Europa und die verlorene Kunst des Zufalls

Das Archiv als Gegenwelt

Das Tessiner Archiv des Ausstellungsmachers Harald Szeemann – jene 760 laufenden Meter gelebter Intellektualität – ist bis heute ein Monument des produktiven Durcheinanders. Wer es betritt, wandert durch eine Topografie der Unentscheidbarkeit: Zettel, die wie Wurzelwerk von der Decke hängen, Karteikästen, die sich in den Raum schieben wie Zugänge zu verborgenen Gedankenschächten, Schubladen, die mehr flüstern als öffnen. Unter einem Regalbrett, wie ein Credo gegen die Tyrannei der linearen Vernunft, stand einst: „Unordnung ist eine Quelle der Hoffnung.“
Szeemann vertraute der Geste des „blind Greifens“ – ein bewusster Verrat an der Ordnung, ein Bekenntnis zur Irritation als Erkenntnisform.

Die Wissenschaft und ihre Direktflüge

Im akademischen Betrieb hingegen dominierte lange das Ideal der Reibungsvermeidung: Frage, Hypothese, Bibliografie, Auswertung. Jürgen Kaube hat diese Haltung präzise skizziert: Man extrahiert, katalogisiert, führt Gedanken an einer disziplinierten Leine. Erkenntnis sollte möglichst friktionslos entstehen – wie ein Direktflug ohne Turbulenzen.

Doch der Zettelkasten des Soziologen Niklas Luhmann stellte diese Idee radikal infrage. Über 90.000 Einträge, verbunden wie ein neuronales Gewucher, verbanden Denken nicht mit Ordnung, sondern mit Weiterdenken. Jeder Zettel war weniger Ablage als intellektuelle Störung. Es gab keinen Anfang, keine Mitte, kein Ende – nur Bewegung.

Die Suchmaschine als Bestätigungsmaschinerie

Vor zehn Jahren schien klar: Die Suchmaschine ist der große Antipode dieser offenen Denkbewegung. Sie verlangte Keywords, nicht Zweifel. Sie sortierte nach Häufigkeit, nicht nach Möglichkeit. Damian Paderta warnte damals, je besser Google werde, desto weniger entdeckten wir.
Der Zufall wurde herausoptimiert. Der Nutzer wurde gespiegelt, nicht irritiert.

Die KI und die Rückkehr der Simulation

Heute jedoch formt eine neue Macht die Wissenslandschaft: generative KI. Sie ist weder Karteikasten noch Google, sondern ein hybrides Wesen – ein System, das zugleich ordnet und entgrenzt. Es weiß alles, was es je gesehen hat, und erzeugt doch ständig Neues.
Aber dieser „Zufall“ ist ein synthetischer. Ein Rauschen, das wirkt wie Inspiration, aber keiner physischen Welt mehr unterliegt. KI entdeckt nicht – sie simuliert Entdeckung. Sie überwindet keinen Widerstand, weil sie keinen kennt.

Genau darin liegt die Gefahr: Ohne Widerstand gibt es keine Überraschung. Ohne Überraschung keine Erkenntnis.

Die europäische Aufgabe

Vor zehn Jahren träumte man von einer Suchmaschine im Geiste Luhmanns. Heute bräuchten wir etwas Kühnere: Eine Infrastruktur der Unordnung, eine Maschine, die nicht bestätigt, sondern destabilisiert. Eine europäische KI, die Serendipität nicht weg-optimiert, sondern provoziert.

Szeemann wusste, dass Unordnung ein Arbeitsprinzip ist. Luhmann wusste, dass Erkenntnis aus Irritation entsteht.

Wir müssen das nicht nostalgisch beschwören. Wir müssen es neu bauen.

Die Hoffnung liegt im Widerstand

Der produktive Zufall ist kein romantischer Restwert der analogen Epoche. Er ist die Voraussetzung für Denken.
Wenn Europa heute eine Rolle im digitalen Zeitalter spielen will, dann nicht als spätes Anhängsel der amerikanischen Effizienzalgorithmen, sondern als Labor des Unerwarteten.

Oder, in Szeemanns Worten:
Unordnung bleibt eine Quelle der Hoffnung.

Die Kunst der Dokumentation – Dresden, Dollase und das Gedächtnis des Geschmacks @pbahners

Die Welt hat viele Archive. Archive der Stimmen, der Steine, der Zahlen, der Zeichen. Aber kaum eines ist so flüchtig wie das Archiv des Geschmacks. Was zubereitet wurde, verschwindet. Was angerichtet wurde, vergeht. Was genossen wurde, bleibt nur als Erinnerung. Oder, wie Jürgen Dollase zeigt: als Dokument.

Patrick Bahners hat im Wissenschaftsteil der FAZ einen dieser seltenen Versuche beschrieben, das Ephemere zu binden. Die Kunst des Festhaltens trifft hier auf die Kunst des Kochens. In der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) entsteht in Kooperation mit der TU Dresden ein „Deutsches Archiv der Kulinarik“. Nicht als bloße Rezeptsammlung, sondern als Kulturtechnik: Degustation wird zum Deutungsakt.

In diesem Archiv lagert seit 2023 eine neue Textsorte: die Geschmacksdokumentation. Erfunden von Dollase, konzipiert als kulinarisches Pendant zur musikalischen Werkmonographie. Ein Gericht – etwa die bretonische Rotbarbe auf Holzkohle gegrillt, serviert mit Champagner-Fenchelsauce und Zitronen-Gel nach Mojito-Art im Kölner Restaurant Le Moissonnier – wird zerlegt wie ein Triptychon, analysiert wie ein Gedicht, kontextualisiert wie ein Werk von Bach. Der Teller wird nicht abfotografiert, er wird kartografiert: mit 29 Fotografien, mit Degustationsnotizen, Rezept und Interview.

Bahners beschreibt das eindrucksvoll: „Weil eine Sauce als Begleitung dort nie genügt, sondern die Hauptkomposition durch Seitenstücke auf eigenen Tellern flankiert wird, die sich ihrerseits in mindestens so viele Teile gliedern wie Gallien im Schulbuch.“

Wo könnte ein solcher Versuch besser beheimatet sein als in Dresden? Hier, wo August der Starke nicht nur eine politische Figur war, sondern ein kulturtechnischer Gravitationspunkt. Er sammelte nicht nur Porzellan, er kuratierte. Er tafelte nicht nur, er inszenierte. Die barocke Prachtentfaltung war auch ein Akt der Dokumentation: in Bildern, Bauwerken, Banketten.

Die SLUB als moderner Nachlassverwalter dieses Geistes tut heute dasselbe: Sie sichert das, was sonst verdämmert. Mit Marbacher Ernsthaftigkeit und dem Mut zur Quellenerzeugung.

