@marc_saxer: Zwischen Drahtseilakt und Machtpoker: Europas wankender Kurs im globalen Kraftzentrum Indo-Pazifik

Marc Saxers jüngster Artikel „Das Powerhouse“ liest sich wie ein Fieberthermometer der weltpolitischen Spannungen im Indo-Pazifik. Saxer beschreibt das Gebiet als „ein geopolitisches Kraftzentrum, das sowohl Freundschaft als auch Feindseligkeit anzieht, ein Magnet für Allianzen und Konflikte.“ Diese Großregion, betont er, sei heute nichts weniger als das globale Gravitationszentrum – ein Szenario, das in den westlichen Hauptstädten Europas längst nicht voll begriffen sei. Saxer warnt, dass Europa das Machtvakuum im Indo-Pazifik falsch einschätze: „Seit dem Beginn des Ukraine-Krieges ist schlagartig klar geworden, wie sehr Europas eigenes Gewicht geschwunden ist.“ Europa, so Saxer, müsse sich darauf konzentrieren, seine Kräfte für die Sicherung und Stabilisierung des eigenen Kontinents zu bündeln.

Als wir uns vor der Europakonferenz zum Gespräch trafen, sprach Saxer bereits darüber, dass der Ukraine-Krieg in einen größeren, globalen Machtkampf eingebettet sei. „Dieser Krieg ist letztlich Teil eines globalen Ringens um Vorherrschaft, das weit über Europas Grenzen hinausreicht,“ erklärte er und zog eine scharfe Linie zwischen dem, was Europas politische Eliten bisher als Krise betrachteten, und der eigentlichen tektonischen Verschiebung in Richtung einer multipolaren Weltordnung. Ein Rückzug auf den Kontinent wäre eine Sackgasse: „Wir können uns nicht in eine Festung zurückziehen, wenn das Spiel längst über unsere Landesgrenzen hinaus entschieden wird,“ sagte er und fügte hinzu, dass Europa stattdessen Wege finden müsse, um sich im asiatischen Machtspiel zu positionieren.

Saxer malt das Bild eines asiatischen Kontinents, der aus der Zeit der bipolaren Weltordnung des Kalten Krieges gewachsen ist. Die Region, die er als „Laboratorium der geopolitischen Antagonismen“ beschreibt, wird durch das Verhältnis der „Großen Vier“ – USA, Russland, China und Indien – geformt. Der Kalte Krieg, so beschreibt er, hinterließ tiefe Narben, die heute wieder aufbrechen: „China sieht sich eingekreist und kontert mit der Belt and Road-Initiative.“ Diese neue Seidenstraße sei für Peking, das Zugang zu den globalen Märkten sucht, der „Ausweg aus der Abhängigkeit von den Engpässen der Straße von Malakka.“ Eine Flucht nach Westen, die Europa als wichtiges Ziel sieht – und eine Herausforderung, der sich die Europäer nicht entziehen könnten, selbst wenn sie wollten.

In seinem Artikel bringt Saxer deutlich zum Ausdruck, wie China im Osten des Indo-Pazifik durch das Südchinesische Meer vorstößt und „die amerikanischen Inselketten durchbrechen“ will, während die USA mit ihrem Bündnissystem von Australien bis Japan „die Bewegungsfreiheit der chinesischen Flotte einschränken.“ Doch anders als im Kalten Krieg, wo klare Allianzen bestanden, sei das neue Spiel mit Verschiebungen und Entkopplungen komplizierter und auch gefährlicher. Die meisten Staaten, die im Gewebe der Region eingebettet sind, scheuen klare Parteinahme und versuchen, wie Saxer formuliert, „eine Balance aus sicherheitspolitischen, wirtschaftlichen und ideologischen Interessen zu halten – ein Tanz auf dem Drahtseil.“

Der geopolitische und ökonomische Wettbewerb werde in dieser Region in vollem Umfang entfaltet, schreibt Saxer: „Die Frage, wie lange die Swing States diese Balance noch halten können, beschäftigt die Hauptstädte der Region.“ Ein direkter Konflikt zwischen den Großmächten – etwa ein Krieg zwischen den USA und China um Taiwan – könnte die Region über Nacht zum Brandherd machen. Das hätte, so Saxer, „schlagartig und nachhaltig katastrophale Auswirkungen auf die globalen Lieferketten.“ Diese Kriegsgefahr, ergänzt er, erhöhe den Druck auf die kleineren Staaten, sich langfristig zu einer Seite zu bekennen. Im Interview war ihm anzumerken, dass er Europa in einer schwerwiegenden Lage sieht. „Im Fall eines Konflikts würde auch Europa kaum neutral bleiben können,“ warnte er.

Doch die Brisanz endet für Saxer nicht auf dem Schlachtfeld, sondern verlagert sich zunehmend auf das Feld der Wirtschaft und Technologie. Mit der „Small Yard, High Fence“-Strategie der USA und dem Plan zur technologischen Autarkie Chinas verschärfe sich der Konkurrenzkampf auf wirtschaftlichem Boden. „Diese technologische Bifurkation könnte bald auch den Finanzsektor und andere Industrien ergreifen,“ prophezeit Saxer und schildert, wie europäische Unternehmen in Zukunft gezwungen sein könnten, sich für einen Markt zu entscheiden. Diesem Szenario zu entkommen, wird Europa kaum möglich sein, wenn es weiter in seiner isolierten Haltung verbleibt.

