events“, wie es der Soziologe Gerhard Schulze ausdrückt. Statt Inhalte werden nur Etikettierungen ausgetauscht.

Die einen sind Panikmacher, die anderen Zyniker. Man geht zur Tagesordnung über und sucht sich einen neuen Spielplatz, um „Alarm“ zu brüllen. Am Status quo der digitalen Transformation von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft ändert das leider gar nichts.

Die eBook-Verlegerin Christiane Frohmann hat das in einem interessanten Vortrag in der digitalen Arena der Frankfurter Buchmesse als „Angstgemeinschaften“ definiert, die sich bilden, um etwas Erhaltenswertes zu schützen und sich gegen Veränderungen zu sperren.

Man sucht Gleichgesinnte zur Abschottung und zur Ausblendung des nötigen Wandels. Dabei geht es der Content-Startup-Szene gar nicht darum, die Buchkultur in Frage zu stellen. Man sollte allerdings etwas unbefangener mit der Digitalisierung und den virtuellen Gütern umgehen.

Guter Content müsse in einer komfortablen und bezahlbaren Form zur Verfügung gestellt werden. Dem Leser müsse es leicht gemacht werden, digitale Formate abzurufen, fordert Frohmann. Das ist eine Lektion, die man in der Musikbranche mittlerweile gelernt hat.

Und das die Virtualisierung sogar die analogen Verlagsangebote beflügeln kann, belegen die Anbieter von Hörbüchern.

Hier wirken die Abrufe auf iTunes und anderen Plattformen als Katalysator für die klassischen Angebote, wie uns Heike Völker-Sieber, eine der Sprecher/innen des Arbeitskreises der Hörbuchverlage im Börsenverein des Deutschen Buchhandels und Hörverlag-Pressechefin sowie dessen Verlagsleiterin Claudia Baumhöver im Wortspielradio-Interview auf der Buchmesse bestätigten.

Ob das auch bei Hörbüchern so bleibt, kann ich mir allerdings für die Zukunft nicht so ganz vorstellen. Zumindest, wenn es um die CD-Angebote geht.

Bei Vinyl sieht das anders aus, weil es hier mehr Möglichkeiten für die Cover-Gestaltung geht und es eine treue sowie wachsende Fangemeinde gibt.

Vielleicht hilft manchmal auch eine Portion Größenwahn weiter, um Neues zu wagen, wie die Gründer von Sobooks, die Amazon herausfordern wollen.

Gespannt bin ich auf die EDITION SOCIAL von Gerhard Schröder, der beim eBook neue Wege gehen will.

Ich selbst plane ein eBook im Frühjahr 2015 pünktlich zur Leipziger Buchmesse. Mehr dazu verrate ich in den nächsten Tagen.

„Wenn ein neues Buch erscheint, lies Du ein altes“: Empfehlungen nicht nur an Literaturblogs #Wortspielradio #fbm13

Wolfgang Schiffer im Gespräch mit dem Verleger Stefan Weidle
Wolfgang Schiffer im Gespräch mit dem Verleger Stefan Weidle

Ein Tag auf der Frankfurter Buchmesse für eine weitere Sendung des Wortspiel-Radios. Diesmal kein Live-Podcasting, sondern Interviews mit Verlegerinnen und Verlegern von kleinen, ambitionierten und unabhängigen Verlagen. Wolfgang Schiffer und ich fragten nach den verlegerischen Konzeptionen, Neuerscheinungen und Plänen.

„Und manch einem haben wir gar eine Antwort entlocken können auf die Frage ‚How long is now'“, so Wolfgang Schiffer in seinem Blogpost.

Eine tiefsinnige Frage, die auch vom gesamten Literaturbetrieb beantwortet werden müsste. Es werden fantastische Bücher gemacht, die gute Rezensionen bekommen, aber im Buchhandel mehr schlecht als recht verkauft werden. Allerdings ist eine Trendwende absehbar, sagt Stefan Weidle. Die Stimmung dreht sich vor allem bei den Buchkäufern.