Denn:

„Bei einer Kunst, deren Produkte dazu bestimmt sind, im Mund zerstört zu werden, […] drängt sich das Verfahren der Oral History im förmlichsten Sinne auf“, schreibt Bahners.

Und er zeigt am Beispiel von Eric Menchon, wie Biografie, Migration, Alltag und Haute Cuisine sich zu einer Essenz verdichten. Kein Exotismus, keine Folklore – sondern die stille Macht des Couscous aus dem normalen Handel. Kein rhetorischer Schaum, sondern eine Spurensuche.

Am 23. Oktober 2023 übergab Dollase der SLUB die ersten fünf Dokumentationen im Beisein der Spitzenköche Jan Hartwig, Claus-Peter Lumpp, Eric Menchon, Oliver Steffensky und Michael Sauter. Am 28. Oktober 2024 folgten Marc Haeberlin, Christian Hümbs, Torsten Michel, Stefan Neugebauer und Joachim Wissler. Dresden wurde zum kulinarischen Erinnerungsort. Und zum Denkmal einer Idee: dass Geschmack nicht vergeht, wenn man ihn ernst nimmt.

Denn die Frage lautet nicht nur: Wie hat es geschmeckt? Sondern: Was bleibt?

Die Antwort liegt in der Kunst der Dokumentation. Und vielleicht auch in einem kleinen Kärtchen, auf dem steht: „Langustinen-Mousse, Caponata, Parmesan-Chip, Cidre und Forellenkaviar.“

The Power of Digital Commons – Europas Versuch, das digitale Fundament neu zu denken #Digitalgipfel

Europa hat ein Strukturproblem, das tiefer reicht als jede aktuelle KI-Debatte und jedes geopolitische Schlagwort: Die digitale Infrastruktur des Kontinents basiert zu großen Teilen auf Technologien, Plattformen und Rechenkapazitäten, die nicht in Europa stehen und nicht europäischen Regeln folgen. Die Abhängigkeit ist nicht abstrakt, sondern technisch und politisch konkret: Zwischen Ausfällen globaler Cloud-Netzwerke, extraterritorialen Zugriffsgesetzen und einem Cloud-Markt, der zu über 70 Prozent von drei US-Hyperscalern kontrolliert wird, wächst die Erkenntnis, dass „Digital Commons“ nicht romantische Open-Source-Folklore sind, sondern eine industriepolitische Notwendigkeit.

Die Session „The Power of Digital Commons: Building Europe’s Shared Digital Future“ zeigte, wie weit Europa noch vom eigenen Anspruch entfernt ist – und dass erstmals ein strukturiertes Modell bereitsteht, um diesen Abstand tatsächlich zu verringern. Das neue European Digital Infrastructure Consortium (EDIC) schafft einen Rahmen, der bislang gefehlt hat: eine dauerhafte, verbindliche europäische Architektur für digitale Gemeinschaftsgüter, die nicht auf Memoranden und Pilotprojekte angewiesen ist, sondern auf gemeinsam finanzierte Plattformen und skalierbare Werkzeuge.

Die Logik dahinter ist ökonomisch klar:
Solange jede nationale Verwaltung einzeln beschafft, manuell migriert und proprietäre Insellösungen pflegt, entstehen enorme Transaktionskosten – und keinerlei Skaleneffekte. Die Digital Commons setzen genau an diesem Punkt an: Mit Tools wie openDesk, La Suite oder Docs entsteht erstmals ein europäischer Software-Unterbau, der nicht nur quelloffen ist, sondern auch interoperabel, auditierbar und portierbar. Die entscheidende Innovation ist dabei nicht das einzelne Tool, sondern das Prinzip der geteilten Wertschöpfung: Was in Frankreich entwickelt wird, lässt sich in Deutschland adaptieren, von den Niederlanden betreiben und in Österreich erweitern.

Damit verschiebt sich der Blick auf digitale Souveränität spürbar.
Sie wird nicht länger als Reaktion auf geopolitische Risiken verstanden, sondern als Voraussetzung für Wettbewerb im europäischen Binnenmarkt. Wenn Verwaltungen und öffentliche Einrichtungen auf eigene, europäisch kontrollierte Systeme zugreifen können, entstehen nicht nur Alternativen zu proprietären Großanbietern – es entsteht auch ein Markt, in dem europäische Tech-Unternehmen erstmals planbare Nachfrage vorfinden. EDIC schafft damit den Rahmen, der jahrelang gefehlt hat: eine gemeinsame Beschaffungslogik, gemeinsame Standards und gemeinsame Infrastrukturen.

Ökonomisch betrachtet ist das der entscheidende Hebel:
Digital Commons reduzieren die Fixkosten der öffentlichen Digitalisierung, entlasten Budgets, beschleunigen Implementierungen und erhöhen die Resilienz.
Vor allem aber schaffen sie einen Markt, der groß genug ist, um Innovation zu tragen. Europa hat bislang nicht an Ideen, sondern an Skalierung gelitten. EDIC adressiert genau dieses Skalierungsdefizit.

Gleichzeitig verschiebt sich das Narrativ der digitalen Souveränität.
Nicht Abschottung oder Autarkie sind das Ziel, sondern ein wettbewerbsfähiges Fundament, das Innovation ermöglicht, statt sie durch Fragmentierung zu verhindern. Die Vertreter aus Frankreich, Deutschland, Österreich und den Niederlanden beschrieben genau diese pragmatische Wende: weniger nationale Einzelstrategien, mehr gemeinsam nutzbare Architekturen. Weniger Fokus auf proprietäre Beschaffung, mehr auf offene Standards. Weniger regulatorischer Ballast, mehr Investitionen in Talente und Infrastruktur.

Bemerkenswert ist auch, wie klar die Rolle der Wirtschaft gedacht wird:
Digital Commons sind kein Regierungsprojekt, sondern ein Marktentwurf. Es geht darum, offene Infrastrukturen zu schaffen, die von europäischen Technologieunternehmen genutzt, erweitert und kommerzialisiert werden können. Wer Software-Ökosysteme betrachtet, weiß: Offenheit ist kein Widerspruch zu Wettbewerbsfähigkeit, sondern häufig deren Voraussetzung. Die großen Plattformen dieser Welt wurden nicht trotz Open Source groß, sondern wegen Open Source.

Europas Chance liegt genau darin:
Gemeinsame Infrastrukturen schaffen Raum für Wettbewerb und Innovation, statt ihn durch nationale Silos zu ersticken.

Die Session zeigte klar:
Digital Commons sind kein technisches Detail, sondern ein industriepolitisches Instrument. Sie könnten zu dem werden, was Europa seit Jahren fehlt – einem gemeinsamen digitalen Fundament, das groß genug ist, um einen eigenen Weg zu gehen. Der Erfolg wird sich an der Umsetzung messen: daran, ob die Mitgliedstaaten schnell genug agieren, ob Ausschreibungen nicht wieder in alten Mustern versanden und ob Unternehmen die Community nicht als Randnotiz, sondern als Chance begreifen.

