Feuilleton-Beherrscher Martin Amis auf der lit.COLOGNE: „Eros als Lebensantrieb“

„Martin Amis, Sohn des mittlerweile verstorbenen erfolgreichen Romanciers Kingsley Amis, startete als Wunderkind in den Literaturbetrieb hinein – und sein erster, vor vielen Jahren erschienener Roman, ‚The Rachel Papers‘, war grandios; und er hat sich zum bestbezahlten „ernsten“ Romancier Englands entwickelt. Seine Vorschüsse bereiten dem englischen Geistesleben Wechselbäder aus Neid und Begeisterung. Er hat es geschafft“, so beschreibt Walter Klier in der FAZ den Autor, der gestern auf der lit.COLOGNE sein neuestes Werk „Die schwangere Witwe“ im 28. Stockwerk des Hochhauses mit dem sinnigen Namen „Sky“ vorstellte.

Moderiert von der Spiegel-Autorin Susanne Weingarten. Der Schauspieler Nikolaus Benda übernahm die Lesung der deutschen Übersetzung.

Ein Grund für den Erfolg von Amis sieht Walter Klier in der Art, wie er das Feuilleton beherrscht. Er wisse genau, was man wie schreiben muss, um am „cutting edge“ zu sein oder „absolument moderne“, wie es im neunzehnten Jahrhundert als Muss für den Künstler formuliert wurde.

„Die schwangere Witwe berichtet von der Zeit, als sich die Liebe vom Sex trennte. Eine urkomische Abrechnung mit den Errungenschaften der sexuellen Revolution vom Bad Boy der englischen Literatur“, so lautet die Ankündigung der Lesung auf der Website des Veranstalters.

Amis hat schon vor 40 Jahren über die 1970er Jahren geschrieben – sehr zeitnah und dringlich. Es sei aber eine andere Situation, jetzt noch einmal zurückzublicken. Für ihn war die sexuelle Revolution ein beherrschendes Thema – im Gegensatz zur Generation der Väter und Großväter. Wenn man älter werde und irgendwann an die Schallmauer des 50. Lebensjahres heranrückt, merkt man, dass das Leben auf sonderbare Weise dünner wird und verflixt schnell vorbeigeht.

„Und mit Anfang 50 findet man einen bis dahin unbekannten Kontinent, wie eine Art Flügel im eigenen Lebenshaus, den man bis dahin gar nicht gekannt hat. Und das ist die eigene Vergangenheit, die man als solche gar nicht so wahrgenommen hat. Die es im eigenen Kopf gar nicht gegeben hat. Man fängt an, diesen Kontinent zu entdecken und zu erobern“, so Amis.

Vor allem den erotische Teil: Eros als Lebensantrieb. Dann komme das 60. Lebensjahr, eine Zahl, die auf dem Papier schon schrecklich aussieht, und man merkt, dass sich wieder etwas verändert. Kleine Dinge werden wichtiger und bedeutungsvoller.

„Wenn man als Schriftsteller anfängt, sagt man, ‚Hallo Welt, hallo Leser. Hier bin ich. Hier ist meine originelle Stimme. Ich hoffe, ich habe Euch was zu sagen.‘ Nach mehreren Jahrzehnten ist es dann soweit, dass man anfängt, sich zu verabschieden“, erläutert Amis.

Ob das mit seinem jüngsten Werk schon ein Abschied sei, darauf wollte Amis keine konkrete Antwort geben: „Der Schriftsteller entscheidet nie, was er schreiben werde. Das Thema sucht ihn selbst.“ Er hoffe auf den Moment des Aha-Erlebnisses, wo man eine Ahnung bekommt, was das nächste Buch sein könnte. Das sei ein sehr rätselhafter Vorgang. Amis verweist auf die Ideenfindung von Nabokov für den Lolita-Roman. Das hatte mit einem dressierten Affen zu tun der in der Lage war, zu zeichnen. Mehr dazu in meinem Audio-Zusammenschnitt der gestrigen Veranstaltung:

Leistungsschutzrecht als Innovationsbarriere – Von der Sehnsucht der Monopolisten

Der Wirtschaftshistoriker Eckhard Höffner hat wohl ein bahnbrechendes Opus auf den Markt geworfen, an dem sich die Apologeten des Leistungsschutzrechtes wohl noch die Zähne ausbeißen werden. In seinem Werk „Geschichte und Wesen des Urheberrechts“ untersucht der Wissenschaftler den Ursprung und die Entstehung des Urheberrechts sowie die verschiedenen Gründe, die in Deutschland, Großbritannien und Frankreich zu seiner Rechtfertigung angeführt wurden.

