Energiewende: Härtetest für die Netze der Zukunft

Interview mit der Energieexpertin Martina Dietschmann von Nash Technologies. Was müssen die Netz leisten, um die Energiewende zu bewerkstelligen? Welche Fehlerquellen müssen berücksichtigt werden, welche intelligenten Technologien werden gebraucht für einen sparsamen Umgang mit Energie. Alles das ist Thema der Energy World in Essen, die ich heute besucht habe.

Im intelligenten Netz verschmelzen zahlreiche neue Technologien mit der bestehenden Energie-Infrastruktur. Wind, Solar, Bioenergie – die dezentral aus ganz Deutschland Energie liefern – müssen mit der klassischen Energieerzeugung verwoben werden und in die sich verändernden Netze integriert werden. Die Steuerung des Smart Grids läuft über das Internet, was noch mehr Integrationsarbeit bedeutet. „Wir müssen dies von Anfang an beachten“, sagt Dietschmann und plädiert für einen branchenübergreifenden Dialog über die Standards und die Architektur des Netzes.

Ein Beispiel für die verschiedenen Komponenten, die im Smart Grid berücksichtigt werden müssen, sind die „Smart Meter Gateways“. In den Gateways werden die Energieverbrauchswerte von vielen Anschlussnutzern, wie zum Beispiel in Mehrfamilienhäusern oder großen Liegenschaften, erfasst, gesammelt und weitergeleitet. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, kurz BSI, hat dazu ein „Schutzprofil“ entworfen. Das sei ein erster Schritt in die richtige Richtung, so Dietschmann: „Die Gateways sind ein Knotenpunkt von vielen, und sie alle müssen ordentlich gesichert sein.“

Siehe auch unseren NeueNachricht-Bericht.

Der deutsche NIMBY-Geist

So richtig geht es ja wohl mit der Energiewende in Deutschland nicht voran. Man kann allerdings nicht gegen Atomkraft demonstrieren und jetzt gegen alternative Energien auf die Barrikaden gehen. Wer auf Wind, Wasser, Erde und Sonne setzt, der muss sich auch für die Förderung von Windkraftanalagen, Stromtrassen, Geothermie, Pumpspeicherkraftwerke, Solarparkanlagen und Biogas einsetzen. Oder herrscht in Deutschland der NIMBY-Geist? Not In My Backyard. „Zu Deutsch etwa: nicht in meinem Hinterhof, nicht in meinem Vorgarten, nicht in meiner Straße…nicht dort also, wo ich lebe“, schreibt der SZ-Redakteur Gehard Matzig in seinem sehr lesenswerten Buch „Einfach nur dagegen“. „Nicht jetzt, nicht hier, nicht in meinem Hinterhof: Dieses Denken und Nichtwollen markiert das exakte Gegenteil von dem, was heute eigentlich nötig wäre“, so Matzig. Wer den eigenen Gartenzaun verabsolutiert, gefährdet die Energiewende. Was technologisch noch passieren muss, thematisiere ich in meiner heutigen Kolumne für den Fachdienst Service Insiders.

Woher diese deutsche Technologie-Skepsis kommt, erörtert Zeit-Online in einem Interview mit Douglas Coupland:

„Vielleicht sind viele Deutsche einfach deprimiert? Nein, das glaube ich nicht, im Vergleich zu den Dänen seid Ihr geradezu euphorisch. Andererseits muss man auch erkennen, dass Ihr Deutschen immer alles zuerst habt. Ihr lebt in einer Kultur, die von Forschung und Technik angetrieben wird – es ist also ein bisschen so, als wäre Deutschland eine Art Testlabor.“

Die Deutschen seien so etwas wie die Probespieler für den Rest der Welt.

„Und bei jeder neuen technischen Entwicklung gibt es zuerst eine Achterbahnfahrt von übertriebener Glorifizierung und ebenso übertriebener Verurteilung. Nach einer Weile haben sich dann alle daran gewöhnt und keiner kann sich mehr daran erinnern, wie das Leben vorher war. Das war beim Buchdruck so, beim Fernsehen und beim Internet – und es wird bei allen weiteren Entwicklungen auch so sein.“

Dann besteht ja noch Hoffnung 🙂

Müllgebühren-Politik der Kommunen ist nicht öko-logisch #Kreislaufwirtschaftsgesetz

Nach Informationen der FAZ legt die Koalition den Streit über die Reform des Kreislaufwirtschaftsgesetzes bei. Die Einigung soll den Wettbewerb beleben und das Recycling verbessern.

