Einladung zur Disputation über Nestlé und die Wasserrechte #fragNestlé

nestle

Meine Fragen an Nestlé – auf Twitter hat man die erste Frage öffentlich nicht beantwortet. Man wollte mich erst in Bonn kennenlernen. Da ich aber schlichtweg nur an der Sache interessiert bin und mir das Kennenlernen von Konzern-Verantwortlichen in einem nicht-öffentlichen Gespräch völlig wurscht ist, einigten wir uns auf schriftliche Fragen. Zu einem Live-Interview war der Konzern nicht bereit. Hier nun die Fragen: Werten Sie Wasser/Wasserrecht als öffentliches oder privates Gut? (Wasser als Menschenrecht hilft hierbei als Antwort nicht weiter). Sehen Sie besonders in unterentwickelten Ländern nicht die Notwendigkeit, die Wasserversorgung als hoheitliche Aufgabe des Staates zu organisieren? Entscheidend für das Gemeinwohl ist der diskriminierungsfreie Zugang zu Ressourcen wie Wasser – Flächendeckung der Infrastruktur für die Ver- und Entsorgung als Beispiel. Warum streben Sie dennoch private Wasserrechte an? Warum sind sie in Ländern wie Pakistan, Algerien und Mexiko bei der Erschließung von Wasser-Ressourcen aktiv? Zu welchen Preisen bieten sie Wasser in den genannten Ländern an? (Liter-Preis).

Hier die Antwort von Achim Drewes, Leiter Public Affairs Nestlé Deutschland:

„Hallo Gunnar,

wie versprochen melden wir uns mit den Antworten zu deinen Fragen zurück. Da das Thema Wasser sehr komplex ist, holen wir etwas weiter aus. Vieles davon wird dir bekannt sein, aber wir möchten die Gelegenheit nutzen und auch deinen Lesern und Followern etwas Hintergrund mitgeben – in der öffentlichen Diskussion kommt so etwas ja häufig zu kurz. Zur Sache:
Wasser hat, je nachdem von welcher Situation man spricht, Merkmale eines öffentlichen Gutes – weil niemand von der Nutzung ausgeschlossen werden kann oder sollte, beispielsweise bei Seen, Flüssen, offenen Quellen auf öffentlichem Land. Und es hat Merkmale eines privaten Gutes – wenn die Verfügbarkeit begrenzt ist, für die Erschließung und Verteilung Kosten entstehen und Gruppen, die sich nicht an diesen Kosten beteiligen, von der Nutzung ausgeschlossen werden können. Es gibt auch Ansätze, die Wasser als Allmende sehen – also als gemeinschaftliches Gut, das aber nicht unbegrenzt zur Verfügung steht und von dessen Nutzung Gruppen ausgeschlossen werden können, die nicht zu der Gemeinschaft gehören.
Konflikte um Wasser entstehen immer dann, wenn eine klare, allgemein akzeptierte und diskriminierungsfreie Regulierung fehlt – oder in einer Region weniger Wasser zur Verfügung steht, als Bedarf herrscht. Daher ist es ja so wichtig, dass der Umgang mit Wasser klar reguliert ist. Diese Regulierung ist eine hoheitliche Aufgabe. Ein Staat oder eine Gebietskörperschaft muss die Regeln für einen diskriminierungsfreien Zugang zu Wasser bestimmen und ist verpflichtet nach der Vorgabe des UN-Menschenrechts auf Wasser eine angemessene Grundversorgung für die Menschen auf seinem Hoheitsgebiet sicherzustellen (https://www.menschenrechtsabkommen.de/menschenrecht-auf…/). Ob er dies in eigener Verantwortung macht oder private Unternehmen hiermit beauftragt, ist letztlich ihm überlassen. Schwierig ist dabei, dass Wassereinzugsgebiete, Flüsse und Seen keine Rücksicht nehmen auf Grenzen oder politische Konflikte. Ein Wassereinzugsgebiet kann aber nur vernünftig verwaltet werden, wenn alle Anrainer und Nutzer zusammenarbeiten und bereit sind, sich für den langfristigen Erhalt der Wasserressourcen einzusetzen und auch selbst Beschränkungen der Nutzung zu akzeptieren.

