14. Juli – Revolution, Zufall und Quanten – Über das Denken in einer unvorhersehbaren Welt

Frank H. Witt spannt in einem LinkedIn-Beitrag einen weiten Bogen: von Eugène Delacroix’ berühmtem Gemälde La Liberté guidant le peuple – also der allegorischen Darstellung der Französischen Revolution – über die disruptiven Veränderungen durch Künstliche Intelligenz bis hin zur Krise der klassischen bürgerlichen Identität. Seine zentrale These lautet: Wahre Revolutionen lassen sich nicht rückblickend vollständig erklären. Sie sind nicht logisch kalkulierbar, sondern emotional aufgeladen, widersprüchlich und voller Unwägbarkeiten. Und genau darin liegt ihre eigentliche Bedeutung.

Solche Umbrüche folgen nicht der Logik von Ursache und Wirkung, sondern ähneln dem, was Fachleute als stochastische Prozesse bezeichnen – also Vorgänge, bei denen Zufall eine zentrale Rolle spielt. In diesem Zusammenhang sind scheinbar widersprüchliche Denkfiguren – etwa der kritische Rationalismus von Karl Popper, die technologische Vision von Sam Altman und die quantenphysikalischen Erkenntnisse eines Anton Zeilinger – keine Gegensätze, sondern Bausteine eines neuen Weltverständnisses.

Zufall als Struktur der Wirklichkeit

Im Alltagsdenken gilt der Zufall oft als Ausdruck von Unwissenheit: etwas, das man noch nicht versteht oder besser erklären könnte, wenn man nur mehr Informationen hätte. Doch dieser Eindruck trügt. Der Arzt, Theologe und Philosoph Albert Schweitzer sagte einmal: „Zufall ist, wo Gott inkognito agiert.“ Was wie eine poetische Formulierung klingt, entspricht in der modernen Quantenphysik einer tiefen Wahrheit.

Der österreichische Nobelpreisträger Anton Zeilinger hat über Jahrzehnte hinweg gezeigt: Zufall ist kein „Fehler“ der Wissenschaft, sondern ein Merkmal der Natur selbst. Er ist nicht darauf zurückzuführen, dass wir zu wenig wissen – sondern darauf, dass es in der physikalischen Wirklichkeit bestimmte Informationen gar nicht gibt, bevor man sie misst. Zeilinger spricht deshalb von der „objektiven Nichtexistenz von Information“. Das bedeutet: Es gibt keine „versteckten Variablen“ oder verborgenen Ursachen, die den Ausgang eines quantenphysikalischen Experiments im Voraus festlegen würden. Der Zufall ist echt – und unvermeidlich.

Was ist ein Photon?

Ein Beispiel: das Photon, ein Lichtteilchen. Es ist einer der kleinsten Bausteine der Wirklichkeit. Ein Photon besitzt keine Masse, aber Energie und Impuls. Es ist zugleich Teilchen und Welle – eine paradoxe Eigenschaft, die nur in der Quantenphysik möglich ist. In Experimenten lässt sich das Verhalten einzelner Photonen untersuchen – etwa wie sie sich an einem Spiegel verhalten oder durch einen Filter geschickt werden. Doch das Ergebnis solcher Experimente steht nicht vorher fest. Es ist – im wörtlichen Sinn – zufällig. Nicht weil uns Daten fehlen, sondern weil der Zustand des Photons erst im Moment der Messung entsteht.

Quantenverschränkung – das „Spukhafte“

Noch eindrucksvoller ist das Phänomen der Quantenverschränkung (engl. entanglement). Dabei werden zwei Teilchen so erzeugt, dass sie auch über große Distanzen hinweg miteinander verbunden bleiben. Misst man das eine, ist augenblicklich auch der Zustand des anderen festgelegt – selbst wenn es sich auf der anderen Seite des Universums befindet. Albert Einstein nannte das einst spöttisch „spukhafte Fernwirkung“. Doch Zeilinger und andere experimentelle Physiker haben genau diese Effekte nachgewiesen. Sie zeigen: Die klassische Vorstellung von Raum, Zeit und Kausalität reicht nicht mehr aus, um unsere Welt zu erklären.

Was folgt daraus für die KI-Debatte?

Frank Witts schlägt genau hier eine Brücke zur Gegenwart. Auch Künstliche Intelligenz – also Programme, die auf statistischen Lernverfahren beruhen – arbeitet probabilistisch, also mit Wahrscheinlichkeiten. Wie unser Gehirn auch. Es geht nicht um exakte Vorhersagen, sondern um das Erkennen von Mustern in einem unvollständigen und sich ständig verändernden Informationsraum.

