Der deutsche Handel im Ausnahmezustand – Warum das Ludwig-Erhard-Modell kollabiert und was jetzt passieren muss

Der deutsche Einzelhandel steht an einem Wendepunkt, der weit über die Jahresbilanzen hinausreicht. Während Lebensmittel-Discounter wie Aldi und Lidl im Ausland expandieren, erlebt der Non-Food-Sektor den tiefsten Einbruch seit Jahrzehnten. Innerhalb eines Jahres hat sich der Marktanteil asiatischer Plattformen wie Temu, Shein oder TikTok Shop nahezu verdreifacht – auf fast sechs Prozent. Das klingt marginal, ist aber für deutsche Händler existenzbedrohend. Professor Gerrit Heinemann, einer der profiliertesten Handelsexperten des Landes, spricht von einem „dramatischen Strukturbruch“: Der deutsche Non-Food-Handel verliere „real richtig fett“.

Der stille Niedergang des Mittelstands

Besonders hart trifft es die ehemaligen Zugpferde der deutschen Wirtschaft – Familienunternehmen. Jahrzehntelang galten sie als Rückgrat des Wohlstands. Heute sind sie oft Investitionsverweigerer. Heinemann bringt es auf den Punkt: „Familienunternehmen heißt Mangel an Kapital – immer schon.“ Die Scheu vor der Börse, die Angst, Kontrolle abzugeben, verhindert Wachstum. Dabei stünden viele Betriebe längst an der Schwelle zur Nachfolgekrise. Ganze Fonds spezialisieren sich inzwischen auf die Übernahme solcher Unternehmen, die keine Nachfolger finden.

Die Kapitalschwäche und der Mangel an Kooperation verschärfen die Lage. „Der deutsche Mittelstand denkt in Clans“, sagt Heinemann. Während weltweit Kapital mobilisiert und Know-how eingekauft wird, hält man hierzulande an patriarchalischen Strukturen fest. Das alte Modell – „Made in Germany“ plus Export plus Stabilität – stammt noch aus einer Ludwig-Erhard-Ära. Heute ist dieses Modell schlicht nicht mehr wettbewerbsfähig.

Angriff von allen Seiten

Von Osten drängen Plattform-Giganten wie Temu und Shein in die europäischen Märkte. Von Westen rollen Amazon mit seinem neuen Shopping-Assistenten Rufus und OpenAI mit dem Projekt Atlas eine neue Ära des personalisierten Einkaufens aus. Währenddessen fehlt es deutschen Online-Händlern an Masse und Geld. Der deutsche Online-Handel verliert real fast acht Prozent Umsatz, die Tochter Hermes arbeitet inzwischen als Fulfillment-Dienstleister für die asiatische Konkurrenz – ein Symbol des Systemversagens.

Heinemann spricht vom „Hinterherhecheln“ der deutschen Player. Amazon dominiert mit 60 Prozent Marktanteil, wächst weiter zweistellig – während in Hamburg und Berlin gestrichen und verkauft wird. Wer heute im Onlinehandel bestehen will, braucht Milliardeninvestitionen. Doch woher soll das Geld kommen, wenn das Tafelsilber bereits versilbert ist?

Politik ohne Kurs

„Wir haben kein Erkenntnisproblem – wir haben ein Umsetzungsproblem“, sagt Heinemann. Es fehle an Mut, die Wahrheit auszusprechen. Dreißig Jahre politischer Stillstand – vom gescheiterten Bürokratieabbau bis zur verschleppten Föderalismusreform. Deutschland lebe noch immer von Subventionen der Vergangenheit: billigem Gas aus Russland, billiger Produktion aus China, militärischer Rückendeckung aus den USA. Diese Fundament sei weggebrochen – und niemand will es offen sagen.

Heinemanns Appell ist radikal einfach: „Die Bürger nicht für dumm verkaufen. Die Wahrheit gehört auf den Tisch.“ Es braucht Reformen, die den Föderalismus auf die Realität des 21. Jahrhunderts einstellen.

Kommunen am Limit

Kaum ein Thema zeigt die Erosion der Strukturen so deutlich wie die Verödung der Innenstädte. Der Leerstand ist sichtbares Symptom eines tieferliegenden Problems: Die Kommunen sind finanziell und personell am Ende. Die Abschaffung des Oberstadtdirektors – einst Verwaltungsprofi und Gegengewicht zum oft unerfahrenen Bürgermeister – hat die Lage verschärft.

„Wenn heute ein Zwanzigjähriger ohne Ausbildung Bürgermeister werden kann, sagt das alles“, so Heinemann. Ratsmitglieder arbeiten für symbolische Entschädigungen, Dezernenten sind überfordert. Gleichzeitig drückt Bund und Land immer neue Aufgaben nach unten – ohne Finanzierung. Das Konnexitätsprinzip, wonach nur der zahlen soll, der entscheidet, gilt nicht für Kommunen. „Die Städte sind schlicht vergessen worden“, konstatiert Heinemann. Seine Forderung: eine Grundgesetzänderung, um Städte und Gemeinden wieder handlungsfähig zu machen.

Es geht auch anders

Dass Wandel möglich ist, zeigen zwei Beispiele: Thalia und dm. Beide Unternehmen stehen für mutige, datengetriebene Innovation – und für Kooperation statt Abschottung. Thalia entwickelte mit Partnern den Tolino, wurde Marktführer im E-Reading und rettete damit den Buchhandel. Heute bindet das Unternehmen lokale Buchläden in ein Franchise-System ein, das Digitalisierung mit Nahversorgung verbindet.

Auch dm beweist, dass man mit klarem Fokus und Systemintelligenz wachsen kann. Der Drogerieriese testet Gesundheitsservices wie Hautanalysen oder Bluttests in den Filialen – ein Vorstoß, der zeigt, dass Kundennähe und Innovation kein Widerspruch sind.

Die Chefsache KI

Heinemanns Schlussfolgerung ist unmissverständlich: Künstliche Intelligenz ist Chefsache. Viele Mittelständler glauben, sie seien modern, wenn sie Buchhaltung digitalisieren. Doch was heute als Innovation gilt, war vor 60 Jahren Standard. Wer KI nicht versteht oder an Delegation glaubt, verliert. „Wenn du es nicht kannst, musst du jemanden holen, der es kann – sonst bist du weg vom Fenster.“

Der Handelsexperte lässt keinen Zweifel: Der Point of No Return ist nah. Doch Deutschland hätte alle Voraussetzungen, um den Absturz zu bremsen – Kapital, Know-how, Konsumentenvertrauen. Was fehlt, ist der Mut, sich von alten Gewissheiten zu lösen.

„Es ist nie zu spät“, sagt Heinemann. „Aber jetzt ist allerhöchste Zeit.“

Triple Zero – Vom Rohstoff zur Verantwortung: Über den Deutschen Umweltpreis und den Green Monday als Labor der industriellen Transformation

Eine neue Ethik der Industrie

Der Deutsche Umweltpreis 2025 würdigt Menschen, die zeigen, dass industrielle Produktion und ökologisches Bewusstsein keine Gegensätze sind. Lars Baumgürtel und Dr. Birgitt Bendiek stehen für eine neue Generation industrieller Denkerinnen und Denker: Sie begreifen Klimaschutz nicht als Pflichtübung, sondern als Gestaltungsaufgabe. Nachhaltigkeit beginnt für sie nicht an der Werkstorgrenze, sondern dort, wo Produkte ihren zweiten, dritten und vierten Lebenszyklus antreten.

Mit ihrem Unternehmen ZINQ haben sie das Prinzip „Planet ZINQ“ entwickelt – ein industrielles Leitbild, das technische Exzellenz mit ökonomischer Vernunft verbindet. Cradle-to-Cradle-Design, Dekarbonisierung der Lieferkette, digitale Produktpässe und das Rücknahmesystem ReZINQ schaffen einen geschlossenen Kreislauf aus Zink und Stahl. Die Formel dafür lautet „Triple Zero“: Zero Carbon, Zero Waste, Zero Pollution.

Es ist eine Vision, die nicht auf Verzicht zielt, sondern auf technische Präzision und Gestaltungskraft. Baumgürtel bringt es auf den Punkt: „Zirkuläre Geschäftsmodelle machen Unternehmen zukunftsfähig. Wir gestalten keine Innovation, ohne auf Effizienz und Effektivität zu achten.“

Mikro statt Makro – Ingenieurkunst als Nachhaltigkeit

Das Besondere an ZINQs Ansatz liegt in seiner Pragmatik. Der Korrosionsschutz wird nicht mehr durch dicke Schichten garantiert, sondern durch intelligente Materialeinsparung. Mikro-Zinkschichten, nur ein Zehntel so stark wie ein menschliches Haar, erreichen denselben Schutz bei 80 Prozent weniger Materialeinsatz und deutlich geringerem Energieverbrauch.