Was die kommerzielle Nutzung von Wasser angeht – also in der Landwirtschaft, Industrie, für die Abfüllung von Quell- oder Mineralwasser, im Bergbau oder für welchen Zweck auch immer: Jeder, der aus der Nutzung von Wasser einen wirtschaftlichen Vorteil zieht, sollte nach unserer Auffassung einen angemessenen Preis hierfür entrichten, der der Knappheit (und den Kosten der Bereitstellung) Rechnung trägt. Und diesen Preis muss der Staat oder die Gebietskörperschaft bestimmen, auf Grundlage einer klaren und diskriminierungsfreien Regulierung. Die wirtschaftliche Nutzung darf nicht dazu führen, dass der Zugang von Menschen zu einer angemessenen Grundversorgung hierdurch beeinträchtigt wird – auch hierzu macht das UN Recht auf Wasser recht klare Vorgaben. Dabei gibt es in der Realität durchaus Nutzungskonflikte: übermäßige Nutzung z.B. durch bewässerungsintensive Landwirtschaft, Verunreinigungen durch Landwirtschaft, Industrie oder Bergbau führen in zahlreichen Regionen zu einer Beeinträchtigung der Wasserversorgung für die Bevölkerung (siehe z.B. http://wwf.panda.org/what_we_do/how_we_work/our_global_goals/water/, und dies erfordert gemeinsames Handeln.

Was heißt das mit konkretem Bezug auf Nestlé? Nestlé ist nicht in der öffentlichen Wasserversorgung tätig und wir haben auch nicht vor, in diesem Bereich tätig zu werden. Nestlé setzt sich auch nicht für eine „Privatisierung“ von Wasser ein. Solche Behauptungen geistern zwar durch das Netz, treffen aber deswegen noch immer nicht zu. Richtig ist, dass Nestlé für einen verantwortungsbewussten Umgang mit Wasser wirbt – also für klare Regulierungen und auch für Anreize, sparsam mit Wasser umzugehen. Wir setzen uns auch dafür ein, dem Menschenrecht auf Wasser Geltung zu verschaffen. Dazu tragen wir auch in unserem eigenen Einflussbereich bei – durch Programme für Wasser- und Sanitärversorgung, Wassereinsparung in unseren Werken und Community-Programme in unseren Lieferketten. In zahlreichen Regionen helfen wir auch Landwirten, die uns mit Rohstoffen beliefern, wassersparende Bewässerungsmethoden einzuführen und wir stellen trockenheitsresistentere Pflanzen zur Verfügung, um den Bauern zu helfen, sich besser auf die Folgen des Klimawandels einzustellen. Ein Beispiel, wie dies in der Praxis aussehen kann: http://www.nestle.com/…/saving-water-in-vietnam-coffee….

Abfüllbetriebe von Nestlé, die mit einer entsprechenden Genehmigung (also einer Lizenz, einem mengenmäßig und zeitlich beschränkten Nutzungsrecht oder aufgrund einer anderen Regulierung) Wasser abfüllen, müssen auch gewährleisten, dass von ihnen keine negativen Auswirkungen auf den Zugang zu Wasser oder auf die Umwelt ausgehen. Unsere Standorte in Regionen, wo die öffentliche Grundversorgung nicht gewährleistet ist, müssen sich hierzu aufgrund unserer eigenen Verpflichtungen einer Due Diligence Überprüfung unterziehen (http://storage.nestle.com/nestle-society…/index.html…). Keiner unserer Standorte, an denen Wasser abgefüllt wird, darf die öffentliche Versorgung oder den Zugang von Menschen zu Wasser beeinträchtigen. Und keine der von uns (mit-)genutzten Quellen wird von uns so übermäßig genutzt, dass hierdurch Grundwasserspiegel sinken oder Brunnen austrocknen. Dies wird auch streng überwacht: durch uns und die Behörden, die die Genehmigung für die Erschließung und Nutzung erteilen. Jeder Abfüller von Quell- oder Mineralwasser wird übrigens ein Interesse daran haben, Quellen nachhaltig zu nutzen – wenn er eine Quelle mehr Wasser entnimmt, als ihr natürlich zufließt, entzieht er sich selber die Geschäftsgrundlage.

