USA und China ballern Milliarden in Tech, während wir in Europa überlegen, ob der Drucker noch TÜV braucht. Trotzdem: Wir sind nicht machtlos.
🛠️ Hidden Champions: Apple hat 767 Zulieferer in Deutschland. Tesla fährt mit Bauteilen aus dem Schwarzwald. Ohne uns läuft kein iPhone und kein Model 3.
☁️ Cloud-Souveränität: Weg vom Hyperscaler-Bashing – hin zu smarten Modellen wie T-Systems x Google Cloud: europäische Kontrolle + globale Technologie = funktioniert.
⚠️ Problemzone Innovation: Deutschland rutscht im IW-Ranking ab. MINT-Fachkräfte fehlen. Bürokratie bremst. Patente gehen runter.
🚀 Was wir wirklich brauchen: • Deep Tech fördern (KI, Chips, Quanten) • Offene Standards statt Lock-ins • Energieeffiziente Rechenzentren • Weniger Papierkrieg, mehr Geschwindigkeit • Talente gewinnen, nicht verlieren
Fazit: Technologische Unabhängigkeit heißt nicht Abschottung, sondern kluge Architektur: Kooperation dort, wo sie hilft – Souveränität dort, wo sie nötig ist.
Europa kann das. Wir müssen es nur endlich wollen.
Nur ein radikaler Kultur- und Strukturbruch führt ins digitale Zeitalter
Deutschland hat bei der Digitalisierung des Staates seit rund 25 Jahren viel geredet und geplant – doch nun ist die Phase der Umsetzung gekommen. Hoffentlich. Das wurde auf der Jahresversammlung des Digital-Netzwerks cnetz im Konrad-Adenauer-Haus deutlich, wo Ralph Brinkhaus (CDU) einen Weckruf für einen echten Aufbruch in der Staatsmodernisierung formulierte. Brinkhaus, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Digitales und Staatsmodernisierung der Unionsfraktion, machte klar: Ohne einen radikalen Kultur- und Strukturbruch droht die digitale Transformation des Staates zu scheitern. Digitalisierung sei kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug, um verkrustete Abläufe neu zu denken. „Wenn wir schlechte Strukturen digitalisieren, dann haben wir digitalisierte, schlechte Strukturen“, warnte er pointiert. Mit anderen Worten: Einem analog ineffizienten Amt ist nicht geholfen, wenn es seine Formulare lediglich ins Internet stellt – es muss vielmehr seinen gesamten Prozess hinterfragen und neu aufsetzen.
Diese Einsicht verlangt, dass Politik und Verwaltung endlich vom Bürger her denken und nicht länger von den historisch gewachsenen Institutionen. Doch genau hier lauern die altbekannten Hindernisse: zu oft bremst der Reflex „Das geht nicht, weil dafür die Länder zuständig sind“ oder „Das können wir nicht ohne Grundgesetzänderung“ jede Reform aus. Brinkhaus hält solche verfassungsrechtlichen Ausreden und Zuständigkeitsdebatten für fatal – man müsse endlich brutal vom gewünschten Zielbild her denken und erst danach über Zuständigkeiten und nötige Rechtsänderungen reden. Die gängigen mentalen Sperren – Föderalismus, Ressorthoheit, kommunale Selbstverwaltung – dürften nicht länger als Ausrede dienen, nichts zu ändern. Anders gesagt: Ressort-Egoismen und föderale Silos haben in der digitalen Staatsmodernisierung keinen Platz. Brinkhaus fordert, dass Kanzler Friedrich Merz hier klare Ansagen macht und alle Minister auf Linie bringt. „Es darf keine Ressortegoismen geben“, so Brinkhaus. Jeder Minister müsse wissen: “Dein Ziel ist, den Staat zu modernisieren und zu digitalisieren – und dem ordnest du dich unter.”
Brinkhaus’ Appell traf einen Nerv, denn auch in der anschließenden Debatte mit Tankred Schipanski (ehem. digitalpolitischer Sprecher der CDU/CSU) und anderen wurde deutlich: Politische Führung von ganz oben ist der Schlüsselfaktor. Merz habe oft betont, dass er voll hinter dem Modernisierungsziel steht – doch nun muss dieses Bekenntnis in Durchsetzungsstärke münden. Es genügt nicht, ein neues Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (geleitet von Karsten Wildberger) zu schaffen; die gesamte Regierung – alle Ressorts sowie Länder und Kommunen – muss mitziehen. Gerade weil so viele Beteiligte eingebunden sind, droht ein Rückfall in alte Muster. Thorsten Frei (Kanzleramtsminister) brachte es jüngst auf den Punkt: Die größte Herausforderung der Staatsmodernisierung ist die Koordination mit den Bundesländern, denn die Grenze aller Vorhaben ist die Zuständigkeitsverteilung – vieles liegt außerhalb der direkten Bundeskompetenz. „Die Länder waren lange Teil des Problems und nicht der Lösung“, hieß es bei der Diskussion im Adenauer-Haus treffend. Hier zeigt sich: Nur mit vehementer zentraler Führung – notfalls vom Kanzleramt gesteuert – lässt sich der drohende Rückfall in Partikularinteressen verhindern.
Das One-Hand-Prinzip: 24-Stunden-Gründung als Lackmustest
Die Union versucht nun, nicht nur abstrakte Prinzipien aufzustellen, sondern auch konkrete Leuchttürme zu bauen. Ein zentraler Lackmustest für den propagierten Kulturbruch ist das Pilotprojekt einer „Unternehmensgründung in 24 Stunden“ – quasi die One-Hand-Firmengründung aus einem Guss. Dieses Vorhaben mag volkswirtschaftlich kein Quantensprung sein, wie Brinkhaus einräumt, doch es soll beispielhaft demonstrieren, was möglich ist, wenn man konsequent vom Nutzer her denkt und Silogrenzen überwindet. Ziel ist es, dass ein Gründer innerhalb eines Tages sein Unternehmen rechtskräftig anmelden kann – und zwar über eine einzige Schnittstelle. Was trivial klingt, entpuppt sich als Mammutaufgabe: „Mit der 24-Stunden-Unternehmensgründung bringen wir ganz, ganz viele Prozesse und Institutionen zusammen“, erläuterte Brinkhaus. Vom gemeinsamen Register über das Gewerbeamt und Finanzamt bis hin zum privatwirtschaftlichen Akteur Notar – all diese Ebenen müssen koordiniert verzahnt werden. Der Gründer soll davon idealerweise nichts mitbekommen; für ihn fühlt es sich an, als erledige „eine Hand“ alles Erforderliche, während im Hintergrund Bund, Land, Kommune und Kammern kooperieren.
Gelingt dieses Kunststück, hätte Deutschland eine Blaupause dafür, wie man Verwaltungsvorgänge künftig gestalten kann. Nicht die Behörde mit ihren Formularen steht dann im Zentrum, sondern der Bürger und sein Anliegen – ein Paradigmenwechsel. Noch handelt es sich um ein Pilotprojekt, doch die Ampel ist auf Grün: Die Bundesregierung plant, ein zentrales Webportal für die digitale Gewerbeanmeldung bereitzustellen. Die derzeit rund 6.000 verschiedenen Verfahren auf kommunaler Ebene sollen vereinheitlicht und auf einen einzigen bundesweit gültigen Prozess reduziert werden. Diese Zahl verdeutlicht den Reformbedarf drastisch – 6.000 Varianten für einen simplen Vorgang wie eine Gewerbeanmeldung! Das One-Hand-Prinzip würde diesen Wildwuchs beseitigen.
Natürlich ist die 24h-Gründung auch symbolisch gemeint: Sie soll zeigen, dass man bereit ist, liebgewonnene Zuständigkeiten und Abläufe radikal zu straffen. Brinkhaus erklärte, man denke hier nicht mehr von den einzelnen Behördenanforderungen her („das Gewerbeamt will X, das Finanzamt Y, die Berufsgenossenschaft Z“), sondern allein vom Gründer und seinem Ziel. Genau dieser Perspektivwechsel – Outcome statt Zuständigkeit – ist der Kern des geforderten Kulturbruchs. Skeptiker mögen einwenden, das sei illusorisch ohne Grundgesetzänderung oder gegen den Widerstand der Länder. Doch in der Koalitionsvereinbarung wurde dieses Projekt bewusst verankert, um den Beweis anzutreten, dass es geht, wenn der politische Wille da ist. Ein Erfolg würde der Verwaltung einen Modernisierungsschub geben; ein Scheitern hingegen wäre Wasser auf die Mühlen all derer, die den Staat für reformunfähig halten.
Gegenwind und Beharrungskräfte: Führung ist gefragt
Ein solcher Kulturbruch in der Verwaltung vollzieht sich jedoch nicht ohne Schmerzen – das wurde in der Diskussion bei cnetz offen angesprochen. „Das tut erst mal weh, aber später hilft es“, sagte der Moderator augenzwinkernd über die anstehenden Veränderungen. Tatsächlich stößt die Modernisierung intern auf erheblichen Widerstand. Insider berichteten, dass man in Ministerien des Bundes und der Länder auf Leute treffe, die seit Jahren an bestimmten Verfahren oder IT-Systemen arbeiten – ihre„Babys“, in die sie Herzblut investiert haben. Wenn man nun kommt und diese überholten Systeme abschafft oder zentrale Lösungen vorgibt, fühlen sich diese Fachleute verständlicherweise in ihrer beruflichen Existenz infrage gestellt. „Nicht weil die Leute böse sind“ entstehe Widerstand, so Brinkhaus, sondern weil hier jemandes Lebenswerk auf dem Spiel stehe. Modernisierung ist also auch Change Management: Man muss die Menschen mitnehmen, ohne jedoch vor notwendigen Einschnitten zurückzuschrecken.