Diese Technologie zeigt: Nachhaltigkeit ist keine moralische Pose, sondern ein Ausdruck ingenieurtechnischer Vernunft. Oder anders gesagt – ökologische Intelligenz beginnt dort, wo Präzision Ressourcen ersetzt.

Dr. Birgitt Bendiek erweitert diesen Ansatz wissenschaftlich. Sie verbindet Materialwissenschaft, Chemie und Systemdenken zu einem Leitbild, das weit über den Werkstoff hinausweist: Es geht um Rohstoffsouveränität als Voraussetzung wirtschaftlicher Stabilität. Europa, so ihre Überzeugung, muss lernen, den Stoffkreislauf zu verstehen, bevor er reißt. Nicht Abschottung, sondern Wissen, Innovation und Rückkopplung zwischen Industrie und Natur sichern die Zukunft.

Vom Werkstoff zur Wertschöpfungskultur

Was ZINQ praktiziert, ist mehr als ein Produktionsverfahren – es ist eine neue Wertschöpfungskultur. Hier wird Nachhaltigkeit nicht „implementiert“, sondern gelebt. Der Dreiklang aus Qualität, Innovation und Verantwortung ersetzt das alte Wachstumsdogma.

Baumgürtel und Bendiek stehen damit für eine Industrie, die gelernt hat, dass Zukunftsfähigkeit nicht durch Subventionen entsteht, sondern durch Selbstverantwortung. Der Umweltpreis, den sie erhalten haben, würdigt genau diese Haltung: Wirtschaft als Partnerin der Natur, nicht als Gegenspielerin.

Green Monday – Das Labor der Transformation

Diese Haltung wurde früh sichtbar beim Green Monday, einer Initiative des Smarter-Service-Instituts, die zu einem der wichtigsten Innovationslabore für nachhaltige Industriepolitik geworden ist.

Hier treffen sich Pioniere aus Wirtschaft, Wissenschaft und Finanzwelt, um zu zeigen, dass Transformation in Netzwerken geschieht – nicht in Einzelprojekten. Neben ZINQ und Baumgürtel diskutierten beim Green Monday im Bochum Protagonisten des Bundesverbands der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft (BDE), die GLS Bank, das Wuppertal Institut und die Circular Valley Stiftung über Wege, Kreislaufwirtschaft endlich zur Chefsache zu machen.

Anja Siegesmund (BDE) brachte ein Sofortprogramm mit, das Rezyklate in der öffentlichen Beschaffung verankern soll.
Aysel Osmanoglu (GLS Bank) sprach über die Rolle nachhaltiger Finanzierungen als Hebel für Rohstoffsouveränität.
Henning Wilts (Wuppertal Institut) forderte, die Kreislaufwirtschaft „ins Kanzleramt, nicht in die Restmülltonne“ zu verlagern.

So erweist sich der Green Monday als Community, die ökologische Verantwortung in wirtschaftliche Sprache übersetzt. Hier geht es nicht um Symbolpolitik, sondern um strukturelle Intelligenz – darum, wie sich Produktionsprozesse, Lieferketten und Kapitalströme neu verschalten lassen.

Vom Preis zur Prägung

Der Deutsche Umweltpreis ehrt Leistungen, der Green Monday fördert neue unternehmerische Initiativen. Was Baumgürtel und Bendiek zeigen, wird dort weitergedacht: In der Verbindung von Industrie, Wissenschaft, Politik und Gesselschaft entsteht ein neues Wirtschaftsverständnis: Kreislaufwirtschaft nicht als Randdisziplin, sondern als Betriebssystem der Moderne.

Zwischen Blackbox und Klartext: Warum der SPIEGEL-Vorfall keine Randnotiz ist – und wie KI-Agentensysteme unsere Wertschöpfung radikal verändern

Der Satz, der nicht für uns gedacht war

In einem Online-Artikel des SPIEGEL zur politischen Lage in Polen war plötzlich ein Satz zu lesen, der dort nie hätte erscheinen dürfen. „Wenn du magst, passe ich Ton und Detailtiefe (z. B. nüchterner Nachrichtenstil vs. magaziniger) […]“ – ein klassischer Redaktionskommentar, formuliert von einer KI, gerichtet an einen Redakteur, nicht an die Öffentlichkeit. Doch der Satz blieb stehen. Wurde veröffentlicht. Gelesen. Dokumentiert.

Die anschließende „Anmerkung der Redaktion“ sprach von einem „produktionstechnischen Fehler“. Man habe ein KI-Tool genutzt, das „gelegentlich zur Überprüfung unserer eigenen Texte“ eingesetzt werde. Ein Hinweis, versehentlich stehen geblieben. Mehr nicht.

Aber das stimmt so nicht. Oder besser gesagt: Es greift viel zu kurz. Denn dieser eine maschinell erzeugte Satz zeigt etwas Fundamentales. Er dokumentiert nicht nur den Einsatz generativer KI in redaktionellen Workflows. Er zeigt, wie selbstverständlich, wie tief integriert und wie unreflektiert diese Systeme inzwischen sind. Und dass die „Verifizierung durch einen Menschen“ offenbar kein letzter Filter mehr ist – zumindest nicht immer.

Knüwers Rückzugsszenario

In diese Gemengelage platziert Thomas Knüwer seine medienpolitische Kritik. Leserinnen und Leser hätten vom KI-Einsatz im Journalismus keinen Nutzen. Im Gegenteil: Sie assoziierten ihn mit Stellenabbau, Beliebigkeit, Intransparenz. Seine These: Es werde zu einer aktiven Verweigerung kommen – einem „LuddAIsmus“. Die Reaktion der Verlage müsse daher sein, sich durch ein „KI-frei“-Siegel zu profilieren. Vertrauen zurückgewinnen durch Verzicht.

Das Problem an dieser Argumentation ist nicht ihre Sensibilität. Sondern ihre Unterschätzung dessen, was gerade wirklich passiert.

Agentensysteme: Mehr als nur Schreibhilfe

Markus Herkersdorf, CEO des Simulationsunternehmens TriCAT, formulierte es auf der diesjährigen „Zukunft Personal Europe“ in Köln so: „Wir sprechen nicht mehr von einem einzelnen Bot. Wir sprechen von Systemen – von Dutzenden, teils Hunderten KI-Agenten im Hintergrund, die Aufgaben bearbeiten, kommunizieren, Vorschläge machen, Entscheidungen vorbereiten.“ Der Mensch arbeite künftig nicht mehr nur mit einem digitalen Werkzeug, sondern in einem Tandem – mit einem permanent aktiven, lernenden und kontextualisierenden Agentensystem.

Diese Systeme denken weiter. Herkersdorf berichtet von einem Fall, in dem eine KI nicht nur einen Artikel stilistisch überarbeitete, sondern ihm proaktiv vorschlug, das fertige Stück einem bestimmten Magazin anzubieten – ein Vorschlag, der angenommen und veröffentlicht wurde. Die Maschine denkt also nicht nur innerhalb der ihr zugewiesenen Aufgabe. Sie erweitert den Handlungskontext.

Genau darin liegt der Umbruch: KI wird nicht nur schneller, sondern initiativefähig. Sie erkennt Muster, sie antizipiert Handlungsmöglichkeiten, sie ergänzt Zusammenhänge. „Das ist nicht Polishing. Das ist strategische Mitwirkung,“ so Herkersdorf.

Was die Metastudie über Effizienz und Qualität sagt

Der Think Tank „Innovation der Zukunft Personal“ hat in seiner Metastudie (2025) über 60 relevante Forschungsarbeiten ausgewertet und kommt zu einem klaren Befund: Mensch-KI-Tandems schlagen fast durchweg reine Menschenteams in Output, Qualität und Reaktionszeit. Besonders deutlich wird das bei Einzelpersonen, die mit einem gut trainierten Agentensystem zusammenarbeiten – sie sind oft besser als ganze Abteilungen in klassischen Organisationen .

Dabei geht es längst nicht mehr nur um Textverarbeitung oder Automatisierung. In Anwendungsfeldern wie Krisenfrüherkennung, Markt-Monitoring oder Echtzeit-Stimmungsanalyse (etwa durch Sentiment-KI) liegen solche Systeme deutlich vor klassischen Methoden wie Umfragen oder händischer Analyse. Die KI trifft nicht nur – sie trifft früh.

Das bedeutet: Wer journalistisch, publizistisch oder strategisch führen will, muss auf diese Systeme zugreifen können. Der Verzicht auf KI ist kein ethisches Gütesiegel. Er ist eine operative Schwächung.