Das Abfüllen von Heil-, Quell- oder Mineralwasser in Flaschen ist übrigens seit jeher ein Geschäft, das privatwirtschaftlich betrieben wird, und das normalerweise auch nicht mit dem Menschenrecht auf Wasser in Konflikt steht. Allerdings kann man mit Wasser in Flaschen auch keine öffentliche Grundversorgung mit Wasser sicherstellen – aufgrund der vergleichsweise hohen Kosten und begrenzten Mengen.

Wasser in Flaschen ist eher eine (gesündere) Alternative zu zucker- und kohlesäurehaltigen Erfrischungsgetränken, und steht unabhängig von einer leitungsgebundenen Wasserversorgung in einer zuverlässigen Qualität zur Verfügung. Auch die Verkaufspreise orientieren sich eher an anderen Erfrischungsgetränken, und die Kosten für Abfüllung, Verpackung und Transport etc. sind ähnlich. In Ländern mit niedrigeren Einkommen streben wir eine Preisstellung deutlich unterhalb zuckerhaltiger Erfrischungsgetränke an – die Preise machen aber üblicherweise die Händler.

Wir sind der Auffassung, dass für die Gemeinschaften im Umfeld unserer Standorte ein Vorteil aus unserer Tätigkeit entstehen muss, der im Zweifel über das Zahlen von Steuern und das Schaffen von Arbeitsplätzen hinausgehen sollte. Daher unterstützen wir an zahlreichen Standorten umliegende Gemeinschaften z.B. bei der Trinkwassergewinnung, Förderung der sozialen Infrastruktur oder durch ähnliche Aktivitäten. Das können Sie sich ja gerne gelegentlich einmal selber anschauen – schöne Beispiele für solche Community-Programme gibt es z.B. in Pakistan, in Côte d’Ivoire, in Indien, Mexiko und vielen weiteren Ländern (siehe z.B. http://www.nestle.com/…/clean-drinking-water-for-30000… oder http://www.nestle-cwa.com/…/international-federation-of…).

Sie werden aber kein Land finden, wo Nestlé sich für eine Privatisierung von Wasser einsetzt oder dafür verantwortlich wäre, dass Menschen keinen Zugang zu Wasser haben – da müssen wir Sie leider enttäuschen. Unter www.nestle.de/verantwortung/wasser finden Sie auch noch einiges an Informationen und Positionen zum Thema. Wir hoffen, dies beantwortet Ihre Fragen.

Beste Grüße, Achim Drewes, Leiter Public Affairs Nestlé Deutschland“

Soweit die Antwort.

Aber was kostet denn nun ein Liter Wasser in Pakistan, Algerien und Mexiko?

Südafrika könnte man noch hinzufügen.

Der Nestlé-Check

Bottled Life

Viel Text, der zum Fakten-Check einlädt. Vielleicht helft Ihr mir bei der Gegen-Recherche, der dann zu einem Beitrag über dieses Thema führt.

Lesenswert: Zum Glück gibt es Compliance

Bio-Gesinnung ist nicht immer öko-logisch

Landidylle
Landidylle

Ich möchte mich jetzt überhaupt nicht in die Debatten um industrielle Landwirtschaft, Bio-Landbau, vegane Ernährung und ökologisch korrektes Verhalten einmischen oder zusätzlich Öl ins Feuer gießen. Allerdings stört mich an diesen Streitigkeiten häufig der Besserwisser-Modus.