Es werden die Parallelen und Unterschiede der Entwicklung in Großbritannien und Deutschland herausgearbeitet und die geopolitischen und philosophischen Gründe beschrieben, die dazu führten, dass die Mitgliedstaaten des Deutschen Bundes erst 1837 einen landesweiten Schutz urheberrechtlicher Leistungen vereinbarten, während dieser in England mit dem Statue of Anne bereits 1710 in Kraft trat. Höffner vergleicht die Entwicklung des Buchmarktes in Großbritannien mit Urheberrecht und Deutschland ohne Urheberrecht. Zudem wird der deutsche Buchmarkt vor und nach der Einführung des Urheberrechts analysiert.

Die Ergebnisse beider empirischen Analysen sind eindeutig und stehen im vollkommenen Gegensatz zur herrschenden Meinung über die Wirkung des Urheberrechts: Durch die Einführung des Urheberrechts entwickelte sich der Buchmarkt in Deutschland, das bereits 1820 führende Buchnation war, zum Schlechteren. Die Auflagen und Anzahl von Neuerscheinungen fielen ebenso wie Autorenhonorare. Nur die Buchpreise stiegen.

„In England nutzten die Verleger ihre Monopolstellung schamlos aus. Neuheiten erschienen meist nur in einer geringen Auflage von maximal 750 Exemplaren und zu einem Preis, der häufig den Wochenlohn einer ausgebildeten Arbeitskraft überstieg“, schreibt der Spiegel in einer Rezension.

Die prominentesten Verleger in London verdienten trotzdem prächtig und fuhren teils mit vergoldeten Droschken umher. „Ihre Kunden waren Reiche und Adlige, die Bücher als reine Luxusgüter betrachteten. In den wenigen vorhandenen Bibliotheken wurden die kostbaren Folianten zum Schutz vor Dieben an den Bücherregalen festgekettet. In Deutschland hingegen saßen den Verlegern Plagiatoren im Nacken, die jede Neuerscheinung ohne Furcht vor Strafe nachdrucken und billig verkaufen durften. Erfolgreiche Verlage reagierten mit Raffinesse auf die Abkupferer und ersannen eine Form der Publikation, wie sie noch heute üblich ist: Sie gaben edle Ausgaben für Wohlhabende heraus und günstige Taschenbücher für die Masse. So entstand ein ganz anderer Buchmarkt als in England: Bestseller und wissenschaftliche Werke wurden in großer Stückzahl und zu Ramschpreisen unters Volk gebracht“, so der Spiegel.

Am laufenden Band verfassten Gelehrte in Deutschland Traktate und Ratgeber, die sich mit Chemie, Mechanik, Maschinenbau, Optik oder der Stahlproduktion beschäftigten. In Großbritannien fröhnte derweil ein elitärer Zirkel einem klassischen Bildungskanon, der sich eher um Belletristik, Philosophie, Theologie, Sprachen und Geschichtsschreibung drehte.

Praktische Anleitungen, wie sie in Deutschland massenhaft gedruckt wurden – etwa zur Deichbaukunde oder zum Getreideanbau -, fehlten weitgehend. „In Großbritannien war man bei der Verbreitung dieser nützlichen modernen Erkenntnisse auf die mittelalterliche Methode des Hörensagens angewiesen“, sagt Höffner.

Die deutsche Wissensoffensive führte zu einer kuriosen Situation, die damals freilich kaum jemandem aufgefallen sein dürfte: So erwirtschaftete der längst in Vergessenheit geratene Berliner Professor für Chemie und Pharmazie, Sigismund Hermbstädt, mit seinem Werk „Grundsätze der Ledergerberei“ (1806) ein höheres Honorar als die britische Autorin Mary Shelley mit ihrem bis heute berühmten Horrorstück „Frankenstein“.

