Doofmann, Dorftrottel und Weltbürger – Bachmann-Preisträger Peter Wawerzinek begeisterte in der Buchhandlung Böttger in Bonn

Der Schriftsteller und Bachmann-Preisträger Peter Wawerzinek hat seine mutterlose Kindheit in Ostdeutschland „als großen Schmerzensmonolog literarisiert“, so die FAZ. „Halb verhungert fand man den Zweijährigen 1956 zusammen mit seiner Schwester in der Wohnung, in der die Mutter die Kinder Tage zuvor zurückgelassen hatte. Sie war in den Westen gegangen, der Vater unbekannt. Der kleine Peter kam noch einmal mit dem Leben davon, aber über seine ‚mutterlosen ersten vier Lebensjahre‘ weiß der Sechsundfünfzigjährige bis heute nichts. Er hat niemanden, der ihm Vorfälle aus der frühen Kindheit überliefern, niemand, der sich für ihn erinnern kann. Der Anfang von allem ist für immer gelöscht. Erst als Vierjähriger tritt er aus dem Nebel der Vergessenheit hervor und gibt sich dem erinnernden Schriftsteller als der Kümmerling zu erkennen, der er 1958 war. Im Osten feiern die Bürger den russischen Sputnik I im All, zwischen West und Ost hängt der Segen schief, und Peter, das ramponierte Kind, wird wieder in ein neues Heim gebracht und dort einem Arzt zur Begutachtung vorgeführt. Der Junge ist mager, zurückgeblieben, und er spricht nicht. Am meisten aber irritiert die Anwesenden, dass das Kind, als der Arzt das Wort ‚Mutter‘ laut ausspricht und ihm dabei den Puls fühlt, nicht reagiert. Das Wort, erinnert sich Wawerzinek fünfzig Jahre später, flog durch seinen Kopf hindurch ‚wie ein Pfeil durch eine leere Halle‘. Es bedeutete nichts“, schreibt die FAZ.

Auf mehr als vierhundert Seiten hat Wawerzinek seine Kindheitserlebnisse fast therapeutisch beschrieben. Er hat diese Zeit mit all seinen Sinnen erspürt und rekonstruiert. Er ist nicht interessiert an einer keimfreien journalistischen Recherche der Geschehnisse. Seine Erinnerungen wurden wachgerufen durch Gerüche, Geräusche und dem Berühren von Bäumen, Sträuchern und Sand, sagte Wawerzinek bei der Lesung in der Bonner Buchhandlung Böttger.

Wawerzinek findet Bilder „von großer trauriger Schönheit, etwa wenn er sich erinnert, wie er als sprachloses Kind im ‚Haus Sonne‘ Franz von Assisi gleich mit den Vögeln sprach und ihre Laute perfekt nachzuahmen verstand. Prägnant ist auch der Moment, als er erkennt, wie ihn die eigene Erinnerung in die Irre führt. Dass Peter nur dreizehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von einem Chauffeur ins Kinderheim gebracht wird, wie er Jahrzehnte später felsenfest glaubt, ist ausgeschlossen. Trotzdem fährt das Waisenkind auf seiner Erinnerungsreise in einer Limousine ins Heim und nicht, was der Wahrheit näher kommen dürfte, mit dem Sammeltransporter. Wenn Peter wieder von den Schwestern im Gitterbett festgebunden wird, flüchtet er sich in Schattenspiele an der Zimmerdecke: Gaukeleien gegen die Trostlosigkeit, die nicht zu heilen ist, sondern mit ihm, Wawerzinek, ‚groß wird und erst zum Lebensende hin, am Schluss mit mir sterben wird‘“, berichtet die FAZ.

