
Es war kein gewöhnlicher Montag. Der Green Monday in Dresden zog Fachleute aus Wirtschaft und Wissenschaft an, um über ein Thema zu diskutieren, das gleichermaßen abstrakt wie konkret ist: die Twin Transformation. Die Synthese von Digitalisierung und Nachhaltigkeit – für viele noch eine Worthülse, für andere bereits ein strategischer Imperativ. Unter der Leitung von Jolanda Gallas, Expertin für Nachhaltigkeit, und Bernhard Steimel, Transformationsberater, wurde die Diskussion in der Masterclass zu einem kaleidoskopischen Blick auf Chancen, Hindernisse und die Ambivalenzen eines epochalen Wandels.
Das Paradoxon der Transformation
Die Ausgangsfrage von Steimel, der mit einer fast beiläufigen Ernsthaftigkeit sprach, traf ins Mark: „Machen wir es, weil wir müssen, oder weil wir wollen?“ Es ist eine Frage, die sich nicht nur an CEOs und Berater richtete, sondern an die gesamte wirtschaftliche Architektur Europas. Der regulatorische Druck, etwa durch die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD), zwingt Unternehmen zur Transparenz – und damit zur Handlung. Doch Steimel ließ keinen Zweifel daran, dass wahre Transformation weit über Pflichterfüllung hinausgeht: „Ambition ist der Unterschied zwischen Compliance und Innovation.“
Gallas ergänzte mit leiser Bestimmtheit, dass die Twin Transformation keine dichotome Angelegenheit sei. „Es ist kein Nullsummenspiel. Digitalisierung ist das Werkzeug, Nachhaltigkeit das Ziel.“ Damit legte sie den Finger auf einen Punkt, der in der Debatte oft übersehen wird: Die beiden Pole bedingen einander und verstärken sich wechselseitig, sofern Unternehmen bereit sind, über kurzfristige Effizienz hinauszudenken.
Ein Haus für die Zukunft
Steimels bildhafte Darstellung der Transformation als Haus mit einem soliden Keller – der Digitalisierung – und tragenden Säulen – Strategie und Führung – war mehr als eine Metapher. Es war ein Appell an die architektonische Präzision, die Wandel erfordert. „Ohne ein stabiles Fundament bleibt jede Vision ein Luftschloss,“ erklärte er. Doch das Gebäude bleibt unvollständig, wenn nicht auch die kulturelle Dimension berücksichtigt wird: Lernbereitschaft, Offenheit und die Bereitschaft, Fehler zuzulassen, bilden das Dach.
Die Diskussion offenbarte, wie unterschiedlich die Teilnehmer:innen der Masterclass in ihren Unternehmen aufgestellt waren. Während einige stolz von ihren ersten Schritten berichteten, suchten andere noch nach einem Einstieg. Doch gerade diese Vielfalt wurde zur Stärke, wie Gallas betonte: „Transformation ist keine Einbahnstraße. Das gemeinsame Lernen macht uns alle besser.“
Daten: Der Rohstoff der Gegenwart
Die Bedeutung von Daten – nicht als Selbstzweck, sondern als strategischer Hebel – durchzog die Diskussion wie ein roter Faden. Steimel sprach mit Nachdruck über die Notwendigkeit, Daten nicht nur zu sammeln, sondern sinnvoll zu nutzen. „Wer seine Daten nicht beherrscht, wird die Zukunft nicht gestalten können,“ sagte er mit der Überzeugung eines Predigers.
Gallas verdeutlichte dies anhand eines Beispiels aus der Entsorgungswirtschaft, wo Sensortechnologien und datenbasierte Analysen Kreisläufe ermöglichten, die früher undenkbar waren. „Wir schließen die Lücken, die bisher zur Verschwendung geführt haben.“ Dieser Gedanke, so wurde klar, könnte eine Blaupause für zahlreiche Branchen sein.
Die Herausforderung der Führung
Doch es sind nicht nur Technologien oder Strategien, die den Wandel vorantreiben. Es ist vor allem die Frage der Führung. „Ambidextrie“ lautete das Zauberwort, das die Fähigkeit beschreibt, Effizienz und Innovation gleichzeitig zu fördern. Doch diese Balance zu finden, bleibt eine der größten Herausforderungen.
Ein Beispiel aus dem Publikum machte dies deutlich: Eine Architektin berichtete von den Schwierigkeiten, die unterschiedlichen Prioritäten ihrer Abteilungen – von der Produktion bis zur Buchhaltung – miteinander in Einklang zu bringen. „Es braucht eine gemeinsame Sprache,“ antwortete Gallas. „Ohne diese Brücken bleibt jede Abteilung in ihrer eigenen Welt gefangen.“
Kultur als Motor des Wandels
Transformation, das wurde immer deutlicher, ist keine technische Aufgabe, sondern ein kultureller Prozess. „Fehlerkultur“ lautete ein weiteres Schlagwort, das Steimel immer wieder aufgriff. „Scheitern ist keine Schwäche, sondern eine Lernmethode,“ sagte er, bevor er mit einem Augenzwinkern hinzufügte: „Aber wer bringt schon die leere Spülmittelflasche zum Refill, wenn er nicht mal an seine Tragetasche denkt?“ Das Publikum lachte, doch der Ernst der Aussage blieb haften: Ohne Verhaltensänderung bleibt jede Technologie Stückwerk.
Fallstudien: Theorie trifft Praxis
Die Stärke der Masterclass lag nicht nur in der Theorie, sondern auch in den präsentierten Fallbeispielen. Unternehmen wie DM oder der Wasserzählerhersteller Lorenz zeigten, wie Digitalisierung und Nachhaltigkeit nicht nur vereinbar, sondern profitabel sein können. Lorenz etwa hat durch den Einsatz digitaler Technologien ein zirkuläres Geschäftsmodell etabliert, das ökologisch wie ökonomisch überzeugt.
Dennoch schwang auch Skepsis mit. Nicht alle ambitionierten Projekte erreichen ihr Ziel. Ein humorvolles Beispiel war die Idee, Spülmittelflaschen wieder auffüllbar zu machen – ein Konzept, das an der Bequemlichkeit der Konsumenten scheiterte. „Die besten Ideen nützen nichts, wenn sie nicht praktikabel sind,“ fasste Steimel trocken zusammen.
Eine doppelte Herausforderung
Die Twin Transformation, so das Fazit der Masterclass, ist kein Selbstläufer. Sie fordert Unternehmen heraus, ihre Prozesse grundlegend zu überdenken – und das in einer Welt, die von Unsicherheiten geprägt ist. Doch gerade diese Unsicherheiten bergen eine Chance. „Transformation ist kein Sprint, sondern ein Marathon,“ schloss Gallas. Es ist ein Weg, der nicht allein gegangen werden kann. Die Zusammenarbeit über Unternehmens- und Branchengrenzen hinweg, so wurde deutlich, ist der Schlüssel.
Die Masterclass in Dresden war damit nicht nur eine Bestandsaufnahme, sondern eine Einladung: an Unternehmen, sich ihrer Verantwortung zu stellen, und an die Gesellschaft, diesen Wandel aktiv mitzugestalten. Denn, so die Botschaft der beiden Referenten: Die Zukunft gehört denen, die bereit sind, sie zu formen.