Es häufen sich die negativen Berichte über die „Kaufhauspolitik“ von Buchketten wie Hugendubel oder Thalia, die mit ihrer eher bescheidenen Sortimentspolitik in Schwierigkeiten kommen und gegen Amazon wenig entgegensetzen können. Das seien keine guten Buchhandlungen, sondern eher Verkaufsräume für Esoterik-Kerzen und sonstigen Schrott, so Weidle.

„Das wollen die Kunden nicht. Es gibt neue gute Buchhandlungen wie Ocelot in Berlin oder die Bernstein-Verlagsbuchhandlung der Gebrüder Remmel ‚R²‘ in Siegburg, die ein ganz anderes Konzept fahren. Es gibt ein breitgefächertes Literaturangebot und das muss man abbilden – auch das Ungewöhnliche“, sagt Weidle im Wortspiel-Radio-Interview.

So wurden von dem Roman „Die Manon Lescaut von Turdej“ von Wsewolod Petrow fast 10.000 Exemplare verkauft, aber nicht bei Hugendubel oder Thalia. Das ging vor allem über unabhängige Buchgeschäfte, die nicht nach Konzernlogik und Controlling-Engstirnigkeit geführt werden. Das Kulturkaufhaus Dussmann in der Berliner Friedrichstraße sei die rühmliche Ausnahme, betont Weidle. Hier könnten die Buchhändler selbst das Sortiment bestimmen, bei anderen Ketten sind sie entmachtet.

Ärgerlich sei generell die Schnelllebigkeit des Literaturbetriebs.

„Die Beschleunigung ist derart wahnsinnig, dass ein Buch nicht nach einem Jahr, sondern schon nach drei Monaten veraltet. Spätestens nach sechs Monaten ist es sinnlos, noch auf Rezensionen zu hoffen, um Bände zu verkaufen“, moniert Weidle.

Verleger Kurt Wolff
Verleger Kurt Wolff

Einen Beitrag zur Entschleunigung leistet die Kurt Wolff-Stiftung, die sich nicht nur dem Werk des Vermittlers expressionistischer Literatur widmet, sondern die Vielfalt der Verlags- und Literaturszene fördert.

„Wir machen jedes Jahr einen Gemeinschaftskatalog, wo sich 65 unabhängige Verlage mit ihrem Programm vorstellen. Diesmal sollten Verleger ihre drei Lieblingstitel vorstellen und nicht nur Neuerscheinungen. Das Neue ist nicht das Bessere oder Gute. Das Neue ist schlichtweg nur das Neue“, erklärt der Stiftungsvorsitzende Weidle und verweist auf die Unmöglichkeit, über den Buchhandel Bände aus der Backlist zu verkaufen.

Die meisten Buchhandlungen würden ihren Bestand nach spätestens sechs Monaten remittieren. Kaum einer bestellt mehr nach, wie es noch zu Zeiten des Buchlaufzettels war. Um so wichtiger seien Literaturbuchhandlungen wie Wetzstein in Freiburg, Bittner in Köln oder Felix Jud in Hamburg, die sich von diesem Trend abkoppeln. Klaus Bittner führe eine vorbildliche Buchhandlung.

Als Weidle zum ersten Mal seinen Verlag bei Bittner vorstellte, führte er nicht nur ein sehr langes Gespräch mit dem Buchhändler, sondern wunderte sich über das breite Sortiment an Titeln, die in anderen Läden schon längst remittiert wurden. Ohne prall gefüllte Tüten geht man selten aus dem Geschäft von Klaus Bittner raus – was ich bei meinen samstäglichen Exkursionen nach Köln freudig bestätigen kann – zu Lasten meines Geldbeutels.

Einen Beitrag zur Entschleunigung könnten auch die Literaturblogs leisten, die sich ebenfalls eher an den Neuerscheinungen orientieren, meint Wortspiele-Blogger Wolfgang Schiffer.