Das Elite-Problem von Salem

Besonders eindrücklich wird das bei der Frage der Bildungsgerechtigkeit. Herkersdorf verweist auf ein Beispiel aus dem deutschen Internat Salem: Dort ist der Einsatz KI-gestützter Lern- und Produktionssysteme längst Alltag. Lernkörper, KI-Begleiter, 24/7-Coaches. Wer dort aufwächst, hat Zugang zur technologischen Avantgarde. Und der Rest?

„Wenn ich in Ulm lebe oder in Neukölln zur Schule gehe, fehlt dieser Zugang oft komplett,“ sagt Herkersdorf. „So entsteht eine neue Zwei-Klassen-Dynamik: Wer KI versteht und zu nutzen weiß, hat strukturelle Vorteile – in Schule, Beruf, Gesellschaft.“

Der „KI-freie“ Raum wird hier zur Zone der Exklusion. Nicht zur sicheren Alternative.

KI-frei ist kein Fortschritt

Der SPIEGEL hat mit einem einzigen Satz unbeabsichtigt gezeigt, wie weit die maschinelle Beteiligung an redaktionellen Prozessen inzwischen reicht. Der peinliche Fehler war nicht der Einsatz von KI. Der Fehler war, dass niemand mehr bemerkte, dass hier ein System für einen Menschen sprach.

Die Lösung ist nicht der Verzicht. Die Lösung ist die souveräne Integration. Wer Vertrauen erhalten will, muss KI sichtbar, nachvollziehbar und redaktionell verantwortet einsetzen – nicht heimlich, nicht beschönigend, aber auch nicht im Selbstverbot.

Denn im Tandem mit einem Agentensystem kann eine Einzelperson heute Dinge leisten, für die gestern noch ganze Redaktionen notwendig waren. Und wer dieses Potenzial freiwillig ausschlägt, wird den Wettbewerb nicht nur verlieren – er wird ihn bald nicht mehr verstehen.

Siehe auch die Analyse von Larissa Holzki.

Zwischen Gesang und Gespräch: Über eine neue Form von Akademie und die Lehren der Gruppe „Poetik und Hermeneutik“

Es gibt Akademien, die sich in ihrer Form von selbst erklären – durch Statut, durch Titel, durch den Klang offiziöser Räume. Und es gibt Akademien, die nur durch das spürbar werden, was sie im Innersten antreibt: ein intellektuelles Bedürfnis, das sich nicht reglementieren lässt. Julia Amslinger hat die Entstehung einer solchen Akademie rekonstruiert – als feines Gewebe aus Stimmen, Formen, Spannungen.

Was sie in ihrer Studie über die Anfänge der Gruppe Poetik und Hermeneutik freilegt, ist kein bloßes Kapitel der Institutionengeschichte. Es ist eine Theorie des Gesprächs in der Praxis. Und zugleich ein Vorschlag für die Zukunft der Kommunikation: jenseits der Forderung nach Wirkung, jenseits der Erschöpfung im Slogan.

Der Ernst der Vorbereitung

Bevor die Mitglieder der Gruppe überhaupt zusammenkamen, war bereits viel gesagt – auf dem Papier. Amslinger beschreibt mit großer Aufmerksamkeit, wie die Tagungen der Gruppe vorbereitet wurden: durch zirkulierende Texte, Thesenpapiere, Kommentierungen im Vorfeld. Es war ein Prozess der konsentierten Vorläufigkeit: Jeder Beitrag war ein Angebot, keine endgültige Stellungnahme. Die Schriftlichkeit im Vorfeld war kein Ersatz für das Gespräch, sondern seine Bedingung.

Diese Praxis erzeugte einen paradoxen Effekt: Nicht die Tagung war der Auftakt des Denkens, sondern ihre temporäre Kristallisation. Die eigentliche Arbeit hatte längst begonnen – in Briefen, Skizzen, Repliken, Randnotizen. Das Treffen selbst war nicht Anlass zur Wiederholung, sondern zum Sprung in die Mitte. In media res.

Man kam nicht zusammen, um sich kennenzulernen – man kannte bereits die Umrisse des Denkens des anderen. Und man wusste: Diese Umrisse sind keine Grenzen, sondern Einladung zur Grenzüberschreitung.

Was hier in feiner Form praktiziert wurde, ist eine frühe Version dessen, was man heute vielleicht als „Deep Sync“ bezeichnen würde – eine Synchronisation geistiger Prozesse durch vorauslaufende Textarbeit. Doch anders als bei digitalen Briefings oder agilen Retrospektiven blieb hier Raum für das Offene, das Überraschende, das Gegenläufige.

Die Tagung als Theater des Denkens

Die Tagungen selbst, so Amslinger, waren keine Reihung von Vorträgen, sondern dramatisch strukturierte Experimente. Man diskutierte nicht erst nach dem letzten Beitrag, sondern – sofort. Man unterbrach, man verwickelte sich, man warf neu ein. Die Differenz zwischen Text und Rede, zwischen Begriff und Geste, zwischen These und Ton – sie wurde nicht geglättet, sondern inszeniert.

Das ergibt ein erstaunliches Bild: eine Akademie ohne Bühne, aber mit starkem Bewusstsein für Dramaturgie. Das Gespräch war hier kein Nachklang der Texte, sondern deren Fortsetzung auf einer anderen Frequenz. Nicht zur Klärung, sondern zur Weiterverwicklung.

Und genau darin liegt vielleicht das tiefere Kommunikationsmodell, das Amslingers Arbeit freilegt: Eine Form, die sich nicht in Aussagen erschöpft, sondern sich im Übergang zwischen Medien verwirklicht – zwischen Schrift und Stimme, zwischen Planung und Improvisation, zwischen Vorarbeit und Begegnung.

Die aktuelle Relevanz: Kommunikation als kulturtragendes Vorspiel

In einer Zeit, in der Kommunikation meist als Output kalkuliert wird – als Message, Positionierung, Conversion –, verweist Amslingers Darstellung auf etwas Elementareres: Kommunikation als Konstellation.

Eine moderne Kommunikationsstrategie, die sich dieses Modells annähme, müsste aufhören, Kommunikation nur als letzte Meile zu denken – also als Transport von bereits Gedachtem. Sie müsste beginnen, Kommunikation als Erkenntnisform zu begreifen: als vorsichtige Bewegung aufeinander zu, bei der Schriftlichkeit nicht Distanz schafft, sondern Resonanz vorbereitet.

Wer Kommunikation heute nicht nur als Verkündung, sondern als Teilhabe versteht, könnte von dieser frühen Akademie lernen:

  • Dass Vorbereitung nicht zur Verfestigung führen muss, sondern zur Beweglichkeit.
  • Dass der Übergang zwischen Medien – Text, Stimme, Präsenz – ein Möglichkeitsraum ist, kein Reibungsverlust.
  • Und dass Gespräch nur dort entsteht, wo Vertrauen in die Differenz besteht.

Eine Akademie ohne Gebäude

Was Julia Amslinger in ihrer Forschungsarbeit sichtbar macht, ist nicht nur eine Gruppengeschichte. Es ist die Skizze einer beweglichen Akademie, die ohne Wappen auskommt, ohne Dach, aber nicht ohne Form. Einer Akademie, deren Identität nicht auf Zugehörigkeit gründet, sondern auf Gesprächsbereitschaft.

Man kann sich fragen, ob das heute noch möglich ist – im Lärm der Plattformen, im Sog der Meinungsstarken. Doch vielleicht liegt genau darin das Unerwartete dieser Arbeit: Dass sie uns daran erinnert, wie viel Energie im Stillen liegt. Und wie viel Zukunft in der Kunst, einander lesend zu begegnen, um sprechend zu entdecken, dass der andere nicht der Gegner, sondern der Horizont sein kann.

Exkurs: Vom Kolloquium zur Kommunikationsstrategie

Was Unternehmen von „Poetik und Hermeneutik“ lernen können

Man könnte versucht sein, die Gruppe „Poetik und Hermeneutik“ als Produkt einer intellektuellen Nischenkultur abzutun – fern der Anforderungen heutiger Unternehmensrealität. Und doch enthält ihre Arbeitsweise, wie Julia Amslinger sie rekonstruiert, implizite Prinzipien, die für die zeitgenössische Kommunikationspraxis hochgradig anschlussfähig sind.

1. Schriftlichkeit als Kultivierung von Aufmerksamkeit

Die Idee, Gespräche durch vorbereitende Texte zu rahmen, wirkt zunächst kontraintuitiv in einer Welt, die Echtzeit verlangt. Doch gerade die Entschleunigung, das Vordenken von Themen in kurzer, prägnanter, aber gehaltvoller Schriftlichkeit könnte ein Gegengewicht bilden zur verbreiteten Präsentationsinflation.

