Hoppe kommt! Geschichten über vergebliche Wünsche, gescheiterte Hochzeiten und halbierte Karrieren

Gemeint ist natürlich die Autorin Felicitas Hoppe, die heute Ihre Traumbiographie „Hoppe“ im Literaturhaus Köln vorstellt (Schönhauser Str. 8, 50968 Kölle). Um 20 Uhr. Ich werde auch zugegen sein mit meinem Multimedia-Rucksack und morgen oder übermorgen oder überübermorgen darüber berichten.

Zur Einstimmung sollte man sich das Gespräch von Denis Scheck mit Felicitas Hoppe anschauen. Druckfrisch 🙂

Feuilleton-Beherrscher Martin Amis auf der lit.COLOGNE: „Eros als Lebensantrieb“

„Martin Amis, Sohn des mittlerweile verstorbenen erfolgreichen Romanciers Kingsley Amis, startete als Wunderkind in den Literaturbetrieb hinein – und sein erster, vor vielen Jahren erschienener Roman, ‚The Rachel Papers‘, war grandios; und er hat sich zum bestbezahlten „ernsten“ Romancier Englands entwickelt. Seine Vorschüsse bereiten dem englischen Geistesleben Wechselbäder aus Neid und Begeisterung. Er hat es geschafft“, so beschreibt Walter Klier in der FAZ den Autor, der gestern auf der lit.COLOGNE sein neuestes Werk „Die schwangere Witwe“ im 28. Stockwerk des Hochhauses mit dem sinnigen Namen „Sky“ vorstellte.

Moderiert von der Spiegel-Autorin Susanne Weingarten. Der Schauspieler Nikolaus Benda übernahm die Lesung der deutschen Übersetzung.

Ein Grund für den Erfolg von Amis sieht Walter Klier in der Art, wie er das Feuilleton beherrscht. Er wisse genau, was man wie schreiben muss, um am „cutting edge“ zu sein oder „absolument moderne“, wie es im neunzehnten Jahrhundert als Muss für den Künstler formuliert wurde.

„Die schwangere Witwe berichtet von der Zeit, als sich die Liebe vom Sex trennte. Eine urkomische Abrechnung mit den Errungenschaften der sexuellen Revolution vom Bad Boy der englischen Literatur“, so lautet die Ankündigung der Lesung auf der Website des Veranstalters.

Amis hat schon vor 40 Jahren über die 1970er Jahren geschrieben – sehr zeitnah und dringlich. Es sei aber eine andere Situation, jetzt noch einmal zurückzublicken. Für ihn war die sexuelle Revolution ein beherrschendes Thema – im Gegensatz zur Generation der Väter und Großväter. Wenn man älter werde und irgendwann an die Schallmauer des 50. Lebensjahres heranrückt, merkt man, dass das Leben auf sonderbare Weise dünner wird und verflixt schnell vorbeigeht.

„Und mit Anfang 50 findet man einen bis dahin unbekannten Kontinent, wie eine Art Flügel im eigenen Lebenshaus, den man bis dahin gar nicht gekannt hat. Und das ist die eigene Vergangenheit, die man als solche gar nicht so wahrgenommen hat. Die es im eigenen Kopf gar nicht gegeben hat. Man fängt an, diesen Kontinent zu entdecken und zu erobern“, so Amis.

Vor allem den erotische Teil: Eros als Lebensantrieb. Dann komme das 60. Lebensjahr, eine Zahl, die auf dem Papier schon schrecklich aussieht, und man merkt, dass sich wieder etwas verändert. Kleine Dinge werden wichtiger und bedeutungsvoller.

„Wenn man als Schriftsteller anfängt, sagt man, ‚Hallo Welt, hallo Leser. Hier bin ich. Hier ist meine originelle Stimme. Ich hoffe, ich habe Euch was zu sagen.‘ Nach mehreren Jahrzehnten ist es dann soweit, dass man anfängt, sich zu verabschieden“, erläutert Amis.