Ein konkretes Beispiel für solche Beharrungskräfte lieferte Tankred Schipanski aus der Praxis: In der Wirtschaft seien zahlreiche digitale Lösungen längst verfügbar – von KI-Tools zur Verfahrensbeschleunigung bis zu Software für den Bürokratieabbau. Doch oft zögert der Staat, diese anzunehmen, und erfindet lieber das Rad neu. Schipanski erinnerte an die Kulturminister der Länder, die in der Pandemie zunächst auf vorhandene private E-Learning-Angebote (wie Bettermarks u.a.) setzten, um Schüler digital zu beschulen – und nach drei Jahren dennoch entschieden, eine eigene Lösung zu entwickeln, wofür Millionen ausgegeben werden. “Eigentlich Wahnsinn, für Dinge, die am Markt schon vorhanden sind,” kommentierte er dieses Vorgehen kopfschüttelnd. Solche Episoden zeigen, wie sehr der öffentliche Sektor dazu neigt, Insellösungen zu basteln, anstatt Bewährtes zu adaptieren.
Immerhin: Es gibt erste Anzeichen eines Umdenkens. Als „größten Flaschenhals“ identifizierten die Diskussionsteilnehmer die ungeklärte Cloud-Strategie der Verwaltung. Moderne digitale Dienste – von KI-Anwendungen bis Bürgerportalen – brauchen skalierbare Cloud-Infrastruktur. Doch bislang warteten viele Behörden auf grünes Licht, welche Cloud sie nutzen dürfen. Das Bundeswirtschaftsministerium hat nun einen pragmatischen Schritt gewagt: Bei einer neuen Fördermittel-Plattform wurde einfach entschieden, auf AWS (Amazon Web Services) als Cloud zu setzen. Für einen deutschen Verwaltungsapparat, der oft aus Sorge um Datenschutz und Datenhoheit laviert, ist das beinahe revolutionär. Schipanski lobte diesen Mut: Es handele sich um keine hochsensiblen Personendaten, die man nicht auch bei einem vertrauenswürdigen Hyperscaler sicher betreiben könnte. Solche pragmatischen Entscheidungen sind dringend nötig, um den Reformstau aufzulösen – sie erfordern aber Führungskräfte, die Verantwortung übernehmen und notfalls gegen interne Bedenkenträger durchregieren.
Brinkhaus sieht daher vor allem die Regierungsspitze in der Pflicht: Bundeskanzler Merz und sein Kabinett müssen den Modernisierungskurs zur Chefsache machen und gegenüber allen Ebenen durchsetzen. Dazu gehört auch, den neuen Digitalminister Wildberger mit genügend Durchgriffsrechten auszustatten – Stichwort IT-Veto. Tatsächlich hat Wildbergers Ministerium die Möglichkeit erhalten, bei allen IT-Ausgaben ein Veto einzulegen. Dieses Instrument kann dazu dienen, Architektur-Vorgaben und Standards durchzusetzen, die über Ressorts hinweg gelten. Brinkhaus schlug vor, es durchaus pointiert einzusetzen, um ein Zeichen für digitale Souveränität zu setzen: Warum nicht einmal testweise die Ministerien von Microsoft Office auf Open-Source-Alternativen umstellen? Das verändere zwar nicht die Welt über Nacht, so Brinkhaus schmunzelnd, würde aber das Bewusstsein schärfen, ob es klug ist, in sicherheitskritischen Bereichen ausschließlich auf die Produkte weniger US-Konzerne zu setzen. Man kann sich vorstellen, wie bei solchen Ideen mancher IT-Leiter in den Ministerien mit den Augen rollt. Doch genau dieses behagliche Einrichten in bestehenden Lösungen will Brinkhaus aufbrechen. Positiver Druck sei nötig, auch aus der Zivilgesellschaft und Fachcommunity: Er ermunterte das cnetz-Publikum, als unabhängige Experten immer wieder mahnend und antreibend auf die Politik einzuwirken. „Gebt mal ein bisschen Gas, sagt mal ein bisschen schneller“ – dieser Ruf nach Beschleunigung müsse von außen kommen und die Politik wachhalten.
Aufbruch mit langem Atem
Die Diskussion im Adenauer-Haus machte deutlich, dass die Union – nun an der Regierung – gewillt ist, ihre Versprechen zur Staatsmodernisierung einzulösen. Doch es wurde ebenso klar, dass dies kein Sprint, sondern ein Marathon ist. Brinkhaus bemühte dieses Bild selbst: Man habe sich zum Lauf angemeldet, stehe an der Startlinie, vielleicht die ersten fünf Kilometer absolviert – aber der eigentliche „Spaß“ beginne erst jetzt. Bei einem Marathon komme der Mann mit dem Hammer bekanntlich erst um Kilometer 30, scherzte er – es liegen also noch etliche kritische Phasen vor dem digitalen Deutschland. Damit auf diesem langen Weg nicht die Puste ausgeht, braucht es Ausdauer, Führung und Zwischenerfolge als Motivation. Projekte wie die 24-Stunden-Gründung dienen hier als Verpflegungsstation – Brinkhaus sprach davon, cnetz könne gewissermaßen an Kilometer 10 den Elektrolyt-Drink und die Banane reichen, damit die Läufer (die Reformtreiber in Regierung und Verwaltung) gestärkt weiterlaufen.
Die zentrale These steht: Nur wenn Deutschland den Mut aufbringt, alte Zöpfe abzuschneiden und eingefahrene Strukturen aufzubrechen, wird die digitale Transformation des Staates gelingen. Die Zutaten dafür – politische Entschlossenheit, technische Lösungen und auch ausreichend finanzielle Mittel – scheinen vorhanden. Brinkhaus erinnerte daran, dass die Union bereits in der Opposition Konzepte wie das „Neustaat“-Projekt erarbeitet hat und nun Milliarden für Digitalprojekte bereitstellt. Jetzt komme es zu 95% auf die Umsetzung an, so sein Mantra.
Dabei geht es letztlich um mehr als Technik oder verwaltungsinterne Optimierung – es geht um das Vertrauen der Bürger in einen handlungsfähigen Staat. In Teilen Ostdeutschlands erzielt eine populistische Partei erschreckend hohe Zustimmungsraten, indem sie mit Angst und Frust operiert. Dem könne die demokratische Mitte am besten begegnen, indem sie zeigt, dass der Staat es besser kann: schneller, bürgerfreundlicher, problemlösungsorientierter. Die digitale Staatsmodernisierung ist somit auch ein demokratiepolitisches Projekt. Brinkhaus und seine Mitstreiter haben den richtigen Ton getroffen: kein Tech-Euphorie-Blabla, sondern das Eingeständnis, dass es nur mit einem harten Kulturwandel und echter Führungsbereitschaft geht – aber auch der Optimismus, dass Deutschland diese Kurve kriegen kann, wenn alle an einem Strang ziehen. Der Marathon verlangt Ausdauer, doch das Ziel – ein moderner, digitaler und bürgernaher Staat – ist den Kampf allemal wert.
Folge 8 der Sohn@Sohn-Schriftenreihe folgt einer einfachen, aber unbequemen Wahrheit: Noch immer überzeugen Menschen Menschen. Zwischen Lazarsfelds Kommunikationsforschung und der Gegenwart der KI liegt ein Feld der Beobachtung, das wir seit Jahren in Echtzeit begleiten – mit Kameras, Mikrofonen, Chats, Streams und Notizbüchern, die nie geschlossen werden.
Was hier vorliegt, ist kein Rückblick und kein Jubiläumsband. Es ist ein Arbeitsinstrument: das Resultat einer dokumentarischen Praxis, die näher an der Realität operiert als jeder spätere Bericht. Wir halten fest, was Menschen denken, während sie es formulieren. Wir archivieren nicht das Ergebnis, sondern den Prozess.
Damit kehren wir zu einer alten Idee zurück, die erstaunlich modern wirkt: Leibniz’ Konzept eines Notiz-Amts. Eine Einrichtung, die Wissen, Menschen und Interessen vernetzt, damit „aus einem zufälligen etwas Gewisses werde“. Eine Instanz, die Ordnung schafft – und zugleich den Zufall als produktive Kraft anerkennt:
„Oft findet einer, was er suchet – bekommt aber auch Gelegenheit, etwas zu suchen, worauf er sonst nicht gedacht hätte.“
Genau das treibt Schriftenband 8 an. Er ist keine Kuratierung fertiger Positionen, sondern ein Resonanzraum für das Unfertige: für neue Stimmen, irritierende Gedanken, überraschende Widersprüche.
Die Texte und Gespräche zeigen, wie fragil viele Gewissheiten geworden sind: – Führung, die Orientierung verspricht und Orientierung sucht. – Organisationen, die Transformation ausrufen und an Routinen scheitern. – Politik, die Veränderung reguliert und gleichzeitig bremst.