Und weiter heißt es in der FAZ-Rezension: „Während sich das Waisenkind im Heim in Ohnmachten flüchtet, geht es in der dritten Familie, die es schließlich gegen seinen Willen aufnimmt, in die innere Emigration. Die spießige DDR-Idylle des konformistischen Lehrerehepaars mit dicken Vorhängen an den Fenstern und steifen Kissen im Bett wird für den Pubertierenden unerträglich.“ Im Roman nennt er seine neuen Eltern konsequent nur „Adoptionsmutter“ und „Adoptionsvater“. Angeekelt ist der Autor beispielsweise vom morgendlichen Waschritual des Adoptivvaters. Es findet, wie fast alles in dieser neuen Familie, in der Küche statt: „Der Adoptionsvater lässt vor dem Becken recht bald die Schlafanzughose runter, gibt allmorgendlich die nackte untere Teilansicht von sich zu sehen, wie einem modernen Ölgemälde entnommen oder als Teil eines gewollt skandalösen Theaterstücks der jüngeren Zeit. Lässt den Waschlappen auf- und abtauchen. Spiel mit dem Waschlappen Verstecken. Kann klatschende Waschlappenaufprallgeräusche nicht vermeiden. Verrät durch das Klatschen, wo sich der unsichtbare Lappen befindet, weil morgens alles so schnell gehen soll und er sich stets mit kaltem, manchmal eiskaltem Wasser waschen muss. Ein wascherprobter, alter Waschlappen klatscht an müde, alte Männerhüfte, verschwindet Bauchunterseite und Innenschenkel, blitzt am Gesäß auf, erzeugt dabei ein Glucksen wie von Stiefeln beim Wasserwaten im modrigflachen Gewässer. Mich kräuselt das Waschlappenklatschen. Ich habe bis heute kein anderes Wort zur Beschreibung des Vorganges gefunden als das Wort kräuseln, das dem Erlebten als Begriff in etwa Ausdruck verleiht.“

Seine Lebensgeschichte schildert er mit einem ironischen und komischen Unterton. Peter Wawerzinek ist ein Autor ohne Eitelkeit und Allüren. Er geht offen mit seinen Macken, Schwächen und Erlebnissen um. Er schwankt zwischen „intellektuell und Doofmann, zwischen Dorftrottel und Weltbürger“, wie es Wawerzinek in der Buchhandlung Böttger ausdrückte – sehr sympathisch!

Peter Wawerzinek: Rabenliebe. Roman. Galiani Verlag. Berlin 2010. 428 S., geb., 22,95 Euro.

Hier die Audioaufzeichnung der Lesung in Bonn – am Anfang noch einige störende Nebengeräusche von verspätet eintreffenden Gästen:

Margot Honecker, die Unbelehrbare, feiert den 60. Jahrestag der DDR

Sie war die mächtigste Frau der DDR: Margot Honecker, Frau des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker und selbst 26 Jahre lang Volksbildungsministerin im Arbeiter- und Bauernstaat. Seit 1992 lebt sie im Exil in Chile. Panorama hat sie dort gesucht – und gefunden. Panorama-Reporterin Christine Adelhardt hat mit Margot Honecker gesprochen. Sehr viele Antworten hat sie nicht bekommen. Einem Zuschauer von Panorama verdankt die Redaktion den Hinweis auf einen Film, der die Kaderlady im privaten Kreis zur Feier des 60. Jahrestages der DDR zeigt. Nobel von der Redaktion, die Recherche im Social Web nicht als eigene Leistung darzustellen. Die Aufnahmen finden sich bei Youtube. Man brauchte ins Suchfeld nur „Margot Honecker“ eingeben und wurde sofort an zweiter Stelle fündig. Das ist doch mal ein schönes Beispiel für die Symbiose von Profi- und Bürgerjournalismus.

„Der Sozialismus kommt wieder, auch in Deutschland“, so beurteilt Margot Honecker die politische Lage zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung. Nach wie vor bezeichnet sie den Fall der Mauer als Verrat. Was sie vor allen Dingen jungen Menschen in der DDR angetan hat, wurde von der Panorama-Redaktion mit Augenzeugenberichten gut herausgearbeitet. Stichwort: Jugendwerkhof Torgau (Anweisung, die mit MH unterschrieben wurde: „Den Willen Jugendlicher brechen“).