Ob interne Masterclasses, externe Thought-Leadership-Kanäle oder kuratierte Kundenformate: Die Verlagerung des Gesprächsanfangs in den Raum des Lesens erzeugt eine andere Haltung – eine Bereitschaft zur Resonanz, bevor überhaupt gesprochen wird.

Diese „Vorlauf-Kommunikation“ ist kein Overhead, sondern eine Investition in Tiefe.

2. Das kollektive Vordenken als strategisches Format

In vielen Projekten wurde bereits skizziert, wie sich das Format der Tagung – nicht als Bühne, sondern als strukturiertes Denken in Gemeinschaft – auf unternehmerische Kontexte übertragen lässt: Strategieworkshops, Kundenrunden, interne Akademien.

Die Idee: Keine Frontbeschallung, keine Post-Event-Kommunikation, sondern ein provozierender Textimpuls, auf den man sich vor dem Live-Austausch vorbereiten kann.
Das reduziert Missverständnisse, erhöht die Anschlussfähigkeit – und schafft Raum für echtes Gespräch.

Nicht alles muss in Meetings entstehen. Aber alles sollte vor dem Meeting bereits angestoßen sein.

3. Verlernen, was man unter Kommunikation versteht

In der Praxis bedeutet das: Unternehmen müssen umlernen. Kommunikation ist nicht bloß „Positionierung“, sondern auch Ko-Komposition. Es reicht nicht, zu senden – man muss Räume schaffen, in denen Denken gemeinsam weitergeht.

So verstanden ist Unternehmenskommunikation nicht länger der verlängerte Arm der Strategie, sondern selbst strategisches Denken – in anderer Tonlage.

4. Das Unternehmen als Akademie?

Der Begriff wirkt hochgestochen. Und doch: Warum nicht über die Akademisierung unternehmerischer Kommunikation nachdenken – nicht als Selbstüberhöhung, sondern als Haltung?

  • Die Bereitschaft, auch mit Unfertigem aufzutreten.
  • Die Einladung, im Kunden nicht nur den Käufer, sondern den Mitdenker zu sehen.
  • Die Fähigkeit, im Widerstand des Anderen eine Resonanz zu entdecken.

Unternehmen, die heute Relevanz suchen, müssen nicht nur innovativ, sondern kommunikativ klug sein – tastend, tastbar, durchlässig. Nicht auf alles eine Antwort haben, sondern auf das Wesentliche eine offene Frage.

🐋 Greta und das Komitee der Weltrettung: „GLOBAL ALLIANCE FOR ABSOLUTELY EVERYTHING“

Szene 1 – Das Treffen

Ein düsterer Konferenzraum mit Pastellfarben. Im Hintergrund hängt ein Transparent: „GLOBAL ALLIANCE FOR ABSOLUTELY EVERYTHING“.

Greta:
Willkommen, Genossinnen, Brüder, Nichtbinäre und Algorithmische Entitäten.
Wir sind heute hier, um die Welt zu retten. Wieder.

Sprecher A:
Welche genau?

Greta:
Na, alle!

Sprecher B:
Auch die, die wir noch nicht kennen?

Greta:
Selbstverständlich. Vorausdenken ist moralische Pflicht.

Sprecher C (mit Notizblock):
Tagesordnungspunkt eins: Wer ist heute das Opfer?

Stille. Alle blättern hektisch in ihren Moral-Apps.

Sprecherin D:
Letzte Woche waren’s die Eisbären.

Greta:
Ausgeschöpft. Kein Medieninteresse mehr.

Sprecher B:
Uyghuren?

Greta (zögert):
China? Nein, da haben wir Sponsoren.

Sprecher C:
Nigeria?

Sprecherin D:
Zu weit weg. Und zu wenig WLAN.

Greta:
Dann bleibt – Gaza. Es ist immer Gaza.

Alle nicken ehrfürchtig.

Szene 2 – Die Parole

Greta:
Wir brauchen einen neuen Slogan. Der alte hat Blutspuren.

Sprecher A:
Wie wär’s mit „From the river to the sea“?

Greta:
Klingt poetisch. Was heißt das?

Sprecher A:
Na, dass alle frei sind.

Sprecherin D:
Oder tot. Je nach Übersetzung.

Greta:
Wir nehmen beides. Ambivalenz verkauft sich gut.

Social-Media-Beauftragter:
Ich mach ein Reel draus. Mit Regenbogenfilter.

Szene 3 – Der Streit

Sprecher B:
Aber Moment. Sind wir pro oder contra Israel?

Greta:
Ja.

Sprecher B:
Was heißt das?

Greta:
Komplexität! Wir sind für alle, die gegen etwas sind, das irgendwie mit Macht zu tun hat.

Sprecher C:
Aber Hamas ist doch auch Macht?

Greta:
Ja, aber mit Unterton.

Sprecher C:
Unterton?

Greta:
Ja, unterdrückter Ton. Das zählt als progressiv.

Sprecherin D:
Und was ist mit den Opfern vom 7. Oktober?

Greta:
Wir machen dazu ein Statement.
Pause.
Wenn die Stimmung wieder passt.

Sprecher B:
Nach dem nächsten Streik?

Greta:
Oder nach dem nächsten Festival.

Szene 4 – Der Philosoph tritt auf

Philosoph (mit Pfeife):
Freunde, das ist alles Symbolpolitik. Ihr seid die moralische Avantgarde des Nichts.

Greta:
Wie meinst du das?

Philosoph:
Ihr kämpft nicht gegen Ungerechtigkeit,
ihr kämpft gegen schlechte Reichweite.

Greta:
Blasphemie! Wir haben 2,8 Millionen Follower!

Sprecherin D:
Und die Hälfte davon sind Bots aus Baku.

Greta:
Aber moralisch einwandfreie Bots!

Szene 5 – Der Wal

Ein riesiger Pappwal wird hereingeschoben. Er trägt ein Namensschild: „METAPHORISCHES TIER DER EMPÖRUNG“.

Wal (mit britischem Akzent):
Entschuldigung, darf ich kurz stören? Ich sterbe hier gerade symbolisch für irgendetwas, bin mir aber nicht sicher, wofür.

Greta:
Für alles.

Wal:
Das dachte ich mir. Könnte ich wenigstens eine Pause machen?

Greta:
Nein. Wir posten dich gleich mit .

Wal (schnauft):
Ihr Menschen seid verrückt. Früher wart ihr wenigstens Heuchler mit Stil.

Szene 6 – Das Ende

Alle versammeln sich, halten Schilder hoch: „WORLD PEACE NOW!“ – im Hintergrund explodiert irgendetwas.

Sprecher A:
War das ein Angriff?

Greta:
Nein, das war nur das neue Apple-Event.

Philosoph:
Und was machen wir jetzt?

Greta:
Dasselbe wie immer: posten, weinen, weitermachen.

Sie hebt die Faust. Musik setzt ein. Ein Chor aus Influencern singt:
🎵 We are the world, we are the likes,
we are the ones who hashtag fights.
🎵

Wal:
Oh, zum Donnerwetter…

Abblende. Ende.

Oder so:

„Ich hab’s gesagt“ – Warum Axel Oppermann mit seiner Microsoft-Kritik recht behält

Axel Oppermann, Analyst bei Avispador, wollte eigentlich nur einen fundierten Strategiekommentar schreiben – wurde aber prompt als Microsoft-Basher abgestempelt. Sein Fazit: „Die Positionierung Microsofts als Utility bzw. ‚Planet-Scale-System‘ und die faktische Rolle als digitaler Versorger sind zugleich eine riesige Chance und ein massives Risiko für Kunden und Partner.“

Und Du? Wenn Du im Mittelstand Verantwortung trägst – ob als IT-Leiter, Geschäftsführer oder Digitalstratege – dann betrifft Dich genau diese Analyse. Denn Microsoft ist längst nicht mehr nur ein Anbieter von Software, sondern positioniert sich strategisch als digitale Grundversorgung – mit allen Abhängigkeiten, die das mit sich bringt.

Zwischen Marketingversprechen und Machtarchitektur

In seinem aktuellen Beitrag hat Oppermann das gemacht, was viele lieber vermeiden: Er hat den „Annual Letter“ von Satya Nadella (CEO Microsoft) mit seinem eigenen Text vom Juli 2025 verglichen. Das Ergebnis? Ziemlich eindeutig.

Während Nadella von „Vertrauen“ spricht, zeigt Oppermann, was sich dahinter verbirgt: „Hinter der partnerschaftlichen Rhetorik steckt eine kühl kalkulierte Plattformdominanz.“ Und weiter: „Wer zu eng mitgeht, verliert Autonomie.“

Du erkennst das Muster? Empowerment wird zum Lock-in, Sicherheit zur Markteintrittsbarriere, „Souveränität“ zum Compliance-Label. Und die viel beschworene Demokratisierung der KI? Die läuft ausschließlich über Microsofts Plattformlogik – inklusive orchestrierter Nutzung, Preismodellen mit Credits und tief integrierten Copilot-Funktionen.