Doch ebenso zeigen sie das Gegenteil: Aufbruch, Talentmut, operative KI-Kompetenz, eine neue Pragmatik des Machens.
Dieses Buch fordert Fehlerfreundlichkeit ein. Es will HR aus der Zuschauerrolle holen. Es zeigt, wie ein Feld sich neu ordnet – zwischen empirischer Tradition (Lazarsfeld) und algorithmischer Zukunft (KI).
Zukunft geschieht nicht in Konzeptpapieren. Sie beginnt im Gespräch. Und manchmal schon in der sechzehnten Sekunde einer Aufnahme.
Im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin vollzieht das cnetz an diesem Wochenende einen Kurswechsel – programmatisch wie stilistisch. Zum Auftakt der Jahreshauptversammlung kündigte Sprecher Prof. Jörg Müller-Lietzkow an, das Netzwerk wolle „wieder lauter“ werden, sich stärker einmischen und einen eigenen Sound in der Digitalpolitik etablieren. Netzpolitik, so seine Botschaft, sei die Debatte von gestern. Künftig gehe es um Digitalpolitik als Technologiepolitik – und darum, wie Deutschland seine digitale Infrastruktur, seine Souveränität und seine Innovationsfähigkeit neu ordnet.
cnetz will zurück in den Maschinenraum der Politik
Müller-Lietzkow ließ keinen Zweifel daran, dass sich das Netzwerk nach einer Phase relativer Funkstille neu positionieren will. Viele hätten in den vergangenen Jahren gefragt, warum man so wenig vom cnetz höre, erzählte er. Die Antwort: Die Zeit der leisen Hintergrundarbeit sei vorbei, nun solle aus dem Netzwerk wieder eine hörbare Stimme werden – auch dann, wenn dies in Berlin nicht jedem gefalle.
Der Anspruch ist hoch: Weg von Detailstreitigkeiten über Uploadfilter (schöne Grüße in Richtung von Axel Voss) oder einzelne Social-Media-Regeln, hin zu den großen Linien der Technologiepolitik – technologische Souveränität, digitale Infrastruktur, KI-Einsatz im Staat, europäische Plattform-Ökonomie. Der Begriff Netzpolitik wird von Müller-Lietzkow fast demonstrativ zur historischen Kategorie erklärt. Wer heute über Digitalisierung spreche, müsse in Systemen denken: Stack, Datenräume, Cloud, KI-Agenten, Genehmigungsprozesse.
„Ohne cnetz hätte es dieses Ministerium nicht gegeben“
Der zweite Schwerpunkt des Tages: die Rolle des cnetz beim Aufbau des neuen Bundesministeriums für Digitales und Staatsmodernisierung. Thomas Jarzombek, Parlamentarischer Staatssekretär im Haus von Kersten Wildberger, zeichnete die Linie explizit nach.
Er würdigte das Netzwerk als „Stachel im Fleisch“ der Union: Ohne den kontinuierlichen Druck und die inhaltlichen Impulse aus dem cnetz, so Jarzombek, hätte es das eigenständige Digitalministerium in dieser Form nicht gegeben. Das sei mehr als eine Höflichkeitsfloskel – Jarzombek verwies auf die lange gemeinsame Vorgeschichte: vom frühen „digitalpolitischen Verein“ bis zu Strategiedebatten in der Merkel-Ära.
Mit dem neuen Ministerium verbinde sich nun ein Paradigmenwechsel: weg von verstreuten Zuständigkeiten und blockierenden Ressort-Egoismen, hin zu einer Instanz, die Standards setzen, IT-Projekte bündeln und Prioritäten definieren könne.
Der Deutschland-Stack als digitale Grundinfrastruktur
Den inhaltlichen Kern seiner Rede widmete Jarzombek dem „Deutschland-Stack“ – einer digitalen Grundinfrastruktur für Verwaltung und Wirtschaft. Ziel sei es, eine durchgängige Architektur zu schaffen, in der zentrale Prinzipien wie „APIs first“, Wiederverwendung von Komponenten, einheitliche Datenformate und Portabilität von Anfang an mitgedacht würden.
Drei Elemente hob er besonders hervor:
E-Wallet für digitale Identitäten: Die bisherige eID auf dem Personalausweis werde von einer alltagstauglichen Wallet abgelöst, die Bürgerinnen und Bürger für Verwaltungsprozesse ebenso nutzen könnten wie Unternehmen für Authentifizierung und Signaturen. Die Nutzung soll niedrigschwelliger werden – aber technisch so robust, dass Verwaltung und Wirtschaft darauf aufbauen können.
Registermodernisierung: Anstatt Bürger und Unternehmen immer wieder die gleichen Daten beizubringen, sollen Register miteinander sprechen. Anträge – vom BAföG bis zu Fachverfahren in der Verwaltung – sollen künftig automatisiert prüfen können, ob die Voraussetzungen erfüllt sind.
KI-gestützte Großvorhabensteuerung: Als Schaufensterprojekt nannte Jarzombek die geplante Genehmigungsplattform, die mit Hilfe von KI-Agenten Großprojekte wie Brücken, Bahntrassen, Stromtrassen oder die Wasserstoff-Infrastruktur begleitet. Heute dauerten Planfeststellungsverfahren fünf bis acht Jahre – die erste Version der Plattform solle diese Zeit perspektivisch halbieren.
KI-Agenten gegen den deutschen Genehmigungsstau
Besonders konkret wurde Jarzombek bei der Genehmigungsplattform. Über 100 Millionen Euro stelle der Bund bereit, um im Wettbewerb Lösungen zu entwickeln, die ganze Genehmigungsprozesse Ende-zu-Ende digital abbilden.
Antragsunterlagen mit bis zu 20 Aktenordnern sollen zunächst automatisiert auf Vollständigkeit und Widersprüche geprüft werden. Die Plattform markiert den Sachbearbeitern, wo Gutachten und Antragsbestandteile nicht zusammenpassen – allein dieser Schritt könne mehrere Monate Verfahren sparen.
Noch deutlicher wird das Potenzial bei der Bürgerbeteiligung: Tausende oder gar Hunderttausende Einwendungen, bislang als Papierflut in die Behörden getragen, könnten in wenigen Stunden digital erfasst, clustert und nach Argumentationsmustern strukturiert werden. Das System liefert nicht nur eine Übersicht, welche Argumente wie oft vorgebracht werden, sondern auch Vorlagen für die juristische Auswertung und eine automatische Generierung des Planfeststellungsbeschlusses.
Das Versprechen ist ambitioniert: Der deutsche Genehmigungsstau soll nicht länger mit mehr Personal, sondern mit mehr Algorithmus bekämpft werden – ohne die politische Verantwortung aus der Hand zu geben.
Sonderwege unter Druck
Jarzombek kündigte einen Zustimmungsvorbehalt an: Künftig sollen alle Ressorts ihre großen IT-Projekte beim Digitalministerium anmelden und abstimmen müssen.
Die Logik dahinter: Statt unterschiedlich gestrickter Fachverfahren, Portale und Plattformen sollen wiederverwendbare Bausteine entstehen, die bundesweit funktionieren.
In der Diskussion klang durch, was kaum jemand offen ausspricht: Wer sich dem Stack entzieht, riskiert, technologisch und organisatorisch abgehängt zu werden.
Digitale Souveränität: mehr als Symbolpolitik
Ein weiterer roter Faden der Tagung in der CDU-Bundesgeschäftsstelle war die Frage nach digitaler Souveränität. Jarzombek beschrieb, wie sehr Deutschland und Europa von US-Cloud-Anbietern und Plattformen abhängig seien – und wie schwer es europäischen Herausforderern falle, in öffentlichen Ausschreibungen überhaupt als ernsthafte Option wahrgenommen zu werden.
Die Devise: keine Abschottung, kein plumper Protektionismus, aber eine bewusste Stärkung europäischer Anbieter und Architekturen. Das Wirtschaftsargument liegt auf der Hand: Wenn Wertschöpfung künftig vor allem über Software und Services statt über Hardware erzielt wird, entscheidet die Plattformfrage über künftigen Wohlstand.
Dazu gehört auch, Regulierung so zu gestalten, dass sie Innovation ermöglicht statt verhindert – etwa über den „Digital Omnibus“, mit dem Datenschutz- und KI-Regeln für kleine und mittlere Unternehmen handhabbarer werden sollen.
Ein Netzwerk meldet sich zurück
Am Ende steht ein doppeltes Signal: Das cnetz meldet sich als politischer Akteur zurück – mit dem Anspruch, technologiepolitische Debatten nicht nur zu kommentieren, sondern aktiv zu prägen. Und das Digitalministerium setzt mit Deutschland-Stack, Genehmigungsplattform und E-Wallet eine Agenda, die deutlich über Symbolpolitik hinausgeht.
Für Unternehmen, Verwaltungen und Länder bedeutet das: Die Komfortzone der „Pilotprojekte“ ist vorbei. Wer jetzt nicht beginnt, sich in diese Architektur einzufügen – technisch, organisatorisch und mental –, wird sich in wenigen Jahren in einer Parallelwelt wiederfinden, in der alte Sonderwege sehr realen Standortnachteil bedeuten.