Europa steht im digitalen Wettbewerb unter Druck wie selten zuvor.
Die Digital Commons geben eine strukturelle Antwort darauf.
Ob daraus ein neuer Wettbewerbsfaktor wird oder nur die nächste gut gemeinte Initiative – das entscheidet sich nicht in Konferenzsälen, sondern in den Rechenzentren, Code-Repositories und Verwaltungen Europas.

Kommentar: Merz und Macron auf dem #Digitalgipfel – viel Pathos, wenig Praxis @bundeskanzler @EmmanuelMacron

Es gehört zur politischen Folklore, dass Deutschland und Frankreich sich in großen historischen Linien begegnen – „Motor Europas“, „Herz des Kontinents“, „gemeinsame Verantwortung“. Auf dem Digitalgipfel in Berlin klang all das an. Doch selten zuvor prallten Anspruch und Wirklichkeit so klar aufeinander wie in den Auftritten von Bundeskanzler Friedrich Merz und Präsident Emmanuel Macron.

Merz sprach von „radikaler Vereinfachung“, von einem „digitalen Pfad“, den Europa endlich selbst gestalten müsse, und von milliardenschweren Investitionen in Forschung, Infrastruktur und souveräne Technologien. Macron wiederum zeichnete das große geopolitische Panorama: USA versus China, Europa dazwischen – und nirgendwo die Bereitschaft, „Vasall“ zu sein. Beide forderten weniger Bürokratie, mehr Kapitalmarkt, mehr Rechenzentren, mehr Talentförderung, mehr Innovation, weniger Naivität gegenüber Plattformen, weniger technologische Abhängigkeit.

Man konnte diesen Worten mit Gewinn zuhören. Doch nun beginnt der harte Teil.

Denn der deutsch-französische Schulterschluss klingt nur dann überzeugend, wenn er sich an den blinden Flecken der Politik misst: Europa verliert seine digitalen Talente an Kalifornien, seine Plattformmärkte an US-Hyperscaler und seine Hardwarekompetenz an Asien. Und das nicht, weil es an Pathos mangelt, sondern an Umsetzungsgeschwindigkeit. Gerade hier liegt die eigentliche Bewährungsprobe.

Was Merz und Macron zurecht betonen:

  • Die Innovationskraft liegt in den Unternehmen, nicht in den Ministerien. Wer Souveränität will, braucht Industrien, die Weltmaßstäbe setzen – nicht nur Weltregulierungen.
  • Eine digitale Kapitalmarktunion ist überfällig. Solange Europa Geld spart, das anderswo Risiko finanziert, kann es eigene Champions kaum hervorbringen.
  • Der überbordende Regulierungsapparat ist selbst zum Standortfaktor geworden – einem negativen. Die Forderung, die Gesetzesflut endlich einzudämmen, ist richtig und spät.
  • Souveränität bedeutet nicht Abschottung, sondern Alternativen. Diese Einsicht ist zentral – und bisher viel zu selten politischer Leitgedanke.

Was fehlte – und was jetzt kommen muss:

  1. Ein konkreter Zeitplan. Ohne harte Deadlines bleibt der Gipfel eine symbolische Geste.
  2. Eine ehrliche Bestandsaufnahme der Versäumnisse. Europas Rückstand ist nicht gottgegeben, sondern hausgemacht: langsame Vergaben, fragmentierte Märkte, föderale Blockaden, risikoscheue Investitionskultur.
  3. Mut zur Priorisierung. KI, Cloud, Chips, Quanten, Cybersicherheit – alles gleichzeitig funktioniert nur auf dem Papier.
  4. Eine industriepolitische Linie, die nicht im Tagesgeschäft verpufft. Kooperation zwischen Mistral und SAP, Jupiter-Supercomputer, OpenDesk – das sind Bausteine. Aber kein kohärentes System.

Beide Redner betonten, Europa müsse jetzt aus der „Regulierungsfalle“ ausbrechen. Das stimmt. Nur: Dieselben Regierungen haben diese Falle über Jahre mitgebaut. Wer sie nun entschlossen aufbrechen will, muss weniger widersprechen – und mehr liefern.

Der Gipfel zeigt: Der Wille ist da. Die Worte sind groß. Jetzt braucht es Politik, die ebenso groß handelt. Europa hat unbestreitbare Stärken – Forschung, Wissenschaft, Talente, Ingenieurwesen, Märkte. Es mangelt nicht an Potenzial. Es mangelt an Geschwindigkeit, Konsequenz und der Bereitschaft, die gewohnte politische Komfortzone zu verlassen.

Wenn Merz und Macron aus Berlin ein Signal senden wollten, dann dieses: Souveränität entsteht nicht durch Reden. Sie entsteht durch Entscheidungen.
Die Zeit, sie zu treffen, ist knapp – aber noch nicht vorbei.

Personalmanagement bei Hidden Champions – Hermann Simon mit exklusiven Einblicken #ZPNachgefragtDay #OEB #Berlin

Der demografische Wandel stellt insbesondere für kleine, aber hocherfolgreiche Weltmarktführer, die oft abseits der Metropolen angesiedelt sind, eine erhebliche Hürde dar. Mit Blick auf die Session beim Zukunft Personal Nachgefragt Day am 4. Dezember um 15 Uhr erläutert Professor Hermann Simon , wie diese Unternehmen dennoch qualifizierte Talente gewinnen können. Ein zentraler Ansatzpunkt ist das Personalmarketing, das sich auf den lokalen Arbeitsmarkt konzentrieren sollte. „Unternehmen in ländlichen Gebieten können attraktive Arbeitgeber für junge Menschen sein, die lokal verwurzelt sind“, so Simon. Er hebt hervor, dass die Nähe zu Schulen und Berufsschulen für Praktika und Nachwuchsarbeit essenziell sei.

Strategien gegen den Fachkräftemangel

Simon verweist auf Best-Practice-Beispiele wie das Unternehmen Multivac, das mit eigenen Weiterbildungsformaten erfolgreich Fachkräfte bindet. Eine weitere Empfehlung ist das Anbieten von Sprachkursen zur Deckung spezifischer Qualifikationsbedarfe. Für die Talentgewinnung spricht sich der Experte zudem für die Nutzung der regionalen Hochschullandschaft aus, da Deutschland eine breite Streuung von exzellenten Fachhochschulen biete. Unternehmen wie Trumpf kooperieren bereits erfolgreich mit Hochschulen.

Employer Branding als Erfolgsfaktor

Ein weiterer Fokus liegt auf dem Employer Branding. Gerade weil Hidden Champions oft wenig öffentliche Bekanntheit genießen, sei es wichtig, eine starke Arbeitgebermarke aufzubauen. Eine gezielte Marketingstrategie könne hierbei helfen, sich als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren.

