
Es gab eine Zeit, da galten Plagiatsjäger als Helden. Akademische Ghostbusters, bewaffnet mit Google, Fußnotenpedanterie und einem untrüglichen Gespür für „Copy & Paste“. Sie jagten durch die Dissertationen der Republik, zerrissen die Tarnnetze der Hochstapler und rückten Halbgötter der politischen Klasse das erste Mal in ihrem Leben in die Nähe des Satzes: „Mangelhaft – nicht selbstständig erbracht.“
Damals war das aufregend. Damals war das richtig. Damals hieß der Patient noch Guttenberg – und der Fall war klar. Kein Zweifel, kein Wackeln, kein Was-wäre-wenn. Copy, Paste, Rücktritt.
Doch heute? Heute hat die Moral der Fußnote ein Parteibuch. Plagiat ist keine Wissenschaftssünde mehr – sondern ein identitätspolitisches Minenfeld. Wer plagiatsfrei ist, soll den ersten Tweet werfen. Und wer beim falschen Lager die Textähnlichkeit feststellt, gilt plötzlich als Teil einer Verschwörung.
Was hat sich geändert?
Nicht die Technik. Nicht die Regeln. Sondern die Stimmung.
Die Promo-Viren, einst scharf diagnostiziert und öffentlich diskutiert, haben ihre pandemische Wirkung nicht verloren – aber das gesellschaftliche Immunsystem zeigt Schwächen. Heute stellt sich die Frage nicht mehr, ob jemand abgeschrieben hat, sondern: Wer hat’s aufgedeckt – und mit welcher Haltung?
Das Problem ist geblieben, nur die Reaktion ist gespalten.
Während beim Fall Guttenberg der Chor der Empörung lauter war als ein CSU-Parteitag mit Bierzeltakustik, wirken heutige Verteidigungsstrategien eher wie aus der Trickkiste des „Akademischen Selbstschutzes e.V.“:
➡ „Das ist doch lange her.“
➡ „Alle machen das so.“
➡ „Das war wissenschaftlicher Standard damals.“
➡ „Wichtiger ist doch der Mensch hinter der Fußnote.“
Besonders beliebt: Der „Glyphosat-Vergleich“ der Grünen – damals ganz vorne bei der Enttarnung abgeschriebener Risikoberichte durch Behörden. Man stelle sich vor: Das Bundesinstitut für Risikobewertung kopiert aus den Einreichungen der Pestizid-Hersteller, ohne kenntlich zu machen, woher die Texte stammen. Empörung! Skandal! Rücktrittsforderungen!
Heute? Stille. Zumindest dann, wenn es die eigene politische Familie betrifft.
Und was ist mit Robert Habeck? Da wird es plötzlich „komplex“. Ein bisschen Fußnotenmagie, ein bisschen Sekundärquellenrecycling, ein bisschen „Referenzsimulismus“ – also das wissenschaftliche Pendant zum „Ich hab das Buch nicht gelesen, aber den Klappentext fand ich super“. Früher hätte man gesagt: Da hat jemand seine Quellenarbeit nicht im Griff. Heute heißt das: intellektuelle Tiefendimension durch intertextuelle Nähe.
Kurzum: Die Plagiatsdebatte ist kein moralischer Imperativ mehr – sie ist ein Stimmungsbarometer. Entscheidend ist nicht, was abgeschrieben wurde, sondern wer dabei erwischt wurde. Und von wem.
Der Rest ist Rhetorik. Oder, wie die FAZ es einst schrieb:
„Selbstverständlich gibt es Wichtigeres. Es gibt auch Wichtigeres als Steuerhinterziehung, Fahren im angetrunkenen Zustand, das Heraustelefonieren von Lustmädchen… Soll man darum nicht mehr sagen dürfen, worum es sich handelt? Hier um Täuschung großen Stils, um Unehrlichkeit also.“
Damals galt das für Guttenberg.
Heute klingt’s wie ein Echo aus einem gebrochenen Lautsprecher.