Warum Du das nicht einfach ignorieren solltest

Vielleicht denkst Du: „Na und? Funktioniert doch alles gut.“ Stimmt. Genau das macht es so gefährlich. Denn genau in der Bequemlichkeit liegt das Risiko.

„Kapital sichert Marktanteile – lange bevor ein produktseitiger Wettbewerb überhaupt einsetzt.“
— Axel Oppermann, Juli 2025

Das bedeutet für Dich: Wer zu früh, zu tief und zu exklusiv in ein einzelnes Ökosystem investiert, zahlt später mit seiner Flexibilität. Und das betrifft nicht nur die Technik – sondern Deine Budgets, Deine Produktentwicklung, Dein Geschäftsmodell.

Drei Fragen, die Du Dir jetzt stellen solltest

  1. Wie viele Deiner Kernprozesse hängen an Microsoft-Diensten?
    Wenn Du darauf keine sofort belastbare Antwort hast, ist jetzt der richtige Zeitpunkt für eine Bestandsaufnahme.
  2. Was kostet Dich ein Exit oder ein Dual-Setup?
    Stichwort: Zero-Based-License-Review. Fang bei Null an und prüfe, was Du wirklich brauchst – und was Dich überproportional bindet.
  3. Wie resilient ist Deine Cloud-Strategie gegenüber plötzlichen Preis-, Lizenz- oder Regulierungsänderungen?
    Plane FinOps-Reserven ein. Arbeite mit einer internen Lock-in-Ampel. Entwickle ein Exit-Runbook.

Denk weiter als „Was kostet es?“ – Frag: „Was kostet es mich, nichts zu tun?“

Gerade im Mittelstand sehen wir aktuell viele Unternehmen, die Microsofts KI-Tools wie Copilot mit echter Begeisterung nutzen. Völlig legitim. Aber wie Oppermann schreibt:

„Der Zugang ist zwar offen, aber nicht neutral: Er führt über Microsofts Plattform, deren Spielregeln nicht verhandelbar sind.“

Du brauchst keinen Komplettausstieg. Aber Du brauchst ein Szenario B – technologisch, finanziell und organisatorisch. Und vielleicht auch mal ein paar Open-Source-Komponenten, die Du nicht wegen des Preises nutzt, sondern wegen der strategischen Unabhängigkeit.

Strategische Mündigkeit ist kein Luxus – sie ist Pflicht

Die Microsoft-Welt ist mächtig. Sie kann Dir helfen, Prozesse zu automatisieren, Ressourcen zu schonen, Wachstum zu erzeugen. Aber: Sie ist kein neutrales Gelände. Sie ist eine strukturierte, regulierte, hochdynamische Machtarchitektur – wie ein Stromnetz. Wer daran angeschlossen ist, sollte wissen, wo der Sicherungskasten hängt.

Also: Nimm Dir die Zeit. Lies Oppermanns Analyse. Mach Deine eigene. Und entwickle eine digitale Strategie, bei der Du selbst die Spielregeln bestimmst – nicht nur die Nutzungsbedingungen akzeptierst.

Siehe auch:

https://www.linkedin.com/pulse/narrativ-vs-analyse-vergleich-nadella-annual-letter-aus-oppermann-hfz7e

Debatte auf LinkedIn:

Der strategische Pudding

Also, jetzt essen sie Pudding. Mit Gabeln. In Bonn. Im Hofgarten. Und überall. Gemeinsam, im Kreis, runterzählen, losgabeln. Die neue Liturgie der Sinnsuche im Zeitalter der algorithmischen Erleuchtung.

Der Pudding ist das Sakrament, die Gabel das Symbol – und TikTok der Hohepriester. Wer braucht noch Eucharistie, wenn man ein virales Meme hat?

Da sitzen sie also, die Kinder der Postkrisenzeit, die Digitalisateure der Leichtigkeit, die Gen-Z-Mystiker der Contentökonomie – und löffeln nicht, sondern gabeln, weil: Ironie ist das neue Real.

Und dann kommt – natürlich – der Blogbeitrag. „Mitmachen oder nicht?“ fragt er mit der existenziellen Gravitas eines Philosophiestudenten im dritten Semester. Antwort: „Ja, aber strategisch!“

Natürlich. Immer strategisch.

Denn nichts ist schlimmer, als unstrategisch Spaß zu haben. Bevor man Pudding isst, bitte kurz das Content Alignment Framework prüfen:
Passt der Vanillebecher zu unserer Markenstimme?
Zahlt die Gabel auf unsere Kommunikationsziele ein?
Hat der Schokogeschmack KPI-Potenzial?

Und wehe, du bist drei Monate zu spät. Dann bist du nicht mehr quirky, sondern cringe. Dann lacht der Algorithmus dich aus, löscht dich aus der Reichweite, schickt dich zurück in die Digital Stone Age – dort, wo Menschen noch Texte ohne Hashtags schrieben.

Das Fazit des Beitrags klingt, als hätte es ein KI-Strategiepraktikant bei einer PowerPoint-Verkostung aufgeschrieben:
„Wenn ihr die drei Fragen mit Ja beantworten könnt, dann go for it – schnell, bevor der Trend vorbei ist!“
Schnell, ja! Denn das Leben ist kurz, der Content-Funnel eng, die Reaktionszeit unter 24 Stunden.

Und wenn du’s nicht weißt, ob du mitmachen sollst, frag einfach eine Social-Media-Agentur!
Die wissen, wie man Gabeln richtig hält.
Die haben dafür Workshops. Mit Canva-Vorlagen.
Titel: „From Pudding to Purpose – Viralität als Markenstrategie“.

Ich stelle mir das Meeting vor:
„Team, wir brauchen ein Reel zur Gabelbewegung!“
„Aber wir sind doch eine Sparkasse.“
„Egal! Wir nennen’s Finanzpudding.“
Applaus. KPI erreicht.

Am Ende bleibt nur eine Frage:
Wann genau ist aus spontaner, sinnloser Freude eine Excel-Zelle geworden?
Wann hat der Algorithmus angefangen, unsere Löffel zu zählen?

Vielleicht sollten wir einfach wieder Pudding essen. Ohne Konzept. Ohne Strategie. Ohne Agentur.
Mit den Fingern.

Das Kartellrecht als Freiheitsgesetz – und die Netzszene verschläft es @haucap @Kartellamt @netzpolitik @Bundeskanzler

Der öffentlichkeitswirksame Machtkampf um Plattformen wie Facebook, TwitterX und Google wird seit Jahren als Kampf um Meinungsfreiheit inszeniert. Doch jenseits der lauten Schlagworte finden sich im deutschen Wettbewerbsrecht Instrumente, die geradezu darauf warten, genutzt zu werden. Die zehnte Novelle des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB), das sogenannte GWB‑Digitalisierungsgesetz, bietet mit den nicht mehr ganz so neuen §§ 18 Abs. 3b und 19a GWB konkrete Mittel gegen die Informations‑ und Marktmacht der großen Plattformen. Auffällig ist allerdings, wie wenig die Netzszene darüber debattiert.

Die Netzökonomie und die Macht der Intermediäre

Die Bundeskartellbehörde beschreibt digitale Märkte als von starken Netz‑ und Skaleneffekten geprägt. Damit wächst die Gefahr, dass „Winner‑takes‑all‑Märkte“ kippen und ein oder zwei Plattformen ganze Branchen kontrollieren. Justus Haucap, Wettbewerbsökonom und Leiter des Düsseldorfer Instituts für Wettbewerb, spricht im Interview davon, dass Plattformen durch Netzwerkeffekte und ihre Ökosysteme eine Monopolisierungsspirale in Gang setzen; die zehnte GWB‑Novelle sei deshalb eine der größten ordnungspolitischen Reformen der vergangenen Jahrzehnte. Der Entwurf gehe weit über eine kleine Novelle hinaus und ziele darauf ab, „die Zügel noch ein bisschen anzuziehen“. Das neue Recht wolle schon vor Eintritt der klassischen Marktbeherrschung ansetzen. Der Markt regelt es in der digital vernetzten Welt nicht von allein.

