Kein Halleluja, Thomas. Aber auch keine Schlussformel.

Heute schon orakelt?

Thomas, dein Halleluja klingt wie der Schlachtruf eines Marvel-Schurken, der glaubt, endlich die Schwachstelle des Superhelden entdeckt zu haben – nur um dann festzustellen, dass das Drehbuch längst umgeschrieben wurde. Du präsentierst deinen Abgesang auf LLMs mit der Überzeugung eines Endgegners im letzten Level, dabei sind wir gerade mal in der Tutorial-Phase.

Dein Problem: Du willst Endgültigkeit, wo nur Dynamik ist. Was du da servierst – LLMs seien „immer Mittelmaß“, „nicht kreativ“, „nicht wirtschaftlich zu betreiben“ – ist kein Argument, sondern eine Textblase mit Ausrufezeichen. Und wie in jedem guten Comic weiß man: Wer zu früh „Game Over“ ruft, steht meist auf der falschen Seite der Doppelseite.

Was du verkennst – oder vielleicht bewusst übersiehst –, ist die grundlegend andere Logik, in der diese Systeme operieren. Die Kritik am fehlenden Output-Genie geht von einem linearen Erwartungshorizont aus: Ursache → Wirkung, Input → Output, Frage → Antwort. Doch LLMs sind keine Maschinen der klassischen Schule. Sie sind, wie Quantenobjekte, stochastische Maschinen. Maschinen der Wahrscheinlichkeit, nicht der Gewissheit.

Dass sie manchmal halluzinieren, ist kein Beweis ihrer Unfähigkeit, sondern Symptom ihres radikal anderen Weltbezugs. Sie modellieren Sprache – nicht Wahrheit. Sie rekonfigurieren Bedeutungsräume – keine Faktentabellen. Und genau darin liegt ihr epistemologischer Skandal.

Deine Behauptung, die KI-Entwicklung bleibe „mittelmäßig“, ist selbst das Produkt einer Mittelmäßigkeit, die den Zufall für einen Fehler hält und die Emergenz für einen Irrtum. Was fehlt, ist ein Blick, der – wie bei Anton Zeilinger – erkennt, dass Beobachtung selbst das Ergebnis beeinflusst. Und dass Systeme, die aus Daten lernen, nicht deterministisch funktionieren können.

Wir brauchen keine Ja-oder-Nein-Debatten über die Brauchbarkeit von LLMs. Wir brauchen eine neue Ontologie des Technischen. Was Popper als kritischen Rationalismus bezeichnete – die Idee, durch permanente Falsifikation der Wahrheit näherzukommen –, trifft auf ein System, das nicht auf Wahrheitsbedingungen beruht, sondern auf statistischer Kontingenz. Sam Altman weiß das. Geoffrey Hinton auch. Die Physik ist hier weiter als der Journalismus.

Dein Halleluja geht ins Leere, weil es ein Finale behauptet, wo noch nicht einmal das eigentliche Stück begonnen hat. Statt Schlussakkorden brauchen wir Zwischentöne. Statt Siegerposen: Versuchsanordnungen. Ein erkenntnistheoretisches Heureka – kein Abgesang mit Nebelmaschine.

Und recherchiere mal, was unter dem Stichwort Neurosymbolik in Deutschland gerade so abgeht, lieber Thomas.

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