Die Session verspricht wertvolle Einblicke und praxisnahe Strategien für Unternehmen, die den Herausforderungen des Personalmanagements im Zeichen des demografischen Wandels und globaler Märkte begegnen müssen. Die Video-Übertragung bietet Interessierten die Möglichkeit, die Diskussion direkt zu verfolgen. Sessiongeber ist Professor Karlheinz Schwuchow mit einem Einspieler von Hermann Simon. Am 4. Dezember, um 15 Uhr beim Zukunft Personal Nachgefragt Day zur OEB im Berliner Inter Conti in der Budapester Straße.

Man hört, sieht und streamt sich in Berlin.

Eventseite auf LinkedIn.

Souveränität ohne Substanz – Wie Europa sich in digitale Traumlandschaften flüchtet #Digitalgipfel

Es gibt Begriffe, die kehren in der europäischen Politik wieder wie alte Gespenster, die die Zeit vergessen hat. „Digitale Souveränität“ gehört dazu. Jacques Chirac hatte sie schon auf den Lippen, als die EU im Jahr 2000 beschloss, der „dynamischste wissensbasierte Wirtschaftsraum der Welt“ zu werden. Die Realität war damals schon ernüchternd. Heute ist sie ernüchternder.

Und doch stehen in Berlin – flankiert von Bundesdigitalminister Karsten Wildberger, dem französischen Minister für industrielle und digitale Souveränität Roland Lescure, der EU-Vizepräsidentin für Tech-Souveränität Henna Virkkunen, einem ganzen Saal aus Staatssekretären, Cloud-Strategen, Digitaldirektorinnen, Startup-Förderern und schließlich den beiden Schlusspunktrednern Friedrich Merz und Emmanuel Macron – wieder führende Vertreter aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft auf der Bühne, um über nichts Geringeres zu sprechen als die Wiedergewinnung einer europäischen digitalen „Souveränität“, die man inzwischen fast schon wie eine verlorene Autonomie behandelt.

Doch kaum ein Begriff hat einen größeren Abstand zwischen Pathos und Wirklichkeit.

Die Ökonomie der Abhängigkeit

Wer heute über digitale Souveränität spricht, tut gut daran, sich an das zu erinnern, was Europa partout verdrängen möchte: Wir waren nie autonom. Wir werden nie autonom sein. Und wir sind damit erstaunlich gut gefahren.

Die Fertigungstiefe deutscher Industrie sinkt seit den 1960er Jahren. Die internationale Arbeitsteilung ist keine Episode, sondern die Grundlage unseres Wohlstands. Seit Jahrzehnten lebt die deutsche Exportwirtschaft davon, dass ihre Produkte auf globalen Lieferketten, fremden Vorleistungen und ausländischer Technologie aufbauen.

Heute gilt:

  • Die fortgeschrittensten KI-Modelle stammen aus den USA und China.
  • Die dafür benötigten Chips kommen aus Taiwan, Südkorea oder Arizona.
  • Selbst „europäische Cloudanbieter“ stützen sich auf amerikanische oder asiatische Technik.
  • Neun von zehn deutschen Unternehmen geben offen zu, dass sie ohne Digitalimporte aus dem Ausland kaum betriebsfähig wären.
  • Würden US-Cloudanbieter heute ihre Systeme für Europa abschalten, wäre ein Großteil der deutschen Wirtschaft binnen Monaten handlungsunfähig.

Trotzdem will man morgen erneut die große Erzählung einer technologischen Selbstbehauptung ausrollen – so, als ließe sich ein halbes Jahrhundert globaler Integration per Gipfelbeschluss zurückdrehen.

Das Fediverse als politischer Fluchtpunkt

Kaum eine Szene zeigt diesen europäisch-digitalen Eskapismus so klar wie das jüngste Papier über „dezentrale Social-Media-Plattformen als Chance für ein resilientes Informationsökosystem“, geschrieben von Björn Staschen, Sascha Foerster, Clara Ruthardt und Charlotte Freihse. Man liest es und ahnt: Europa verwechselt erneut seine Arena.

Das Papier lobt ActivityPub, das Fediverse, mastodon.social, öffentlich-rechtliche Instanzen, universitäre Servercluster. Es empfiehlt Förderprogramme, Governance-Prozesse, digitale Gemeingüter. Es feiert die Idee, dass die Antwort auf TikTok und Meta in einer föderierten Struktur aus Tausenden von Servern liegen könnte.

Doch die strukturelle Realität spricht eine andere Sprache:

  • Diese Plattformen existieren ganz oben im technologischen Stack.
  • Darunter liegen Betriebssysteme, Chips, Netzwerktechnik, Cloudinfrastrukturen, Appstores – fast vollständig außerhalb europäischer Kontrolle.
  • Jede Mastodon-Instanz läuft auf Hardware aus den USA oder Asien und wird über Mobilplattformen aus den USA ausgeliefert.
  • Netzwerkeffekte sind unerbittlich: TikTok, Instagram und YouTube operieren im Milliardenmaßstab – Mastodon im unteren siebenstelligen Bereich.

Wer glaubt, die europäische Öffentlichkeit werde souveräner, indem Behörden auf dezentralen Plattformen posten, verwechselt Demokratiepädagogik mit Industriestrategie.

Es ist nicht falsch – aber es ist politisch irrelevant.

Die Geister der Vergangenheit

Dieses Muster ist nicht neu. Europa hat eine lange Tradition, statt Technologie zu bauen, Narrative über Technologie zu zimmern.

  • Chirac träumte von europäischen Netzen.
  • Berlin und Paris investierten in das deutsch-französische Regierungsprojekt Quaero, das als europäische Antwort auf Google gedacht war – und schließlich sang- und klanglos verschwand.
  • Brüssel war überzeugt, mit Datenschutz die Plattformmächte einhegen zu können.
  • Und nun setzt man darauf, „digitale Commons“ und föderierte Dienste könnten die amerikanisch-chinesische Technologiedominanz ausgleichen.

Währenddessen bringen Fachleute wie Veronika Grimm, Gabriel Felbermayr oder Hermann Simon sinnvolle Vorschläge:

Nicht Autarkie, sondern Resilienz.
Nicht Abschottung, sondern Diversifizierung.
Nicht moralische Reinheit, sondern industrielle Realität.

Denn echte digitale Souveränität entsteht nicht in Interfaces, sondern in tiefen Schichten:

  • Halbleiter
  • Rechenzentren
  • Energie
  • Rohstoffe
  • Lieferketten
  • KI-Basismodelle
  • industrielle Cloudarchitekturen
  • Logistik
  • Automatisierung

Europa romantisiert die Oberfläche, während es die Tiefe ignoriert.