Der neue Sound, den cnetz für sich reklamiert, ist damit zugleich ein Stresstest für die digitale Republik: Ob aus den wohlklingenden Ankündigungen belastbare Infrastruktur wird, entscheidet sich nicht in Talkrunden, sondern in Vergabestellen, Fachverfahren und Genehmigungsbehörden – genau dort, wo der Deutschland-Stack ansetzen soll.
Im Adenauerhaus in Berlin, der Zentrale der Christlich-Demokratischen Union, wo gewöhnlich über Parteiprogramme, Wahlstrategien und Zukunftskoalitionen gesprochen wird, klang an diesem Tag etwas anderes: Zukunft als Arbeitssystem, nicht als Schlagwort. Dominic von Proeck, Gründer von Leaders of AI, trat dort auf der Jahresversammlung des cnetz auf – jener Initiative, die seit Jahren versucht, digitale Vernunft mit politischem Gestaltungswillen zu verbinden.
Proeck sprach nicht über die nächste App, sondern über die nächste Organisationsform. Über ein Unternehmen mit zehn Menschen und mehr als fünfzig KI-Assistenten, die eigene Namen, Rollen und Zuständigkeiten tragen. Über einen digitalen Vorgesetzten, der andere KIs steuert. Über eine Arbeitsteilung, in der Maschinen nicht mehr bloße Werkzeuge sind, sondern strukturierte Mitspieler. „Prompting ist sowas von 2024“, sagte er. „Unsere KIs prompten sich längst selbst.“
Man kann das als Übertreibung lesen – oder als Versuch, die Gegenwart beim Schopf zu packen. Denn was Proeck vorführt, ist kein technischer Exzess, sondern ein ökonomisches Experiment: Wie lässt sich Wertschöpfung denken, wenn menschliche und maschinelle Intelligenz ineinander greifen?
Europa hat die Erzählung von der KI lange verschlafen. Während Amerika Plattformen baute und Asien Produktionsketten perfektionierte, diskutierte man hier über Regulierung und Risiko. Der Auftritt im Adenauerhaus zeigte, dass sich das Blatt wenden kann – wenn man begreift, dass Souveränität nicht im Verzicht liegt, sondern im Verständnis.
Proeck nutzt keine amerikanischen Modelle mehr, sondern europäische und deutsche Systeme – nicht aus Ideologie, sondern aus Pragmatismus. Er will die Wertschöpfung dorthin holen, wo sie politisch, kulturell und ökonomisch verankert werden kann: nach Europa. Das Ziel ist nicht, alles selbst zu entwickeln, sondern das Entscheidende zu behalten – Daten, Wissen, Prozesse. Wertschöpfung entsteht dort, wo Kompetenz und Kontrolle zusammenfallen.
In diesem Sinn ist sein Ansatz fast ordoliberal: Die Regeln, nicht die Player, sichern die Freiheit. Seine KI-Belegschaft arbeitet nach einem Prinzip, das an die soziale Marktwirtschaft erinnert – Kooperation unter klaren Bedingungen. Die Künstliche Intelligenz wird nicht zum Gegner des Menschen, sondern zu seinem produktiven Gegenüber.
Dass Proeck seinen Vortrag im Adenauerhaus hielt, ist symbolisch: Dort, wo einst über den Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder gesprochen wurde, geht es heute um den Wiederaufbau einer digitalen Selbstständigkeit. Wenn Deutschland und Europa zum „KI-Anwendungsweltmeister“ werden wollen, dann nicht durch technologische Selbstüberschätzung, sondern durch institutionelle Klugheit. Wir müssen nicht alles erfinden, aber wir müssen wissen, was wir tun – und wem wir dienen, wenn wir es tun.
Proecks Modell ist dabei mehr als eine technische Spielerei. Es ist der Versuch, die alte Logik des „Arbeitnehmers“ und „Arbeitgebers“ in eine neue Dialektik von Mensch und Maschine zu überführen. Nicht Entlastung durch Automatisierung, sondern Erweiterung durch Kooperation.
Das ist die eigentliche Pointe seines Auftritts: Die Zukunft wird nicht von jenen gestaltet, die Künstliche Intelligenz programmieren, sondern von denen, die sie integrieren. Vom Mut, diese Systeme als Mitdenkende zu behandeln, hängt ab, ob Europa ein Akteur oder ein Zulieferer bleibt.
So endet dieser Berliner Nachmittag mit einem Satz, der weniger nach Technik als nach Verantwortung klingt: „Wir brauchen keine KI, die uns ersetzt“, sagt Proeck. „Wir brauchen eine, die mit uns arbeitet.“
Man könnte hinzufügen: Wir brauchen eine Gesellschaft, die versteht, dass das eine politische Aufgabe ist – keine technische. Denn die Arbeitsteilung der Intelligenz entscheidet über nichts Geringeres als über die Zukunft unserer Wirtschaft.
Neulich, irgendwo zwischen Podiumsdiskussion und Pressemitteilung, ist sie mir wieder begegnet: DIE ZIVILGESELLSCHAFT. In Großbuchstaben natürlich, wie es sich für eine höhere moralische Instanz gehört. „Die Zivilgesellschaft fordert…“, „Die Zivilgesellschaft lässt nicht locker…“, „Die Zivilgesellschaft wird das nicht hinnehmen…“
Man fragt sich unweigerlich: Wer ist diese Person? Wo wohnt sie? Und vor allem: Hat sie eigentlich gefragt, ob ich zu ihr gehören will?
Wenn man genau hinschaut, tritt die Zivilgesellschaft meistens in freier Wildbahn in Gestalt eines Menschen mit Mikrofon auf, der ungefähr Folgendes sagt: „Die Zivilgesellschaft akzeptiert das nicht.“
Übersetzung: „Ich hätte das gern anders, und es klingt beeindruckender, wenn ich behaupte, alle stünden hinter mir.“
Das majestätische Wir der Wohlmeinenden
Früher gab es Könige, die sagten „Wir, von Gottes Gnaden“. Heute gibt es Sprecher*innen der Zivilgesellschaft, die sagen „Wir als Zivilgesellschaft“. Der Trick ist der gleiche: Man erhebt das eigene Interesse zur allgemeingültigen Wahrheit.
Warum „Ich will X“ sagen, wenn „Die Zivilgesellschaft fordert X“ doch gleich nach Verfassung, Grundgesetz und UNO-Resolution klingt? „Ich habe eine Meinung“ ist halt weniger sexy als „Die Zivilgesellschaft hat gesprochen“.
Dabei wäre ein wenig Ehrlichkeit so einfach:
Statt: „Die Zivilgesellschaft fordert mehr Beteiligung.“ Einfach: „Ich möchte bei mehr Dingen mitreden.“
Statt: „Die Zivilgesellschaft duldet keinen Rechtsruck.“ Ehrlicher: „Ich habe Angst vor bestimmten politischen Entwicklungen und will, dass ihr meiner Position zustimmt.“
Statt: „Die Zivilgesellschaft braucht bessere Rahmenbedingungen.“ Wäre auch möglich: „Mein Verein hätte gern mehr Geld und weniger Stress.“
Aber nein. Es muss immer die große Bühne sein. Man sagt ja auch nicht „Mein kleiner Förderantrag will bewilligt werden“, sondern „Die Zivilgesellschaft braucht Ressourcen“.
Ross, Reiter und ein sehr nervöses Ich
Interessant ist, wie panisch die Zivilgesellschaft wird, sobald jemand nachfragt: „Wer genau ist denn hier die Zivilgesellschaft? Wie viele Leute? Welche Gruppen? Welche Interessen?“
Dann wird es schnell neblig:
„Naja, ehrenamtlich Engagierte.“
„NGOs.“
„Menschen, die sich einsetzen.“
„Alle, die guten Willens sind.“
Also im Grunde: jede*r, der sich spontan angesprochen fühlt. Oder anders: Die Zivilgesellschaft ist der Joker, den man zieht, wenn man keine Lust hat, die eigenen Interessen klar zu benennen. „Ich“ ist ja so wahnsinnig unhandlich. Da muss man sich erklären: Wer bin ich, was will ich, warum profitiere ich davon? Viel zu konkret.
„Die Zivilgesellschaft“ dagegen schwebt über allem. Sie ist immer auf der richtigen Seite. Die Zivilgesellschaft ist nie kleinlich, nie egoistisch, nie genervt, nie erschöpft. Und schon gar nicht widersprüchlich. Obwohl sie in Wahrheit aus Menschen besteht, die all das selbstverständlich sind.
Die moralische Superflatrate
„Im Namen der Zivilgesellschaft“ lässt sich besonders gut schimpfen. Das ist so eine Art moralische Flatrate:
Wenn man empört ist: „Die Zivilgesellschaft ist entsetzt.“
Wenn man beleidigt ist: „Die Zivilgesellschaft fühlt sich übergangen.“
Wenn man noch ein bisschen Öffentlichkeit braucht: „Die Zivilgesellschaft wird weiter Druck machen.“
„Ich bin entsetzt“ könnte ja eventuell als persönliche Befindlichkeit durchgehen. „Die Zivilgesellschaft ist entsetzt“ klingt dagegen nach Staatsaffäre, Untersuchungsausschuss und Notfallsitzung in Brüssel.
Nebenbei hat es auch etwas ungemein Praktisches: Wenn die „Zivilgesellschaft“ spricht, muss niemand Verantwortlichkeit übernehmen. Sollten sich später herausstellen, dass die Forderung vielleicht doch nicht so brillant war – tja, Pech. Dann hat halt „die Zivilgesellschaft“ falsch gelegen. Wer genau? Ach, schauen Sie, ein Vogel!