Auf politischer Ebene schafft man mit wirtschaftlich unsinnigen Leistungsschutzrechten vor allem neue Begehrlichkeiten, so das Resümee von Eckhard Höffner. „Zu schnell scheint sich das Recht zu verselbständigen und zu laut klagen die Unternehmer (die bislang auch ohne das Schutzrecht ausgekommen sind) über angebliche Schäden, Entlassung von Mitarbeitern etc. Es sind die Jahrhunderte alten Jammerklagen der Zunftmeister und Priviliegieninhaber und sie stoßen noch heute auf Gehör bei den Politikern“, führt Höffner aus. Es geht den Befürwortern der Schutzrechte in erster Linie um Abschottungsstrategien. Ein Patent verbietet beispielsweise allen Nicht-Patentinhabern, ihr Eigentum in der patentrechtlich geschützten Weise einzusetzen. So würde ein Patent zur Herstellung von Zwetschgenkuchen – vergeben an einen Bäcker –, das die abschließende Bestreuung des Kuchens mit Zimt und Zucker vorsähe, allen Hausfrauen und Hausmännern, so patent sie auch sein mögen, verbieten, ihren Zwetschgenkuchen in der selben Weise zu krönen.

Beim geistigen Eigentum scheine man nach Ansicht von Höffner in den Industriestaaten inzwischen eine neue Rechtfertigungsmethode gefunden zu haben. Sie sei wohl ganz im Sinne von Fritz Machlups Äußerungen aus der Zeit um 1960: Wenn wir im 19. Jahrhundert gewusst hätten, was wir heute wissen (1960), dann hätten wir das Patentrecht wohl nicht eingeführt. Jetzt, wo wir es haben, können wir es aber schwerlich wieder abschaffen, scheint die Devise zu sein. Das alles klingt nun nicht nach Innovation oder Dynamik in der Politik, sondern verheißt vor allem Stillstand. So führte die EU ein abstraktes Schutzrecht “auf Probe” ein — zur Evaluierung — und entschuldigt sich hinterher, dass man den neuen Besen nicht mehr kontrollieren kann. „Da wird auch verständlich, wieso es bislang anstelle von drei oder vier Berichten über die Erfolge der Datenbankrichtlinie nur einen über den Misserfolg gab. Die Berichte über die Erfolge fallen offenbar sehr kurz aus, nämlich gar nicht: Wenn es keine Erfolge zu vermelden gibt, wird geschwiegen. Wo bleibt der Hexenmeister, der dem Spuk der Lehrlinge ein Ende bereitet“, fragt sich zu recht der Wirtschaftshistoriker.

Siehe auch:
Verleger, DJV und Verdi – die Feinde der Pressefreiheit.

Facebook erzürnt die Kirche: Schickt Rom jetzt Cyber-Exorzisten los???

Exorzist„Online-Netzwerke wie Facebook oder StudiVZ sind nach Auffassung des Erzbischofs von Westminster eine Gefahr für zwischenmenschliche Beziehungen. Bei Freundschaften legten viele junge Menschen mehr Wert auf Quantität statt auf Qualität. Vor allem ein Mobbing-Fall hatte den Erzbischof bewegt“, schreibt die Tageszeitung „Die Welt“.

Solche Internetseiten ermutigten Jugendliche dazu, nur noch „flüchtige Beziehungen“ aufzubauen, sagte das Oberhaupt der Katholiken in England und Wales, Vincent Nichols, der Zeitung „The Sunday Telegraph“. Wenn diese Beziehungen zusammenbrechen, sei der Jugendliche in der realen Welt traumatisiert oder sogar selbstmordgefährdet zurückgelassen.

Online-Netzwerke würden junge Menschen dazu verleiten, Wert auf die Vielzahl der Freunde zu legen, statt auf deren Qualität, sagte Nichols.

Der Erzbischof bezog Stellung zu Online-Netzwerken, nachdem sich eine 15-Jährige umgebracht hatte, weil sie zuvor in einem Netzwerk gemobbt worden war. Ist jetzt wieder die Technologie an dem Selbstmord schuld oder irgendwelche Idioten, die andere Menschen erniedrigen – egal mit welchen Mitteln? Das kann per Telefon, Handy, Brief, E-Mail oder auch Social Networks passieren.

Wie viel Mumpitz muss man sich denn von den Geistlichen noch bieten lassen? Onanie führt zum Rückenmarkschwund, aufgezeichnete Worte vermindern die Gedächtnisleistung (Sokrates), die Lesesucht der Frauen führt zur Verminderung des häuslichen und öffentlichen Glücks (Johann Gottfried Hocke, 1794), der Stummfilm stört das religiöse Empfinden (Rechspielgesetz von 1920), das Radio behandelt Menschen als unbestimmten Artikel und generell geht immer das Abendland unter bei jeder technischen Neuerung. Was bin ich froh, als gottloser Atheist durch die Welt zu gehen…..