Wie Twitter-Debatten so verlaufen

Schaut man sich täglich die Twitter-Timeline oder Kuratoren-Dienste an, die das Geschehen im
Social Web zusammenfassen, dominieren rhetorische Manipulationen den politischen
Nachrichtenfluss. Egal, ob es um Flutkatastrophen, Impfpflichten oder Afghanistan geht: Da wird
verkürzt, gehetzt, unterstellt, beleidigt, denunziert, geglaubt, verurteilt, gemunkelt, selektiert,
manipuliert, verulkt und getrickst. Ein Arsenal der Fehlschlüsse – bewusst und unbewusst. Ein
Vademekum der Verfälschung. Zu den beliebtesten „Stil“-Mitteln gehört die Ad-Hominem-Attacke. Das Argument einer Person wird prinzipiell als ungültig oder falsch gewertet, weil man diese Person generell ablehnt. Motto: Schlechte Menschen können auch nur schlechte Ansichten vertreten. Gepaart wird dieser Trugschluss mit Formulierungen wie Lügner, unmoralisch, inkonsequent, Fanatiker, Heuchler,
Blender und dergleichen.

Auf Twitter würzt man diese Stigmatisierung mit schadenfrohen und madigmachenden Parolen, um den vermeintlichen Gegner lächerlich zu machen und ihn dadurch in der Öffentlichkeit herabzusetzen. Wer in einer solchen Netzdebatte die Lacher auf seiner Seite hat, wirkt glaubwürdiger, auch wenn seine Argumente nicht wirklich die besseren sind. Nachzulesen in der Rhetorik-Fleißarbeit „64 Fehlschlüsse in Argumenten“ von Albert Mößmer.

Zum Arsenal der Demontage Andersdenkender zählt die Unterstellung von unseriösen oder zweifelhaften Motiven. Es wird von ganz anderen Dingen gemunkelt. Die Zielperson für semantische Attacken verfolgt im verborgenen ganz andere Interessen, Ziele und Meta-Planungen. Besonders rührend sind jene Zeitgenossen, die ihre Gefühle in Streitigkeiten einsetzen: „Ich fühle es sehr genau, dass es nicht stimmt, was XY sagt.“ Emotionsgeladene Formeln werden inflationär geäußert: „Der Versagen des Staates“, „das unschuldige Leben“, „die kaltblütige Ignoranz“. Kommen persönliche Gefühle ins Spiel, gibt es kaum Chancen für sachliche Kommunikation.

Der kausale Reduktionismus oder Reduktionstrugschluss darf in dieser Aufzählung nicht fehlen.
Ob in der Pandemie oder beim Katastrophenschutz: Hier gab und gibt es unzählige Verzerrungen
von Ursache und Wirkung sowie unfassbar pauschale Empfehlungen für Gegenmaßnahmen. Etwa
bei den Warnungen vor Starkregen, die zu den verheerenden Fluten in Rheinland-Pfalz und NRW
führten. Schnell waren Sündenböcke und zentralistische Konzepte zur Hand, wo es doch auf
dezentrale Maßnahmen und einer besseren Vorbereitung der Bevölkerung im Krisenfall ankommt.
Schnellschuss-Argumente sind ärgerlich, denn sie behindern eine umfassende Analyse des
Geschehens und führen im ärgsten Fall sogar zu kontraproduktiven Handlungen.
Zum Repertoire der Niedertracht zählen Fangfragen: „Haben Sie aufgehört, Ihre Frau zu
schlagen.“ Wer da nicht aufpasst, sitzt schnell in einer Zwickmühle und wird als
menschenverachtendes Subjekt bloßgestellt, denn schließlich versteckt der Fragende geschickt
eine Unterstellung.

Die moralische Entrüstung sehe ich in enger Komplizenschaft mit Gefühlsausbrüchen. Hier geht es nicht um Argumente, sondern um das eigene Weltbild. Ratio hilft da nicht weiter. Wenn ich mir die beliebtesten Hashtags auf Twitter anschaue, dominiert der Slogan-Beweis: Was ständig wiederholt wird, ist irgendwann auch wahr oder erreicht den Zweck der Kampagne. Eine Behauptung, die als Slogan oder Meme gebetsmühlenartig verbreitet wird, wirkt wie Gehirnwäsche. Irgendwann versagen die Mechanismen zur Überprüfung des Wahrheitsgehaltes. In der Masse der Slogans versinkt das kritische Bewusstsein. Nicht fehlen in der Auflistung der rhetorischen Niedertracht darf das Strohmann Argument. Dem Widersacher werden Entwicklungen, Meinungen, Haltungen oder Tatsachen untergeschoben, für die er gar keine Verantwortung trägt oder die er nie geäußert hat. Beispiel mein Hinweis bei einer Grenzwerte-Diskussion auf meine eigene Vorgehensweise, die dann völlig ins Gegenteil gewendet wird mit dem Hinweis, wer gelegentlich Kaffee, Tabak oder dergleichen konsumiert, dann komplett aufs Auto verzichten müsse. Das habe ich nicht geschrieben und das kann man aus meinem Tweet auch nicht ableiten.

Letztlich geht es vor allem bei politischen Auseinandersetzungen darum, eine Persönlichkeit schon im Vorfeld eines Ereignisses zum Abschuss freizugeben und zu diskreditieren: Das Strategem der
Brunnenvergifter. Als Gegenmittel empfehle ich den kritischen Rationalismus des Wissenschaftstheoretikers Hans Albert. Arpard-Andreas Sölter hat das in einer Albert-Hommage gut zum Ausdruck gebracht. Nichts gilt als unbezweifelbar. Rationale Kritik unterwirft sich weder dem Mainstream, Kampagnen oder dem politischen Konformismus. Sie überprüft ständig Glaubenssysteme, Aussagen, Thesen, Überzeugungen und Ansichten.

Cannabis-Diskurs geht übrigens auch sachlich:

Über den Autor

gsohn
Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.

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