„Wir sollten es uns selbst zur Pflicht machen, eine Erinnerungskultur zu pflegen und stärker auf das schauen, was gestern war. Das leisten die Feuilletons und Kultursendungen der klassischen Medien nicht. Wir sollten in diesen Aktualitätswettbewerb nicht einsteigen.“

Stefan Weidle ergänzt das Schiffer-Credo mit einem Zitat aus dem opulenten Werk „Zettel’s Traum“ von Arno Schmidt:

„Wenn ein neues Buch erscheint, lies Du ein altes.“

Arno Schmidt

Aber was ist eigentlich alt, wenn man alte Werke verlegt, wie der Lilienfeld Verlag? Hier werden Autoren der Vergessenheit entrissen, wie etwa Emmanuel Bove. Er war eine Feuilleton-Größe, wurde übersetzt und viel besprochen, dann setzte irgendwann die große Stille ein. Solche Literatur wolle man durch neue Übersetzungen oder Wiederauflagen von älteren Übersetzungen reanimieren, sagt Axel von Ernst.

Franz Hessel

Dazu zählt erfreulicherweise auch der Flaneur Franz Hessel.

„Die Rechte sind 70 Jahre nach seinem Tod frei geworden und wir haben als ersten Band den Roman ‚Heimliches Berlin‘ ins Programm genommen“, so Viola Eckelt.

Wie geht nun der Literaturbetrieb mit diesen Büchern um? Wenn das Herbstprogramm des Verlages erscheint, gelten viele Werke im darauffolgenden Frühjahr als veraltet – so ticken zumindest viele Kulturredakteure, bestätigt Axel von Ernst:

„Die können das in ihren Redaktionen nicht mehr unterbringen, weil der Titel angeblich zu alt sei. Dieser Titel war aber vorher auch schon alt.“

Wortspiel-Radio auf Tour
Wortspiel-Radio auf Tour

Ein unwürdiger Umgang mit Literatur. Wortspiel-Radio wird das ändern 🙂

Interessant auch: Christoph Kappes über Sobooks: „Eine bessere Tiefe der Interaktion direkt im Buch”

Sobooks oder: Das Buch als Website #fbm13 #StreamCamp13

Lobo

Es dürfte ja mittlerweile bekannt sein, wie Hannes Schleeh und ich mit dem Crowdfunding-Buchprojekt über die Streaming Revolution “Hangout on Air” gnadenlos gescheitert sind.

Es sollte ein fließendes Un-Buch sein, um bei einem so dynamischen Technologiethema zum Erscheinen des Werkes nicht sofort wieder hinter dem Mond zu landen. Die Erscheinungsform wollten wir bewusst in der Schwebe halten, um Neuigkeiten sofort aufnehmen zu können. Aber uns war nicht ganz klar, ob das als eBook möglich sein würde.

Entsprechend zweifelnd reagierte die Netz-Community auf unsere Projektbeschreibung. Beim Social Media Club in Bonn gab es bei der Vorstellung unserer Startnext-Idee eine Frage, die mich grübelnd zurückließ: Warum macht Ihr das Buchprojekt nicht in Form einer Website? Anfänglich hielt ich das für Blödsinn.

Streaming Revolution

Etwas später waren wir davon überzeugt, eine Melange aus App, Website und eBook auf den Markt zu bringen. Es gibt einen Startpunkt aber kein Ende des Werkes. Wir halten unser Opus bewusst in der Schwebe, um Neuheiten, die sich bei Streaming-Technologien ereignen, sofort aufzunehmen. Leider kam die Erkenntnis zu spät – der Finanzierungszeitraum war schon fast abgelaufen.

Inspiriert hat uns vor allem Dirk von Gehlen mit seinem Startnext-Buchprojekt „Eine neue Version ist verfügbar“.

“Es geht nicht mehr einzig um das Werkstück, das früher auf analoge Datenträger gebannt wurde. Ein Film, ein Song, ein Text (und alle digitalisierten Werkstücke) werden ihren besonderen Zauber künftig immer mehr aus dem Prozess ihres Entstehens ziehen, denn einzig aus dessen Resultat.“

Crowdfunding-Buchpionier Dirk von Gehlen

Gehlen sieht die Analogie zum Fußball: Die Fans im Stadion wollen mitfiebern, reinrufen, teilnehmen, jubeln und sich ärgern.

“Und das tun sie nicht nur wegen der Resultate. Das tun sie, weil Fans, Spieler und Öffentlichkeit gemeinsam ein Erlebnis schaffen können, das mindestens ebenso wichtig sein kann wie das Ergebnis. In einer Welt, in der die Ergebnisse kopierbar und kaum zu halten sind, könnte der Blick auf das Erlebnis neue Perspektiven öffnen.”

Um so überraschter bin ich jetzt von dem programmatischen Konzept des neuen Verlages „Sobooks“, das am Mittwoch auf der Frankfurter Buchmesse von Sascha Lobo und Christoph Kappes vorgestellt wird.

Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) hat Sascha Lobo die Idee der Firmengründung ausführlich erläutert. So doof waren wohl unsere Gedanken über das Buch zur Streaming Revolution gar nicht:

„eBook, wie wir sie heute kennen, sind nur das, was die Digitalisierung aus dem Buch gemacht hat – was aber machen Internet und soziale Medien aus dem Buch? Mit Sobooks versuchen wir, das zu beantworten, was allerdings dazu führt, dass jedes Buch, das man auf Sobooks kaufen kann, vollständig im Netz steht.“

Und jetzt kommt es: Bücher seien bei uns eigentlich Websites, schon um die Kraft des Internets zu nutzen. Ein Buch könne verschiedene Formen annehmen – jenseits von Kopierschutz-Systemen wie DRM.

Auch ein Buch könne – rein technisch betrachtet – die Form einer speziellen Website annehmen.

„Vielleicht muss es das sogar, um mit dem Netz seinen vollen wirtschaftlichen und kulturellen Mehrwert auszuschöpfen.“

Wenn das Buch im Browser stattfindet, könne man auch die vielen Instrumente nutzen, mit denen sich hervorragend Informationen verbreiten lassen. Und das gilt auch für die Interaktion. „Sobooks-Leser können im Buch selbst über das Buch diskutieren. Das ist wichtig, weil Bücher das Gesprächsthema Nummer eins sind, und wir glauben, dass es keinen organischeren Ort für diese Diskussion gibt als das Buch selbst.“

Lobo spricht von einem bereichernden Diskussionstrubel und knüpft damit nahtlos an das Dirk von Gehlen-Credo an.

Vielleicht sollten wir unser Streaming-Buchprojekt noch einmal bei Sobooks starten. Wir könnten das auf dem StreamCamp13 am 16. und 17. November in einer Session diskutieren.

Siehe auch:

Dirk von Gehlen: “…das unkopierbare Erlebnis der Teilhabe.”

Drei spannende Buch-Startups abseits des Selfpublishing.

Literatur vom Rande des Universums: Neuseeland war da – in Bonn!

Neuseeland, wo sich die Kulturen der Europäer, der Maori und der pazifischen Völker begegnen, ist in diesem Jahr Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Motto: „Ich lebe am Rande des Universums, wie jeder andere auch“ beschreibt eine Welt ohne Zentrum, in der jeder zugleich im Mittelpunkt und am Rand steht. „Der Mensch ist ein Körnchen Sternenstaub, global vernetzt und unermüdlich kommunizierend“, schreibt Elsemarie Maletzke in der Literaturbeilage der Wochenzeitung „Die Zeit“.

Zum Auftakt der Buchmesse veranstaltete das Literaturhaus Bonn im voll besetzten Forum der Bundeskunsthalle eine Lesung mit vier höchst unterschiedlichen neuseeländischen Autoren. Ein guter Querschnitt, um sich einen ersten Einblick über die Literatur dieses Landes zu verschaffen.

Den Anfang machte Eleanor Catton (Jahrgang 1985), die mit ihrem Roman „Die Anatomie des Erwachens“ (Arche Verlag) große Erfolge feierte.

Mit Lloyd Jones (Jahrgang 1955) trat einer der bekanntesten neuseeländischen Romanciers auf. Für seinen Roman „Mr. Pip“ erhielt er 2007 den Commonwealth 
Writers’ Prize. „Die Frau im blauen Mantel“, sein neuer Roman, der im August 2012 auf Deutsch erschien (Rowohlt), erzählt von den Lebenslügen und Wahrheiten der hellhäutigen und sommersprossigen Afrikanerin Ines auf ihrer abenteuerlichen Reise durch die Festung Europa nach Berlin. Moderiert wurde die erste Runde von WDR-Redakteur und Facebook-Freund David Eisermann.

In der zweiten Runde, die vom Verleger Stefan Weidle geleitet wurde, startete mit Carl Nixon wieder ein jüngerer Autor.

Sein Roman „Rocking Horse Road“ erschien im Juli 2012 auf Deutsch (Weidle Verlag): Ende 1980 wird die 17-jährige Lucy Asher tot am Strand von The Spit angespült. Sie wurde erwürgt. In der Mitte dieser Landzunge vor Christchurch verläuft die Rocking Horse Road. Eine Gruppe 15-jähriger Jungen findet die Leiche. Die Suche nach dem Mörder schweißt sie für immer zusammen. 1981 macht Neuseeland eine traumatische Erfahrung: Das südafrikanische Rugbyteam tourt im Land. Protest gegen das Apartheidsregime erhebt sich. Es kommt zu Zusammenstößen mit der Polizei. Als Rugby-Fans erleben die Jungen das Geschehen hautnah mit.

Am Schluss der gestrigen Lesung folgte mit dem Maori Witi Ihimaera (Jahrgang 1944) der Höhepunkt des Abends. Der Autor ist in Deutschland vor allem bekannt durch seinen Roman „Whale Rider: Die magische Geschichte vom Mädchen, das den Wal ritt“ (Rowohlt 2003), dessen Verfilmung sehr erfolgreich war. Das Maori-Mädchen Pai lehnt sich darin erfolgreich gegen die männlich geprägten Traditionen auf und erkämpft sich unter Einsatz ihres Lebens die Anerkennung ihres Großvaters. „Ich stehe in der Verantwortung meiner Vorfahren und habe ein stillschweigendes Abkommen mit ihnen. Es lautet, die Maori-Geschichte zu erzählen, die eine andere ist als die Pakeha-Geschichte. Die Maori-Geschichte ist diejenige der ungelösten historischen Fragen, der Konfiszierung des Landes und der daraus folgenden wirtschaftlichen Verarmung mit all den kulturellen und sozialen Konsequenzen“, zitiert Maletzke den sehr sympathischen und weisen Schriftsteller, der nicht nur eine sehr schöne sonore Stimme hat, sondern auch die Tradition des Maori-Gesanges pflegt. Man braucht sich nur meine Audioaufzeichnung anhören, um sich einen kleinen Eindruck zu verschaffen.

Die deutschen Übersetzungen wurden jeweils vom Schauspieler Ulrich Noethen vorgetragen. Ein echter Hörgenuss!

Die Rebellion der Atomdichter: Isländische Lyrik gegen das unbelebte Gelabere

Als die Isländer im 13. Jahrhundert ihre Unabhängigkeit verloren und ungefähr 600 Jahre unter norwegischer, später unter dänischer Herrschaft lebten, zählte die mittelalterliche Literatur, die noch aus der Zeit des isländischen Freistaats (930 bis 1262) stammte, zum wichtigsten identitätsstiftenden Kulturerbe – vor allem die Isländer-Sagas:

„Die Sagas und der Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness weckten mein Interesse für die zeitgenössische Literatur Islands. Die Sagas beinhalten unheimlich schöne Abenteuergeschichten. Der eine haut den anderen, dann gibt es die Blutrache und man haut wieder den nächsten. Und am Ende bleibt dann keiner mehr übrig. Sie ähneln in ihrer Dramaturgie unseren Fernseh-Soaps. Wenn man eine Person nicht mehr braucht, wird sie erschlagen und dann ist sie weg. In Fernsehserien muss man schwanger werden, um aus dem Drehbuch zu verschwinden. Bei den Sagas schwang man die Axt und fürderhin kommt diese Person nicht mehr vor. Laxness habe ich gelesen und war fasziniert von diesem Autor. Eine tolle weltläufige Literatur, durch die zwar Island atmet und einen großen literarischen Kosmos beschreibt“, so Wolfgang Schiffer.

Der frühere Leiter der Programmgruppe Hörspiel und Feature im WDR sprach im Kultursalon Galerie Freiraum in Köln-Sülz über eine der aufregendsten Zeiten der isländischen Poesie. Bevor Neuseeland den literarischen Ehrengast der Frankfurter Buchmesse ablöst, berichtete Schiffer mit literarischen und journalistischen Beispielen über eine Kulturrevolution nach dem Zweiten Weltkrieg, die in dem Band „Bei betagten Schiffen – Islands Atomdichter“ (Mitherausgeber Wolfang Schiffer) auf 420 Seiten ausführlich dokumentiert ist.

Wie Schiffer im Auftrag der ARD ein Interview mit Laxness führen sollte, warum es nicht zustande kam und wie er mit der isländischen Kulturszene erstmalig intensiv in Kontakt kam, erwähnte er bei seiner Lesung nur am Rande. Wer sich dafür interessiert, sollte sich das ichsagmal-Bibliotheksgespräch anschauen. Die knapp fünfzigminütige Unterhaltung ist sehr kurzweilig.

In seinem Vortrag in der Galerie Freiraum ging es um die Jahre nach 1945, die auch Island in den Grundfesten erschütterte. Literarisch am impulsivsten reagierte auf die Kriegsfolgen eine Gruppe junger Dichter. Man beschimpfte sie in der aufwallenden Disputation als ‚Atomdichter‘. Sie brachen mit den tradierten Formen isländischer Dichtung und lösten einen Kulturstreit aus, der die junge Republik über Jahrzehnte erschütterte. Island wurde unter Verletzung seiner Neutralität zunächst von den Briten und ab Juli 1941 von den USA besetzt.

„In der Bevölkerung gab es eine heftige Auseinandersetzung darüber, ob Island Mitglied der NATO werden und ob es einen dauerhaften Stützpunkt im Land zulassen sollte. Genau davon handelte der Roman „Atomstation“ von Laxness, der etwa zur selben Zeit erschien, als im Kulturleben der Streit um die Gedichtform, um die bildende Kunst und um die Frage, ob man dies Isländersagas in neuer Rechtschreibung herausgeben darf, entflammte“, erläuterte Schiffer.

Ein Akteur, der in dem Roman von Laxness als „Atomdichter“ tituliert wird, ist ein schlechter Dichter. Entsprechend nutzten die eher am Status quo interessierten Meinungsbildner des isländischen Kulturbetriebes diese Bezeichnung als Kampfbegriff gegen die Protagonisten der literarischen Moderne. Einar Bragi zählte zu den einflussreichsten Kämpfern unter den jungen Wilden und brachte den Konflikt sprachmächtig auf den Punkt:

„Nach meiner Auffassung ist er vor allem eine Rebellion gegen die stagnierten Formen, das mechanische Alliterieren, das unbelebte Gelabere, das geistlose, gezierte Geschwätz (klingt ein wenig nach Rabelais – liebwerteste Gichtlinge und so weiter….gs), die unoriginellen, oberflächlichen Schilderungen, die bilderlosen epischen Gedichte und gegen allerhand gebundenen nationalen Unsinn, der drauf und dran war, das Gedicht zu ersticken – und gleichzeitig markiert er das Streben nach Erneuerung: das Erschaffen neuer Gedichtarten, die Reinigung der poetischen Sprache, neue Ideen für Bilder, Metaphern und Verknüpfungen von Gedanken mit dem Zweck, das Gedicht an sich auf einen Ehrenplatz zu führen.“

In der Kunst führe kein Weg zurück – hoffentlich nicht nur dort.

Der Wandel wirkte sich gesellschaftlich, politisch und kulturell aus. Das bekräftigt auch ein historisches Ereignis. 1990 wurden zum ersten Mal die isländischen Literaturpreise vergeben. Die Auszeichnung in der Kategorie Belletristik ging an einen „Atomdichter“. Es war Stefán Hörður Grímsson, der den Preis für seinen letzten Gedichtband „Über heiterem Morgen“ erhielt:

„Das Land hatte sich mit seinen ‚Atomdichtern’ versöhnt“, resümierte Wolfgang Schiffer.

Einen kleinen Ausschnitt seines rund neunzigminütigen Vortrages mit seiner schön sonoren Stimme kann man sich hier anhören:

Siehe auch:

Pickel, Pubertät und peinliche Momente: Pétur Gunnarsson über die Nöte des Heranwachsenden.