Bevor man also sein besseres Bewusstsein zur Schau trägt, sollte man doch in aller Bescheidenheit das eigene Verhalten überprüfen. Es reicht halt nicht aus, das Richtige zu proklamieren, den wohlbehüteten Nachwuchs mit pestizidfreiem Karottenmus im Mehrweg-Glas zu ernähren und Toiletten mit Wasser-Spartaste zu bevorzugen. Es gibt auch Menschen, die verhalten sich unbewusst und ohne missionarischem Eifer höchst ökologisch. Wer zum Österreichurlaub mit der Bahn fährt, Pfälzer Riesling statt importierten Pinot Grigio trinkt, seine Socken stopft, im Hochhaus wohnt und mit der U-Bahn zur Arbeit fährt, verhält sich ökologischer als die übliche Schlaumeier-Klientel, die im Öko-Feinkostladen einkaufen geht, exotische Fernreiseziele mit dem Flugzeug ansteuert, fremde Kulturen und unberührte Natur genießen will (die dann nicht mehr unberührt ist), im tropenholzfreien Designerbett nächtigt, Balsamicoessig auf den Salat tröpfelt, Aloe vera auf die Haut schmiert und als Berufspendler mit Energiespar-Haus in ländlicher Idylle im Turbodiesel-Volvo täglich die moralische Überlegenheit im Berufsverkehr-Stau dokumentiert.

Wer Tropenholz boykottiert und nicht gleichzeitig den Kahlschlag für Ölpalmen- oder Gummibaum-Plantagen verhindert, sollte sich fragen, warum er Latex-Produkte noch ökologisch bewertet. Wer in Latex-Gamaschen auf Sylt über die Steuerabzugsfähigkeit von Spenden an WWF & Co. sinniert, hat nichts begriffen. Auch Naturkosmetik auf Palmölbasis killt den Regenwald. Genauso fragwürdig ist das Bedürfnis, Brot nur mit Amaranth zu backen und den Importweg aus Südamerika aus dem Hirn zu streichen.

Hinter der Öko-Premium-Image-Fassade verbirgt sich häufig Eulenspiegelei. Etwa bei Biokunststoffen, die höchst unerwünschte „Neben-Eigenschaften“ aufweisen. Sie sind leicht entflammbar und sehr reaktionsfreudig mit Wasser. Deshalb werden sie mit weiteren Polymeren und Zusatzstoffen kombiniert. Um sie formbar zu machen, setzt man Weichmacher und Plastifizierungsmittel wie Sorbit oder Glycerin ein. Eine wasserabweisende Wirkung entsteht durch die Zugabe von Polymeren wie Polyester. Wie soll dieser Cocktail umweltschonend abgebaut werden? Es ist daher kein Wunder, wenn die Bioplastik-Lobby den kostspieligen Aufbau von Sortier- und Recyclingsystemen auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschiebt.

Um die tatsächliche Umweltbelastung festzustellen, müssen alle relevanten Umweltauswirkungen entlang des gesamten Lebensweges vom Abbau der Rohstoffe – inklusive Hilfsstoffe und Energieträger, über die Transportwege bis hin zur Entsorgung betrachtet werden.

Die Möglichkeit der Kompostierung bringt keine Umweltvorteile und ist in der Praxis nur schwer umsetzbar. Die privaten und kommunalen Kompostwerke in Österreich, in Deutschland und in der Schweiz, die Kompost mit hoher Qualität herstellen, sind wenig begeistert von der Diskussion über „kompostierbare“ Kunststoffe. Ziel der Kompostierung ist der möglichst rasche und verlustarme Abbau der organischen Ursprungssubstanzen und gleichzeitig der Aufbau stabiler, pflanzenverträglicher Humussubstanzen.

Dass ein Werkstoff biologisch abbaubar ist, bedeutet noch lange nicht, dass diese Umwandlung in einem Rotteprozess der technischen Kompostierung tatsächlich im gewünschten Ausmaß erfolgt. Aus gutem Grund rät die Bundesgütegemeinschaft Kompost (BGK) davon ab, „Bioplastik“ in die Biotonne zu werfen. Mit rund zehn Wochen liege die Behandlungszeit von solchen Stoffen deutlich über dem normalen Biomüll. Teile des Bioplastiks tauchen deshalb im Kompost als Fremdstoffe auf, verschlechtern die Qualität und erschweren die Vermarktung. Öko-logisch? Nee. Wer mal genauer auf die Bioplastik-Verpackungen schaut, wird erkennen, dass die Hersteller Sätze im Konjunktiv bevorzugen. Informationen, wo denn nun eine Kompostierung stattfindet, verschwinden in irgendwelchen Wortblähungen und dem Pyromanen-Hinweis, dass diese Biokunststoffmasse zumindest „thermisch“ verwertet werden können. Schon klar.