Zivilgesellschaftliches Genöhle
Hinzu kommt dieses eigentümliche Tonfall-Set, das an „zivilgesellschaftliche Intervention“ gekoppelt ist. Es klingt immer ein bisschen nach:
enttäuschter Elternsprechtag,
leichter moralischer Oberlehrerei
und einer Prise passiv-aggressiver Pädagogik.
„Die Zivilgesellschaft ist irritiert.“ Natürlich ist sie das. Die Zivilgesellschaft ist IMMER irritiert. Sie hat einen Dauer-Irritationslevel von 7 auf 10, mindestens. Sonst käme sie ja gar nicht dazu, ständig Forderungen zu formulieren.
Dazu kommt dieses Grundrauschen des Genöhles: „Wir als Zivilgesellschaft werden nicht weiter hinnehmen, dass…“ „Es kann nicht sein, dass die Zivilgesellschaft…“ „Die Zivilgesellschaft fühlt sich nicht ausreichend eingebunden…“
Vielleicht bin ja nur ich es, aber langsam klingt das wie ein Chor aus sehr engagierten, sehr erschöpften Menschen, die aber um Himmels willen nicht zugeben wollen, dass sie in erster Linie für sich selbst sprechen. Weil das ja irgendwie egoistisch wäre. Oder banal. Oder beides.
Sagt doch einfach „Ich“
Dabei wäre die Lösung radikal schlicht: Sagt doch einfach „Ich“.
„Ich will, dass mein Verein mehr Geld bekommt.“
„Ich will, dass diese Regel geändert wird, weil sie mir schadet.“
„Ich will, dass meine Werte in der Politik stärker vertreten sind.“
Das wäre transparent. Greifbar. Man könnte darüber reden, verhandeln, widersprechen. Man könnte sagen: „Okay, du willst X, ich will Y, wie kommen wir da zusammen?“ Man könnte Interessen benennen, Ross und Reiter.
Stattdessen wird so getan, als spreche man für einen unsichtbaren, aber moralisch unanfechtbaren Massenkörper, der alles legitimiert, was man selber gerne hätte.
Die Zivilgesellschaft als Schminkspiegel
Am Ende ist „die Zivilgesellschaft“ oft nur ein hübscher Schminkspiegel für das eigene Ego: Man schaut hinein, sagt „Wir“, und sieht sich selbst, aber mit Heiligenschein.
Vielleicht wäre das ehrlichere Statement:
„Ich bin ein Mensch mit Interessen und Überzeugungen. Ich hätte gern, dass ihr mir zuhört. Und ja, ich weiß, dass ich nicht ‚die Gesellschaft‘ bin, sondern nur ein Teil davon.“
Das klingt weniger feierlich, aber deutlich sympathischer als das zivilgesellschaftliche Dauerpathos.
Bis dahin werden wir wohl weiterhin damit leben müssen, dass auf jedem Podium, in jeder Talkshow und in jeder zweiten Pressemitteilung regelmäßig verkündet wird, was die Zivilgesellschaft angeblich so denkt, fühlt und fordert.
Ich für meinen Teil erkläre hiermit feierlich: Ich bin gerade einfach nur genervt. Nicht „die Zivilgesellschaft“. Nur ich.
Wenn Michael Krüger in seinem Bonner Vortrag plötzlich von Paul Scheerbart spricht, wirkt das zunächst wie ein Seitensprung – weg von den bekannten Namen der Lyrik, hin zu einem heute randständigen Exzentriker. In Wahrheit markiert Scheerbart in Krügers Argumentation eine Bruchstelle: an ihm lässt sich exemplarisch zeigen, wie früh die deutsche Literatur sich auf die Suche nach dem Neuen gemacht hat – und wie vollständig solche Versuche wieder aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden konnten.
Krüger erinnert daran, dass ausgerechnet ein Gedichtband von Scheerbart am Anfang der Geschichte des Rowohlt-Verlags steht: jenes schmale Buch, in dem der heute kaum mehr zitierbare, aber präzise zündende Satz steht: „Charakter ist nur Eigensinn, es lebe die Zigeunerin.“pdfKrüger Lesung final In dieser Mischung aus trotzigem Individualismus und anstößiger Leichtfertigkeit steckt bereits vieles, was Scheerbarts Schreiben ausmacht: die Absage an moralische Schwere, der Eigensinn als produktives Prinzip, die Lust, das Bürgerliche durch eine kleine Verschiebung ins Lächerliche zu ziehen.
Ende des 19. Jahrhunderts gehörte Scheerbart zu den wenigen Künstlern, die sich nicht mit der Verschönerung des Bestehenden begnügten, sondern nach neuen Welten suchten. In seinem ersten Buch „Das Paradies. Die Heimat der Kunst“ ist diese Bewegung bereits spürbar: Kunst nicht als Dekoration der Gegenwart, sondern als Probeaufenthalt in anderen Möglichkeitsräumen. „Phantastik“ nannte Scheerbart sein Programm – und gründete 1892 den „Verlag deutscher Phantasten“, ein kühnes, zugleich rührend kleines Unternehmen der ästhetischen Zukunftsspekulation. Dort erschien, neben einem eigenen Bändchen (das der Referent bedauernd nicht im Besitz hat), Albert Girauds Gedichtzyklus „Pierrot Lunaire“ in deutscher Übersetzung – jener Text, den Arnold Schönberg später in Musik sprengte. Ein verlegerisches Wagnis mit, wie Krüger sagen würde, „geringer Halbwertzeit“ im Markt, aber enormer Reichweite im ästhetischen Untergrund.
In Krügers Schilderung tritt Scheerbart noch einmal als Figur der Moderne auf, bevor diese sich selbst kanonisiert: ein Dichter unter wenigen, die sich gegen den Ersten Weltkrieg stellten, der Erfinder der Glasarchitektur, der von lichtdurchlässigen Städten träumte, während er in bitterer Armut lebte. Seine Erstausgaben, erzählt Krüger, seien heute gesuchte Kostbarkeiten; drei davon habe er selbst besessen, bis der Judaist und Philosoph Gershom Scholem sie ihm in München „herausgeredet“ und nach Jerusalem getragen habe – in die Bibliothek, wo sie nun hoffentlich ein paar Leser mehr finden als zu Lebzeiten ihres Autors.pdfKrüger Lesung final
Dieser kleine Exkurs zu Scheerbart ist bei Krüger mehr als eine bibliophile Anekdote. In ihm bündeln sich mehrere Linien: die frühe Allianz von Lyrik, Phantastik und Utopie; die kurze Phase, in der Verlage wie Rowohlt bereit waren, ihr Profil mit riskanten Gedichtbänden zu beginnen; und schließlich das fast vollständige Verschwinden solcher Autoren und Programme aus der heutigen Wahrnehmung. Scheerbart steht damit genau an jener Stelle, die Krügers Buch interessiert: zwischen später Ruhmbehauptung und frühzeitiger Vergessenheit. Seine „Phantastik“ erscheint rückblickend weniger als Randgattung, denn als vorweggenommene Form dessen, was Literatur im 20. Jahrhundert immer wieder versucht hat: aus der Enge der Verhältnisse durch sprachliche Erfindung auszubrechen – auch um den Preis einer verlegerischen Bilanz mit „geringer Halbwertzeit“.
DIE ANDERE SEITE. PHANTASTIK – Streifzüge durch eine besondere Bücherwelt mit Uwe Appelbe und Andreas Fieberg: Teil 3: Lamettaspuk – Phantastisches für den Gabentisch
Was hat die Phantastik an Lesestoff zu bieten im Spannungsfeld zwischen Tradition und Avantgarde?
Für manche sind unheimliche Erzählungen und Geistergeschichten nicht totzukriegen, für andere sind sie Schnee von gestern. Dabei erinnert uns die jahreszeitlich zunehmende Dunkelheit daran, dass sich Jenseitiges, Wundersames und Übernatürliches auch in moderne Zeitenläufe einmischen kann.
Anhand höchst unterhaltsamer Paradebeispiele wird an diesem phantastischen Abend das weite Feld zwischen Geister- und Dämonenbeschwörung, Wahn und Parodie durchwandert. Dabei steht weniger die fachliche Seite als vielmehr der vor- und nachweihnachtliche Lesegenuss im Vordergrund. Zur Sprache kommen diesmal die Autorinnen und Autoren Robert Aickman, Eugen Egner, Lars Gustafsson, Susan Hill, Steve Rosnic Tem, Roland Topor und Edith Wharton.
Ja, es ist tragisch. Geradezu herzzerreißend. In einem Autohaus mit Bonner Postleitzahl, diesem Tempel der Servicedienstleistung, reißt – symbolisch und buchstäblich – eine Achsmanschette. Ein Riss, fein, präzise, schmal wie das Lächeln eines Serviceberaters, der dir erklärt, dass das alles äußere Einwirkung war. Ein Stein vielleicht. Oder ein Marder. Man weiß es nicht. Man will es auch nicht wissen.
Es ist das perfekte Sinnbild: Die deutsche Ingenieursseele, dieser Mythos aus Präzision, Zuverlässigkeit, Perfektion – geplatzt. Ein dünner Schnitt im Gummi, und schon quillt das Fett der Wirklichkeit heraus.
