
Der Herbst 2025 sollte der „Herbst der Reformen“ werden. Das Etikett klebte bereits, bevor die Flaschen gefüllt waren. Und dann? Er wurde zum Herbst der Verzagtheit: Reförmchen, Prüfaufträge, Trippelschritte. Genau die Mischung, die eine Volkswirtschaft im Stresstest nicht gebrauchen kann – große Worte, k(l)eine Wirkung. Wer in diesen Monaten auf das Kanzleramt blickte, sah weniger Schneise als Schaumkrone. Während Industrie und Mittelstand nach verlässlichen Strompreisen, Planbarkeit, schnelleren Genehmigungen und digitalen Behörden rufen, wird Verantwortung im Politikbetrieb so fein verteilt, bis sie niemand mehr greifen kann. Diese Zerfaserung – Zuständigkeiten wie Kleingeld – beschrieben Wolfgang Clement und Friedrich Merz bereits vor 15 Jahren als Standortkrankheit. Ihr Buch im Herder-Verlag trug einen Titel, der keinen Interpretationsspielraum ließ: „Was jetzt zu tun ist – Deutschland 2.0“. Die Botschaft war unmissverständlich: Ein Staat, der sich im eigenen Regelwerk verfängt, ist kein Schutzschild. Er wird zur Bremsanlage.
Heute ist Merz Bundeskanzler. Damit wird aus dem damaligen Autoren-Duktus eine Regierungsfrage mit Ablaufdatum: Was setzt er nun um – und was bleibt der prominenteste Reformtext, den man im Kanzleramt unangetastet lässt? Clement – früherer NRW-Ministerpräsident und Bundeswirtschaftsminister – und Merz schrieben kein Wohlfühlprogramm, sondern eine Zumutung: Ebenen verschlanken, Verantwortung sichtbar machen, Verfahren beschleunigen, Bürokratie begrenzen – führen statt verwalten. Wer derzeit Investitionen streckt, Standorte prüft, Lieferketten neu kalkuliert oder bei Energie- und Abgabenlast den Rotstift ansetzt, braucht keine weiteren Formulierungen. Er braucht die Einlösung politischer Zusagen.
Und ja: Man kann über die Aktualität eines Textes von 2010 lächeln. Man sollte es nicht. Denn die Diagnose passt erschreckend präzise – und einer ihrer Autoren sitzt inzwischen am Schalthebel der Macht. Clement und Merz riefen damals nicht nach der nächsten Kommission, sondern nach Umbau dort, wo Zeit und Geld verdampfen: Ebenen reduzieren, Verantwortung sichtbar machen. Wer Entbürokratisierung ernst meint, muss politische und administrative Ebenen verschlanken. Mehr Verwaltung braucht niemand. Territorien und Finanzen neu ordnen. Föderalismus ist kein Selbstzweck. Wo Grenzen Funktionen blockieren, wird Reform schmerzhaft – aber nötig. Bürokratie nicht streicheln, sondern messen und begrenzen. Normen begrenzen, Verfahren beschleunigen – bis hin zum Prinzip: Wenn die Behörde nicht entscheidet, gilt der Antrag.
Demografie als Realität behandeln. Bildung, Wissen, Integration, Unternehmergeist – statt reflexhaftes Ausweiten und Verschieben. Wenn das wie ein harter Einstieg klingt: Genau so ist es gemeint. Denn 2026 wird nicht das Jahr, in dem Deutschland Zeit geschenkt bekommt.
Die andere Realität: Ein Teil des Mittelstands hält – und
wächst
Während der politische Betrieb sich in Mini-Korrekturen flüchtet, läuft in vielen Familienunternehmen und Hidden Champions längst das, was man im Kanzleramt „Transformation“ nennt – ohne PowerPoint-Pathos, sondern als betriebliche Disziplin. Die Zukunftsmacher-Studie des Smarter Service Instituts zeigt: Krisen sind nicht mehr Ausnahme, sondern Umweltbedingung. Und viele Unternehmen organisieren sich durch Krisen, nicht gegen sie. Fast 60 Prozent bewerten ihre Lage als stabil
(Krisenampel Grün), weitere 30 Prozent als angespannt, aber beherrschbar (Gelb). Und 87 Prozent sind auf Wachstumskurs. KI ist dabei nicht mehr Laborfolklore, sondern Budget-Realität: Im Schnitt fließen rund 30 Prozent der Investitionsbudgets in Digitalisierung – und jeder fünfte Digital-Euro gezielt in KI. Das korrespondiert mit messbaren Effekten: Im Mittel werden 22 Prozent Produktivitätszuwachs genannt, hinzu kommen klare Effizienzgewinne. Daran sollte sich das Kanzleramt orientieren.
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