Der Gesetzgeber hat sich über zwanzig Jahre Zeit gelassen, nicht nur die Rohstoffressourcen von Elektronikschrott, Altautos und Verpackungsmüll ökologisch sinnvoll zu nutzen, sondern auch die großen Potenziale des Hausmülls zu erschließen. Die Änderung des Kreislaufwirtschaftsgesetzes soll dazu dienen, noch mehr Abfälle zu verwerten, die bislang in der Restmülltonne landeten.

Der Bundestag will das Gesetz am Freitag beschließen. Doch könnte die SPD, die sich für die Interessen der kommunalen Betriebe eingesetzt hatte, das Gesetz im Bundesrat blockieren. Der Kern des Streites ist die Furcht der Kommunen, einen Teil des Abfallstromes zu verlieren.

Weizsäcker: „Die in Deutschland aufgebaute Überkapazität von Müllverbrennung war ein schwerer umweltpolitischer Fehler“

Die Logik der Müllgebühren-Kalkulation giert nach mehr Müll in der Restmülltonne, um die überdimensionierten Müllverbrennungsanlagen der Kommunen auszulasten. Wo das hinführt, kann man in den kommunalpolitischen Niederungen der rheinischen Tiefebene besichtigen mit teuren und zu großen MVAs in Bonn, Leverkusen und Köln. Aber wer redet heute noch über die Schmierenkomödie, die der Journalist Werner Rügemer so treffend als „Colonia Corrupta“ entlarvt hat. Die Zeche zahlen die Privathaushalte im Rheinland mit überhöhten Müllgebühren. Ökologische Faktoren wie Abfallvermeidung, Wiederverwendung, Reparatur, Recycling, Energiegewinnung oder die Reduktion des Verbrauchs fossiler Energien sucht man in der Restmüll-Kalkulation der Stadtkämmerer vergeblich.

Die Betriebskosten orientieren sich an der Tonnage.<

Je mehr Müll in den Verbrennungsöfen landet, desto geringer sind die Müllgebühren pro Tonne. Wird eine Müllverbrennungsanlage nicht ausgelastet, fallen „Leerkosten“ an, die zu einem Anstieg der Müllgebühren führen. „Die in Deutschland aufgebaute Überkapazität von Müllverbrennung war ein schwerer umweltpolitischer Fehler, auch wenn sie meist ‚ökologisch‘ begründet wurde“, kritisiert Ernst von Weizsäcker, Ko-Präsident des Internationalen Ressourcenpanels, gegenüber dem Debattenmagazin „The European“. Mein Müllepos ist dort heute erschienen.

Bei den ehrgeizigen Zielen, die sich die Bundesregierung in der Energiewende gesetzt hat, wäre es doch ein Treppenwitz, sich in der mehr als fragwürdigen Kameralistik der Gebietskörperschaften zu verheddern. MVAs sind Energiefresser mit beschämend schlechten Wirkungsgraden bei der Strom- und Wärmegewinnung – von der aufwändigen Rauchgasreinigung und der Entsorgung der MVA-Schlacke mal ganz abgesehen. Mit diesen technologischen Dinosauriern ist kein Staat zu machen. In der Umwelt- und Energiepolitik sollte man jetzt aufpassen, sich nicht in kleinkarierten Kämpfen um die Entsorgungshoheit von Plastikbechern zu verlieren. Daran sind leider auch die Herrscher über Gelbe Tonnen und Säcke nicht ganz unschuldig, die mit Phantasierechnungen die Entsorgungspreise nach unten mogeln (Siehe: Alles klar beim Clearing? Die buchhalterischen Wunder des Gelbe Tonnen-Systems http://ne-na.de/alles-klar-beim-clearing-die-buchhalterischen-wunder-des-gelbe-tonnen-systems-ein-fall-fuer-das-bundeskartellamt/001133)

Der Gesetzgeber sollte ähnlich vorgehen wie in der Telekommunikation. Klare Regeln für die Kreislaufwirtschaft formulieren und über die Bundesnetzagentur überwachen lassen – fernab von egoistischen Zielen von Kommunen und Entsorgungskonzernen.