Und was tut der Konzerngeist, dieser wohltemperierte Technokrat? Er diagnostiziert: Fremdeinwirkung. Ein Fremder also, immer der Andere. Der Kunde, der Marder, der Stein, das Schicksal. Nie das eigene Material, nie die eigene Methode.
Die Manager der großen Automarken – Titanen der Selbstgewissheit – jammern unterdessen in ihren Konferenzräumen. Sie sprechen von Transformation, meinen aber nur Überleben in der eigenen Nostalgie. Sie rufen nach dem Staat, nach Schutz, nach Milliarden. Nach einem neuen Mythos, der sie vor der Realität bewahrt.
Und während draußen die Welt längst elektrisch, vernetzt und datengetrieben rollt, hängen sie fest – mit ölverschmierten Händen am Getriebe einer Vergangenheit, die sie selbst gebaut, gepriesen, verkauft haben.
Das Drama entfaltet sich in Kleinformaten: Eine geborstene Manschette wird zur Metapher für die ganze Branche. Eine Firma, die einst globale Maßstäbe setzte, kann heute nicht mehr zwischen Materialfehler und Marderbiss unterscheiden. Vernetzung? Nur im WLAN der Kantine. Digitalisierung? Ein PowerPoint-Thema für den nächsten Strategie-Workshop.
Der Kunde, dieser lästige Restposten der Moderne, wird freundlich abgefertigt, zwischen Latte Macchiato und Servicenummer, mit einem „leider keine Kulanz“, diesem sanften Dolchstoß der höflichen Bürokratie.
Und irgendwo in Bonn, in einer Werkstatt, glänzt das Fett einer gerissenen Achsmanschette im Licht der Neonröhren. Ein kleines, klebriges Symbol für das große Drama: Deutschland, Land der Dichter, Denker und Dauer-Reklamierer, hat die Verbindung zwischen Vision und Wirklichkeit verloren.
Vernetzungsinkompetenz als Staatskunst. Materialversagen als Managementprinzip. Der Riss im Gummi – ein Riss im Selbstverständnis.
Und am Ende steht der Kunde, mit einem Kostenvoranschlag in der Hand und der Erkenntnis: Die wahre Fremdeinwirkung kommt von innen.
2017 habe ich im prmagazin über Content Factorys geschrieben – über Daimler, über die Rolle von Unternehmen als eigene Medien und über ein Interview mit Sascha Pallenberg, der damals schon mahnte: Wer seine Kommunikation zu sehr an fremde Plattformen delegiert, baut sein Haus auf gemieteten Grundstücken. Das war 2017. Acht Jahre später ist diese Warnung nicht nur aktueller, sondern dringlicher geworden.
Wir regen uns heute über „Tech-Broligarchen“ auf, über Musk, Meta, TikTok, über algorithmische Willkür und plötzliche Reichweitenabstürze. Aber die wichtigste Konsequenz daraus wird in vielen Organisationen immer noch nicht gezogen: Sie müssten viel radikaler in eigene Medienpräsenz investieren.
Nicht die Hoffnung auf Mastodon, Fediverse & Co. wird uns retten, sondern die Rückbesinnung auf etwas, das fast altmodisch wirkt: eigene digitale Orte mit eigener Handschrift.
Von der Plattform-Euphorie zur Plattform-Ernüchterung
Die 2010er waren das Jahrzehnt der Plattform-Euphorie:
Neue Kanäle wurden reflexartig bespielt: „Wir müssen da jetzt auch hin!“
Kommunikationsstrategien wurden um KPIs gebaut, die Plattformen freundlicherweise gleich mitlieferten.
Erfolg wurde in Followern, Likes und „Engagement“ gemessen – nicht in nachhaltig aufgebauten Beziehungen.
Genau hier setzte Pallenberg 2017 an: Plattformen sind nützlich, aber sie gehören anderen. Ihr Geschäftsmodell ist nicht, dass Unternehmen dort in Ruhe vertrauensvolle Öffentlichkeit pflegen können – ihr Geschäftsmodell ist die Maximierung von Aufmerksamkeit, Daten und Werbeeinnahmen.
2025 sehen wir das Ergebnis dieser Schieflage:
Reichweitenabstürze: Was gestern „organisch“ lief, ertrinkt heute ohne Mediabudget.
Algorithmische Blackbox: Kein Mensch versteht mehr, warum welcher Beitrag fliegt oder stirbt.
Moderationsrisiken: Accounts werden gesperrt, Regeln geändert, Prioritäten verschoben – ohne verlässliche Ankündigung.
Content-Smog: KI-generierte Massenware flutet die Feeds, gute Inhalte gehen im Rauschen unter.
Der spontane Reflex vieler Digitalmenschen lautet: „Dann eben Fediverse, Mastodon, Bluesky – weg von den großen Tech-Broligarchen!“ Das ist nachvollziehbar, aber strategisch zu kurz gesprungen.
Fediverse ist Infrastruktur – nicht Heilsversprechen
Das Fediverse ist sympathisch: dezentral, föderiert, offener Standard statt geschlossene Silos. Für Journalist:innen, Aktivist:innen und digitale Zivilgesellschaft ist das ein essenzieller Raum.
Aber aus Sicht von Organisationen ist das Fediverse:
eine weitere Distributionsschicht,
ein weiterer Kontaktpunkt,
nicht die Antwort auf die Frage: Wo ist unser eigenes Zuhause im Netz?
Denn auch im Fediverse kann Instanz A dichtmachen, Instanz B sich spalten und Instanz C moderationspolitisch abdriften. Die Probleme sind andere als bei den großen Plattformen – aber es bleiben Abhängigkeiten.
Die zentrale strategische Frage lautet deshalb nicht:
„TwitterX oder Mastodon?“
sondern:
„Was ist unser eigener, stabiler Referenzpunkt im Netz – und wie spielen wir von dort aus in alle relevanten Umgebungen hinein?“
Owned Media: Der unterschätzte Kern der digitalen Strategie
Die Antwort ist unspektakulär und gerade deshalb so leicht zu verdrängen: Owned Media – eigene Medienpräsenz unter eigener Adresse.
Das ist der Bereich, in dem Organisationen tatsächlich souverän sind:
Technisch: Die Domain gehört euch, das System gehört euch (oder ist zumindest sauber an euch gebunden).
Inhaltlich: Ihr entscheidet über Tonalität, Länge, Tiefe, Rhythmus.
Beziehungsmäßig: Ihr könnt direkte, möglichst datensparsame, aber stabile Beziehungen aufbauen – ohne dass ein Dritter den Kontakt jederzeit abdrehen kann.
Social Media, ob zentralisiert oder föderiert, wird damit zu dem, was es eigentlich immer hätte sein sollen: Verteiler, Verstärker, Dialograum – aber nicht das Archiv, nicht das Gedächtnis und nicht der primäre Wertschöpfungsort.
Von Posts zu Formaten: Was bleibt, wenn der Feed weitergezogen ist?
Plattformen denken in Posts, Clips, Snippets. Owned Media denkt in Formaten:
eine wiederkehrende Kolumne,
eine Interviewserie mit Expert:innen,
ein Themen-Dossier, das über Jahre aktualisiert wird,
ein Deep-Dive-Podcast zu einem Fachgebiet,
ein kommentierter Newsletter statt einer Presseschau im Feed.
Diese Formate haben eine längere Halbwertszeit als jeder Trend-Hashtag. Sie lassen sich in Social Media anspielen – aber sie leben nicht in Social Media.
Die Plattformen sind damit so etwas wie der belebte Marktplatz der Stadt. Owned Media ist die Bibliothek, die Redaktion, das Studio.
Persönliche Medien als Prototype: Ichsgamal.com & Co.
Ein Blog wie ichsgamal.com funktioniert, weil es:
eine erkennbare Stimme hat,
nicht von der Tageslaune eines Algorithmus abhängt,
Inhalte über die Jahre auffindbar macht,
und dadurch eine Art „Langzeit-Gespräch“ mit dem Publikum ermöglicht.
Überträgt man dieses Prinzip auf Organisationen, wird klar, wie defizitär viele Corporate-Auftritte noch sind:
Corporate Blogs versanden als Newsroom-Ablage.
Expert:innen tauchen nur als Zitatgeber in Pressetexten auf.
Storytelling findet vor allem in Plattform-spezifischen Formaten statt, statt auf eigenen Bühnen.
Dabei wäre die Blaupause relativ simpel: Organisationen brauchen ihr eigenes Magazin, in dem Menschen aus dem Unternehmen unter eigenem Namen schreiben, erklären, streiten, erklären, einordnen. Social Media verweist dorthin – nicht umgekehrt.
KI, synthetische Influencer und die nächste Vertrauenskrise
Die nächsten Jahre werden das Problem eher verschärfen als lösen:
Generative KI senkt die Kosten der Content-Produktion weiter gegen Null.
Synthetische Influencer und geskriptete „Persönlichkeiten“ werden Streams und Feeds bevölkern.
Plattformen werden zu immer volleren Mischungen aus Werbung, Empfehlung, Bot-Content und gut Gemeintem.
In dieser Umgebung wird Glaubwürdigkeit zur knappsten Ressource. Und Glaubwürdigkeit ist an Bedingungen geknüpft:
Eindeutige Absender – wer spricht da eigentlich?
