Die Kettensäge Schumpeter – oder wie man einen Ökonomen zersägt @DasErste @HitoSteyerl

Zur Aktualität von Joseph A. Schumpeter

Kaum ein Begriff wurde derart missverstanden, missbraucht und missvermarktet wie die „schöpferische Zerstörung“. Dank technophiler Oligarchen, reißbrettgläubiger Start-up-Gurus und disruptiv erregter Kunstredaktionen hat sich um Joseph Schumpeter ein Mythos gebildet, der mit seinem tatsächlichen Werk ungefähr so viel zu tun hat wie Elon Musk mit philosophischer Reflexion.

Wenn heute irgendwo ein Glas zerspringt, eine Bank kollabiert oder ein Tech-Milliardär „Disruption“ ruft, wird reflexhaft Schumpeter bemüht. In der neuesten Ausgabe der kulturkritischen Avantgarde — konkret im Beitrag der Medienkünstlerin Hito Steyerl bei ttt — heißt es dann, Schumpeter habe „in den 1920ern die kreative Zerstörung erfunden“. Nein. Hat er nicht. Wirklich nicht. Er hat sie nicht erfunden. Nicht einmal in einer Fußnote. Sondern nur in einem Nebensatz in einem Kapitel seines Spätwerks von 1942 (Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie), und auch dort eher beiläufig als begeistert.

Schumpeter ging es nicht ums Zerschlagen, sondern ums Gestalten. Nicht um Zerstörung, sondern um die Überwindung von Routine durch neue Kombinationen. Der Entrepreneur ist für ihn nicht der Mann mit der Kettensäge, sondern der Mensch mit Vorstellungskraft, der Altes und Neues so kombiniert, dass daraus eine Transformation entsteht. Der kreative Akt steht im Zentrum, nicht die Trümmer.

Wer also Schumpeter ständig auf Disruption, Erschütterung und kreative Brandsätze reduziert, macht denselben Fehler wie die populistischen Politiker, die sich an künstlerischer Ästhetik bedienen, um ihre autoritäre Agenda mit Schockeffekten zu garnieren. Affektpolitik wird zur Wirtschaftstheorie verklärt – und Schumpeter zum unfreiwilligen Maskottchen dieser Verirrung.

Dabei war Schumpeter selbst skeptisch gegenüber dem Kapitalismus. Nicht, weil er ihn hasste, sondern weil er zu genau wusste, wie fragil sein Gleichgewicht ist. Wenn der Unternehmer zum bloßen Zerstörer verkommt, wenn Innovation nicht mehr schöpferisch, sondern rein aggressiv gedacht wird – dann, so Schumpeter, verliert der Kapitalismus seine kulturelle Akzeptanz. Und am Ende wird er nicht durch Feinde gestürzt, sondern durch seine eigenen „Erfolge“.

Vielleicht ist es also an der Zeit, Schumpeter von seiner stilisierten Schockfrisur zu befreien und ihm wieder das zurückzugeben, was ihn wirklich auszeichnet: ein tiefes Verständnis für ökonomische Prozesse, historische Tiefe und eine leise, fast melancholische Kritik an einer Wirtschaftsordnung, die zu glauben beginnt, dass man nur noch durch den Abriss weiterkommt.

Kurz gesagt: Hört auf, Schumpeter mit der Kettensäge zu lesen. Nehmt lieber den feinen Pinsel zur Hand.

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