Der Kontinent der großen Konferenzen

Der Digitalgipfel in Berlin ist die perfekte europäische Inszenierung: Panels zu Cloud-Souveränität, Wettbewerbsfähigkeit, Digital Commons, der EUDI-Wallet, KI-Ökosystemen, Startup-Skalierung, fairen Märkten. Alles in noblen Worten, alles von kompetenten Menschen, alles politisch makellos.

Doch jenseits der Bühne stellt sich die Realität unbeeindruckt dagegen:

  • Europas Halbleiterproduktion ist marginal.
  • Europäische KI-Basismodelle sind im Aufbau, aber nicht global führend.
  • Cloud-Souveränität existiert als Konzept, nicht als Markt.
  • Die USA und China setzen Standards, Europa implementiert sie.
  • Europas Regulierungsarchitektur ist komplexer als seine Produktlandschaft.
  • Die Innovationsgeschwindigkeit liegt weit hinter globalen Konkurrenten.

Das Programm zeigt Ambition – und offenbart zugleich den Mangel an industrieller Masse.

Europa ist der Kontinent der großen Zukunftskonferenzen.
Was fehlt, ist die Zukunft.

Ein anderer Begriff von Souveränität

Die entscheidende Frage lautet nicht: Wie werden wir unabhängig?
Sondern: Wie bleiben wir handlungsfähig in einer Welt, in der niemand unabhängig ist?

Souveränität bedeutet:

  • Wahlfreiheit statt Zwangsbindung.
  • Multicloud statt Monocloud.
  • Partnerschaften statt Abhängigkeiten.
  • Redundanzen statt Illusionen.
  • Resiliente Lieferketten statt rhetorischer Selbstbehauptung.
  • Zugang zu Basistechnologien statt Symbolpolitik.

Europa kämpft derzeit für eine Identität, die es nie hatte: die des autarken, technologisch selbsttragenden Raums. Doch unsere Stärke war immer eine andere: die Fähigkeit, globale Verflechtungen produktiv zu gestalten.

Souverän ist nicht, wer auf niemanden angewiesen ist.
Souverän ist, wer auf niemanden allein angewiesen ist.

Die eigentliche Frage

In Wahrheit steht in Berlin eine viel größere Frage im Raum als die nach der „digitalen Souveränität“:

Kann Europa lernen, seine eigenen Illusionen abzulegen?

Kann es akzeptieren, dass es seine Zukunft nicht gewinnt, indem es im Fediverse moralisch sauberer wird, sondern indem es tiefere industrielle Fundamente erneuert?
Kann es seine politischen Reflexe überwinden, die seit Jahren dieselben sind – Regulierung, Rahmen, Ombudspersonen, Konsortien – und stattdessen dorthin investieren, wo Wertschöpfung tatsächlich entsteht?

Die Antwort wird nicht auf der Bühne gesprochen.
Sie zeigt sich erst, wenn Europa begreift, dass Souveränität kein Gipfelthema ist –
sondern ein industrielles Projekt.

Bis dahin bleibt der Kontinent seiner Tradition treu:
Er produziert große Diskurse – und kleine Wirklichkeiten.

Scheitern in Unternehmen 95 Prozent der KI-Projekte?

Marcus, danke für deinen LinkedIn-Beitrag zur viel zitierten MIT-Studie: „Immer wieder flackert diese Studie auf, nach der angeblich 95 Prozent der KI-Pilotprojekte in Unternehmen scheitern. Man sollte sich allerdings mal die Mühe machen, das Dokument zu lesen.“ Freundlicherweise hast Du einen Link gesetzt. Ich habe das Dokument mittlerweile gelesen. Exakt an dieser Stelle lohnt der Blick in andere Quellen. Und vor allem: in die realen Nutzungsdaten aus Unternehmen, die KI tatsächlich einsetzen, nicht nur pilothaft ausprobieren.

Wir haben für die neue Zukunftsmacher-Studie 55 digitale Vorreiter, Familienunternehmen, Hidden Champions und Weltmarktführer ausführlich interviewt – also Tiefeninterviews mit Verantwortlichen, die KI tatsächlich in Produkten, Services und Prozessen betreiben. Die Stichprobe ist bewusst gewählt. 39 % Top-1000-Familienunternehmen, 35 % Weltmarktführer, 13 % KMU und 7 % Konzerne. Knapp drei Viertel der Befragten sind Familienunternehmen im besten Sinne: kundenorientiert, langfristig denkend, innovationsstark. Genau diese DNA macht sie zu Zukunftsmachern. Die Führungsebene ist klar sichtbar. 30 % Head of Data & AI, 24 % CEOs, 20 % CDOs. Mit anderen Worten: Hier sprechen die Gestalter der Transformation. Dass gerade Data-&-AI-Experten die größte Gruppe stellen, ist ein Signal: KI ist nicht mehr Beiwerk, sondern Herzschlag. Die Liste liest sich wie ein Who’s Who der deutschen Wirtschaft: DuMont, Falke, FIEGE, Miele, Stihl, Schüco, Ströer. Dazu Traditionsunternehmen wie die Hansgrohe oder die Hörmann Gruppe. Die Botschaft ist klar: Künstliche Intelligenz ist längst kein Nischenthema mehr. Sie durchdringt alle Branchen – von der vernetzten Industrieanlage bis zur personalisierten Fan-Experience.

Ergebnis in einem Satz:

Nein – 95 Prozent der KI-Projekte scheitern NICHT.
Das Gegenteil ist der Fall: KI liefert im Mittelstand längst messbare Wirkung.

Ein paar harte Daten aus der Studie:

Produktivität: +22 % im Durchschnitt

Die befragten Unternehmen berichten im Schnitt von 22 % Produktivitätssteigerung – und zwar bereits heute.

Beispiele aus der Studie:

  • Drees & Sommer: KI-Arbeitsräume rechnen sich nach 60–70 Nutzungen – ROI in Tagen, nicht in Jahr.
  • KI-gestützte Qualitätsinspektionen bringen sechsstellige Einsparungen.
  • Fraisa: Tausende unstrukturierte Bestellungen werden automatisch verarbeitet.

Skalierung statt Pilotwüste

Der Mittelstand ist längst aus der „Pilotfalle“ raus.
64 % berichten von messbaren Effizienzgewinnen, teils bis zu 80 %.
KI läuft quer durch Vertrieb, Service, Produktion, Engineering, Backoffice.

Was MIT als „kein ROI nach sechs Monaten“ klassifiziert, ist in der Realität:
Ein zu kurzer Bewertungszeitraum.
Genau das räumen die MIT-Autoren selbst ein.

Investitionen: Jeder fünfte Digital-Euro fließt in KI

Wenn 95 % scheitern würden, wäre das nicht der Fall.