Ob das mit seinem jüngsten Werk schon ein Abschied sei, darauf wollte Amis keine konkrete Antwort geben: „Der Schriftsteller entscheidet nie, was er schreiben werde. Das Thema sucht ihn selbst.“ Er hoffe auf den Moment des Aha-Erlebnisses, wo man eine Ahnung bekommt, was das nächste Buch sein könnte. Das sei ein sehr rätselhafter Vorgang. Amis verweist auf die Ideenfindung von Nabokov für den Lolita-Roman. Das hatte mit einem dressierten Affen zu tun der in der Lage war, zu zeichnen. Mehr dazu in meinem Audio-Zusammenschnitt der gestrigen Veranstaltung:

Pickel, Pubertät und peinliche Momente: Pétur Gunnarsson über die Nöte des Heranwachsenden

Pétur Gunnarsson, der im Oktober 2011 mit dem ersten Teil seiner Tetralogie um Andri Haraldsson, „punkt, punkt, komma, strich“ in der Bonner Literaturbuchhandlung Böttger zu Gast war, stellte gestern gemeinsam mit dem Island-Experten Wolfgang Schiffer den soeben zur Leipziger Messe erschienenen zweiten Teil „ich, meiner, mir, mich“ vor. Beide Bücher sind im Weidle-Verlag erschienen.

Im Mittelpunkt des Romans steht wieder der junge Andri, der von einem Aufenthalt auf dem Land nach Reykjavík zurück kommt und sich neu einleben muss; Mutter und Schwester sind in einen modernen Wohnblock gezogen, er geht in eine andere Schule und findet sich in einem unbekannten Umfeld wieder. Und dazu beginnt auch noch seine Pubertät, er leidet unter Erröten, bekommt Pickel, und sein Interesse am anderen Geschlecht nimmt ungeahnte Ausmaße an. Wilde Jahre zwischen Zigaretten- und Alkoholdunst, Schule und Straße, Stadt und Land – zum Soundtrack der Beatles. Man wird zwar in die 1960er zurückgeworfen. Aber viele Passagen erinnern mich doch stark an meine vier Kinder – eines steht noch in der Blüte des Erwachsenwerdens und erfreut uns täglich mit Szenen, die Pétur Gunnarson so trefflich beschreibt. Etwa auf Seite 14:

„Scham war sein täglich Brot. Er schämte sich für sich selbst, für seine Eltern (oh ja, wir sind schon peinlich, gs), vor allem dafür, dass seine Mutter in einem Milchladen arbeitete. Sein Selbstvertrauen war in alle Himmelsrichtungen verflogen, er unterstand der Öffentlichen Meinung. Kaum war er unter Leute gekommen, schon wurde er rot, errötete aus Angst zu erröten, errötete aus Scham darüber, dass er errötete, errötete, wenn man ihn ansah, errötete, wenn man ihn überging, errötete einfach nur so. Ohne Vorwarnung fing er an rot zu werden, und selbst wenn er all seine Kraft zusammennahm, konnte er den Kopf nicht heben…(heute erröten die Jungs und Mädels aber nicht mehr so schnell, sondern reagieren eher gelangweilt, angeödet oder auch aggressiv bis zur Pöbelei, gs)…Die Unsicherheit hatte zur Folge, dass es ausgeschlossen war, irgendein Risiko einzugehen: Alle versuchten so auszusehen, wie es die Aussehkontrolle vorgegeben hatte. Wenn die Minderwertigkeit aller zusammengekommen war, verwandelte sie sich in Gruppendynamik. Im Schutze der Gruppe konnten sie sich wie Affen benehmen (das hat sich nun überhaupt nicht gewandelt, gs).“

Soweit eine kleine Kostprobe, die auch im ersten Teil der Lesung im Vordergrund stand. Die deutsche Übersetzung wurde übrigens kenntnisreich von Wolfgang Schiffer vorgetragen (als Sprecher auch auf folgender CD zu hören: Die Litanei von den Gottesgaben). Als erfahrener Hörfunk-Mann machte er das brillant. Schiffer verweist auch auf einen Beitrag der Literaturkritikerin Antje Deistler, die den ersten Band für WDR 2 rezensierte und als Überraschung des Jahres titulierte:

„Weniger was Gunnarsson erzählt, macht diesen Roman so faszinierend, inspirierend und hochamüsant, sondern viel mehr wie er es erzählt: Voller treffender Bilder und Vergleiche, und in kurzen, wahren Sätzen, die man sich übers Bett hängen möchte: ‚Eines schönen Tages erwachst du in einer völlig unbekannten Frau zum Leben. Zuerst scheint es, als wolltest du eine Briefmarke werden, dann ein Fisch, als nächstes eine Echse, am Ende ein Lamm. Schließlich erscheinst du in der Gestalt eines alten Mannes, unbekannte Hände schneiden die Nabelschnur durch, Verkäufer und Immobilienspekulanten haben dich lebenslang im Griff.’Einziger Kritikpunkt an diesem ziemlich lustigen und erhellenden Kurztrip nach Island: Er ist zu kurz!“

In aller Ausführlichkeit kann man sich aber die gestrige Lesung anschauen 🙂

Demnächst werden wir die Fortsetzung der Andri-Erlebnisse lesen können. Weidle wird sie wieder herausbringen.