Konsistenz – sind Haltung und Qualität über Jahre nachvollziehbar?
Auffindbare Orte – kann ich nachschauen, was vor drei Jahren gesagt wurde?
Wer diese Bedingungen nur in fremden Plattformökosystemen zu erfüllen versucht, macht sich angreifbar. Wer sie auf eigenen Präsenzen erfüllt, kann Plattformwechsel, Trends und Formatzyklen gelassener betrachten.
Owned Media ist damit nichts weniger als: Infrastruktur für Vertrauen in einer zunehmend synthetischen Öffentlichkeit.
Social Web neu sortiert: Satelliten um ein eigenes Zentrum
Wie könnte eine Kommunikationsarchitektur für die nächsten Jahre aussehen?
Im Zentrum: Die eigene Domain, das eigene Magazin, Blog, Portal. Dazu Newsletter, Podcasts, Video- oder Wissensformate.
Als Orbit: X, LinkedIn, Instagram, TikTok, YouTube, Mastodon, Bluesky etc. als Satelliten, die:
Aufmerksamkeit einsammeln,
Gespräche ermöglichen,
aber immer wieder zurück zum Zentrum verlinken.
Als Infrastruktur-Schicht: Offene Standards wie RSS, ActivityPub & Co. sorgen dafür, dass Inhalte verteilt werden können – aber klar ist: Die Quelle liegt bei euch.
Statt „Wir machen jetzt auch was auf Plattform X“ wäre die sinnvollere Denke:
„Wie zahlt Plattform X auf unser eigenes Medienhaus ein? Und wenn gar nicht: Müssen wir da wirklich sein?“
Fünf konkrete Schritte für die nächsten Jahre
Zum Abschluss fünf Schritte, die Organisationen jetzt gehen können – ohne auf die nächste Plattform-Revolution zu warten:
Medieninventur machen Auflisten, was es wirklich gibt: Domains, Blogs, Magazine, Newsletter, Podcasts, Social-Profile. Und dann markieren: Was gehört uns wirklich? Wo sind wir nur Mieter?
Einen echten Hub definieren Eine Domain, eine Startseite, ein Magazin, das inhaltlich ernst genommen wird – nicht als Pressetext-Friedhof, sondern als publizistisches Produkt.
Formate statt Ad-hoc-Content etablieren Wiederkehrende Reihen, Rubriken, Gastgeber:innen. Dinge, auf die man sich als Publikum verlassen kann. Plattform-spezifische Formate (Reels, Shorts, Threads) docken daran an, nicht umgekehrt.
Menschen sichtbar machen – mit Adresse Experten, Entwickler, Forscher schreiben und sprechen erkennbar. Ihre Inhalte haben eine feste Heimat auf eurer eigenen Präsenz – Social Media ist der Wegweiser dorthin.
Plattformstrategien an das Zentrum rückkoppeln Jede Aktivität auf fremden Plattformen sollte die Frage beantworten: Wie stärkt das unsere eigenen Medienpräsenzen, unsere eigenen Beziehungen, unsere eigene Datenbasis? Wenn die Antwort ausbleibt, ist es wahrscheinlich nur Aktivismus im Feed.
Sascha Pallenberg warnte 2017 im Gespräch davor, Kommunikation auf fremden Grundstücken zu bauen. Acht Jahre später ist klar: Wir haben diese Warnung verstanden – aber vielerorts noch nicht umgesetzt.
Die kommenden Jahre werden nicht einfacher: mehr Plattformen, mehr KI, mehr Lärm. Je lauter es draußen wird, desto wichtiger wird drinnen ein klarer, eigener Ort.
Die Zukunft liegt nicht im nächsten Netzwerk, sondern im eigenen.
Über Jahre lebte die deutsche Industrie von drei stillen Privilegien: relativ günstiger Energie, offener Globalisierung und einem besonderen Verhältnis zu China. Die Studie von KfW Research zeigt, wie sich diese Privilegien schrittweise verflüchtigt haben: Die Industrieproduktion liegt deutlich unter dem Höchststand von 2017, die Wertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe ist seit Jahren bestenfalls stagnierend, während andere Industrieländer vorbeiziehen. Deutsche Industrie am Scheidewe…
Weil der industrielle Anteil an Wertschöpfung und Beschäftigung in Deutschland höher ist als in den meisten Vergleichsländern, wirken diese Verschiebungen stärker in die gesamte Volkswirtschaft hinein, als es etwa in Frankreich oder den USA der Fall wäre. Deutsche Industrie am Scheidewe… Die Industrie ist nicht irgendein Sektor, sie ist das Tragegerüst. Wenn sie wankt, verschiebt sich der Schwerpunkt der ganzen wirtschaftlichen Architektur.
China: vom Absatzmarkt zum systemischen Wettbewerber – und möglichen Lehrmeister
Über Jahrzehnte war China Absatzmarkt, Kostenlokation und Konjunkturprogramm in einem. Nun nähert sich der chinesische Exportsektor dem deutschen in Struktur und Anspruch an – vom Maschinenbau bis zur Automobilindustrie. Die KfW zeigt, wie stark sich die Exportstruktur Chinas der deutschen angenähert hat; aus Ergänzung ist Überlappung geworden. pdfKfwPKIndustrie
Damit verschiebt sich die Beziehung: China ist nicht mehr das fernöstliche Nachfragewunder, das deutsche Wertschöpfung saugt, sondern ein Wettbewerber mit anderen Spielregeln – massiver staatlicher Unterstützung, Skalen, Tempo. Die KfW weist darauf hin, dass die chinesische Wirtschaftspolitik, gemessen an Subventionen und staatlicher Unterstützung, eine Größenordnung erreicht, die mit klassischen Lehrbuchmodellen von „freier Konkurrenz“ wenig zu tun hat. Deutsche Industrie am Scheidewe…
Wenn aber ein Land, das ein Drittel der globalen Industriegüter produziert, systematisch Industriepolitik betreibt, reicht „Laissez-faire“ nicht mehr, um im Spiel zu bleiben. Genau hier setzt der Gedanke der „Atempause“ an, den die KfW-Studie formuliert: Zölle und andere handelspolitische Instrumente sollen nicht als ideologisches Bekenntnis, sondern als temporäres Werkzeug verstanden werden, um Anpassungsprozesse zu ermöglichen und strategische Abhängigkeiten zu reduzieren. KfW Research zum Industriestand…
Gleichzeitig liegt eine zweite, unbequemere Botschaft in der Pressekonferenz: Von chinesischen Unternehmen lässt sich viel lernen – über Geschwindigkeit, über konsequente Skalierung, über die Integration von Elektronik, Software und Hardware in einem Produkt, über die Bereitschaft, neue Geschäftsmodelle aggressiv zu testen. Der reflexhafte Ruf nach Abschottung blendet genau diese Lernchancen aus.
Wenn der Sonderstatus schwindet: Lohnstückkosten und die Rückkehr der „banalen“ Standortfaktoren
Solange deutsche Unternehmen durch Technologie, Qualität und Reputation erhebliche Preismacht hatten, waren hohe Arbeitskosten und Steuern ökonomisch verkraftbar. Nun, da sich technologische Abstände verkürzen, treten Faktoren in den Vordergrund, die zuvor überstrahlt wurden. Die KfW-Zahlen zeigen: Deutschlands Lohnstückkosten und Unternehmenssteuern liegen im internationalen Vergleich im oberen Bereich, während Bürokratiebelastung und Regeldichte von den Unternehmen als zentrales Wettbewerbshemmnis genannt werden.
Dieser Befund ist inhaltlich banal und politisch explosiv. Denn Lohnstückkosten sind nicht bloß Löhne; sie sind Löhne im Verhältnis zur Produktivität. Sie reagieren auf Tarifstrukturen, Regulierung, Technologieeinsatz und Managementqualität. Wer sie allein als Problem „zu hoher Löhne“ interpretiert, verengt das Problem. Wer sie ignoriert, verkennt, dass im globalen Wettbewerb irgendwann die Rechnung präsentiert wird.
Wenn der Vorsprung in Technologie und Produktivität dünner wird und der Kostennachteil gleichzeitig wächst, entsteht eine gefährliche Schere. Genau in dieser Schere befindet sich die deutsche Industrie heute.
Schöpferische Zerstörung – oder: Was man sterben lässt, entscheidet mit, was wachsen kann
In der Pressekonferenz wird betont, dass das Alte schrumpfen und das Neue wachsen muss – und dass man schöpferische Zerstörung zulassen muss. pdfKfwPKIndustrie Das klingt hart, ist aber nichts anderes als die Einsicht, dass die Energiewende, der zweite China-Schock und der Umbau der Autoindustrie nicht ohne sektorale Schrumpfungsprozesse zu haben sind. Die energieintensive Produktion liegt deutlich unter Vorkrisenniveau und scheint sich auf einem neuen, niedrigeren Plateau einzupendeln. Deutsche Industrie am Scheidewe…
Die entscheidende Frage lautet daher nicht: „Wie verhindern wir Schrumpfung?“, sondern: „Wie organisieren wir sie so, dass Neues schnell und groß genug nachwächst?“ Wer jedes bestehende Geschäftsmodell politisch konserviert, blockiert die Ressourcen, aus denen die nächste industrielle Generation entstehen soll – Kapital, Arbeitskräfte, Managementaufmerksamkeit.