Saxer bleibt dennoch pragmatisch: Er sieht eine Rolle für Europa als „stabilisierende Kraft“, die im Indo-Pazifik dringend benötigt werde. Ein Europa, das im Konzert der Mächte „den USA nicht als reiner Erfüllungsgehilfe dient, sondern als eigenständiger Partner agiert und das multilaterale Spielfeld mitgestaltet, wäre im asiatischen Machtzentrum willkommen.“ Doch Saxer mahnt eindringlich, dass eine Partnerschaft auf Augenhöhe mehr sei als bloße Worte. Europa müsse seine moralisierenden Töne beenden und sich mit dem Fundament seiner eigenen diplomatischen Traditionen besinnen: „Die Prinzipien von Souveränität, Nichteinmischung und territorialer Integrität haben einst in Europa ihren Ursprung genommen – daran sollte sich Europa wieder erinnern.“

Mit dieser klaren Analyse endet Saxers Artikel, doch die Frage, die bleibt, ist brisant: Wird Europa die Zeit finden, sich den Anforderungen einer multipolaren Weltordnung anzupassen? Saxer, wie auch in unserem Interview, hinterließ dabei keinen Zweifel: „Die Zeit der komfortablen Passivität ist vorbei.“

Am Scheideweg der Macht: Ein Interview mit Marc Saxer über Europas Strategie im Schatten des Indo-Pazifik

In unserem Interview im vergangenen Jahr skizzierte Marc Saxer bereits die Umrisse dessen, was sich heute als klare geopolitische Verschiebung abzeichnet. „Dieser Krieg in Europa“, erklärte Saxer, „ist eingebettet in eine globale Umwälzung der Machtverhältnisse.“ Für Saxer stellt die Ukraine-Krise nur eine Episode dar in einem viel größeren Konflikt zwischen den USA und China – ein Machtkampf, dessen Schauplatz zunehmend der Indo-Pazifik wird. Diese Entwicklung sieht er als tiefgreifende „Zeitenwende“ für Europa, die „strategische Vorstellungskraft“ erfordere, um nicht zurückgelassen zu werden​.

In Bezug auf die strategische Lage Europas warnte Saxer, dass das Exportmodell Deutschlands – jahrzehntelang die Säule der deutschen Wirtschaft – angesichts der zunehmenden Entkopplungsbewegungen unter Druck geraten werde. „Die deutsche Industrie hat an technologischer Weltspitze verloren,“ meinte er und beschrieb den Indo-Pazifik als das neue Zentrum, wo sich die wirtschaftlichen und technologischen Kräfte bündeln. Gleichzeitig sehe er die Herausforderung, dass sich Europa hier strategisch neu orientieren müsse, da eine einseitige Bindung an die USA die Handlungsoptionen beschränken könnte​.

Saxer sprach auch über die Risiken eines Krieges um Taiwan, der das Potenzial habe, globale Lieferketten schlagartig zu zerstören. „Eine Eskalation im Indo-Pazifik wäre für Europa kein entferntes Problem,“ betonte er, sondern könnte Europa zwingen, sich stärker in eine der Machtblöcke zu integrieren. Im aktuellen Artikel geht er auf diese Sorge weiter ein und beschreibt, wie die wirtschaftlichen und militärischen Entwicklungen in der Region Europa vor die Entscheidung stellen könnten, „Freund oder Feind“ zu wählen.

Seine Perspektive aus Bangkok heraus lässt Saxer auch die Rolle Asiens differenziert sehen: Er warnte davor, Asien als „monolithischen Block“ zu betrachten, und hob die komplexen wirtschaftlichen Interessen hervor, die China, Indien und kleinere Länder wie Vietnam oder Malaysia dazu zwingen, eigene Interessen strategisch zu balancieren. Diesen politischen Tanz auf dem „geopolitischen Drahtseil“ betrachtet Saxer als das Hauptmerkmal einer multipolaren Weltordnung, in der alte Freundschaften und Feindschaften zunehmend an Bedeutung verlieren​.

Zum Abschluss unseres Gesprächs riet Saxer der Bundesregierung dringend, ihre Industriepolitik so auszurichten, dass sie flexibel auf die globalen Machtverschiebungen reagieren kann. „Europa muss lernen, eine eigenständige Stimme zu entwickeln – und das wird schmerzhaft.“ Ein starker, pragmatischer Ansatz, so meint er, sei notwendig, um die europäischen Interessen in der Region zu sichern und die Abhängigkeit von einem dominanten Verbündeten zu vermeiden.

Siehe auch:

Europas ökonomische Sicherheit: Mehr als nur eine Frage der Verteidigung

Siehe auch die Videos auf der Europa-Konferenz auf Facebook.

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