Nächste Veranstaltung bei Böttger: Lesung von Rudy Wiebe „Big Bear“

Siehe auch:

Franke, Scheerbart und die Fabrik lebenslustiger Kreaturen: Erkenntnisse aus dem Retortenpalast

Der kosmische Schwadroneur mit beschränkter Haftung

Juventas und das Ende der abendländischen Philosophie: Premiere einer Zeitschrift in der Buchhandlung Böttger

“Ich war berührt, wie geladen da die Worte sind”: Michael Donhauser-Lesung in Bonn

Henning Ritter, der Atomausstieg und die wohltuende Wirkung der Bescheidenheit

Bonner Literaturzeitschriften zwischen anatomischer Spurensuche und göttlicher Eingebung

Pyramidenklänge: Platon, Korff und die Universalbildung im alten Ägypten

Doofmann, Dorftrottel und Weltbürger – Bachmann-Preisträger Peter Wawerzinek begeisterte in der Buchhandlung Böttger in Bonn

Franke, Scheerbart und die Fabrik lebenslustiger Kreaturen: Erkenntnisse aus dem Retortenpalast

Der phantastische Thomas Franke
Der phantastische Thomas Franke

Gestern wurde in der Bonner Literaturbuchhandlung Böttger eine Ausstellung mit Werken des Collage-Künstlers, Grafikers, Schauspielers und Illustrators Thomas Franke eröffnet: Holzstichcollagen als Ergebnisse parallelweltlicher Beobachtungen unter dem Titel: „mundus parallelus: Die Akademie der Wissenschaftler nach der Planetesimalen Phaetonischen (VW hätte Franke fragen können, warum man eine Luxus-Karosse nicht Phaeton nennen sollte, gs) Katastrophe“.

Wie man unschwer erkennt, bewegt sich Franke in den Gefilden phantastischer Literatur. Als Leser, Entdecker und auch als Buchillustrator – etwa für die legendäre phantastische Bibliothek des Suhrkamp-Verlages.

Die Arbeiten, Collagen und Zeichnungen verweisen methodisch auf Max Ernst und den „cadavre exquis“ – ein Spiel der Surrealisten. Sie entstammen der Welt der Science Fiction, wo die Verschmelzung von Mensch und Maschine stattfindet.

Thomas Franke setzt diese Welt aus Fragmenten und Versatzstücken des 19. Jahrhunderts zusammen:

„Das liegt auch daran, dass er die alten Graphiken liebt und sein ganzes Geld in den Erwerb alter Drucke steckt, um sie zu zerschneiden und neu zu collagieren (ob das mit dem verwertungsrechtlichen Knebel des Handelsbakommens ACTA noch möglich ist? gs). Er dekonstruiert sie und zeigt so, was bereits in ihnen steckt: Die Vermessung des Menschen, der Körper als Maschine, von Maschinen beherrschte Menschen, überwachte Menschen, Entfremdung, Zauberlehrlinge, Macher“, schreiben die Malerin Jutta Reucher und die Verlegerin Jutta Baden im Ausstellungskatalog, den man bei Böttger für 12 Euro erwerben kann.

Franke treibt der Reiz, aus etwas Vorgegebenem neue Welten entstehen zu lassen, zu beobachten, was plötzlich geschieht, wenn er die Details zusammensetzt, die just in diesem Moment philosophische Dialoge miteinander eingehen. Dem konnte er sich nie entziehen:

„Jedes Motiv ist für mich ein Anlass zu assoziieren, andere Geschichten zu erzählen, die Fäden zu fassen, die in eine Fata Morgana hineinführen“, erläutert Franke im Interview mit René Moreau (abgedruckt im Ausstellungskatalog). Er beschäftigt sich mit Zuständen, die schon der Dichter Friedrich Schiller beklagte. Also grapscht er sich nach Jahren reiflicher Überlegung den alten Scheiß, „der zu Schillers Zeiten als Illustrationen gedruckt wurde – als arschkneifenden Hinweis auf die gegenwärtig so antagonistischen Zustände -, kleistert ihn neu zusammen und kommentiert damit die Gegenwart“, so Franke.