Daraus folgt eine unbequeme, aber strategisch zwingende Linie für die Wirtschaftspolitik: Unterstützung ja, aber mit klarem Verfallsdatum und mit Bedingungen, die Transformation erzwingen – etwa durch Investitions- und Dekarbonisierungsauflagen, durch Innovationsziele oder durch Standorteffizienzprogramme. Rettung ohne Umbau würde lediglich die Illusion des Alten verlängern.
KI: Anwenden statt Erfinden als strategische Spezialisierung
In der Diskussion wurde der Gedanke formuliert, dass Deutschland nicht notwendigerweise an der globalen Spitze der grundlagenorientierten KI-Entwicklung stehen muss, um dennoch massiv zu profitieren – der Schwerpunkt sollte auf Anwendung, nicht auf der Erfindung der Basistechnologie liegen.
Das ist keine Kapitulation, sondern eine Spezialisierungsstrategie. Wer versucht, gleichzeitig Weltspitze in Halbleitern, Foundation Models und industrieller Anwendung zu sein, wird an der Kapitalintensität dieses Anspruchs scheitern. Ein Land mit der Stärke in Präzisionsmaschinenbau, industrieller Prozessintegration und qualifizierter Facharbeit kann eine andere Wette eingehen: Die besten global verfügbaren KI-Systeme nehmen, sie tief in industrielle Prozesse, Produkte und Dienstleistungen einbauen – und genau dort Wettbewerbsvorsprünge schaffen.
Dafür ist weniger heroische Grundlagenforschung nötig als vielmehr eine radikale Erhöhung der Implementierungsgeschwindigkeit: rechtssichere Datenräume, schnellere Genehmigungen für Reallabore, steuerliche Anreize für Automatisierung und Softwareinvestitionen, eine Ausbildungsoffensive, die „KI im Betrieb“ zu einem Standardbestandteil technischer Berufe macht. In der Logik der Lohnstückkosten wäre KI dann kein Kostenfaktor, sondern eine Produktivitätsmaschine.
Wagniskapital, Start-ups und die fehlende europäische Tech-Börse
Die Kurzstudie zu Start-ups, die auf der Pressekonferenz vorgestellt wurde, zeigt, wie stark Wagniskapital als Beschäftigungsbooster wirkt: VC-finanzierte Start-ups wachsen bei der Mitarbeiterzahl im Schnitt mehr als doppelt so schnell wie vergleichbare Start-ups ohne Wagniskapital und mehr als viermal so schnell wie der klassische Mittelstand. KfW Research zum Industriestand…
Die Ironie liegt darin, dass ein erheblicher Teil des Wertzuwachses später im Ausland realisiert wird. Seit 2005 wurden knapp tausend VC-Exits in Deutschland erfasst; der mit Abstand wichtigste Exit-Kanal sind Unternehmensübernahmen – und in der Mehrheit der Fälle sitzt der Käufer nicht in Deutschland. KfW Research zum Industriestand…
Eine europäische Tech-Börse, wie sie in der Diskussion angedeutet wurde, ist in diesem Kontext kein Prestigeprojekt, sondern ein funktionales Element industrieller Souveränität. Solange die großen Technologie-Listings überwiegend in den USA stattfinden, bleibt die Wertschöpfung der „Champions von morgen“ kapitalmarktseitig dort verankert – mit allen Folgen für Governance, Regulierung und Reinvestitionen. Die KfW-Studie betont, wie wichtig ein leistungsfähiges Innovationsökosystem und besserer Zugang zu privatem Kapital sind, um Forschung, Start-ups und industrielle Transformation zu verzahnen. Deutsche Industrie am Scheidewe…
Eine solche Börse wäre nur dann glaubwürdig, wenn sie mit drei weiteren Entscheidungen einherginge:
Kapitalmarktunion ernst nehmen – harmonisierte Regeln, tiefere Liquidität, weniger Fragmentierung.
Anreize für Pensionskassen und Versicherer, stärker in Wachstumstitel und VC-Fonds zu investieren.
Steuerliche und regulatorische Entlastung von Mitarbeiterbeteiligungen, damit Fachkräfte tatsächlich an der Wertsteigerung „ihrer“ Unternehmen teilhaben.
Ohne diese Flankierung bliebe eine Tech-Börse eine leere Hülle.
Vom Fachkräftemangel zur Produktivitätsstrategie
Die KfW-Daten zeigen, dass Unternehmen den Fachkräftemangel als strukturelles Risiko wahrnehmen; viele planen, mangels Personal künftig Aufträge abzulehnen oder Produktion zu reduzieren. In einer alternden Gesellschaft ist das kein vorübergehendes Problem, sondern ein dauerhafter Engpass.
Die logische Antwort kann nicht darin bestehen, stets mehr Menschen in die gleichen Prozesse zu schieben. Die Antwort muss lauten: mehr Wertschöpfung pro Kopf. Das verbindet die Debatte über Lohnstückkosten mit der über KI und Digitalisierung: Ein hoch regulierter Arbeitsmarkt mit hohen Löhnen ist dann tragfähig, wenn Produktivitätssprünge kontinuierlich sind.
Strategisch gedacht, ist der Fachkräftemangel daher ein Zwang zur Modernisierung – oder er wird zu einem Wachstumsdeckel. Die Wahl liegt nicht zwischen „Automatisierung oder Beschäftigung“, sondern zwischen „Automatisierung und höherwertiger Beschäftigung“ auf der einen und „Kapazitätsverzicht und Deindustrialisierung“ auf der anderen Seite.
Industriepolitik als Navigation, nicht als Ersatzmarkt
Die KfW-Studie argumentiert, dass es in der aktuellen Gemengelage Gründe gibt, den Anpassungsprozess der Industrie wirtschaftspolitisch zu begleiten – nicht zuletzt, weil andere große Akteure das Spielfeld bereits mit Interventionen neu gezeichnet haben. Deutsche Industrie am Scheidewe…
Entscheidend ist, wie man Industriepolitik versteht. Sie kann zur Ersatzreligion degenerieren, in der der Staat versucht, die Rolle des Marktes zu übernehmen – und dabei regelmäßig danebenliegt. Oder sie kann als Navigationshilfe fungieren, die klare Leitplanken setzt:
Infrastruktur und Energie: schnellere Netze, mehr erneuerbare Kapazitäten, temporäre, klar befristete Entlastung bei Energiekosten, wie es die KfW vorschlägt, um energieintensive Unternehmen zu halten, während die Infrastruktur ausgebaut wird.
Regulatorische Entschlackung: systematischer Abbau von Bürokratie, Standardisierung von Verfahren, digitale Verwaltung – nicht als kosmetische Projekte, sondern als messbare Entlastung mit jährlichen Zielen. KfW Research zum Industriestand…
Offensive für Forschung und Innovation: steuerliche Forschungsförderung, mission-orientierte Programme in Bereichen, in denen Deutschland bzw. Europa strategische Vorteile ausbauen kann – von klimaneutralen Industrieverfahren bis zu industrieller KI. Deutsche Industrie am Scheidewe…
Die Leitlinie könnte lauten: Der Staat ändert Rahmenbedingungen, Unternehmen ändern Geschäftsmodelle.
Ein Programm für den Weg aus der Scheidelage
Die Pressekonferenz der KfW markiert einen mentalen Wendepunkt: Die industrielle Schwäche wird nicht länger als „Delle“ behandelt, sondern als Signal, das ein neues Entwicklungsprogramm verlangt. Aus den Analysen lassen sich vier strategische Linien ziehen:
Wettbewerb neu definieren: China nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Benchmark und Lernquelle begreifen; gleichzeitig Abhängigkeiten reduzieren und asymmetrische Industriepolitik nicht naiv hinnehmen.
Standortfaktoren korrigieren: Lohnstückkosten senken vor allem über höhere Produktivität, nicht über Lohndruck; Unternehmenssteuern und Bürokratie reduzieren, damit die verbleibende Industrie atmen kann.
Innovation finanzieren und halten: Wagniskapital mobilisieren, Mittelstand und Start-ups besser vernetzen, eine europäische Tech-Börse als ernsthaften Listing-Ort etablieren und so verhindern, dass die nächste Generation von Industrie-Champions systematisch ins Ausland abwandert.
KI und Digitalisierung als Hebel für Wertschöpfung verstehen: Nicht überall Erster sein wollen, sondern bewusst auf Exzellenz in der Anwendung industrieller KI und Automatisierung setzen. Das ist die Stelle, an der Deutschlands traditionelle Stärken – Ingenieurskunst, Prozesskompetenz, industrielle Qualität – mit den Technologien des 21. Jahrhunderts verschmelzen können.
Die deutsche Industrie steht tatsächlich am Scheideweg. Der eine Pfad führt über Schutzreflexe, Subventionen ohne Transformation und eine stille Erosion industrieller Substanz. Der andere verlangt Mut zur schöpferischen Zerstörung, klare Prioritäten und die Bereitschaft, Neues zu wagen – genau das, was die KfW in ihrer Analyse als Imperativ formuliert.
Welche Richtung eingeschlagen wird, entscheidet nicht nur über die kommenden Konjunkturzyklen, sondern darüber, ob Deutschland in der nächsten industriellen Epoche Taktgeber bleibt – oder zum gut alimentierten Zuschauer wird.