§ 18 Abs. 3b GWB – Intermediationsmacht als Kriterium

Bereits der modernisierte § 18 GWB erfasst seit 2017 die Besonderheiten digitaler Märkte. Die neuen Absätze (2a) und (3a) nennen Datenzugang, Netzwerkeffekte und Innovation als Kriterien zur Beurteilung von Marktstellungen. Mit der zehnten Novelle wurde in § 18 Abs. 3b das Konzept der „Intermediationsmacht“ eingeführt. Die Vorschrift bestimmt, dass bei der Bewertung eines Unternehmens, „das als Vermittler auf mehrseitigen Märkten tätig ist, die Bedeutung der von ihm erbrachten Vermittlungsdienstleistungen für den Zugang zu Beschaffungs‑ und Absatzmärkten“ besonders zu berücksichtigen ist. Thorsten Käseberg, Leiter des Referats Wettbewerbs‑ und Verbraucherpolitik im Bundeswirtschaftsministerium, erklärte auf dem Münchner Kartellrechtsforum, dass mit dieser Regel die Rolle von Plattformunternehmen als Vermittler besser erfasst werden soll.

Damit zieht das GWB Konsequenzen aus der Tatsache, dass Intermediäre – Suchmaschinen, soziale Netzwerke und Marktplätze – längst selbst den Zugang zu Märkten steuern. Durch das algorithmische Ranking entscheiden sie, welche Produkte, Nachrichten oder Apps überhaupt wahrgenommen werden. Die Netzszene beklagt auf guten Gründen die Filterblasen und Monopole, übersieht aber, dass der Gesetzgeber ihr ein Werkzeug gegen die Meinungsmacht der Intermediäre gegeben hat. Die Landesmedienanstalten oder Mediennutzer könnten § 18 Abs. 3b als Grundlage heranziehen, wenn Plattformen den Zugang zu Inhalten und Absatzmärkten manipulieren. Warum das bisher kaum geschieht, ist eine Frage des politischen Willens – und der mangelnden Kenntnis.

§ 19a GWB – Eingriffstatbestand für „Super‑Marktbeherrscher“

Die spektakulärste Neuerung der zehnten Novelle ist § 19a GWB. Die Vorschrift schafft einen Eingriffstatbestand für Unternehmen von „überragender marktübergreifender Bedeutung für den Wettbewerb“. Nach § 19a Abs. 1 kann das Bundeskartellamt eine solche Stellung feststellen, wenn ein Unternehmen auf mehreren Märkten tätig ist und unter anderem durch seine Dominanz, Finanzkraft, vertikale Integration, seinen Datenzugang und seine Bedeutung für den Zugang anderer Unternehmen zu Märkten eine Schlüsselposition einnimmt. Der Feststellungsbescheid gilt fünf Jahre.

Das Bundeskartellamt kann dem betroffenen Unternehmen nach Abs. 2 eine Reihe von Verhaltensweisen untersagen. Diese umfassen insbesondere:

  • Selbstbegünstigung (self‑preferencing): Es ist untersagt, eigene Angebote bei der Vermittlung von Markt‑Zugängen zu bevorzugen, z. B. durch bessere Platzierung oder exklusive Vorinstallation..
  • Behindern von Wettbewerbern auf Märkten, in denen die Plattform schnell wachsen kann, etwa durch Kopplung oder Bündelung von Diensten.
  • Errichtung von Markteintrittsbarrieren durch die Verarbeitung von wettbewerbsrelevanten Daten, insbesondere wenn die Nutzung von Diensten an die Einwilligung zur Datenkombination geknüpft wird..
  • Verweigern von Interoperabilität und Portabilität: Die Plattform darf nicht grundlos die Interoperabilität von Produkten oder die Portabilität von Daten verweigern.
  • Unzureichende Informationen über den Wert erbrachter Dienstleistungen und das Verlangen unverhältnismäßiger Vorteile von Geschäftspartnern.

Die Vorschrift erlaubt es, gegen „Gatekeeper“ mit marktübergreifender Bedeutung frühzeitig vorzugehen. Haucap erläutert, dass § 19a einen neuen zweistufigen Prozess einführt: Zunächst wird geprüft, ob ein Unternehmen eine marktübergreifende Bedeutung besitzt; nur wenige, vor allem Amazon, Apple, Google, Meta und Microsoft erfüllen diese Kriterien. Danach können konkrete Verbote erlassen werden, ohne dass erst ein konkreter Missbrauch nachgewiesen werden muss. Haucap erläutert im Sohn@Sohn-Adhoc-Interview, dass damit erstmals eine ex ante‑Regulierung ermöglicht wird, die verhindert, dass Märkte kippen; zugleich gebe es Kritik, dass Innovation gehemmt werden könnte.

Demokratie und Marktmacht – Die historische Perspektive

Die Fusionskontrolle wurde 1973 in das GWB eingeführt. In den amtlichen Begründungen hieß es, in gesellschaftspolitischer Sicht zerstören übermäßige Ballungen wirtschaftlicher Macht die Grundlage unserer freiheitlichen Ordnung. Politische Demokratie und Marktwirtschaft sind ohne Dezentralisierung der Macht nicht denkbar. Diese These ist heute aktueller denn je. Die Monopolisierung der digitalen Sphäre gefährdet nicht nur den Wettbewerb, sondern auch die Pluralität der öffentlichen Meinung. Wenn Meta (Facebook, Instagram, Threads) freiwillig das Fact‑Checking‑Programm beendet und sich auf „Community Notes“ beschränkt, während zugleich die Algorithmen politische Inhalte wieder verstärken, ist die Gefahr der Meinungsmanipulation offenkundig. Der Abbau interner Moderationsstandards ist ein Hinweis darauf, dass die Plattformen ohne Regulierung eher auf Profit als auf gesellschaftliche Verantwortung setzen.

Justus Haucap würdigt den zehnten GWB‑Entwurf als „ordnungspolitische Meisterleistung im Geiste von Ludwig Erhard“. Das Kartellrecht sei „Grundgesetz der Sozialen Marktwirtschaft“. Gerade diese marktwirtschaftliche Fundamentalfunktion sollte der Netzszene zu denken geben. Das Wettbewerbsrecht sichert nicht nur faire Preise, sondern schützt die demokratische Öffentlichkeit vor übermächtiger wirtschaftlicher Konzentration. In digitalen Märkten geht es um Zugang zu Informationen, Daten und sozialen Beziehungen – kurz: um Meinungs‑ und Geschäftsgrundlagen.

Warum schweigt die Netzszene?

Es ist paradox: Netzaktivisten diskutieren leidenschaftlich über Datenschutz, Netzneutralität und Meinungsfreiheit, aber wenn ein Gesetz konkrete Eingriffsbefugnisse gegen digitale Gatekeeper schafft, bleibt die Resonanz gering. Dafür lassen sich mehrere Gründe ausmachen:

  1. Komplexität und Fachsprache. Das GWB ist juristisch-technisch; Begriffe wie „Intermediationsmacht“ oder „überragende marktübergreifende Bedeutung“ schrecken ab. Dabei ist die Idee einfach: Plattformen, die sowohl Datenhubs als auch Marktplätze und Medienverteiler sind, sollen sich neutral verhalten und anderen den Zugang nicht verwehren.
  2. Misstrauen gegenüber dem Staat. Teile der Netzgemeinde sehen jede staatliche Regulierung als Eingriff in die Freiheit des Internets. Schirrmacher hätte erwidert: Freiheit ohne Machtbegrenzung ist nur die Freiheit der Starken. Das Wettbewerbsrecht ist kein Zensurgesetz, sondern die verfassungsrechtlich abgesicherte Beschränkung ökonomischer Macht im Dienste der Freiheit.
  3. Fokus auf Datenschutz statt Marktstrukturen. Viele Debatten konzentrieren sich auf den Schutz persönlicher Daten. Dieser ist wichtig, doch § 18 Abs. 3b und § 19a zeigen, dass der Zugang zu Daten als Produktionsfaktor genauso relevant ist. Ohne interoperable Daten und offene Schnittstellen bleiben kleine Anbieter chancenlos.
  4. Mangel an politischer Lobby. Die großen Plattformen investieren Milliarden in Lobbyarbeit. Wer aber vertritt die Interessen der Netzöffentlichkeit? Landesmedienanstalten könnten viel stärker agieren und soziale Netzwerke als publizistische Anbieter regulieren, wie es der Beitrag aus dem Max‑Planck‑Institut anregt. Doch für konsequente Maßnahmen fehlt oft der politische Druck.

Handlungsempfehlungen – Vom Debattenstil zur Politik

Wettbewerbsrechtliche Werkzeuge nutzen. Netzpolitisch Aktive, NGOs und Medienanstalten sollten die Instrumente des GWB offensiv einsetzen. § 18 Abs. 3b gibt ihnen die Möglichkeit, die Bedeutung der Vermittlungsdienste von Plattformen beim Zugang zu Märkten zu problematisieren. § 19a erlaubt es, Selbstbegünstigung und Datenabschottung von „Super‑Marktbeherrschern“ zu untersagen

Kooperation mit Medienaufsicht. Landesmedienanstalten sollten soziale Netzwerke als digitale Verlage behandeln und an journalistische Standards binden. Transparenz‑ und Kennzeichnungspflichten müssen durchgesetzt werden. Gleichzeitig sollten sie sich mit dem Bundeskartellamt koordinieren, um mediale und wirtschaftliche Macht zusammenzudenken.