Kleine hausmeisterliche Korrektur in Richtung des FAZ-Redakteurs.

So schreibt Andreas Mihm: „Bisher dürfen nur vorher durch den ‚grünen Punkt‘ lizenzierte Verpackungen in den Wertstofftonnen oder gelben Säcken entsorgt werden.“

Mensch Mihm. Auch die WAZ hat diesen Blödsinn schon geschrieben. Die Zeiten der Alleinherrschaft sind durch Interventionen des Bundeskartellamtes und der EU-Kommission schon lange vorbei. Mittlerweile muss sich der gewinnorientierte Grüne Punkt-Müllkonzern mit acht Konkurrenten um Marktanteile streiten. Da war es nur logisch, dass der Gesetzgeber in der fünften Novelle der Verpackungsverordnung die Kennzeichnungspflicht für Hersteller und Vertreiber in Deutschland abschaffte. Die Beteiligung an einem „Dualen System“ erfolgt nicht mehr durch den Aufdruck des Grüne Punkt-Zeichens.

Es läuft wie bei den Goldbärchen in der Thomas Gottschalk-Werbung. Sie gelten ja auch nicht als Symbol für die Süßwaren-Industrie, sondern stehen für ein einziges Unternehmen: Haribo. Beim Grünen Punkt ist es die Duales System Deutschland GmbH in Köln – nicht mehr und nicht weniger.

Siehe auch:
Floskeln und Sonntagsberichte: Warum wir in Fragen der Nachhaltigkeit nicht vorwärts kommen.

„Propheten ohne Durchblick“ meutern gegen die Solarenergie: Staatsknete soll wohl nur an die Atomfreunde fließen


In meiner morgigen The European-Kolumne beschäftige ich mich mit: „Forscher fordern Stopp für Ökostrom“. Rums. So lautet die martialische Schlagzeile einer Titelstory der „Welt am Sonntag“ (WamS) in Kombination mit der Präsentation eines Logos aus der Schublade des Lobbyistenvereins der altehrwürdigen Industrie-Gerontologen: „Sonnenenergie Nein Danke“.

Sogleich erwartet der geneigte Leser des Springer-Blättchens eine Armada an Wissenschaftlern, die sich über den großen Solarschwindel echauffiert und mit einem „Essener Manifest“ die Rückkehr in das fossile Zeitalter fordert. Mit dem Ruhrgebiet liegt man gar nicht so schlecht. „Forscher“ kann ja „der“ oder „die“ bedeuten. Am Ende zitieren die liebwertesten Zeitungs-Gichtlinge dann doch nur „eine“ Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), die der Bundesregierung raten, den Ausbau der erneuerbaren Energien für mehrere Jahre zu unterbrechen und die Novelle des EEG auszusetzen.

Die WamS-Leute erwähnen dabei noch, dass es sich beim RWI um eine der renommiertesten Wirtschaftsforschungsinstitute der Republik handelt, die auch regelmäßig Konjunkturprognosen für die Bundesregierung erstellt. Es zählt also zu jenen vom Staat mit über 41 Millionen Euro jährlich subventionierten Glaskugel-Ökonomen, die vom Schwesterblatt „Die Welt“ als „Propheten ohne Durchblick“ tituliert wurden.

Im gleichen Atemzug wird eine Umfrage des atomfreundlichen BDI kredenzt, in der jedes zweite befragte Unternehmen zu Protokoll gibt, dass sich das neue Energiekonzept, die zu erwartenden steigenden Energiepreise und die schwankende Versorgungssicherheit negativ auf das Investitionsverhalten auswirken wird. Von den Restauratoren des Industrieclubs konnte man auch keine andere Geisteshaltung erwarten. Komisch nur, dass man sich so einseitig auf die Anbieter von Solarenergie stürzt, die in den vergangenen Jahren sicherlich auch nicht gerade durch Bescheidenheit und Demut aufgefallen sind wie die etablierten Stromkonzerne, die über Jahrzehnte auf Kosten der Steuerzahler fette Renditen in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. Mit welchen Methoden springt denn die „Viererbande“ auf den Ökostrom-Zug auf, den sie eigentlich auf das Abstellgleis schieben wollte?