Walter Kempowski zum Achtzigsten: Das Ganze ist eine Wahnvorstellung

Walter Kempowski Am 29. April 2009 wäre der Schriftsteller Walter Kempowski 80 Jahre alt geworden. Bin gespannt, wie das Mammutwerk des großartigen Zeitzeugen, des Chronisten, des Sammlers und unbequemen Denkers gewürdigt wird. Eine Neuerscheinungen kündigen sich schon an:

Bücher und Begegnungen
Bücher und Begegnungen
Bücher und Begegnungen von Volker Hage und die Gedichtsammlung Langmut von WK.
Langmut
Langmut

Hempel muss man lesen
Hempel muss man lesen
Unverzichtbar ist das Buch von Dirk Hempel, Eine bürgerliche Biographie.

Erst mit dem Erfolg des Projektes „Echolots“, mit dem Kempowski in der Tradition Walter Benjamins seine Technik in reiner Collage radikalisierte, gelangte er zu nationaler und internationaler Wertschätzung. Das war für ihn ein Triumph über ein deutsches literarisches Milieu, das ihn als schreibenden Dorfschullehrer abtun wollte, „der die deutsche Geschichte deutungsabstinent und vergnüglich aufarbeite, also verharmlose“. Erst jetzt wurde Kempowskis radikaler Antiidealismus umfassend sinnfällig: Das Ganze ist nicht nur nicht das Wahre, es ist eine Wahnvorstellung.

„Nun erreichten Kempowski die Ehrungen, die er sich mehr oder minder ironisch gewünscht hatte. Deren Höhepunkt war die Verleihung der Ehrendoktorwürde und der Honorarprofessur durch die Universität Rostock 2002 beziehungsweise 2003. Kempowski hatte damit jene Höhe der Bürgerlichkeit eingeholt, auf der sich die Familie einst befunden hatte. Ob er nun seinem Vater unter die Augen treten könnte, seine eigene Schuld abgetragen sieht und ob er sich nun versöhnt hat, läßt sein Biograph dahingestellt. Jedenfalls reflektiert sich Sowtschick noch in ‚Letzte Grüße‘ als einer, dem die Erfüllung versagt geblieben ist“, schreibt die FAZ.

Im Gegensatz zu jenen Repräsentanten der deutschen Nachkriegsliteratur, zu „Böll und anderen Graumännern“, spielte Kempowski für die junge deutsche Literatur längst eine Rolle als „Vorbild, Ratgeber, Muntermacher und hochverehrter Vorkämpfer“ (so Benjamin von Stuckrad-Barre). Für viele Jüngere sei er der einzige große deutsche Schriftsteller der „Flakhelfer-Generation“, der Humor hatte und von dem man etwas lernen konnte. Seine scheinbar einfache Art der Mündlichkeit des Erzählens, der Faktenreichtum und die Technik des kommentarlosen Collagierens hatte ihnen eine Perspektive auf die Koexistenzen der deutschen Geschichte eröffnet, die der ideologische Diskurs der Achtundsechziger verstellte.

Weihnachten in der DDR: Ideologischer Kampf zwischen Väterchen Frost und den Himmlischen Heerscharen