Dennoch erwarten viele Menschen von KI absolute Präzision, eindeutige Antworten, Kontrolle. Das ist paradox. Denn gerade die Systeme, die durch zufällige Variation und ständige Anpassung so leistungsfähig geworden sind, sollen plötzlich wie Maschinen aus dem Industriezeitalter funktionieren – berechenbar, linear, steuerbar. Doch das ist ein Missverständnis. Emergenz – also das plötzliche Auftreten neuer Eigenschaften oder Verhaltensweisen – gehört zu ihrem Wesen. Wie in der Quantenwelt entstehen neue Realitäten erst in der Interaktion.

Wissenschaft mit Maß und Ziel

Zeilingers Forschung und Witts kultureller Kommentar berühren sich in einem entscheidenden Punkt: Beide richten sich gegen ein naives, übersteigertes Wissenschaftsverständnis, das glaubt, mit genug Daten und Rechenleistung ließe sich die Welt vollständig entschlüsseln. Beide plädieren für eine epistemische Bescheidenheit – also die Einsicht, dass unser Wissen stets begrenzt ist.

Das bedeutet nicht, dass Wissenschaft nutzlos wäre – im Gegenteil. Aber sie hat Grenzen. Und gerade weil die Realität kontingent ist – das heißt: nicht notwendig, sondern anders möglich –, müssen wir mit Offenheit und Anpassungsfähigkeit auf sie reagieren. Wer das nicht tut, verfällt leicht in alte Denkmuster – in das, was Witt als Ancien Régime der bürgerlichen Identität beschreibt: ein Wunsch nach Sicherheit in einer Welt, die keine Sicherheiten mehr bietet.

Eine Revolution des Denkens

Sam Altman, Chef von OpenAI, spricht in seinem Blog von einer „Gentle Singularity“. Das meint keine technologische Katastrophe, sondern eine stille, allmähliche Verschiebung – eine neue Phase, in der Mensch und Maschine zunehmend zusammenarbeiten, ohne dass einer dem anderen überlegen sein muss. Auch das ist eine Form von Revolution – aber nicht durch Gewalt, sondern durch Anerkennung des Unverfügbaren. Durch die Bereitschaft, mit Unsicherheit zu leben – nicht als Schwäche, sondern als kreative Möglichkeit.

Zeilingers Glaube, seine Spiritualität, steht seiner Forschung nicht im Wege. Er sieht Religion und Wissenschaft nicht als Gegensätze, sondern als komplementäre Zugänge zur Wirklichkeit. Die eine fragt, wie die Welt funktioniert. Die andere fragt, warum es sie gibt.

Wirklichkeit neu denken

Die Quantenphysik lehrt uns, dass nicht alles, was existiert, auch messbar ist – und nicht alles, was messbar ist, schon existiert, bevor wir es beobachten. Das gilt auch für gesellschaftliche Entwicklungen, politische Umbrüche, technologische Veränderungen.

Frank H. Witt erinnert daran, dass wir Revolutionen nicht kontrollieren, sondern nur mitgestalten können. Dass der Zufall kein Mangel an Wissen ist, sondern ein Ausdruck der Offenheit der Welt. Und dass wir – statt nach endgültigen Antworten zu suchen – lernen müssen, mit Wahrscheinlichkeiten zu leben. Nicht alles verstehen zu wollen – und trotzdem etwas Neues zu schaffen.

https://blog.samaltman.com/the-gentle-singularity

Siehe auch:

Exkurs: Von Rabelais zu Janowitz – Warum eine Renaissance mehr sein muss als ein Strategiemodell

Der Begriff „Renaissance“ ist heute wieder in Mode – und droht zugleich, seiner radikalen Bedeutung beraubt zu werden. Was einst ein epochaler Aufbruch war, ein kultureller Umschwung von Grund auf, wird in Strategietexten oft auf ein Rebranding von Managementmodellen reduziert. Klaus Janowitz hat in seinem Beitrag vom 7. Juli diese Begriffsverengung klar erkannt – und sie mit historischem, philosophischem und medienkritischem Tiefgang aufgebrochen. Was er fordert, ist keine digitale Betriebsamkeit, sondern eine digitale Bewusstseinsrevolution.