Die Realität:
Unternehmen investieren weiter – auch in unsicheren Zeiten.
KI wird integraler Bestandteil des Transformationsbudgets, nicht Experimentierraum.

Wertbeitrag 2028: +31 %

Die Unternehmen erwarten bis 2028 31 % direkten Wertbeitrag durch KI.
Damit ist KI der stärkste Wachstumshebel seit der ERP-Einführung.

Der entscheidende Punkt: Die 95 %-Erzählung misst die falsche Kategorie

Das MIT-Papier fragt:

„Haben Sie nach sechs Monaten einen messbaren ROI gesehen?“

Das ist kein Scheitern – das ist methodisch eine fragwürdig kurze Frist.
Für komplexe Systeme völlig ungeeignet.

Unsere Interviews zeigen:
Der Mittelstand misst KI nicht ausschließlich in harter EBIT-Kennzahl nach einem Halbjahr, sondern in
Zeitersparnis, Fehlerreduktion, Durchlaufzeitverkürzung, Skalierung, Servicequalität.

Würde man ERP, Lean, CRM oder SAP nach sechs Monaten an „ROI“ messen – 95 % wären ebenfalls „gescheitert“.

Die 95 %-Zahl ist kein empirischer Befund, sondern eine Interpretationsblase.
Die tatsächlichen Zahlen aus den Unternehmen zeichnen ein anderes Bild:

KI liefert – nicht irgendwann, sondern jetzt.
Nur nicht in der verkürzten Bilanzlogik eines 6-Monats-ROI.

Notiz am Rande: Auch der ServiceNow Enterprise AI Maturity Index konstatierte 2024 sinkende Reifegrade – auch ein Befund, der Schlagzeilen machte. Doch die Differenz liegt in der Methodik: ServiceNow befragte vor allem IT-Entscheider in großen Konzernen, mit starkem Fokus auf Tool-Nutzung. Unsere Studie ist in der Perspektive breiter: nicht nur IT, sondern Strategie, Produkte, Kultur, Führung. Ergebnis: kein Rückgang, sondern ein schichtweiser Aufbau von Reife. Der Maturity Gap zwischen Digital und KI ist real, aber er bedeutet Fortschritt – keine Regression.

Der Geschmack und seine Schatten: Ein Abend in Bonn mit Ulrich Raulff

Man betritt die Buchhandlung Böttger seit jeher wie einen Raum, der weniger verkauft als sammelt. Bücher, gewiss – aber eigentlich Atmosphären. An diesem Novemberabend, als Ulrich Raulff aus „Wie es euch gefällt“ las, geriet der Laden zu einer Art Resonanzkörper für etwas, das im öffentlichen Diskurs fast verschwunden ist: die genaue, langsame, unbestechliche Aufmerksamkeit für das Ästhetische.

Schon die Eröffnung war ein Hinweis darauf: Der Buchhändler Alfred Böttger spricht über die drei Notausgänge. Ironisch zunächst, aber zugleich vollkommen präzise. Geschmack, so wird später klar, ist ja selbst ein System von Ausgängen – Flucht vor dem Hässlichen, Absetzen vom Konformen, Flucht auch vor sich selbst. Guter Geschmack ist immer ein Versuch, einer drohenden inneren Enge zu entkommen.

Was Raulff dann entfaltet, ist nichts weniger als eine Genealogie dieser Fluchtdynamiken.

Die Kindheit des Blicks

Überraschend beginnt Raulff nicht bei Winckelmann, nicht in Rom, nicht im 18. Jahrhundert, sondern am Esstisch seiner Mutter. Teller, Gestecke, die unscheinbaren Dinge des Alltags – dort formiert sich der erste ästhetische Imperativ.

Die philosophische Ästhetik hat diesen Ursprung fast immer vergessen: dass Geschmack – wie Sprache, wie Anstand, wie Scham – zuerst körperlich erfahren wird. Die kindliche Hand, die über ein scheußliches Läufchen fährt, spürt einen Ekel, der noch gar kein Urteil ist, sondern zunächst eine somatische Erkenntnis.

Damit ist der Weg zu Winckelmann schon gelegt. Denn bevor er die Griechen ästhetisch überhöh­te, war auch er ein Mann, der am „Eindruck“ ansetzt: am Blick, der sich wiederholt schult, bis er etwas sieht, das nicht mehr „Natur“, sondern Ideal ist.

Winckelmanns Paradox: Imitation als Überwindung

Mit jener eigentümlichen Lust, historische Gewissheiten zu versehren, zitiert Raulff die berühmteste aller Winckelmann-Linien:
„Der einzige Weg für uns, groß, ja unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Alten.“

Ein Satz wie eine ästhetische Guillotine. Er trennt ab, was die Moderne glauben wollte: dass Originalität ein solitärer Akt sei, ein Heraustreten aus Traditionen. Winckelmann aber wusste, was erst der 20. Jahrhundert-Formalismus wiederentdeckte: dass Stil immer eine Spannung ist – zwischen Unterwerfung und Abweichung, zwischen Regel und Riss.

Raulff zeigt präzise, wie Winckelmanns Nachahmungsideal selbst eine geheime Kunst des Bruchs enthält. Denn im letzten Drittel der Schrift, das fast niemand liest, beschreibt Winckelmann minutiös, wie die Großen kopierten: Michelangelo, Raphael, Poussin. Sie nahmen die Muster der Alten auf – um sie zu verletzen.

Der Geschmack, so Raulff, entsteht genau dort: im kontrollierten Fehler.

Holly Golightly: die andere Prophetin

Dass Raulff ausgerechnet Holly Golightly an die Seite Winckelmanns stellt, wirkt zunächst wie ein intellektuelles Vexierspiel. Doch in Wahrheit bringt er damit das Unaussprechliche in diese Ästhetik zurück: das Schwanken, die Melancholie, die fragile Komödie eines Lebens im Übergang.

Die Szene, die er liest – fünf Uhr morgens, ein Abendkleid, ein Coffee to go vor Tiffany’s – ist selbst schon eine kleine Theorie. Holly frühstückt nicht: sie therapiert. Die „Seance“, wie Raulff sagt, richtet sich gegen das „rote Elend“, die Depression, die nie beim Namen genannt wird.

Hollywood, nicht Griechenland, liefert mit dieser Figur die zweite große ästhetische Hebamme der Moderne:

Geschmack als Bewältigungsform. Stil als Selbstrettung. Eleganz als Gegenzauber zur Welt.

Holly wird damit – und Raulff spielt das mit großem Ernst aus – zum amerikanischen Echo des europäischen Imitationsparadoxons.
Sie kopiert auch: Kleines Schwarzes, Perlen, Sonnenbrille. Aber sie trägt die Kopie auf eine Weise, die sie aus dem Ornament herausreißt.

