Kybernetik, Kontrolle und der Widerstand der Zukunft

Die Geschichte der Kybernetik beginnt als ein Projekt der Kontrolle. Die Macy-Konferenzen (1946–1953) – geheime Elitezusammenkünfte von Militärs, Psychologen und Mathematikern – waren nicht nur ein interdisziplinäres Experiment, sondern der Versuch, gesellschaftliche Steuerung neu zu denken. John von Neumann und Norbert Wiener konstruierten ein Paradigma, das menschliches Verhalten berechenbar machen sollte. Doch wer sich an der Zukunft vergeht, indem er ihre Komplexität in Formeln zwängt, scheitert entweder an der Realität oder überführt sich selbst.

Von Neumann war ein Genie der Mechanisierung, aber kein Demagoge. Er wusste, dass der Computer als Waffe begann – nicht als Werkzeug zur Optimierung von Unternehmen oder zur Verwaltung von Leben. Die Maschine wurde getarnt, als etwas anderes verkauft. Wiener hingegen glaubte an eine selbstregulierende Gesellschaft, deren Steuerungsmechanismen so subtil funktionieren, dass sich niemand mehr ihrer Kontrolle bewusst ist. Er irrte. Systeme gleichen sich nicht aus, sondern brechen zusammen.

In den 1970er Jahren versuchte Stafford Beer, die Ideen Wieners in ein kybernetisches Modell zur Steuerung ganzer Staaten zu überführen. Sein „Viable System Model“ (VSM) sollte Regierungen dabei helfen, eine Art selbstoptimierende Steuerung zu implementieren – ein kybernetischer Traum, der in Chile unter Salvador Allende mit „Project Cybersyn“ teilweise Realität wurde. Doch auch hier zeigte sich, dass kybernetische Kontrolle nicht zur Stabilität führt, sondern zu Brüchen und Gegenbewegungen.

Kybernetische Kontrollphantasien und die Mechanik der Täuschung

Herbert W. Franke hat diesen kybernetischen Steuerungswahn früher durchschaut als die meisten. In seinen Science-Fiction-Romanen, die oft als Unterhaltungsliteratur abgetan wurden, beschrieb er mit bestechender Klarheit, wohin sich eine Welt entwickelt, die glaubt, die Zukunft berechnen zu können. In den 1970er Jahren skizzierte er ein Szenario, das heute im Silicon Valley Realität ist: Gesellschaften, in denen soziale Kontrolle nicht mehr durch Gewalt, sondern durch Datensätze, Scores und algorithmische Vorhersagen geschieht.

Franke wusste, dass Kontrolle nicht in den Befehlen liegt, sondern in der Architektur. Wer die Infrastruktur besitzt, besitzt die Zukunft. In einem Interview bemerkte er einmal, dass der Wunsch, den Zufall auszuschalten, das gefährlichste Erbe der Kybernetik sei. Was nicht mehr zufällig ist, kann nicht mehr neu entstehen. Was nicht neu entstehen kann, stagniert oder reproduziert endlos das Bestehende.

Das Problem mit der perfekten Steuerung

Die heutige Kybernetik tritt nicht mehr in der Sprache der Nachkriegswissenschaftler auf. Sie tarnt sich als Wohlstandsmanagement, als datengetriebene „Optimierung“ menschlichen Verhaltens. Der Google-Vordenker Ray Kurzweil argumentiert, dass die Steuerung des Geistes letztlich nichts anderes sei als eine chirurgische Operation – eine präzise Korrektur von Fehlern im Denken, die Leistungssteigerung und Charakterverbesserung verspricht. Kurzweil glaubt an eine Welt, in der Menschen zu Maschinen werden, weil Maschinen in der Lage sind, Menschen zu übertreffen.

Franke hielt dem entgegen, dass jede technologische Entwicklung eine Gegenbewegung provoziert. Die perfekten Gesellschaften in seinen Romanen sind nie perfekt. Die Elfenbeintürme der kybernetischen Steuerung, von denen aus Gesellschaften überwacht werden, werden von jenen gesprengt, die nicht mitspielen wollen. Diese Rebellen sind keine Revolutionäre im klassischen Sinn – sie nutzen das System gegen sich selbst. Sie unterbrechen den Code, fügen Fehler ein, lassen sich nicht katalogisieren.

Die Kunst des Störens

Wer eine Steuerungsobsession entlarven will, muss sie zur Karikatur treiben. Franke beschrieb immer wieder Figuren, die sich scheinbar anpassen, um dann so übertrieben systemkonform zu handeln, dass die Mechanik der Kontrolle sichtbar wird. Ein Algorithmus, der die Zukunft berechnen will, kann nichts mit Menschen anfangen, die in Mustern leben, die sich den Regeln nur so weit unterwerfen, dass das System beginnt, ins Leere zu laufen.

Das ist die Technik der paradoxen Intervention: den Code nicht direkt zu brechen, sondern ihn an seinen eigenen Widersprüchen kollabieren zu lassen. Systeme lassen sich nicht mit Widerstand, sondern mit Übertreibung zerstören. Die Management-Kybernetiker glaubten, mit bio-mathematischen Modellen ein Gleichgewicht zu finden, doch ihre Wasserflöhexperimente endeten damit, dass die Tiere an der Manipulation starben. Steuerungssysteme, die sich für unfehlbar halten, gehen immer an ihren eigenen Fehlern zugrunde.

Was tun mit den Trumps dieser Welt?

Herbert W. Franke hat nie direkt politische Anleitungen geschrieben. Doch seine Werke geben eine Richtung vor: Man kann sich nicht frontal gegen ein totalitäres System stellen, das seine Kontrolle in Form von Daten, Algorithmen und Feedbackschleifen tarnt. Man kann es aber sabotieren. „Die größte Gefahr liegt in der passiven Akzeptanz medialer Verzerrungen“, schrieb Franke in den 1970er Jahren. „Wer Technik verstehen will, muss sich mit ihren Grundlagen befassen – sonst wird er beherrscht, statt zu beherrschen.“

Eine Gesellschaft, die sich freiwillig in die kybernetische Ordnung begibt, ist eine Gesellschaft, die ihre eigene Zukunft abschafft. Franke schlug keine klassischen Widerstandsstrategien vor, sondern intelligente Irritationen. Er sprach von simulierten Anpassungen, von absichtlichen Fehlinformationen, die den Perfektionswahn der Maschinen ins Chaos stürzen. In einer Welt, die ihre Vorhersagemodelle auf vergangene Daten baut, reicht es, neue Muster zu erschaffen, die den Algorithmus ins Leere laufen lassen.

Der Widerstand der Zukunft ist nicht mehr die Revolution, sondern die kreative Sabotage. Wer nicht katalogisierbar ist, wer sich einer Berechenbarkeit entzieht, kann nicht kontrolliert werden. Das ist die letzte Möglichkeit gegen eine Welt, die glaubt, dass Kontrolle Fortschritt bedeutet. Franke wusste: Der Mensch ist nicht das Problem. