Die politisch naiven und gefährlichen Makroökonomen: Spieltheoretische Egomanen

Über die Ideologen des Raubtierkapitalismus

In einem sehr interessanten Interview mit der FAZ geht der Wirtschaftswissenschaftler und Wissenschaftshistoriker Philip Mirowski der Frage nach, warum sich nach dem Ausbruch der Finanzkrise vor fünf Jahren politisch so wenig geändert hat. Strukturell sei alles beim Alten geblieben. Der Bankensektor sieht fast noch genauso aus wie vor dem Crash. Und noch schlimmer: Die „Schattenbanken“ – vor allem Hedgefonds und die firmenfressenden Private Equity-Schmarotzer – sind unbeschadet über die Runden gekommen.

Aus gutem Grund klagt Mirowski über einen Mangel an Folgen:

„Verändert hat sich nur, dass viel mehr Leute keine Arbeit haben und Regierungen zugeben mussten, dass ihre Haushalte außer Kontrolle geraten sind. Was alles sehr seltsam ist, wenn man die Wucht und Reichweite der Krise in Betracht zieht.“

Und was noch kritikwürdiger ist: Die Gier der Casino-Kapitalisten wird als Betriebsunfall oder Störfall abgetan, Für diejenigen, die gerne spielen, ist es immer besser zu überprüfen online casino nj anstatt zu einem eigentlichen Casino zu gehen.

Und das ist selbst bei den härtesten Kritikern des Finanzkapitalismus zu finden:

„Lesen Sie nur David Graebers Buch ‚Schulden‘, in dem er über fünfzehnhundert Jahre zurückblickt und dauernd enorme Schuldenzyklen ausfindig macht. Eine verständliche Reaktion, aber dass so viele Leute daran glauben, finde ich etwas merkwürdig. Denn die Krise hat ein paar ganz spezielle Aspekte zu bieten. Zuallererst den, dass die Leute es vorziehen, lediglich eine Makrokrise zu sehen, und das ist sie ohne Zweifel nicht. Paul Krugman etwa will nur die Makroökonomie verändern und glaubt, dann sei alles beherrschbar. Aber das ist nicht wahr“, so Mirowski.

Es reicht also nicht aus, sich die Köpfe über makroökonomische Steuerungsfragen heiß zu reden und auf Wunder über Veränderungen von fiskal- oder geldpolitischen Stellschrauben zu hoffen. Das ist politisch naiv und für die Gesellschaft sowie für die Realwirtschaft höchst gefährlich. Für die Makroökonomen ist das ja auch recht bequem. Man disputiert selbstreferentiell über die Frage, ob mehr oder weniger Schulden für die Gesundung von Volkswirtschaften notwendig sind. Ökonomen würden sich ja die Hände schmutzig machen, wenn sie die Motorhaube ihrer Formelwelt aufklappen und die Ölspuren der eigenen Homunculus-Ideologie wahrnehmen müssten. Sie würden dann beispielsweise die schmutzigen Tricks der Eigenkapitalräuber erkennen – also die Raubzüge der Private Equity-Gesellschaften.

Da müsste man schon eine große Portion Staatskunst mitbringen, um mit klugen gesetzlichen Maßnahmen diesen Sumpf trockenzulegen. Ceteris paribus-Modellrechnungen helfen da nicht weiter.

Dabei könnte man das Heuschreckentum relativ gut recherchieren und an die Öffentlichkeit bringen. Wäre eine schöne Aufgabe für die Datenjournalisten.

Zunächst gründen die Käufer eine neue Gesellschaft. Die nimmt ein Darlehen auf und erwirbt damit ein bislang rentabel arbeitendes Unternehmen. Anschließend werden beide Gesellschaften miteinander verschmolzen. Die Darlehensschulden liegen nun beim aufgekauften Unternehmen. Dann wird das ganze Konglomerat in eine GmbH umgewandelt – wegen der geringeren Veröffentlichungspflichten. Das liquide Vermögen wird dann bis zur Grenze des rechtlich Zulässigen an die neuen Gesellschafter ausgezahlt – so etwas nennt man in Branchenkreise „Recap“. Das übernommene Unternehmen wird also nach dem Wieselprinzip wie ein Ei ausgesaugt und danach an einen weiteren Finanzinvestor weitergereicht, der die Reste aufsammelt und verscherbelt. Neudeutsch bezeichnet man das als „secondary buyout“.

Bis ein Unternehmen von den Firmenjägern wieder verkauft wird, müssen darüber hinaus die Schulden zurückgezahlt werden: „Bootstrapping“ also Stiefelschnüren wird diese Technik in der Private-Equity-Szene genannt.

Manche Übernahme-Kandidaten werden auch an die Börse gebracht – das passiert ziemlich selten. Dann haben die neuen Aktionäre das Problem. Am Schluss wartet das Insolvenzverfahren.

Die Private-Equity-Gesellschaften vernebeln ihre Methoden in der Öffentlichkeit und reden lieber von der Notwendigkeit der Restrukturierung, Rekapitalisierung und Wiederbelebung des Übernahmekandidaten. Man wolle Firmen wieder ertüchtigen. In Wahrheit geht es um krumme Geschäfte für Anleger, denen man Erträge von 25, 30 oder gar 40 Prozent verspricht. Die Anleger sind entweder Einzelpersonen – teilweise aus dem Dunstkreis des übernommenen Unternehmens – oder Institutionen. Und die zeichnen die Private Equity-Fonds auf den Cayman Islands. Für diese halbseidenen Geschäfte müssen die „Investoren“ weniger Formulare ausfüllen als bei der Führerscheinprüfung in Deutschland. Die Namen der Aas-Geier werden natürlich nicht preisgegeben. Für alle Akteure auf den Kapitalmärkten der OECD sollten zumindest Offenlegungspflichten gelten, um den Insidergeschäften der Firmenjäger auf die Spur zu kommen:

„Es darf nicht sein, dass Fonds, die auf den Cayman-Inseln registriert sind und so gut wie keine Informationen über ihre Eigentümer oder ihre Geschäftspraktiken herausrücken, zentralen Einfluss darauf nehmen können, wie große und größte Unternehmungen in Deutschland und in anderen Industriestaaten geführt werden“, kritisiert der ehemalige Deutsche-Börse-Chef Werner Seifert.

Das Mindeste, was man von diesen Anteileignern verlangen müsse, sei die Offenlegung ihrer Beteiligungen. Am Beispiel des DSD-Müllkonzerns hätte es wohl einige böse Überraschungen gegeben. Politisch wäre es für die beteiligten „honorigen“ Persönlichkeiten nicht möglich gewesen, ihren Hals aus der Schlinge zu ziehen – da bin ich mir sicher. In Ansätzen hat das Wolfgang Huhn aufgedeckt in einer Reportage über den Grüne Punkt-Müllkonzern DSD. Die Spuren auf den Cayman-Inseln konnten leider nicht aufgedeckt werden – da wäre sonst der eine oder andere Name einer hochstehenden Persönlichkeit der Deutschland AG zum Vorschein gekommen. Hier ein kurzer Ausschnitt des Wolfgang Huhn-Films für die Sendung „die story“:

Mit Offenlegungspflichten wäre es Wolfgang Huhn in den rund 12 Monaten, die er mit Unterbrechungen für die Recherche benötigte, mit Sicherheit gelungen, die Verbündeten im Deal der Firmenjäger ans Tageslicht zu bringen. Das DSD ist übrigens von KKR in einem so genannten Management-Buy-out-Verfahren weiter verkauft worden. Neuer Eigentümer sind der DSD-Vorstandschef Stefan Schreitet und sein Managementteam. Das Management wurde bei der Übernahme von einer Gruppe „privater und institutioneller Investoren unterstützt“, heißt es in einer Presseverlautbarung. Dazu zählte Philippe von Stauffenberg von Solidus Partners, eine Private Equity-Firma mit Sitz in London….

Aber das ist nur ein Aspekt der zerstörerischen Wirkung des Raubtier-Kapitalismus.

Um das Problem an den Wurzeln zu packen, fordert Mirowski den Rückbau des Schattenbankensektors.

Ebenso wichtig ist es, sich mit dem ideologischen Überbau der finanzkapitalistischen Räuber zu beschäftigen. Warum hat sich das Vampir-System so epidemisch ausgebreitet? Einen Ursprung sieht der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in den spieltheoretisch fundierten Mathematikern und Physikern, die sich als Strategen des Kalten Krieges in Szene setzten und nach dem Niedergang des Sowjetimperiums an der Wallstreet als Finanzakrobaten verdingen. Es geht um das Ideenfundament der Homunculus-Ökonomie, in der Menschen zu Automaten degradiert werden.

Und noch penetranter. Im Zentrum der Analysen von Schirrmacher, die er in seinem neuen Buch „Ego“ ausbreitet, steht die RAND Corporation und ihre Arbeit für das Militär. Gespickt mit Wissenschaftlern, die der neoklassischen Schule entstammen.

„Ihre zündende Idee: Sie fragten nicht mehr, wie der Mensch tickt. Sie fragten, wie der Mensch ticken müsste, damit ihre Formeln funktionieren.“

Dieses Abbild eines Menschen geistert als Doppelgänger, Dummy oder ökonomischer Agent durch die Modellrechnungen. Etwa in dem Grundlagenwerk „Spieltheorie und ökonomische Verhalten“ des Universalgenies John von Neumann und seines Kollegen Oskar Morgenstern. Zu den RAND-Vordenkern zählt auch der paranoide und schizophrene Mathematiker John Nash, bekannt geworden durch die Kinoverfilmung „A Beautiful Mind“ mit Russell Crowe in der Hauptrolle. Die politische Tragweite des theoretischen Konstruktes von Nash fielen dabei unter dem Tisch. Beim Glamour-Betrieb in Hollywood ist das nicht verwunderlich. Aber was trieb das Nobelpreiskomitee in Stockholm, Nash im Jahre 1994 mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften auszuzeichnen?

Nash war es, „der mit anscheinend unumstößlicher Logik bewies, dass das Spiel des Lebens nur dann rational gespielt werden konnte, wenn jeder Spieler vom absoluten Eigennutz und einem abgrundtiefen Misstrauen gegenüber der anderen Seite getrieben war“, schreibt Schirrmacher in seinem Opus „Ego“. Es geht also um das berühmte Nash-Gleichgwicht, dass sich heute in Börsenalgorithmen von Hedgefonds, in Auktionsplattformen, in den mächtigsten Werbealgorithmen der Welt befindet und wohl auch in sozialen Netzwerken. Der große Ego-Automat unserer Systeme, von dem übrigens auch der Google-Chefökonom Hal Varian beseelt ist. Er zählt nach Angaben von Schirrmacher zu Entwicklern der spieltheoretischen Modelle für Google Adwords.

„Damals spielten menschliche und künstliche Hirne millionenfach alle erdenklichen Szenarien durch, die den Feind manipulieren, austricksen, verwirren, motivieren, erschrecken, lähmen und zu Handlungen verführen sollen. Heute geht es darum, mit den Modellen das Verhalten egoistischer Mitspieler vorherzusagen“, so Schirrmacher.

Vielleicht waren Nash und Konsorten auch nur ängstliche Kinder, die sich von allem und jedem bedroht fühlten. So war es jedenfalls beim Ernstfall-Theoretiker Carl Schmitt und beim Untergangspropheten Oswald Spengler. Kleine Hosenscheißer, die im Erwachsenenalter ihre Paranoia auf die Gesamtheit projizieren und sich kein anderes Leben denken können als das Freund-Feind-Schema im Schützengraben. Die Schriften der zu kurz gekommenen Herrenmenschen sind noch heute ein unverzichtbarer Pornographie-Ersatz für Sandkastenspieler. So sah der junge Carl Schmitt sein Dasein als eine Kette von Demütigungen.

„O Gott, was soll aus mir werden? Wovon soll ich leben? Ich armer Junge, der Zielpunkt der Pfeile des Schicksals, ich vielgeschlagener Unglücksrabe.” Er fühlt sich von der ganzen Welt betrogen, sogar von seinen Zimmerwirtinnen, die angeblich falsche Rechnungen schreiben oder Sachen unterschlagen. „Die Wäsche kam, es fehlte wieder ein Hemd. Ich wurde rasend und geriet in Wut; Ernährungssorgen, Verzweiflung, kleinmütig.”

Das Ganze sagt also mehr über das Menschenbild der Gesellschaftskonstrukteure aus und wenig über die Menschheit – wer kann sich auch anmaßen, über die Gesamtheit aller Menschen zu urteilen.

Problematisch an diesen egozentrischen Theorien ist nicht nur der deskriptive, der beschreibende und erzählerische Teil. Sie postulieren nicht nur Egoisten, sie produzieren sie, kritisiert der FAZ-Herausgeber.

In dieser Schützengraben-Ideologie entsteht vernünftiges Verhalten nicht durch vernünftige Argumente oder einem Streit der Meinungen, sondern durch Drohungen und Angst vor Vernichtung. Diese Rationalität wird auch auf dem Finanzparkett durchgespielt – aufgeladen mit der Kriegsrhetorik der Spekulanten, die von „skalpieren“, „killen“ und „ausblasen“ sprechen und jede Kurs- oder Zinsänderung mit Schlachtgeräuschen über Lautsprecher jagen. Wie beim Drohneneinsatz sehen Trader keine menschlichen Gestalten mehr. Es sind nur noch Lichtpunkte in Form von Zahlen. Sie starren wie bei einer militärischen Operation auf Monitore und verorten die Einschläge, die über Sieg und Niederlage entscheiden. Das Vokabular stammt aus der Zeit der gegenseitigen atomaren Abschreckung:

„Jetzt drohen spieltheoretisch versierte Banken damit, dass ihr Untergang, wenn sie nicht ‚gerettet‘ werden, zum Untergang des gesamten Finanzsystems wird. Die Botschaft lautet in einer atemberaubenden Umkehrung moralischer Verantwortlichkeit: Rettet uns, damit ihr euch nutzt“, führt Schirrmacher aus.

Also die perfide Logik der Too-big-to-fail-Strategen. Es gibt einen einfachen Satz, mit dem man nach Ansicht des Ego-Autors „die unbarmherzige Logik einer automatisierten Gesellschaft und Ökonomie lahmlegen und neue Freiheiten schaffen kann, ganz gleich, ob es sich um todsichere Spekulationen auf die Zukunft von Märkten und ihre Leidenschaften handelt. Der Satz, um die Marionette zu töten, lautet: Die Antwort war falsch.“ Oder eben, die Antwort lautet 42….

Big Data und sonstige Automaten-Regime tötet man auch durch Open Data. Es muss nur deutlich werden, dass diese Algorithmen-Götzen unsere eine Welt vorgaukeln wie beim Märchen „Des Kaisers neue Kleider“. Wäre doch eine nette Idee für eine Plattform zur Entlarvung der Nash-Ideologen.

Siehe auch:
Herrschaft der Vereinfacher: Über Sozialingenieure, Hightech-Kaffeesatzleser, universitäre Gehirnwäscher und nutzenoptimierte Automaten.

Menschen wie Automaten.

Von der Atombombe zur Informationsökonomie

Das Netz 005

Jakob Augstein ist begeistert vom neuen Frank Schirrmacher-Buch mit dem Titel „Ego“. Einen kleinen Vorgeschmack hat der FAZ-Herausgeber in der aktuellen Spiegel-Ausgabe als Essay veröffentlicht. Nach den eher schwachen neuronalen Gehirnerweichungsthesen, hat Schirrmacher diesmal wohl ins Schwarze getroffen. Es gehe, so Augstein, um den Informationskapitalismus, um die Algorithmen, die unsere digitale Wirklichkeit bestimmen und damit zunehmend auch die reale, und es geht um das abstruse Menschenbild der Wall-Street-Täter, für die das Leben ein Kampf und Kooperation eine Krankheit ist.

Schirrmacher schreibt über eine verhängnisvolle Verschmelzung von Ökonomie, Physik und Gesellschaftstheorie zu einer neuen Praxis der sozialen Physik.

Gestern noch bastelten renommierte Naturwissenschaftler an der Atombombe und heute verstrahlen sie mit ihren kruden Formeln, spieltheoretischen Sandkasten-Strategien und mechanistischen Algorithmen die Finanzmärkte. Die zur Sozialwissenschaft konvertierten Mathematiker sowie Physiker wollen Menschen wie Automaten steuern und sind für ihr krudes Sozialverständnis mit Nobelpreisen überhäuft worden. Auch unter den Gurus der Big Data-Welterklärungsmaschinen des Cyberspace sind sie zahlreich zu finden. Ähnliches läuft ja auf Basis der Hirnforschungs-Kleckskunde.

Die von Algorithmen gesteuerte Informationsökonomie bewertet Gefühle, Vertrauen, soziale Kontakte genauso wie Aktien, Waren und ganze Volkswirtschaften – denn auch die Ratingagenturen arbeiten nach den gleichen Rezepturen, gewähren aber keinen Einblick in ihre alchemistischen Zahlenstuben. Dazu mehr in meiner morgigen The European-Kolumne.

Vielleicht sollten sich mal einige Netzaktivisten zusammentun, um die Modelle aus der Formelküche dieser Gesellschaftskonstrukteure ans Tageslicht zu holen. Man könnte sich ja dem Beispiel von Lobbyplag folgen. Halte ich jedenfalls für den besseren Ansatz als vor Bankgebäuden Zelte aufzuschlagen. Fündig wird man übrigens auch in dem Buch zum gleichnamigen Dokumentarfilm von Lutz Dammbeck mit dem Titel „Das Netz“.

Dort stößt man auf Elitewissenschaftler, die sich in der Macy-Gruppe organisierten und Baupläne für eine neue Weltordnung entwickelte. Es geht um kybernetische Modellwelten, errechnet durch Supercomputer, mit denen Wissenschaft, Ökonomie, Kultur und Politik kontrolliert und gesteuert werden sollen – also die Programmierung neuer Menschen nach Maß in einer geordneten und vollkommenen Welt. Glücklicherweise bleiben komplexe und offene Systeme unberechenbar. Und das hat ja auch der Organisationswissenchaftler Gerhard Wohland im ichsagmal-Interview zum Ausdruck gebracht: Es gebe immer wieder Modewellen, die die Analysierbarkeit komplexer Systeme versprechen. Es sei der monokausale Glaube, dass das, was in der Gegenwart geschieht, seinen Grund in der Vergangenheit hat.

„Wenn ich die Vergangenheit umfangreich und schnell genug auswerte, weiß ich, was die Zukunft bringt. Und genau das ist die Illusion. Das ist zwar möglich. Aber ich muss dann für sehr triviale Strukturen sorgen. In der Physik nennt man das Labor. Die Welt, wie sie ist, wird ausgeblendet. Mit den wenigen Wirkungszusammenhängen, die übrig bleiben, entwickelt man Gesetzmäßigkeiten. Für soziale Systeme ist das aber albern“, so Wohland.

Ein Modell müsse einfacher sein als das, was es modelliert. Wenn das nicht so wäre, könnte man ja direkt den Untersuchungsgegenstand heranziehen. Modelle müssen also immer simplifizieren. Aspekte der Wirklichkeit werden ausgeblendet. Das gelingt aber nur, wenn zwischen wichtig und unwichtig unterschieden wird. Komplexe Systeme, also auch die menschliche Gesellschaft, kennen aber diese Unterscheidung überhaupt nicht.

„Welches Ereignis nun eine Wirkung in der Zukunft erzeugt, kann man in der Gegenwart nicht wissen“, so Wohland.

Und das werden auch die Modellschreiner von Big Data und Kybernetik nicht ändern. Übrigens sind die Protokolle der Macy-Konferenzen eine Fundgrube für weitere Storys. Da wühle ich mich schon durch.

Reguliert die Börsenbubis! Die Schnöselkrieger auf den Finanzmärkten brauchen strengere Regeln


Wieder erlebten wir eine Woche der Panik, der Schreckensbotschaften, der Crash-Szenarien und Horrormeldungen an den internationalen Finanzmärkten. Erst jubelten die Analysten über das Ende des Schuldenstreites, der wie eine schlechte Inszenierung eines Shakespeare-Dramas von Demokraten und Republikaner in den USA aufgeführt wurde. Nun verzeichnen vor allen Dingen die riskanten Zockerpapiere dramatische Verluste – weil es angeblich an der Glaubwürdigkeit der Staatsregierungen mangelt, ihre Haushaltsführung in den Griff zu bekommen. Das Konzert des Wehklagens wird begleitet von Analystenstimmen auf dem Niveau von Bauernkalendern.

Denn in Wahrheit wissen die Fondsmanager, Analysten, Makler und Händler in den Tempeln des Casino-Kapitalismus nichts – außer vielleicht den Kontostand ihrer Spekulationen,Sie sagen uns, wie sie die Leute besuchen hören www.PokieGuide.nz wo sie Praxis bekommen, um in den Casinos zu spielen, sometimes they’ll use online slots to just have a little fun online. Sie sind ständig überfordert, weil sie Zusammenhänge, Volkswirtschaften und Unternehmen analysieren, „die viel zu komplex sind, um jemals für Außenstehende durchschaubar zu sein“, bemerkt Georg von Wallwitz. Die Entstehung der neuzeitlichen Finanzmärkte sei gespickt mit Fehlurteilen. Das liege daran, dass die Akteure an diesen Märkten, die Finanziers, Investoren und Spekulanten, nicht dem Ideal eines klugen, geduldigen, verständigen und berechnenden Menschen entsprächen, so der Fondsmanager, Philosoph und Mathematiker Wallwitz.

„Euer Schelmenzeug erfüllt mein Reich mir mit Gestank“

Wirtschaftliche Rationalität ist eben eine Schimäre. Ich kann die Börsenbubis noch nicht einmal als liebwerteste Gichtlinge titulieren. Das wäre viel zu harmlos. „Feiste Schleckerbruth“, „Schinder“, „Wucher-Pack“ und „gemeine Blutegel“ hätte Rabelais sie genannt: „Euer Schelmenzeug erfüllt mein Reich mir mit Gestank.“ Es sind Schnösel-Krieger in Maßanzügen, Designerhemden, Edelkrawatten und Budapesterschuhen, denen an den universitären Denkfabriken kräftig ins Gehirn geschissen wurde, wie es der Kabarettist Volker Pispers so erfrischend deutlich ausgesprochen hat.

Heraus kommen Ökonomie-Eunuchen, BWL-Amöben und Geldjongleure. Ihre Lehrmeister ignorieren, dass man ökonomische Zusammenhänge nicht in Ceteris-paribus-Formeln kloppen kann. Dennoch werden Investmentbanken mit Legionen von Hochschulabsolventen versorgt, die die Finanzmärkte mit zweifelhaften Modellannahmen dirigieren wollen. Wo die Ungewissheit wuchert, versagen leider auch die besten Simulationsrechnungen.

Es sind zwei Herren, die als Symbol des finanzkapitalistischen Wahnsinns in Erinnerung gerufen werden sollten. Myron Scholes und Robert Merton, die für ihre „Verdienste“ sogar mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet wurden. Ihre theoretischen Fata-Morgana-Obsessionen setzten sie in dem Hedge Fonds „Long-Term Capital Management“ in die Praxis um. „Die Instrumente, mit denen sie arbeiteten, waren damals nur einer Minderheit von Eingeweihten vertraut: ABCPs, Carry Trades, CDOs, Optionen, Leerverkäufe, Derivate und andere, noch exotischere ‚Produkte‘“, schreibt Hans Magnus Enzensberger in seinen „Mathematischen Belustigungen“ (edition unseld). In den ersten Jahren erwirtschafteten sie mit einem Eigenkapital von nur vier Milliarden Dollar eine Rendite von 30 bis 40 Prozent. Das biblische Mirakel der Brotvermehrung mutet dagegen kümmerlich bescheiden an.

Die Modelle der preisgekrönten „Wissenschaftler“ beruhen allerdings auf Simplifizierungen der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Die Gaußsche Normalverteilung widerspricht der Realität des Marktes. „Dazu kommt noch eine weitere Fehlerquelle. Die Modelle, mit denen Händler, Banken und Versicherungen arbeiten, sind, wie der Mathematiker Yuri Manin sagt, in hohem Maße in der Software ihrer Computer codiert. Damit gängeln diese Programme als eine Art Kollektiv-Unbewusstes das Verhalten der Akteure“, führt Enzensberger aus.

Betonung auf Anal und wenig lyse

Aber gerade die unerwarteten Umstände schaufelten das Spekulationsgrab, in das Scholes und Merton hineinfielen. Der Hedge Fonds LTCM kollabierte 1998, führte zu einem Verlust von über vier Milliarden Dollar und machte einen Rettungsplan notwendig, an dem sich bekannte Namen als Samariter betätigten: Bear Stearns, Lehman Brothers, Merill Lynch, Morgan Stanley und Goldman Sachs – natürlich auch die Deutsche und Dresdner Bank. Scholes wurde zwar wegen Steuerhinterziehung in Höhe von 40 Millionen Dollar verurteilt, arbeitet aber nach wie vor als Fondsmanager. Und Merton? Er lehrt wieder Ökonomie an der Harvard Business School, wo er die Analysten der Zukunft ausbildet – mit Betonung auf Anal und wenig lyse. Für beide Spekulatius-Luschen beantrage ich die Aberkennung des Nobelpreises, wenn das überhaupt geht. Schließlich müssen auch des Dopings überführte Tour-de-France-Sieger ihre Krone wieder zurückgeben. Als politische Therapie gegen die Hybris des Finanzkapitalismus fordert der Liebwerteste Gichtling-Kolumnist – also ich – mehr Regulierung und weniger Rettungsschirme. Hier geht es weiter zur Kolumne im Debattenmagazin „The European“.

Nach der Wahl ist vor der Wahl: Warum man auf Regierungswechsel gelassen reagieren kann und sich vor den „Neoliberalen“ nicht fürchten braucht

Thea DornDer Reifegrad einer Demokratie zeigt sich vor allen Dingen beim politischen Machtwechsel. Darauf hat die Schriftstellerin Thea Dorn unter Berufung auf Niklas Luhmann im ZDF-Nachtstudio hingewiesen: Niklas Luhmann sagt: „Demokratie herrscht, wenn die Opposition an die Regierung kommt, ohne das Gemeinwesen zu ruinieren“.

Nun war zwar Merkel nicht in der Opposition, aber ihr künftiger Koalitionspartner FDP. Versinken wir jetzt im Chaos, unterliegen wir dem Diktat des „neoliberalen“ Finanzkapitalismus und müssen wir mit einem sozialen Kahlschlag rechnen? Wohl kaum. Mal abgesehen davon, dass der Neoliberalismus mit Guido Westerwelle überhaupt nichts zu tun hat. Neoliberal nannten sich Geistesgrößen aus verschiedenen Ländern, die sich 1938 in Paris im Institut International de Coopération Intelellectuelle versammelten, um mit Walter Lippmann über dessen Buch „An Inquiry into the Principles of the Good Society“ und die Zukunft des Liberalismus zu diskutieren. Haupttriebfeder der Runde waren politische Alternativen zum Totalitarismus von rechts und links.

Man sprach über den fundamentalen Irrtum der Philosophie des Laissez-faire, die im Kampf gegen die autoritäre Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung der Vergangenheit übersehen hatte, dass die wirtschaftliche Freiheit nicht etwas Wildwachsendes, sondern das empfindliche Geschöpf einer Rechtsordnung ist, der ein komplexes System von sittlichen Normen und Überzeugungen, von Gewohnheiten und Wertvorstellungen entsprechen muss. Die Neoliberalen beschäftigten sich mit der Frage, welche Rechtsordnung einer gerechten, freien und ergiebigen Wirtschaftsverfassung angemessen ist. Diese Intellektuellen waren keine dümmlichen Casino-Kapitalisten, skrupellosen Firmenjäger und renditesüchtigen Spekulanten. Es waren honorige und erfahrene Intellektuelle, die Konzepte für eine freie, soziale und gerechte Gesellschaft entwickelten – allerdings ohne die Attitüde der Machtanmaßung, wie wir sie in politischen Debatten häufig vernehmen müssen.

Und in 60 Jahren hat die Bundesrepublik Deutschland eine in der Geschichte des Landes einmalige politische Stabilität erreicht, die man nicht leichtfertig zerreden sollte. Schlechte Gesetze und Rechtsverordnungen, Steuergeldverschwendung, bürokratische Ausuferungen, Willkür, Korruption, Macht- und Amtsmissbrauch verdienen eine harte politische Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit.

LuhmannNur sollten wir deshalb nicht das gesamte Gefüge unserer Institutionen in Frage stellen. Entscheidend ist nur, wie Luhmann sagt, dass das System des politischen Gleichgewichts funktioniert und Schaden vom Gemeinwesen abgewendet wird – egal welche politische Strömung temporär das Sagen hat.

Regierungshandeln ist an Kompromisse gebunden, muss sich mit Gesetzestechnik und Verwaltungen auseinandersetzen, muss sich ständig der Öffentlichkeit stellen und die Regeln der parlamentarischen Demokratie beachten. Das politische Personal muss viele Hürden überwinden, um gestalterisch wirken zu können. Das ist anstrengend und manchmal zermürbend für die Akteure, aber gut für die Demokratie.