Der Mythos vom Nichtzusammenhang – Eine Replik auf Thilo Jung zur Wirkung von Unternehmenssteuer-Senkungen

„Die Bundesregierung senkt die Unternehmenssteuern, was zu mehr Wachstum und Investitionen führen soll. Dabei gibt es dafür KEINEN nachweisbaren Zusammenhang laut wissenschaftlichen Studien. Wieso behauptet das also die Bundesregierung? Tja…“

Diese These postete Thilo Jung auf der Plattform X. Gemeint ist damit ein Angriff auf die Legitimität aktueller Steuerpolitik, namentlich die Steuersenkungspläne der Bundesregierung. Doch diese Aussage hält einer faktenbasierten Analyse nicht stand.

Denn die Effekte steuerpolitischer Maßnahmen lassen sich durchaus nachweisen. Besonders eindrucksvoll zeigt das die Studie von Eric Ohrn (2018), erschienen im American Economic Journal: Economic Policy. Sie analysiert die Einführung der US-amerikanischen Domestic Production Activities Deduction (DPAD), eine gezielte steuerliche Entlastung für produzierende Unternehmen.

Was Ohrn wirklich herausfand – und warum das wichtig ist

Ohrn nutzt ein „natürliches Experiment“, um die Wirkung der DPAD zu messen: Nicht alle Unternehmen profitierten im selben Maße von der Entlastung. Abhängig von der Art ihrer Produktion, ihrer Größe und Branche konnten manche deutlich mehr Steuerersparnisse geltend machen als andere – bei ansonsten vergleichbaren strukturellen Eigenschaften.

Das zentrale Ergebnis:

„Eine Reduktion des effektiven Körperschaftsteuersatzes um einen Prozentpunkt führte zu einem Anstieg der Investitionen um 4,7 Prozent des bestehenden Kapitalstocks.“

Die Robustheit dieser Erkenntnis wurde durch alternative Messansätze, Placebo-Tests und Sensitivitätsanalysen abgesichert.

Darüber hinaus:

  • Die Investitionen erfolgten nicht über höhere Schulden. Der Verschuldungsgrad der Unternehmen sank im Durchschnitt sogar um 5,3 %.
  • Ausschüttungen an Aktionäre stiegen leicht, was auf eine Verbesserung der Ertragslage und künftiger Gewinnerwartungen hindeutet.

Mit anderen Worten: Die Unternehmen verwendeten die Steuererleichterung zur Stärkung ihrer Eigenkapitalbasis – ein Signal von Stabilität und nachhaltiger Investitionsbereitschaft.

Weitere Studien, die die Wirkung stützen

Ohrns Studie steht nicht isoliert. In der volkswirtschaftlichen Literatur gibt es zahlreiche Hinweise auf einen positiven Zusammenhang zwischen Steuersenkungen und Investitionen – sofern sie richtig ausgestaltet sind:

  • Zwick & Mahon (2017) zeigen, dass temporäre steuerliche Abschreibungsvergünstigungen in den USA die Investitionen gerade kleiner und mittlerer Unternehmen um bis zu 10 % erhöhten.
  • Djankov et al. (2010) wiesen nach, dass in Ländern mit geringerer Steuerbelastung ein höheres Investitionsniveau herrscht – auch unter Berücksichtigung anderer Faktoren wie Korruption oder Regulierung.
  • Devereux et al. (2002) fanden für Europa heraus, dass marginale effektive Steuersätze die Standortwahl und Investitionsbereitschaft international tätiger Firmen signifikant beeinflussen.

Der psychologische Mechanismus: Zuversicht und Planungssicherheit

Ein besonders interessanter Aspekt von Ohrns Arbeit liegt in der impliziten Wirkung der DPAD auf die Erwartungshaltung:

DPAD erhöhte die verfügbaren Eigenmittel und reduzierte die externe Abhängigkeit von Finanzierung. Dies stärkte die unternehmerische Resilienz und Entscheidungsspielräume. Wenn Unternehmen wissen, dass steuerliche Rahmenbedingungen planbar und wachstumsfreundlich sind, ändert sich ihre Investitionslogik. Der „Animal Spirit“ – wie Keynes es nannte – erwacht nicht aus reiner Ratio, sondern aus der Erwartung künftiger Stabilität und Rendite. Eine klug gesetzte Steuersenkung ist also auch ein Signal an CFOs, Eigentümer und Märkte: „Wir trauen Euch zu, produktiv zu investieren.“

Dieses Vertrauen ist nicht trivial. Gerade in einem Umfeld von Unsicherheit – geopolitisch, technologisch, ökologisch – wird Zuversicht zur produktiven Ressource.

Ohrns Fazit ist weder neoliberal noch staatskritisch. Er stellt nüchtern fest:

„Die Steuerpolitik hatte reale Effekte auf Investitionen, Kapitalstruktur und Unternehmensverhalten – auch wenn diese Effekte begrenzt sind und nicht alle Firmen gleich stark reagieren.“

Nicht ob – sondern wie Steuern wirken

Die richtige Frage lautet nicht: Wirken Unternehmenssteuersenkungen? Sondern: Wie, wann und unter welchen Bedingungen wirken sie – sinnvoll, effizient und gerecht?