Die DDR hatte ideologische Probleme mit dem Weihnachtsfest. Christentum und Religion waren dem Arbeiter- und Bauernstaat suspekt. Das wichtigste Fest der Christen stand deshalb bei der SED-Führung nicht hoch im Kurs. Eine Ersatzreligion suchte man beim Religionskritiker Karl Marx: „Die sozialen Prinzipien des Christentums haben die antike Sklaverei gerechtfertigt, die mittelalterliche Leibeigenschaft verherrlicht und verstehen sich ebenfalls im Notfall dazu, die Unterdrückung des Proletariats, wenn auch mit etwas jämmerlicher Miene, zu verteidigen. Die sozialen Prinzipien des Christentums predigen die Notwendigkeit einer herrschenden und einer unterdrückten Klasse und haben für die letztere nur den frommen Wunsch, die erstere möge wohltätig sein. Die sozialen Prinzipien des Christentums predigen Feigheit, die Selbstverachtung, die Erniedrigung, die Unterwürfigkeit, die Demut, kurz alle Eigenschaften der Kanaille“, polemisierte Marx. Auf diesem geistigen Fundament konnten die ostdeutschen Politführer die Geburt Christi nicht feiern. Stephan Hermlin brachte als Haus- und Hofdichter der SED Weihnachten einfach mit Stalin in Verbindung. Immerhin hatte der sowjetische Diktator am 21. Dezember Geburtstag. Grund genug für Hermlin, etwas poetisches zu fabrizieren. Sein Gedicht „Stalin“ beginnt mit einer weihnachtlichen Szene: In einer kleinen Hütte wird der Welt der neue Erlöser geboren. Der Anklang an den Stall zu Bethlehem ist deutlich. Hermlin formuliert kosmische Dimensionen. Stalins dornenvoller Weg wird mit hohem Pathos besungen: Vom Widerstand gegen den Zarismus, von der Gründung der Partei neuen Typus und der glorreichen Oktoberrevolution bis zu seinem Triumph über fast die ganze Welt. Ein kleiner Auszug aus dem Gedicht:

„Sicherlich, damals konnte es keiner wissen,
Daß diese Nacht nicht mehr ganz so wie frühere war.
Eine Nacht, wie alle, vom Bellen der Hunde gesplissen,
Und die Wälder wie immer mit Wind in ihrem Haar.

Die Mädchen, die eine Weile noch in den Türen standen,
Schmeckten müde den Schnee, der im Gebirge wohnt.
Aber über den Bergen, weit hinten von Hahnenschreien zerrissen,
Änderte sich unmerklich die Architektur der Nacht.

Im Gewölke der Blicke wie eine Schwinge gleitend
Schaun wir durch Explosionen der Knospen die Stadt
Überzogen von Völkern sich selbst zum Siege geleitend,
Von Propellern entführt und rauschendem Rad.

Aus dem unendlichen Raunen von Inseln und Ländern
Hebt das Entzücken sich mit seiner Botschaft dahin,
Wo die Verheißungen leben und Epochen verändern,
Namenlos sich die Zeit endlich selbst nennt:
Stalin.“

Hermlin benutzt nicht nur in dieser Eloge für einen Massenmörder religiöse Metaphern. Das historische Großereignis bekommt dadurch die nötige Weihe. Hermlin beschreibt die Ereignisse nicht als geschichtlichen Prozess, sondern als übergeschichtliche Einbrüche eines Größeren in die Welt: Die Partei ist das „Licht aus dem Osten“, der November als Allegorie die verkörperte Zuversicht. Stalins Lebensweg wird zum Mythos stilisiert. Für eine große und heilige Sache lässt sich leichter töten. Der Stalin-Poet verwandelt die Einheitspartei in ein mythologisches Wesen und entzieht sie dem irdischen Urteil.

Zu den alltäglichen Verarbeitungsmustern des DDR-Weihnachtsfestes diente der Klassenkampf. Der drohende und kriegslüsterne Westen mit seinem schnöden Materialismus musste von der schreibenden Zunft in Ostdeutschland bekämpft werden. So stand im SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ am 25. Dezember 1964:

„In den Werbesendungen der westdeutschen Fernsehanstalten und Rundfunksender der großen Kaufhäuser wird auch in diesem Jahr die alte Mär von der frohen Weihnacht für eine gigantische Werbekampagne genutzt. Weihnachtsmänner, die selbstmassierende Unterhosen anbieten, puppenschöne Gabrielengel, die schwedisches Büchsenfleisch zart und fein wie aus dem Himmel reichen, oder Hirten, die für Kukident-Gebißhaftpulver Werbung machen, beherrschen das Bild. Glanz. Lichter, Tannengrün und Musik: Weihnachten überall. Hinter der glänzenden Fassade grinst allzu offen das Gesicht des neuen deutschen Business, die Gier der großen und kleinen Geschäftsleute nach Profit. Um in den Besitz des Geldes der alten und der jungen Käufer zu kommen, erzählen sie Weihnachtsgeschichten und legen in die Krippe, in der das Christkind arm und nackend zur Welt kam das echte Kölnisch-Wasser aus der Glockengasse 4711 oder sie bestäuben die Weihnachtskrone mit Ajax, weißer Wirbelwind, dem Waschpulver mit Format. Vor dem Weihnachtsfest arbeiteten die westdeutschen Werbefachleute regelrechte Schlachtpläne aus. Sie bedienten sich dabei vielfältiger neuer psychologischer Kampfmethoden…Die Maßstäbe für das menschliche Verhalten, von vielen Pädagogen und Geistesschaffenden jahrzehntelang mühsam aufgebaut, werden durch die bedenkliche Werbung in der Bundesrepublik unterhöhlt. So bringt man die gute Eigenschaft der Bescheidenheit durch die Appellation an Renommiersucht systematisch zu Fall. Der noch verbliebene natürlich Gemeinschaftsgeist wird durch eine Individualismus-Welle der Werbung aufgelöst. Sogar vor Weihnachten, dem Fest der Liebe und Besinnlichkeit, dem Fest des Friedens und der Menschlichkeit machen die Manipulatoren nicht halt.“

Mit dem Hinweis auf den schnöden westlichen Mammon ließ sich die Mangelwirtschaft des SED-Regimes als selbst gewählte Enthaltsamkeit gut verkaufen. Der Redakteur des „Neuen Deutschlands“ konnte sich wenigstens noch durchringen, vom puppenschönen Gabrielengel zu sprechen. In den 70er Jahren ließen die Zensoren der „Schönen Neuen Welt“ auch das nicht mehr zu. Für Engel galt fortan die Wortschöpfung „Jahresendfigur mit Flügeln“. Die traditionellen Schwibbögen aus dem Erzgebirge mutierten zu „Triumphbögen“. Sie sollten besser den Sieg der Arbeiterklasse symbolisieren. Die Weihnachtspyramiden wandelten sich zu „Kerzendrehtürme“. „Neusprech“ a la SED. Während der DDR-Aufbaujahre dachte Walter Ulbricht sogar daran, das Weihnachtsfest ganz aus dem Kalender zu streichen. Die himmlischen Heerscharen, Sankt Nikolaus, das Christkind und der Weihnachtsmann wollte er arbeitslos machen. Statt dessen favorisierte Ulbricht Väterchen Frost. Es stand nicht unter Verdacht, für den Klassenfeind zu arbeiten. Die Bescherung sollte nicht mehr Heiligen Abend, sondern am ideologisch genehmeren Neujahrsmorgen stattfinden. Die Kraft des Heilands war aber stärker als die Agitprop des SED-Chefs. Er konnte sich mit seinen Plänen nicht durchsetzen. Um so mehr mußte das Weihnachtsfest für Treueschwüre auf den Arbeiter- und Bauernstaat herhalten. Am Heiligen Abend durfte sich die bewaffneten Truppen der DDR keine Blöße geben. Gerade an diesem Tag lag alljährlich die Gefahr eines Überraschungsangriffs des heimtückischen Westens in der Luft. Heldenhaft wurde noch am 24.12.87 im „Neuen Deutschland“ an den Kampfauftrag der Nationalen Volksarmee (NVA) erinnert: „Für den zuverlässigen Schutz der Staatsgrenze der DDR dankte am Mittwoch der Kandidat des Politbüros des ZK der SED der Bezirksleitung Erfurt, Gerhard Müller. Beim Besuch einer Einheit der Grenztruppen der DDR in Eichsfeld führte er herzliche Gespräche mit Soldaten, Unteroffizieren, Fähnrichen und Offizieren und informierte sich über ihre Dienst- und Lebensbedingungen. Auf einem Forum beantwortete er Fragen zur Innen- und Außenpolitik der DDR. Dabei würdigte er den verantwortungsvollen Dienst der Grenzsoldaten. Major Knot Schmidke versicherte, dass die Angehörigen der Einheit auch in Zukunft ihren Klassenauftrag erfüllen werden.“ Und Soldat Herbert Weiß meldet die Frohe Botschaft: „Zum Weihnachtsfest möchte im dem ND einen herzlichen Gruß senden. Ich bin Schweriner und leiste an der Berliner Staatsgrenze meinen Ehrendienst bei der NVA. Die Wacht an dieser Trennlinie zweier Welten sehe ich als eine besondere Ehre an. Hier, wo ich stehe, beginnt die Macht des Volkes, der Arbeiter und Bauern und aller friedlich Schaffenden. Hier endet die Macht der Vergangenheit, jener Kräfte, die auch heute noch vom Schweiß und Blut des Volkes leben wollen. Jeder Tag, an dem wir durch unseren Einsatz die Ruhe an dieser Grenze gewährleisten, ist für uns ein Sieg. Mit jedem Tag wird unser sozialistischer Staat stärker, verringern sich die Möglichkeiten der Bonner Revanchisten. In den Weihnachtstagen werden wir Grenzsoldaten unseren Dienst zum Schutze der Heimat mit ganz besonderer Aufmerksamkeit versehen, damit die Menschen bei uns daheim das Weihnachtsfest in Frieden und Frohsinn verleben können.“
Drei Tage nach dem Fest verkündete das „Neue Deutschland“ stolz, dass die Festtage für DDR-Bürger friedvoll, sicher und geborgen verliefen. „Zehntausende erholten sich in Ferienheime des FDGB. 92 Mitarbeiter und 45 Lehrlinge sorgten sich zu den Festtagen um das Wohlbefinden der 480 Feriengäste im FDGB-Heim Hermann Matern in Wernigerode.“ Das Wohlbefinden und die Geborgenheit von politisch Andersdenkenden, schilderte der Schriftsteller Rainer Kunze:

„In E., sagte sie, habe sich ein Schüler erhängt. Am nächsten Morgen hätten Jungen verschiedener Klassen schwarze Armbinden getragen, aber die Schulleitung habe durchblicken lassen, dass die Armbinden als Ausdruck oppositioneller Haltung gewertet würden. Der Schüler sei Mitglied der Jungen Gemeinde gewesen und habe einen Zettel mit durchkreuztem Totenkopf und er Aufschrift ‚Jesus Christus’ hinterlassen. Als erst hätten die Abiturienten die Armbinden abgelegt, weil sie kurz vor den Prüfungen stehen. Einigen Schülern, die nicht in die Klasse des Toten gehen, sei es vom Lehrer erlaubt worden, an der Beerdigung teilzunehmen, aber auf Anordnung des Direktors habe der Lehrer die Erlaubnis rückgängig machen müssen. Dem Pfarrer sei es nicht gelungen, den Direktor umzustimmen. Die Parteimitglieder habe man angewiesen, Gespräche über den Toten zu unterbinden.“

Für den SED-Chefideologen Kurt Hager, war das ganze Christentum Teufelswerk. Er fürchtete sich 1982 in einem Gespräch mit der westdeutschen DKP vor polnischen Zuständen. Die Kirche würde das ganze Land mit ihren Wallfahrten überrollen: „Sie bläst mit ihren Weihrauchwolken alles zu, und wir können sehen wo wir bleiben. Zu Weihnachten haben wir schon längst verloren“, stellt Hager enttäuscht fest. Weihnachten sei zu einem Einfallstor für finsteren Aberglauben, für bürgerliches und feudales Denken geworden. Hagers Prognosen hatten prophetische Kraft: Die Himmlischen Heerscharen waren stärker als Marx.