Ein Blick in die Bilanzen der Atomfreunde könnte helfen. So würde man zweifelhafte Zertifikate und eine Vielzahl von maroden Wasserkraftwerken vorfinden, die aus der Mottenkiste herausgeholt werden, um möglichst hohe Anteile von sauberem Strom vorzuweisen. „Was die Solarbranche kann, das können wir alten Industrie-Haudegen doch schon lange“: Fördergelder des Staates kassieren. Soweit die Vorschau auf mein morgiges Elaborat für das Debattenmagazin The European. Ab 9 Uhr ist die Kolumne in der Regel online. Am vergangenen Montag hatte ich ja schon etwas zur Klageandrohung der Viererbande geschrieben.

Ihr könnt mich nicht verunsichern! #Ergo-bibamus

Ergo auch nicht die Zeilen des Handelsblatt-Chefredakteurs, die ich heute früh als Newsletter bekommen habe:

Guten Morgen Herr Sohn,
unsere heutige Titelgeschichte befasst sich mit einem Mann, dessen Firma in den vergangenen Wochen traurige Berühmtheit erlangt hat. Torsten Oletzky ist Vorstandschef der Ergo-Versicherung. Seine Vertreter wurden mit einer Sex-Reise belohnt, seine Versicherungsnehmer mit falsch kalkulierten Policen bestraft, und den Aufsichtsrat hat er mehrfach falsch informiert. Der Mutterkonzern Munich Re treibt die Aufklärung der diversen Eskapaden nun selbst voran. „Der verunsicherte Konzern“ – so ist unsere Titelgeschichte überschrieben – braucht einen Neuanfang, meinen auch immer mehr Aufsichtsräte. Soweit die E-Mail des Handelsblatt-Verlages.

Zur Aufklärung der Sexaffäre und zum Abbau allgemeiner Verunsicherung wurde dieses Video produziert. Die Kampagne läuft unter dem Slogan: Ergo bibamus! Also lasst uns trinken!

Für mehr Sicherheit wollen die Staatskrieger im Cyber-Abwehrzentrum in Bonn sorgen. Ihre Uniform wirkt extrem abschreckend gegen Viren, Würmer, Mutationen, Hacker oder Cyber-Terroristen:

Ob das etwas anmaßend titulierte Cyber-Abwehrzentrum mehr leisten kann, als neue Planstellen zu schaffen, wird in einem Beitrag für NeueNachricht kritisch hinterfragt: „Wir sollten den gesunden Ingenieursverstand einschalten“ – Smart Grid kann mehr Sicherheit schaffen als ein Cyber-Abwehrzentrum.

Auszug: Welche betriebs- und volkswirtschaftlichen Schäden dabei wirklich eingetreten sind, ist allerdings unklar. „Die Sicherheitsexperten sollten weniger im Konjunktiv reden, sondern klar benennen, wo ein wirklicher Schaden aufgetreten ist und was dabei lahmgelegt wurde. Und Stuxnet war ja nicht gerade das Werk von klassischen Cyber-Kriminellen. Wer ständig auf der Metaebene warnt und durch nebulöse Horrormeldungen sich in Szene setzt, bewirkt für die IT-Sicherheit genau das Gegenteil. Die Sensibilität nimmt ab“, kritisiert Peter B. Záboji, Chairman des After Sales-Spezialisten Bitronic. Einer Entnetzung das Wort zu reden, sei genauso fahrlässig. Ohne intelligente Netze sei beispielsweise die Energiewende nicht zu realisieren. Ein Ausbau der Stromtrassen reiche nicht aus, so Záboji. Das sieht auch IT-Experte Bernd Stahl von Nash Technologies so: „Durch die schwankende Einspeisung von Windkraft und Solarenergie muss die Netzauslastung durch ein intelligentes Netz ständig analysiert und gesteuert werden. Das Smart Grid wird also Stromausfälle verhindern und für Stabilität sorgen. Es ist der Schlüssel zu einer sicheren Energiewende.“

Mit Sicherheit werden uns die vier Stromkonzerne in den nächsten Jahren noch auf den Keks gehen. Für die Oligolisten ist kein Platz an der Sonne, so der Titel meiner Kolumne für „The European“.