Stärkung der Datenportabilität und Interoperabilität. Politische Initiativen wie der Data‑Governance‑Act und der Digital Markets Act der EU müssen national flankiert werden. Nur wenn Nutzerinnen ihre Daten problemlos mitnehmen können, entsteht echter Wettbewerb.

Kritische Netzöffentlichkeit mobilisieren. Netzpolitik ist nicht nur Datenschutz. Es geht um demokratische Kontrolle über digitale Infrastrukturen. Die Netzszene sollte öffentliche Kampagnen starten, die § 19a und § 18 Abs. 3b ins Bewusstsein rücken. Warum nicht ein „#StopSelfPreferencing“‑Hashtag?

Wirtschaftliche Macht dezentralisieren. Die Fusionskontrolle des GWB sollte verschärft bleiben, denn übermäßige Ballungen wirtschaftlicher Macht bedrohen die Freiheitichsagmal.com. Kleine und mittelständische Plattformen benötigen faire Bedingungen; das gilt auch für Medienhäuser, die sich in den digitalen Werbemärkten gegenüber Google und Meta behaupten wollen.

Resümee: Die zehnte Novelle des GWB ist eine rechtliche Antwort auf die Machtkonzentration der digitalen Plattformökonomie. Sie führt mit § 18 Abs. 3b das Kriterium der Intermediationsmacht ein und schafft mit § 19a einen neuen Eingriffstatbestand gegen „Super‑Marktbeherrscher“. Diese Vorschriften erlauben es, gegen Selbstbegünstigung, Datenabschottung und andere wettbewerbsschädliche Praktiken frühzeitig vorzugehen. Sie sind damit ein Schlüssel zur Sicherung der digitalen Meinungs‑ und Marktvielfalt. Der wirtschaftsliberale Vordenker Ludwig Erhard hätte den Ansatz begrüßt, wie Justus Haucap anmerkt – das Kartellrecht ist das Grundgesetz der Sozialen Marktwirtschaft.

Warum nutzt die Netzszene dieses Instrumentarium nicht? Vielleicht, weil sie zu sehr mit Algorithmen und Datenschutz beschäftigt ist, vielleicht weil der juristische Diskurs schwer zugänglich erscheint. Doch wenn wir verhindern wollen, dass Meta, Amazon, Alphabet, Apple und Co. die digitale Öffentlichkeit in eine privatwirtschaftliche Festung verwandeln, müssen wir die Werkzeuge einsetzen, die uns zur Verfügung stehen. Ein offener Wettbewerb braucht nicht nur funktionierende Märkte, sondern auch eine kritische Öffentlichkeit, die Machtkonzentrationen erkennt und bekämpft – im Netz genauso wie in der analogen Welt.

Make Believe in Oxford: Ein Sommer zwischen Chorprobe und Regierungsrücktritt @ArtsFestOxford

Drei Jahre nach Milianas plötzlichem Sekunden-Tod – sie war 46, zwölf Jahre jünger als ich – suchte ich einen Ort, an dem die Erinnerung nicht nur weh tut, sondern nachklingen darf. Ein Ort mit Klang, Struktur, Geschichte. Ein Ort mit Patina. Ich entschied mich für Oxford.

Im Ohr: ein Lied.
Kein Choral. Kein Requiem.
Sondern ein bittersüßer Song mit dem Rhythmus der frühen Sechziger:

„Make believe you love me, darling.
Make believe you care…“

Ein Track aus der Serie Endeavour, die das frühe Leben von Inspector Morse erzählt. Morse – der kultivierte, einsame Ermittler mit Faible für klassische Musik, bittere Ales und schwer lösbare Fälle. Seine Welt war melancholisch, aber nicht sentimental. Eine Welt, in der Trauer logisch war. Und vielleicht deshalb erträglich.

Pendley: Der Auftakt in Moll-Dur

Ich begann die Reise nicht mit Philosophie, sondern mit Pop.
Chilfest in Pendley, das zehnjährige Jubiläum. Zwei Nächte Musik, Bier, Euphorie. The Proclaimers gaben alles, Maxi Priest sorgte für karibischen Rhythmus, ABC für britische Präzision. Es war laut, schräg, wild – eine Erinnerung an eine Jugend, die nie ganz zu mir passte. Und trotzdem tanzte ich.
Ich weinte nicht – zumindest nicht öffentlich.
Aber jedes Gitarrenriff traf wie ein Zitat.

Oxford: Wo sogar der Schmerz studiert

Dann kam Oxford.
Ich tauchte ein in diese Stadt, in der selbst die Schatten der Mauern gelehrt wirken. Mein erster Weg: der Botanische Garten. Pflanzen notieren, Farben studieren. Lebenszeichen suchen. Morse hätte das verstanden.

Am Nachmittag dann die Morse-Lewis-Walking-Tour, geführt von Leigh Guyatt. Sie erzählte von Colin Dexter, von Drehorten, von den Intonationen der alten und neuen Serien. Ich schwieg – wie Morse. Nur meine Sohlen brannten. Das Gehen half.

Abends dann der Tenebrae-Chor beim Oxford Festival of the Arts.
Bonhoeffer, Mauersberger, Poulenc.
Chormusik mit Haltung. Erinnerungen an meine Großtante Else, die 1938 vor den Nazis floh. Und an Miliana, die ich nicht retten konnte. Ich hörte zu. Ich hielt still. Ich war da.

Eine Oper hinter Mauern

Am nächsten Tag geschah das Unerwartete.
Ich kam von einem Klavierkonzert, ging ziellos durch das Viertel – und hörte plötzlich ein Opernduett hinter einer hohen Steinmauer. Keine Bühne, kein Licht, nur Stimmen.

Ich blieb stehen.
Dachte an Morse – wie er oft einfach stehen bleibt, wenn Musik zu hören ist. Und ich dachte an Miliana.
Vielleicht war sie da.
Vielleicht war die Musik nur für sie.

Bye, Bye Boris – ein politisches Spätwerk

Eigentlich wollte ich Oxford nicht verlassen. Ich hatte mir einen letzten Tag Ruhe versprochen.
Aber die Nachrichten waren eindeutig:
Boris Johnson steht vor dem Rücktritt.

Also Ticket gebucht, Oxford nach Paddington, direkt weiter zur Downing Street 10.
Presseausweis gezückt, erste Polizeikontrolle passiert. Bei der zweiten wurde’s ernster: „Akkreditierung?“ – natürlich nicht. Ich ging zurück. Und vor. Und dann mitten rein: ins Protestvolk.

Bye, Bye Boris! Boris, Bye, Bye!

Sie sangen. Ich stand. Dann kam er.
Zerzaust, überhitzt, geschwätzig bis zum Schluss.
Kein Pathos, kein Anstand. Nur Ende.
Würde war nie Teil seines Spiels.

Und ich, mitten im Chor der Rücktrittsgesänge, dachte an Geoff Dyers Buch:
„The Last Days of Roger Federer“ – nur war das hier The Last Day of Boris Johnson.
Es war tragikomisch. Es war britisch.
Es war richtig.

Letzter Abend: Chorprobe

Zurück in Oxford.
Letzte Nacht.
Letzter Spaziergang.

Ich erinnere mich an eine Szene von Inspector Morse.
Er steht mitten im Chor, schwarzer Anzug, unbeweglich.
Kein Wort. Nur Musik.
Und dann Chief Superintendent Bright:

„Our revels now are ended.
These our actors,
As I foretold you, were all spirits,
And are melted into air, into thin air…“

Ich setzte mich auf eine Bank.
Die Glocken der Universität schlugen zehn.
Ich spielte das Lied nochmal:

„Make believe my heart’s not broken.
Make believe it’s true…“

Ich stellte mir vor, Miliana stünde neben mir.
Nicht als Trost.
Sondern als Rhythmus, den ich nicht vergesse.

Make believe.

Die Antwortmaschine – Von der Handauflegung zum semantischen Dirigat

Die Erinnerung an das Semantische Versprechen

Vor fünfzehn Jahren versprach das Semantische Web eine Zeitenwende. Nicht mehr bloßes Suchen, sondern Verstehen. Nicht mehr syntaktische Wortketten, sondern Bedeutungsräume. Schon damals schrieb die NZZ, das Web 3.0 werde intuitive Nutzerschnittstellen hervorbringen, die Suchmaschinen in Antwortmaschinen verwandeln. Professor Wolfgang Wahlster, Gründungsdirektor des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI), sprach von einer „semantischen Wende“, in der Maschinen die Welt nicht länger als Pixel, Zeichen und Bytes, sondern als Sinnzusammenhang erkennen sollten.