Es ist nachvollziehbar, dass Franke auch von dem Werk des phantastischen Literaten Paul Scheerbart magnetisch angezogen wird. Etwa von der Erzählung „Die Fabrik lebenslustiger Kreaturen – Kosmische Existenzkomödie“. Hier erfährt der Leser, wie man die höhere Lebenslust kennenlernt. Es sind Fähigkeiten, genau dort aufzutauchen, wo was los ist und zwar an mehreren Orten gleichzeitig. Etwa durch das Studium des „Anzeigers für pikante Verwirrungen“. Einzige und wirklich nur winzige Voraussetzung: Interessierte müssen sich im Retortenpalast einstampfen lassen, um als neue Kreaturen ein vielfaches Leben führen zu können, das viel lustiger ist als das einfache Leben, das ziemlich langweilig ist.

Eine Kostprobe seiner Rezitationskunst gab Franke im Anschluss an die Ausstellungseröffnung mit Lesefrüchten aus dem Werk von Scheerbart. In den Dialogen erkennt man das Schauspielerische seines Vortrags!

Hier die Aufzeichnung.

Weitere Lesungen von Franke in der Literaturbuchhandlung Böttger folgen: Etwa am 23. März, 20:00 Uhr. Hier rezitiert er aus Erzählungen des des österreichischen Satirikers, Phantasten und Mystikers Gustav Meyrink.

Paul Scheerbart-Lesung bei Böttger in Bonn: Der kosmische Schwadroneur mit beschränkter Haftung

Am Samstag gibt es eine Ausstellung in der Literaturbuchhandlung Böttger:

„Bilder von Buch zu Buch“ – Literaturinspirierte Collagen von Thomas Franke

Was mich sehr freut: Zur Eröffnung der Ausstellung liest Thomas Franke Erzählungen von Paul Scheerbart, der zu meinen Lieblingsautoren zählt!!!!! Samstag, 25. Februar 2012, 17 Uhr. Da bin ich natürlich dabei.

Franz Rottensteiner, der die Phantastische Bibliothek im Suhrkamp-Verlag betreute, hat sich intensiv mit dem kosmischen Phantasten Scheerbart beschäftigt:

„Scheerbart (1863-1915) wird unter den verschiedensten Etiketten diskutiert und vereinnahmt, als Vorläufer der Moderne, als Autor von Lautgedichten vor den Dadaisten, als Vorläufer des Surrealimus (1958 erschien in Paris eine Scheerbart gewidmete Ausgabe der Zeitschrift Bizarre mit einer Übersetzung des Perpetuum mobile [1910], die ihn in die Nähe von Alfred Jarry rückt), als Prophet und Vorkämpfer der Glasarchitektur mit Einfluss auf Architekturströmungen der Moderne (Bruno Taut z.B.); man hat ihn apostrophiert als ‚Antierotiker‘ (nach Erich Mühsam er selbst), als ‚Dichter der Sternenwelt‘ (Franz Servaes), als ‚weisen Clown‘ (O.J. Bierbaum), als ‚wiedergeborenen Dionysus‘ (Anselm Ruest), aber auch als ‚literarischen Eigenbrötler‘ (Kurt Aram). Für Arno Schmidt wieder, der das Schreiben als harte Arbeit am Wort sah und nichts hielt von der leichten Eingabe der Muse und dem dichterischen Genius, dem alles ohne Anstrengung zufalle, ohne die Mühe des Korrigierens, war er nur ein ‚kosmischer Schwadroneur mit beschränkter Haftung‘. Natürlich sind auch Scheerbarts Anklänge an die Science Fiction unübersehbar, und einige Kommentatoren haben aufgezählt, was er alles an technischen Neuerungen vorausgesehen haben soll, als fiele Scheerbart als Autor in dieselbe Rubrik wie Jules Verne. Als solcher qualifiziert ihn vor allem seine ‚Flugschrift‘ Die Entwicklung des Luftmilitarismus und die Auflösung der europäischen Land-Heere, Festungen und Seeflotten (1909], in der er in anscheinend paradoxem Zynismus verkündete, der Krieg lasse sich nicht durch Pazifismus überwinden, sondern nur durch die grösstmögliche Perfektionierung der Zerstörungsmittel, durch geballte Luftbombardements, vor denen alle Festungsanlagen und Flotten zunichte würden. Das rückt ihn jedoch eher in die Nähe Jonathan Swifts als die Jules Vernes“, schreibt Rottensteiner.

Scheerbart selbst habe sich als „Phantasten“ bezeichnet, gründete einen kurzlebigen „Verlag der Phantasten“, in dem sein Wunderfabelbuch „Ja… was möchten wir nicht Alles!“ (1893) und die 2. Auflage seines ersten Buches, „Das Paradies, die Heimat der Kunst“ (1889, 1892) erschienen und schrieb früh eine „Ästhetik der Phantastik“ (1894).