Das Weggehen, sagt Raulff, wird bei ihr zur Kunstform.
Und darin gleicht sie Winckelmanns Griechen mehr, als der Historiker eingestehen mag.

Henning Ritter: der geheime Architekt des Abends

Fast unmerklich schiebt sich eine dritte Figur in diesen Abend: Henning Ritter. Nicht als Zitatlieferant, sondern als Schattenintellektueller. Ritter gab Raulff einst jene merkwürdigen Londoner Ankaufslisten – Bücher über Interior Decoration, über die Ästhetik des Wohnens, über Räume als moralische Skulpturen.

Aus diesen Listen, sagt Raulff, sei spät klar geworden, dass er ein Testament vollstrecke. Ritter hatte das Buch über den Geschmack niemals geschrieben. Raulff schreibt es nun – und widmet ihm die Struktur: die Werkstatt hinter dem Text.

Dieser Gedanke ist so schön wie selten:
Dass Geschmack nicht dort entsteht, wo er sich zeigt, sondern dort, wo jemand an etwas herumarbeitet, das niemand sieht.

Wohnen, die intimste Form des Urteils

Gegen Ende, im langen Schwingen der Lesung, spricht Raulff über das Wohnen – als sphärische Aktivität, als ästhetisches Selbstgespräch. Wohnen, sagt er, sei die Stelle, an der die äußerste Nähe zur Welt und die äußerste Distanz zugleich entstehen: Man zeigt sich darin der Welt und entzieht sich ihr im gleichen Atemzug.

Winckelmann hätte vom „reinen Himmel“ gesprochen.
Holly Golightly hätte von Orangenkisten gesprochen.
Beide meinen dasselbe:

Der Raum wird zum Denkakt.

Der Abend als Erkenntnisfigur

Was bleibt nach diesem Böttger-Abend?

Kein triviales Loblied, kein akademisches Protokoll.
Sondern der Eindruck, dass Geschmack – dieses unterschätzte, belächelte, als bourgeoise Nebensache verschriene Phänomen – in Wahrheit eine anthropologische Grundkraft ist.

Geschmack ist Erinnerung.
Ist Trauma.
Ist Nachahmung.
Ist Abweichung.
Ist das ästhetische Nervensystem einer Kultur, die sich selbst zu verstehen versucht.

Und Raulff hat – mit Holly, mit Winckelmann, mit Ritter – gezeigt, dass die Geschichte des Geschmacks nicht von Mode handelt, sondern von unserer Vorstellung, wer wir sein könnten, wenn wir uns nur trauen würden, genau hinzusehen.

FORMULARE, FORMULARE, FORMULARE: Deutschland, du Papiergebirge – ein Land, das Innovation mit dem Durchreichen eines Leitz-Ordners verwechselt @Bundeskanzler @BMWE_ @KfW_Research

Deutschland. Fördermittel-Deutschland. Dieses seltsam zuckende Land zwischen Pathos und Papier. Die Republik beschwört Zukunft, während sie im selben Atemzug ganze Jahrgänge junger Gründer unter Akten erstickt. Die Ministerien rufen zum Fortschritt, aber die Realität riecht nach Kopierer-Wärme und Sachbearbeiter-Atem.

Ich habe das alles gesehen. In Tunesien fünf Jahre lang diese groteske deutsche Exportware namens Förderbürokratie erlebt: mehrstufige Formulare, Prüfberichte, Tabellen, die aussehen wie Sudoku für Gestörte. Und immer dieses stille Grundrauschen: Wir wissen, dass du uns bescheißen willst.

Die Kultur der Verdächtigungen, tief verwurzelt, wie ein Pilzbefall im Staatsapparat.

Die große Lüge: „Wir fördern euch!“

Bundespressekonferenzen brüllen im Wochenrhythmus: Milliarden hier! Programme da! Zukunft! Transformation! Wandel! Strukturpakete! Landwirtschaft! Kohleausstieg! Startup-Nation!

Ein episches Possenspiel.

Denn hinter jedem Scheck lauert das Monster:
Das Formular.

Nicht irgendein Formular, sondern der deutsche Endgegner: 24 Seiten, 17 Unterschriften, 39 Nachweise, 4 „Anlagen“, 2 Verwendungsnachweise, 1 Drohung mit Strafrecht.

„Drucken Sie das Formular aus, unterschreiben Sie es, scannen Sie es wieder ein.“
„Das Original bitte physisch aufbewahren.“
„Die Mittelabruf-Erklärung besteht aus zwei Dokumenten.“
„Sie bestätigen mit Ihrer Unterschrift auch die Richtigkeit der Angaben, die Sie noch gar nicht überblicken.“
„In Kenntnis der strafrechtlichen Bedeutung …“

Diffuses Droh-Geraune, wie aus einem Kafka-Roman. Oder aus einem Staat, der seine Unternehmer für potenzielle Kriminelle hält.

Mittelständler als Maskenträger im Strafkammerdrama

Man sieht ihn förmlich vor sich:
Grauer Anzug, grauer Morgen, graue Mappe, graues Gesicht.
Er will ein Forschungsprojekt starten.

Und landet in einem Albtraum aus Kreuzchen.

Jedes Formular ein elektrischer Schlag, jede Seite ein Verhörprotokoll.

Der Unternehmer Hans-Joachim Münch hat es klar gesagt:

„Es besteht die Gefahr, dass man nach einer Prüfung Fördermittel zurückzahlen muss – bis hin zum Subventionsbetrug.“

Ein Wort wie kaltes Metall. „Subventionsbetrug.“ Der Staat fuchtelt damit herum wie ein schlecht gelaunter Scharfrichter.

Wer Risiken eingeht, ist nicht Visionär, sondern Verdachtsfall.

Die Innovationsblockade als Staatsziel

Deutschland fördert – aber so, dass niemand gefördert werden will.

Das ist die eigentliche Pointe.
Die Tragödie.
Der Skandal.

Die KfW-Zahlen belegen es:
Die Innovationsquote im Mittelstand stagniert.

Gleichzeitig investiert der Staat Rekordsummen:
88,7 Milliarden Euro F&E – und ein Großteil davon landet nicht in Produkten, Ideen, Patenten, Märkten, sondern im gefräßigen Abgrund von:
Evaluationen. Audits. Arbeitskreisen. Formularhöllen. Sachbearbeiter-Limbo.

Der Förderstaat produziert Förderstaub.
Ein gigantisches Beschäftigungsprogramm für Papier.

Was er produziert:
Schrecken, keine Ideen.

RhAInland Day: Klüwer und Yogeshwar sagen, was keiner sagen will

In Siegburg, mitten ins Gesicht der Mittelstandsrepublik, sagten Tina Klüwer und Julian Yogeshwar das, was jeder spürt, aber kaum einer ausspricht:

Deutschland befindet sich im Innovations-Verteidigungsmodus.