Nähern wir uns der Landwirtschaft: Wie fällt die Ökobilanz bei „natürlichen Pflanzensorten“ aus, die von den Biobauern eingesetzt werden? Stichwort Mutationszüchtungen, die durch Strahlung oder Chemikalien das Erbgut massiv verändern. Wie viele künstliche Gene aus der Atomwirtschaft kamen zum Einsatz, um die Nutzpflanzen zu verändern? Wir reden hier also nicht über Gentechnik, sondern über „natürliche Pflanzensorten“.

So natürlich sind diese Pflanzensorten nämlich nicht: Von unserer ursprünglichen Lebensweise als Jäger und Sammler haben wir uns vor 10.000 Jahren verabschiedet. Weizen ist kein natürliches Nahrungsmittel des Homo sapiens. Weizenkörner sind durch künstliche Selektion genetisch veränderter Grassamen entstanden. Kuhmilch gehört keineswegs auf unseren natürlichen Speiseplan. Auch Mais oder Blumenkohl kommen in der Natur so nicht vor, sondern wurden vom Menschen entwickelt. Ganz zu schweigen vom Käse, einer frühen Ausgeburt bakterieller Lebensmitteltechnik.

Weder waren die früheren Formen der Tierhaltung grundsätzlich humaner, noch waren die produzierten Nahrungsmittel gesünder als heutige. Die Gefahr von Erkrankungen und Vergiftungen durch Nahrungsmittel ist dank moderner Hygiene und Konservierungsstoffe drastisch zurückgegangen. Magenkrebs wird immer seltener, weil moderne Frischhalteverfahren die alten und gesundheitlich bedenklichen Verfahren wie Räuchern oder Pökeln zurückgedrängt haben. Plastikversiegelung, Tiefkühltruhe und Kühlschrank mögen unsere Nahrungsmittel „entfremden“, sie sind aber ein Segen für die Gesundheit.

Die „unberührte“ Natur taugt wenig zur sanften Erbauung von Stadtbewohnern. Durch tödliche Getreidepilze in der Nahrung wurden in den vergangenen Jahrhunderten ganze Landstriche entvölkert. Die Pasteurisierung der Milch wurde nicht eingeführt, weil sich profitgeile Konzerne bereichern wollten. Sie war vielmehr gesundheitlich dringend geboten, um eine Übertragung der Tuberkulose zu verhindern. In der Nachkriegszeit wurden aus diesem Grund in einer bis dahin beispiellosen Aktion erkrankte Kühe geschlachtet und tuberkulosefreie Bestände aufgebaut. Wer heute zu „unverfremdeter“ Rohmilch greifen möchte, soll das tun. Mediziner aber raten ab: Unbehandelte Rohmilch kann mit dem berüchtigten EHEC-Bakterium verunreinigt sein.

Wer also über die Industrialisierung der Lebensmittelproduktion lästert, sollte zumindest die Vergangenheit nicht glorifizieren oder verzerren. Ein Blick in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts könnte die Sinne schärfen. Wie sah die Pro-Kopf-Versorgung mit Lebensmitteln in Deutschland aus? Wie hoch war die Lebenserwartung? Wie viele Menschen sind an Mangelernährung gestorben? Und welche Bevölkerungskreise waren davon betroffen und welche nicht?

Und dann hätte ich da noch ein paar Fragen, die mir vielleicht die großen Naturkost-Firmen beantworten können – also Rapunzel und Co.. Wie hoch ist die Importquote an Vorprodukten, die bei der Lebensmittelproduktion zum Einsatz kommen? Aus welchen Ländern werden diese Vorprodukte importiert? Und wie werden die ökologischen Standards in diesen Ländern sichergestellt? Wie werden die Vorprodukte angeliefert (Schiff, Flugzeug und LKW) und was für Transportentfernungen haben diese Vorprodukte auf dem Buckel?