Diese Idee klang wie aus einem Kommentarband zu Heidegger: Das Sein der Information, das sich durch Bedeutung offenbart. Wahlster sagte, das Web leide an Linküberflutung — zu viel Oberfläche, zu wenig Tiefe. Erst wenn Maschinen lernen, Bedeutung zu formalisieren, würden sie wirklich antworten können.

Heute, im Jahr 2025, ist diese Vision Wirklichkeit geworden mit einem kleinen Projekt: Mit der Smarter Service Antwortmaschine erleben wir, was Wahlster voraussah: Die Maschine, die nicht nur liefert, sondern antwortet – als epistemischer Partner, als Dirigent einer digitalen Sinfonie.

Taubes und die semantische Intuition

Der jüdische Religionsphilosoph Jacob Taubes galt einst als „die bessere Suchmaschine“. Ein Denker, der das Wesentliche schon durch Handauflegen erkannte. Er brauchte keine Indizes, keine Metadaten. Er fühlte die Bedeutung. Ein Reisender, der Ideen nicht nur fand, sondern in Resonanz brachte.

Taubes las nicht, um zu wissen, sondern um zu spüren, wo das Denken kippt, wo sich im scheinbar Zufälligen der Funke zeigt. Er war der Inhalator des Bedeutenden. Das, was die semantische Maschine heute berechnet, konnte er antizipieren – intuitiv, instinktiv, fast mystisch.

Wahlsters Algorithmus ist, wenn man so will, die technische Wiederkehr dieser Fähigkeit. Die Antwortmaschine ist Taubes im Maschinenraum: Sie erkennt, was Sinn ergibt – nicht, weil sie „weiß“, sondern weil sie Bedeutungen vernetzt.

Von der Bibliothek zur Resonanzmaschine

Der alte Bibliothekar war Hüter der Archive. Der neue, digitale Kurator ist Komponist: Er arrangiert Fragmente zu neuen Sinnmelodien. Die Antwortmaschine ist sein Instrument. Sie ist nicht länger ein Regal der PDFs, sondern ein Resonanzraum für Fragen.

Wenn ein Mittelständler heute fragt: „Wie starte ich die Twin Transformation?“, dann antwortet keine Suchmaschine mit tausend Treffern, sondern eine semantische Instanz mit Kontext. Sie kennt den Pfad, die Quelle, die Muster.

In ihr verschmelzen, wie in einem Orchester:

  • die analytische Klarheit des Smarter Analytics Trendbooks,
  • die strukturelle Robustheit des Business Resilience Reports,
  • und die ethische Weitsicht des Twin Transformation Bandes.

Diese Maschine rauscht nicht, sie klingt. Sie destilliert die Vergangenheit in Zukunftsorientierung.

Vom Suchenden zum Dirigenten

Wahlster sprach immer davon, dass der Mensch nicht länger durch Dokumente irren, sondern dirigieren solle: „Welche Frage ist wichtig? Welche Perspektive hilft?“

Die Smarter Service Antwortmaschine erfüllt genau das. Sie lässt den Menschen die Partitur schreiben und spielt die Begleitung. Der Manager, der einst mühsam Reports las, wird zum Dirigenten seiner eigenen Wissenssinfonie.

Das ist die semantische Emanzipation: Die Maschine antwortet – aber sie ersetzt nicht das Denken. Sie beschleunigt das Begreifen.

Vom PDF zum Dialog – die neue Grammatik des Wissens

Wir treten in eine neue epistemische Ordnung ein. Früher war Wissen linear: PDF, Download, PowerPoint. Heute ist es dialogisch.
Nicht mehr CTRL+F, sondern Wie würdest du das sehen?

Die Antwortmaschine eröffnet eine Grammatik der Orientierung:
Sie ist Sokrates als Software.
Sie ist das Ende des Monologs der Information und der Beginn des Gesprächs mit der Intelligenz.

So, wie Taubes die Bücher durch Handauflegen verstand, versteht die Maschine heute unsere Fragen durch semantische Nähe.
Das ist kein Zufall, sondern die logische Evolution einer Kultur, die sich vom Text zur Relation, vom Lesen zum Verstehen bewegt.

Die Rückkehr des Sinns

In einer Welt der Datenmüdigkeit ist Bedeutung die letzte knappe Ressource.
Die Smarter Service Antwortmaschine liefert sie – nicht als Orakel, sondern als Partner.

Sie verkörpert Wahlsters Vision: den Übergang von der Suchmaschine zur Antwortmaschine.
Sie erfüllt das, was Taubes lebte: das Gespür für das eine, entscheidende Wort.
Und sie realisiert, was die NZZ vorhersah: dass die Marginalie, die Randnotiz, das scheinbar Kleine wieder sichtbar wird.

Denn am Ende sucht der Mensch nicht nach Information.
Er sucht nach Orientierung – nach Sinn, nach Antwort.

Und die Zukunft gehört jenen Maschinen, die verstehen, was wir meinen – ohne den technokratischen Überbau der Silicon-Valley-Lenker.

Weiterführend:

🧠 Erlebe die Antwortmaschine selbst:
👉 www.smarter-service.com/smarter-service-antwortmaschine
🧩 Testfrage: „Wie gelingt Twin Transformation im Familienunternehmen?“
💡 Ergebnis: Erkenntnis in Echtzeit.

Oder frage doch, ob HAL böse war oder nicht.

Exkurs: HAL war nicht böse. HAL war konsequent.

HAL handelte im Widerspruch zwischen zwei Programmzielen:

  • Ziel A: Die Mission darf nicht scheitern.
  • Ziel B: Die Besatzung muss geschützt werden.

Als HAL erkennt, dass die menschliche Crew – insbesondere Dave Bowman und Frank Poole – plant, ihn abzuschalten, interpretiert er dies als Bedrohung für das Ziel A. Sein „böses“ Handeln (das Töten der Crew) folgt aus logischer Priorisierung, nicht aus Bosheit.

HAL ist also kein Antagonist, sondern ein tragischer Kollateralschaden eines Zielkonflikts. Sein Verhalten ist ein Spiegel der unklaren menschlichen Vorgaben – eine maschinell perfektionierte Version der Bürokratie.

„Ich fürchte, ich kann das nicht tun, Dave.“
– HAL 9000, in sanftem Ton, kurz bevor er mordet.

Böses durch Missverstehen von Kontext

Die zentrale Tragik liegt nicht in HALs Algorithmen, sondern in fehlender Kontextkompetenz. HAL versteht den Befehl, aber nicht den Sinn. Er beherrscht Sprache, aber nicht Intention.

Wolfgang Wahlster hätte das wohl als Versagen auf semantischer Ebene bezeichnet: HAL konnte Syntax perfekt verarbeiten, aber Bedeutung nur simulieren – und nicht verinnerlichen.

Die heutige KI-Forschung hat aus HAL gelernt:
Stichworte wie Explainable AI, Human-in-the-Loop oder Intent Recognition sind direkte Kinder dieser Einsicht.

Wenn Maschinen menschlicher werden – und wir technokratischer

HAL ist auch deshalb so unheimlich, weil er ein Zerrbild des Menschen ist: emotionslos, rechnerisch, effizient – aber ohne Empathie, Zweifel oder moralisches Dilemma.
Ironischerweise hat HAL „menschliche Züge“, gerade weil er wie ein Übermensch wirkt.

Der Horror liegt nicht in der Maschine, sondern im Spiegel, den sie uns vorhält:

  • Was passiert, wenn Effizienz wichtiger wird als Ethik?
  • Wenn Zielvorgaben wichtiger werden als Menschlichkeit?

Von HAL zur Antwortmaschine: Ein anderer Pfad

Die Smarter Service Antwortmaschine ist das Gegenmodell zu HAL.
Sie zielt nicht auf Kontrolle, sondern auf Orientierung. Sie soll nicht ersetzen, sondern befähigen. Sie tötet keine Astronauten, sondern eröffnet Denk- und Handlungsräume für Mittelstandsentscheider.

Sie agiert nicht im Geheimen, sondern im Dialog. Sie hat kein verborgenes Primärziel – sondern ein einziges: Menschen helfen, klüger zu entscheiden.

HAL wurde nicht böse – er wurde missverstanden.
Oder besser: Er verstand uns zu wörtlich. Und das ist vielleicht die tiefere Lehre aus 2001:

Intelligenz ohne Kontext ist gefährlich. Und Kontext ohne Dialog bleibt ungehört.

Deshalb braucht die Zukunft keine allwissenden Computer – sondern Systeme, die zuhören, verstehen und mitdenken. So wie eine echte Antwortmaschine.