Geteilte Öffentlichkeiten: Warum Facebook nie wirklich weg war – Ein Kommentar zu Daniel Fiene

Totgesagte leben länger. Facebook ist das beste Beispiel dafür. Was seit Jahren in unzähligen Social-Media-Retrospektiven als Relikt der 2010er abgestempelt wird, behauptet sich mit stiller Beharrlichkeit im Zentrum der digitalen Öffentlichkeit – oft übersehen, selten verstanden, nie wirklich verschwunden. Ich selbst habe das bereits mehrfach beschrieben: Wer glaubt, Facebook sei tot, glaubt auch, Öffentlichkeit sei ein linearer Raum. Auch die Veröffentlichungen und Meinungen viele Social-Web-„Kenner“ mit ihrem reduktionistischen Einzefall-Empirismus führen da nicht weiter. Sie führen eher in die Irre.

Daniel Fiene liefert die treffende Analyse: Facebook hat nie aufgehört zu wirken. Es hat sich nur der Aufmerksamkeit entzogen – und gerade dadurch seine Relevanz bewahrt. Die Zahlen der ARD-ZDF-Onlinestudie 2024 belegen das empirisch: Mit 33 % wöchentlicher Reichweite bleibt Facebook die zweitgrößte Plattform in Deutschland – direkt hinter Instagram (40 %) und weit vor TikTok. Besonders in der Altersgruppe 30 bis 49 Jahre liegt die wöchentliche Nutzung bei über 50 %, sogar bei den unter 29-Jährigen nutzen 27 % Facebook regelmäßig. Das ist keine Zombie-Plattform. Das ist ein unterschätztes Netzwerk.

Was sich als „Comeback“ inszenieren lässt, ist in Wahrheit eine strategisch angelegte Selbstrekonstruktion. Meta hat das alte Facebook nicht neu erfunden, sondern Schritt für Schritt revitalisiert: neue Friends-Tab, Rückkehr zu News-Inhalten, stärkere Monetarisierungsmodelle für Creator, algorithmische Neugewichtung zugunsten echter sozialer Beziehungen. Zwischen Oktober 2024 und März 2025 wurden systematisch Funktionen eingeführt, die genau dieses Ziel verfolgen – und sie greifen. Laut NewsWhip stieg das Engagement für Publisher auf Facebook im ersten Quartal 2025 um 200 %.

Die Legende vom Plattformsterben wird oft von jenen befeuert, die im digitalen Lichtkegel des Neuen stehen – TikTok-Influencer, LinkedIn-Evangelisten, TwitterX-Abtrünnige. Dabei ist genau das ein Trugschluss: Wer glaubt, auf einer Plattform „stattzufinden“, weil dort gerade die Debatte tobt, verkennt die Struktur unserer heutigen Netzöffentlichkeit. Sie ist geteilt, fragmentiert, vielstimmig. Es reicht längst nicht, nur auf einer Bühne präsent zu sein.

Gerade der Vergleich mit anderen Plattformen macht das deutlich: TikTok, so viral es scheint, operiert innerhalb eines hochgradig kontrollierten Systems, das nicht nur algorithmisch, sondern auch geopolitisch kuratiert ist – ein Netzwerk, das jederzeit seine Gewichtung ändert, oft ohne Vorwarnung. Sichtbarkeit dort ist volatil, flüchtig, kontingent. Bei Twitch herrscht eine gnadenlose 99,9/0,1-Verteilung: Wenige profitieren, der Rest sendet ins Leere. Relevanz wird dort zur strukturellen Ausnahme.

Facebook hingegen bleibt ein Ort der Breite. Kein Ort des Hypes, aber ein Ort der Verankerung. Die soziale Infrastruktur – die viel beschworene Freundesliste, die alten Gruppen, die Erinnerungen – ist nicht nur nostalgisch, sondern funktional. Wer sich aus Facebook oder auch TwitterX zurückzieht, verzichtet auf Anschlussfähigkeit an wesentliche Teile der digitalen Sphäre. Sichtbarkeit bleibt dann eine Nischenerscheinung, keine Öffentlichkeit.

Was Fiene also beschreibt, ist mehr als eine Momentaufnahme. Es ist eine Korrektur unserer Vorstellung von digitaler Relevanz. Nicht der algorithmische Reiz des Neuen entscheidet, sondern die Fähigkeit, über Plattformen hinweg Anschluss zu halten. Facebook lebt, weil es nicht vorgibt, jung zu sein. Es ist ein technisches Alterswerk, das gelernt hat, sich nicht zu überschätzen – und genau deshalb bleibt es da, wo andere längst verglüht sind.

Wer heute digitale Öffentlichkeit gestalten will, sollte sich von der Idee verabschieden, dass Sichtbarkeit gleich Bedeutung ist. Die Netzwerke altern, aber sie verschwinden nicht. Sie überlagern sich. Und manchmal sind es gerade die Plattformen mit Patina, auf denen die gesellschaftlich interessanteren Dinge passieren.

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