Und warum ist noch mal in den 90er Jahren das Mehrwegsystem der Naturkost-Hersteller für pestizidfreien Karottenmus, Tomatensaft und Hönig von glücklichen Bienen zusammengebrochen? Und warum konnten nur mickrige ein bis zwei Umläufe der „Mehrweg-Gläser“ erreicht werden, für die sich jeder Bierbrauer schämen würde. Öko-logisch?

Und dann würde mich noch interessieren, wie viel industrielle Massenfertigung in der ökologischen Landwirtschaft steckt, denn schließlich kann ich Bioprodukte schon in jedem Discounter in Deutschland kaufen?

Vielleicht könnten ja die Agrarblogger meine Fragen heute Abend schon mal aufgreifen und weiter diskutieren:

Was macht Kuh 34? Wie Traktoren, Milchvieh und Schweine in der Computerwolke landen

Die Kuh als Datenlieferant
Die Kuh als Datenlieferant

Google-Chefökonom Hal Varian bezeichnet die vernetzte Ökonomie auch als kombinatorischen Wettbewerb. Ob Dampfmaschine, Telegraf, Telefon oder Transistoren – immer wieder werden Technologien erfunden, deren Komponenten sich vielfältig miteinander verbinden lassen, um neue Produkte und Dienste hervorzubringen.

„Der Unterschied heute ist, dass diese Möglichkeiten praktisch unbegrenzt sind, denn es gibt keine physischen Grenzen“, so Varian.

Etwa beim Cloud Computing. Technologische Beschränkungen durch Hardware oder Betriebssysteme fallen weg. Online-Dienste beruhen meist auf offenen Standards, die fast alle Geräte und Programme verstehen sowie unendlich viele Kombinationen von realer und digitaler Welt ermöglichen.

Selbst auf dem Acker, im Kuh- oder Schweinestall ist das zu spüren, wie die Agrar-Expertenrunde in Bloggercamp.tv unter Beweis stellte.

Etwa bei der Präzisions-Landwirtschaft – neudeutsch auch Precision Farming genannt.

„Beim Ackerbau wird nicht mehr konstant gedüngt, sondern nur noch punktuell nach dem Bedarf der Pflanzen“, erläutert Antje Krieger, Marketing-Managerin von Agri Con.

So kann über Bodenanalysen der Stickstoff-Bedarf genau ermittelt werden. Die Traktoren ziehen dann über GPS automatisch ihre Bahnen, ohne dass der Fahrer lenken muss. Die Vermessung des Feldes liegt in der Computerwolke.

Die Vorteile skizzierte auch Gerald Maatmann, Jungbauer in der Grafschaft Bentheim. Früher wollte er seine 80 Kühe über Excel verwalten.

„Eine Kuh produziert Daten und die möchtest Du natürlich sofort eingeben. Da musste ich ständig zum Rechner rennen. Das klappt einfach nicht.“

Jetzt setzt er das Programm von der QSX-Datenschmiede ein.

„Unser Lehrling hat die Anwendung auf seinem Smartphone und auch mein Vater. Es läuft auf dem Stallrechner. Man muss keine Updates installieren – einfach anmelden und alles ist da.“

Wenn eine neue Version kommt, ändert sich ein wenig die URL.

„Ich muss mich nicht ständig um das Betriebssystem kümmern – das läuft im Browser auf jedem Tablet-PC und jedem Smartphone“, betont der Landwirt.

Bei einer Trächtigkeitsuntersuchung der Kühe ist das Smartphone mal in den Gülle-Schacht gefallen.

„20 Kühe hatten wir mit dem Tierarzt schon durch. Im vernetzten Stall gehen die Daten direkt nach der Eingabe in die Cloud. Das Gerät war hinüber, aber meine Daten nicht“, sagt Maatmann.

Der Kuhplaner ist nach den Erfahrungen von Michael Reimers (QSX-Datenschmiede) für viele Landwirte der Einstieg ins Cloud Computing. Er überprüft das Brunstgeschehen und registriert die Besamung. Das System informiert, wann eine Kuh kalbt und zu welchem Zeitpunkt sie trocken gestellt werden muss.