Schon in seinem ersten Essay dieser programmatischen Richtung, „Die Phantastik im Kunstgewerbe“ (1891), verstand er die Phantastik im Gegensatz zum künstlerischen Realismus als eine Kunstrichtung, die hauptsächlich durch die Phantasiekraft wirken will und zugleich die Phantasie des Zuschauers in neue Bahnen zu leiten versucht. „Das Wesen der Phantastik besteht somit in der Eröffnung neuer, weiter Perspektiven.“

„Seine kosmischen Welten, wenn auch wissenschaftsverneinend, märchenhaft und antiempirisch anmutend, haben nichts Übernatürliches an sich; sie entspringen zwar einem Missbehagen an der irdischen faktischen Welt mit ihren Kriegen, Elend, Existenznöten und Lebensqualen, aber sie werden für die wahre, kosmische Wirklichkeit ausgegeben, in der das irdische Jammertal nur ein nicht sonderlich bedeutsamer Unglücksfall einer höheren Welt kosmischer Harmonie, ästhetischer Ordnung und in ihrer Unfassbarkeit erhabener Grösse ist. Aber es gibt den vielbeschworenen ‚Riss in der Wirklichkeit‘ nicht, keinen Konflikt zweier Weltordnungen, einer diesseitigen und einer jenseitigen, keine Andeutung von Supernaturalismus“, schreibt Rottensteiner.

In gewissem Masse sei der Scheerbart’sche Kosmos ein ideales Gegenstück zu seiner eigenen, von Hunger bedrohten bohemehaften Alltagsexistenz, in der er oft mehr flüssige als feste Nahrung zu sich nahm.

„Häufig zitiert wird die von seinem Verleger Ernst Rowohlt gemachte Mitteilung, Scheerbart habe sich von ‚geschabten Heringen auf Brot‘ ernährt. Ähnliche Anekdoten, die den Autor als absonderlichen, eigensinnigen Aussenseiter hinstellen, als schrulligen Kauz und auf Pump lebenden trinkfreudigen Philosophen sind in vielen Darstellungen der Berliner Boheme zu finden. Es scheint, dass er nur dank der Unterstützung seiner immens geduldigen Zimmervermieterin und späteren Frau Anna, des ‚Bärchens‘, die in seinen Briefen an sie, Von Zimmer zu Zimmer (1921) ein liebevolles Denkmal gefunden hat, lange genug am Leben blieb, um 1915 buchstäblich zu verhungern – aus Protest gegen den 1. Weltkrieg, wie man u.a. bei Erich Mühsam lesen kann….Scheerbart stellt nicht nur die Welt, wie sie ist, in Frage, sondern auch die eigenen Ideen; charakteristisch für seine Prosa ist, wie er jeden Anflug von Pathos durch bewusste Schnoddrigkeit, durch banale Einfügungen und clowneske Apercus im Keim abtötet. Scheerbart war, wie alle grossen Humoristen, ein tief melancholischer Mensch, der seine zur Weltverdrossenheit gesteigerten Kritiken der verqueren Moral der bürgerlichen Gesellschaft als Narretei und Possenhaftigkeit tarnt und ihrer Scheinmoral eine radikal revolutionäre antibürgerliche Kunstauffassung entgegensetzt“, soweit die Ausführungen von Rottensteiner, die vielleicht dazu beitragen, sich mal dem Werk von Scheerbart zu widmen.

Zu Thomas Franke schreibt Böttger: 1954 in Köthen geboren, studierte Malerei und Grafik an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein und ab 1980 darstellende Kunst an der Ernst-Busch-Akademie und am staatlichen Institut für Theater in Moskau.

Bis 1983 gestaltete er die „Phantastische Bibliothek“ des Suhrkamp-Verlages, wofür er 1982 den „Kurt-Laßwitz-Preis für phantastische Grafik“ erhielt.

Mitte der neunziger Jahre war Franke in über 800 Aufführungen des Monologs „DAS MODELL“, ein Theaterstück nach einer Erzählung von H. P. Lovecraft, in vielen Städten Deutschlands zu erleben. 2001 wurde diese Aufführung für ARTE verfilmt. Mit seiner Produktion „STÖRWERK – MONOLOG FÜR EINEN SHAKESPEAREKÖNIG UNTER EINER NEBENWIRKUNG“ nahm Franke am „New York International Fringe Festival“ teil und erhielt dafür den „Fringe Overall Award for the Best Male Performance“.

Zur Ausstellung in der Buchhandlung Böttger finden bis Anfang April weitere Lesungen mit phantastischer Literatur von Meyrink, Poe, Klabund, Lovecraft, Erckmann-Chatrian, Marta Lynch u.a. statt.