Zu viel Misstrauen, zu wenig Aufbruch.

Die beiden beschreiben eine Wirtschaft, die wie ein alter Boxer im Ring steht: schwer, langsam, misstrauisch, festgeklebt in der Ecke.
Und jeder Antrag, jede Förderrichtlinie, jede „Anlage 6.4a“ ein weiterer Schlag gegen die Rippen.

Wenn schon der Staat jedem Gründer unterstellt, er wolle betrügen, warum sollte er dann investieren?
Warum forschen?
Warum Risiken eingehen?

Dieses Land lähmt sich selbst durch überbordende Kontrolle.
Generalverdacht als Wirtschaftspolitik.

Strukturwandel als Rohrkrepierer

41 Milliarden Euro für die Kohleregionen.
Große Geste. Monumental.

Doch der Bundesrechnungshof lacht bitter:
Die Mittel werden kaum abgerufen.
Die Richtlinien fehlen.
Die Prozesse lahmen.
Die Projekte stecken fest.

Deutschland baut Bürokratietürme, in denen seine Zukunft erstickt.

Der tödliche Satz der deutschen Fördermaschine

„Bitte reichen Sie den Verwendungsnachweis 4.3.1 zusammen mit Anlage F und Anlage F-Revision spätestens drei Monate nach Projektende ein.“

Dieser Satz tötet:

  • Ideen.
  • Investitionen.
  • Mut.
  • Startups.
  • Mittelstand.
  • Zukunft.

Andere Länder haben Visionen.
Deutschland hat „ANBest-EU 21“.
Das klingt schon wie eine Krankheit.

Folge: Freiwilige Rückzahlungen der Fördersumme oder eine Suada an Drohungen von staatlichen Stellen.

Wie es anders geht: USA, Dänemark, Schweiz

Drei Länder, drei Systeme, drei simple Wahrheiten:

USA:
„Wenn ihr investiert, bekommt ihr Steuervorteile. Punkt.“
Der Inflation Reduction Act ist ein Feuerwerk, während Deutschland am nassen Streichholz knabbert.

Dänemark:
„Vertrauen statt Kontrolle.“
Ein Satz, der hierzulande als utopischer Quatsch gilt.

Schweiz:
Keine thematischen Vorgaben.
Keine staatliche Bevormundung.
Einfach Innovation unterstützen.

Und siehe da:
Sie sind innovativste Volkswirtschaft Europas.

Deutschland: Die erschöpfte Republik

Deutschland wirkt wie ein Land, das nicht mehr an sich glaubt.
Ein Land, das Aktenordner liebt, aber keine Zukunft kennt.
Ein Land, das sich in Misstrauen suhlt wie in einer warmen Badewanne.
Ein Land, das Erklärungen verlangt, statt Ergebnisse.

Ein Land, das jeden Innovator behandelt wie einen Schmuggler.

Was zu tun ist – brutal einfach:

  1. 90 % der Formulare abschaffen.
  2. Steuern für F&E radikal senken.
  3. USA-Prinzip: Geld für Output, nicht für Papier.
  4. Dänemark-Prinzip: Vertrauen vor Kontrolle.
  5. Schweiz-Prinzip: Forschungsfreiheit statt Bürokratieorgien.

Oder anders formuliert:

Fördern heißt: investieren.

Nicht: verdächtigen.**

Deutschland muss sich entscheiden:
Will es Zukunft?
Oder Papierkrieg?

Beides zusammen geht nicht.

Pyromanen mit Laternen

„Völker, hört die Signale!“ tönte es am Freitagabend durch die Bonner Innenstadt. Kein Fußballspiel, kein Gewerkschaftsaufmarsch, sondern der winzige Laternenumzug der moralisch Hochgerüsteten, vulgo: Fridays for Future. Man trällerte die Internationale. Wie rührend. Die Erben von Rosa Luxemburg in Funktionskleidung, mit LED-Fackeln und Thermobechern.

Wer sich in der Geschichte ein wenig auskennt – und ich meine nicht TikTok-Historie, sondern das, was man früher Allgemeinbildung nannte –, dem steigen bei dieser Tonlage ein paar andere Signale in die Nase: die Plattenbau-Monokulturen von Bitterfeld, die Chemiekombinate von Nowa Huta, die rauchenden Schlote von Temelin. Kurz: der ökologische Flächenbrand des real existierenden Sozialismus. Ausgerechnet diese Melodie also als Einstimmung auf die nächste Rettung der Welt? Man hätte fast erwartet, dass einer der Sprecher auf einer VEB-Kiste von „Fünfjahreszielen zur Dekarbonisierung“ spricht.

Doch das eigentliche Wunder geschah nicht auf der Bühne, sondern darunter: Niemand, wirklich niemand, sang ein einziges Wort über die grüne Ex-Oberbürgermeisterin, die mit bemerkenswerter Energie aus Abfall die Wärmewende orchestrierte. Oder besser gesagt: schönrechnete. Das politische Meisterstück? Die Müllverbrennung zur erneuerbaren Energie erklären. Chapeau!

Die Bonner MVA, dieser hässliche Koloss mit dem thermischen Charme eines Altölkochers, wurde zur Quelle kommunaler Tugend umgedeutet – von der Klimajugend mit keiner Silbe behelligt. Dafür holzte man in Richtung des neuen Oberbürgermeisters, der vor zwei Tagen vereidigt wurde. Man kennt das: Am dritten Tag soll er das Wasser in Wasserstoff verwandeln, am vierten dann bitte die Fernwärme dekarbonisieren, aber mit Gefühl!

Ganz anders die Haltung zu Gaskraftwerken. Diese werden nun von den Laternen tragenden Protestierern als Inbegriff des Fossilen verteufelt – dabei erreichen sie im Vergleich zum Müllofen einen thermischen Wirkungsgrad, der in Bonn als Science-Fiction durchginge. Während moderne GuD-Anlagen bis zu 90 % Effizienz schaffen, röchelt die MVA mit thermisch unter 30 %. Vielleicht war es aber auch nur der Sauerstoffmangel unter den Pappschildern, der das Denken erschwerte.

Und dann war da noch dieses Gefühl, das einen beschleicht, wenn der Protest sich zwar auf das „System“ richtet, aber die lokale Verklärung alter Machtverhältnisse klaglos hinnimmt. Die grüne Oberbürgermeisterin hat das Narrativ von der grünen Wärme aus der Asche geschrieben – und kein einziges Kind hat gesagt, dass die Kaiserin nackt ist.

Nein, stattdessen wird die Internationale gesungen. Ein bisschen Retro-Romantik für die moralische Selbstvergewisserung.

Am Ende fragt man sich, was schlimmer ist:
Die Müllverbrennung an sich.
Oder der ideologische Feinstaub, den sie hinterlässt.