Beim Datenschutz sieht Bauer Maatmann noch keine Probleme. Das könnte sich ändern, wenn viele sensible Daten seines Betriebes zusammenfließen. Zur Zeit ist es ihm egal, ob das Spähprogramm Prism weiß, wann Kuh 34 ihr Kälbchen bekommt.

An der Notwendigkeit von Cloud Computing in der Agrarwirtschaft ändert das nichts. Feste Rechner sterben aus. Mit dem Datenmanagement möchte sich kein Bauer belasten, resümiert Antje Krieger.

Genmais-Anbau gestoppt – Ist die Mutationszüchtung besser?

Nach einem Bericht von Spiegel-Online darf Genmais in Deutschland nicht mehr angepflanzt werden. Das dürfte die Gegner der Gentechnik in Begeisterungsstürme versetzen. Den Tenor der Gentechnik-Kritiker hat Babykost-Unternehmer Claus Hipp vorgegeben: „Es gibt viele Gründe: Die Folgen sind nicht abzuschätzen, konventionelle Pflanzen können beeinflusst werden. Wir brauchen gentechnisch veränderte Produkte nicht, um große Mengen herzustellen…. Außerdem ist es historisch gesehen völlig absurd: In den vergangenen 150 Jahren hat der Mensch dramatische Veränderungen im Boden verursacht, die den Pflanzen Probleme bereiten. Doch statt den Boden in den natürlichen Zustand zurückzuversetzen, verändert man nun die Pflanzen, damit sie mit den Veränderungen im Boden zurechtkommen. Das ist doch der völlig falsche Weg.“ Was der gute Mann verschweigt: Alleine in den letzten 50 Jahren kamen rund drei Milliarden Menschen zur Erdbevölkerung hinzu. Die „grüne Revolution“ der 1960er-Jahre mit ihren neuen Pflanzensorten, intensiven Anbaumethoden und gewaltigen Ertragssteigerungen verhinderte, dass viele davon verhungerten. Der Vater der grünen Revolution, der Agrar-Spezialist Normann Borlaug, erhielt dafür den Friedens-Nobelpreis. Mit den von Hipp favorisierten landwirtschaftlichen Methoden wären bereits in den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts hunderte von Millionen Menschen verhungert.

Lesenswertes Buch, vor allem das Kapitel "Gentechnik: Was Kritiker und Befürworter verschweigen", S. 274 ff.
Der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer plädiert deshalb für eine nüchterne Betrachtung der Gentechnik. Er gibt zu bedenken, dass für die Züchtung der „natürlichen Pflanzensorten“, die von den Biobauern eingesetzt werden, durch Strahlung oder Chemikalien das Erbgut massiv verändert wird. Und sogar stärker als es bei präzisen gentechnischen Eingriffen der Fall ist. Und er weist darauf hin, dass das gefürchtete „Bt-Toxin“, mit dem sich gentechnisch veränderter Mais gegen Schädlinge wehrt, im Bio-Landbau direkt auf die Pflanzen aufgebracht wird. „Niemand will wissen, wie vor der Gentechnik gezüchtet wurde. Etwa die Mutationszüchtung: Da wurde ein Sack Getreide ins Atomkraftwerk gefahren und bestrahlt, damit Missbildungen entstanden. Davon waren vielleicht zwei Pflanzen zu gebrauchen. Sie wurden dann in normale Sorten eingezüchtet. Das waren künstliche Gene aus der Atomwirtschaft. So wurden alle Nutzpflanzen verändert. Ohne Gentechnik kehrt die Mutationszüchtung zurück. Sie ist zwar aufwändiger für die Saatindustrie – aber weil es keinerlei rechtlichen Rahmen gibt, muss man keine Experimente mit Ratten durchführen und hunderte von Ordnern anlegen, damit hinterher ein Beamter seinen Stempel anbringt. Die Atomwirtschaft hat sich bei den Kritikern bedankt für ihren Widerstand gegen die Gentechnik. Auch normale Kreuzungen können gefährlich sein. Es muss für alle Züchtungsmethoden vergleichbare Maßstäbe geben – nicht nur für die Gentechnik“, so Pollmer.