Denn: Renaissance ist nicht Wiederholung, sondern Wiedergeburt – nicht im Sinne eines „Zurück“, sondern eines transformativen Wiederaufgreifens und radikalen Umdeutens. François Rabelais war kein Fortschrittsoptimist, sondern ein Anarch der Erkenntnis. Er hätte auf PowerPoint-Folien mit Systemmatrizen vermutlich nur milde gelächelt, sich ein Glas eingeschenkt und gefragt: „Wo bleibt das Lachen?“

Janowitz erinnert an das Freiheitsversprechen der frühen digitalen Kultur: Demokratisierung, Kreativität, Teilhabe. Er zeigt zugleich, wie diese Hoffnungen zunehmend von einem neuen Machtsystem überformt wurden – einer digitalen Oligarchie, die sich ohne große Ideologie, aber mit maximaler Infrastrukturgewalt in unseren Alltag schleicht. Nicht mehr Staat oder Kirche diktieren, sondern Algorithmen. Nicht mehr Zensur, sondern Vorselektion.

In diesem Kontext reicht es nicht aus, Renaissance als Chiffre für Innovationsmanagement zu verwenden. Renaissance – das zeigt Janowitz im Anschluss an Douglas Rushkoff – ist ein kulturelles Konzept. Es meint die Rückgewinnung von Gestaltungsmacht: durch Teilhabe und schöpferische Freiheit. Es meint nicht die Optimierung bestehender Systeme, sondern deren radikale Öffnung – gerade im Hinblick auf das, was Menschsein im digitalen Zeitalter bedeuten soll.

Digitale Renaissance beginnt dort, wo wir Systeme hinterfragen, anstatt sie nur zu nutzen. Wo wir nicht nur Konsumenten, sondern Autoren, Störer, Hofnarren und Umdeuter sind. Genau hier liegt die Verbindung zu Rabelais – und zu einer langen Tradition europäischer Aufklärung, die nie dogmatisch, sondern stets ironisch, experimentell und subversiv war.

Wenn Felser und Wagner eine Matrix zeichnen, die zwischen digitaler Diktatur und digitaler Renaissance unterscheidet, dann ist Janowitz derjenige, der fragt: Und wer malt das Bild außerhalb des Rasters? Wer denkt quer, statt entlang der Koordinaten? Wer bringt das Lachen, das Chaos, die ungewollte Pointe zurück?

Eine echte digitale Renaissance wird nicht im Tagungsraum geplant. Sie beginnt in der kulturellen Imagination, im Widerspruch, im Mut zur Verwirrung. Nicht Kontrolle ist ihr Ziel, sondern Entfesselung. Nicht Stabilität, sondern schöpferische Instabilität. Nicht Perfektion, sondern Pluralität. Janowitz hat das erkannt – und liefert damit den vielleicht wichtigsten Beitrag zur Renaissance-Debatte seit langem: einen, der sie ernst nimmt.

2 Gedanken zu “14. Juli – Revolution, Zufall und Quanten – Über das Denken in einer unvorhersehbaren Welt

  1. Bewundernswerte Präzision – im besten Sinne des Wortes: vom Lateinischen praecisio abgeleitet, meint es das Abschneiden des Unwesentlichen, das Zurechtschneiden von Sprache auf das Wesentliche.
    Im Kontext von Quantenphysik, der Zufälligkeit zivilisatorischer Entwicklung, der Französischen Revolution, der KI-(R)evolution und der damit verbundenen „Gentle Singularity“ erscheint diese Verdichtung als außergewöhnlich gelungen – vielleicht sogar einzigartig.

    Während ich das schreibe, steigt in mir ein leiser Anflug von Neid auf. Ich kann das nicht kontrollieren. Und genau darin zeigt sich die Stochastik des menschlichen Geistes – was den Verdacht nährt, dass er selbst nur das Produkt einer stochastischen Maschine sein kann.

  2. gsohn

    ieser leise Anflug von Neid ist fast schon rabelaisisch: ehrlich, ironisch und erkenntnistheoretisch produktiv. Vielleicht ist genau dieser Moment – in dem wir merken, dass wir unsere Gedanken nicht vollständig kontrollieren können – der beste Beweis dafür, dass wir nicht bloß Maschinen sind. Sondern das da etwas mitspielt, das sich weder messen noch modellieren lässt: Bewunderung, Witz, Ambivalenz – und eben diese kleine, große Unschärfe im Ich.

    Danke für diesen gedanklichen Nachhall.

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