Ohrns Studie gibt darauf klare Hinweise:

  • Zielgerichtete Entlastung > pauschale Senkung
  • Eigenkapitalförderung > Verschuldungsanreize
  • Glaubwürdige fiskalische Planung > kurzfristige PR-Maßnahmen

Denn Wirtschaft ist ein Feld langfristiger Erwartungen – und nichts produziert mehr Wachstum als Vertrauen.

Exkurs: Warum die IMK-Studie keine Widerlegung darstellt

Thilo Jung stützt sich auf das Working Paper Nr. 210 des IMK (Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung), das in einer Metastudie zu dem Ergebnis kommt: „Kein belastbarer Zusammenhang zwischen Unternehmenssteuersenkungen und gesamtwirtschaftlichem Wachstum.“ Was auf den ersten Blick wie ein harter Widerspruch zu Eric Ohrns Ergebnissen erscheint, ist bei genauerer Betrachtung kein Widerspruch, sondern eine andere Fragestellung mit anderer Datenlage.

Makro vs. Mikro – Unterschiedliche Analyseebenen

Die IMK-Studie betrachtet aggregierte makroökonomische Zeitreihen – also etwa das Wirtschaftswachstum ganzer Volkswirtschaften über Dekaden – und sucht darin Korrelationen zu Steuerquoten. Das Problem: Diese Zeitreihen sind von zahllosen anderen Einflussfaktoren überlagert – von Weltmarktschocks über demografische Entwicklungen bis hin zu geldpolitischen Zyklen.

Die Studie selbst räumt ein:

„Makroökonomische Studien sind häufig durch die gleichzeitige Veränderung vieler Einflussgrößen gekennzeichnet, was die Identifikation kausaler Effekte erschwert.“

Im Gegensatz dazu nutzt Ohrn Firmendaten mit hoher Auflösung und ein differenziertes difference-in-differences-Design, das kausale Wirkungen unter kontrollierten Bedingungen isolieren kann. Es ist ein Unterschied, ob man mit dem Fernglas auf einen Ozean blickt oder mit dem Mikroskop auf eine Zelle. Man darf halt nicht nur auf den Wald schauen und die Bäume dabei ignorieren.

Wachstum ≠ Investition – zwei unterschiedliche Zielgrößen

Die IMK-Studie bezieht sich primär auf gesamtwirtschaftliches BIP-Wachstum. Ohrn analysiert hingegen reale Investitionen von Unternehmen – also eine Vorstufe von Wachstum. Dass Steuersenkungen nicht sofort zu spürbarem BIP-Wachstum führen, heißt nicht, dass sie nicht Investitionen auslösen. Wachstum ist das Ergebnis vieler Schritte – und Investitionen sind ein zentraler davon.

Unterschiedliche Zeiträume, unterschiedliche Kontexte

Die IMK-Autoren beziehen sich auf Studien aus sehr unterschiedlichen historischen Phasen – etwa die Reagan-Ära oder postsozialistische Staaten. Viele dieser Studien leiden unter konzeptionellen Schwächen, die die Autoren selbst benennen:

„Einige Studien weisen methodische Mängel auf oder beziehen sich auf Sonderfälle wie Steuersenkungen in Transformationsökonomien.“

Demgegenüber ist Ohrns Analyse hochpräzise, methodisch robust und kontextuell klar umrissen: USA, 2004–2010, produzierende Industrie, exogene Gesetzesänderung mit variabler Betroffenheit. Hier wird kein globales Mittelmaß bewertet, sondern eine konkrete fiskalische Intervention in einem klar abgegrenzten Feld.

IMK verkennt psychologische Wirkungen

Die IMK-Studie vernachlässigt weitgehend die nichtlinearen, dynamischen und psychologischen Effekte, die von steuerpolitischen Signalen ausgehen – wie etwa verbesserte Planungssicherheit, reduziertes Insolvenzrisiko, stärkere Binneninvestitionen durch Repatriierung von Gewinnen. Diese Faktoren spielen aber in der Mikroanalyse von Ohrn eine zentrale Rolle – etwa in der beobachtbaren Reduktion der Fremdfinanzierung.

Unterschiedliche Blickwinkel, keine Widerlegung

Die IMK-Studie kann als Skepsis gegenüber pauschalen Steuersenkungsversprechen auf Makroebene gelesen werden – sie ist aber keine empirische Widerlegung mikroökonomischer Belege wie jener von Eric Ohrn. Wer sie als Beweis dafür anführt, dass Steuersenkungen „nicht wirken“, argumentiert verkürzt und am Forschungsstand vorbei.

Denn: Das Scheitern pauschaler Wachstumsversprechen aus Steuersenkungen belegt nicht, dass gut designte, gezielte steuerliche Entlastungen keine Investitionen auslösen. Wer das behauptet, verwechselt Aggregat mit Akteur, Korrelation mit Kausalität – und politische Parole mit wissenschaftlicher Differenzierung.

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