Es geht bei der ganzen Debatte wohl eher um die gefühlte Gefährlichkeit, die „Angst der Verbraucher“, um Glaubensbekenntnisse und Halbwahrheiten mit abgelaufenen Haltbarkeitsdatum. Wie heißt es so schön auf der Homepage von Herrn Hipp: „Wenn es um die Gesundheit unserer Kleinsten geht, sehen wir keinen Platz für Kompromisse. Dafür stehe ich mit meinem Namen.“

Ressourcenkonkurrenz vermeiden bei Förderung von Bioenergie

Hohe Energiepreise, verbunden mit der staatlichen Förderung von Bioenergie, führen nach Auffassung von Branchenexperten zu einer Ressourcenkonkurrenz in der deutschen Landwirtschaft. Durch eine Neuausrichtung der Förderung, den verstärkten Einsatz von landwirtschaftlichen Reststoffen für die Biogasgewinnung und die Nutzung von Brachflächen für den Anbau von Getreide für die Bioenergieproduktion könne die Flächenkonkurrenz jedoch entschärft werden.

 Die gesetzliche Bioenergieförderung habe massive Investitionen ausgelöst, so Bernhard Krüsken vom Verband Deutsche Tiernahrung http://www.dvtiernahrung.de. Gerade in „viehstarken Regionen“ sei die Anzahl der Biogasanlagen sprunghaft angestiegen. Die Ressourcenkonkurrenz setze die Tierhaltung unter starken wirtschaftlichen Druck, da zum einen die Preise für Futtermittel steigen und zum anderen vermehrt Flächen für den Anbau von Bioenergie-Getreide genutzt würden, die damit für die Tierhaltung verloren gingen. Krüsken fordert, nach dem Grundsatz „Food comes first“, Nahrung zuerst, zu fördern und die Anschubförderung des Bioenergiesektors zu beenden.  Udo Hemmerling vom Deutschen Bauernverband http://www.bauernverband.de macht den weltwirtschaftlichen Aufschwung für gestiegene Lebensmittelpreise verantwortlich. Es sei ein „Rohstoffhunger“ entstanden, der sich auch auf agrarische Produkte erstrecke. Man könne etwa für die Milchpreissteigerung nicht die Bioenergie verantwortlich machen. Dennoch, so Hemmerling, könnten Biogasproduktion und Tierhaltung ergänzend nebeneinander existieren.  Nach Auffassung von Tobias Janßen, Vorstandschef der Goldfish Holdings http://www.goldfish-holdings.com in Düsseldorf, sollte man in der Klima- und Energiepolitik den staatlichen Aktionismus ad acta legen und alternative Energien nicht nach dem Gießkannenprinzip subventionieren.

„Da sind zu viele Trittbrettfahrer unterwegs. Man sollte generell stärker auf die Triebkraft des Marktes setzen. Die voranschreitende Knappheit der fossilen Energien führt zu höheren Preisen und eröffnet Spielräume für neue Ressourcen. Da benötige ich keine Förderpolitik vom Grünen Tisch“, bemerkt Energieexperte Janßen. Professor Jürgen Zeddies von der Universität Hohenheim fordert den Verzicht auf zusätzliche finanzielle Hilfen für Biogas. Dies könne die Flächenkonkurrenz entschärfen.

Die Wertschöpfung bei Nahrungsmitteln sei für die Landwirte immer noch höher, als beim Anbau von Bioenergie-Getreide, meint Professor Alois Heißenhuber von der Universität München. Aus Wettbewerbsgründen komme daher nur der Anbau auf freien Flächen in Frage. Das schaffe eine zusätzliche Wertschöpfung. Professor Harald von Witzke von der Humboldt Universität Berlin befürchtet angesichts steigender Preise bei der Lebensmittelerzeugung Probleme bei der weltweiten Nahrungsmittelversorgung. Als ein Gegenmittel empfiehlt von Witzke, weniger Anbauflächen stillzulegen.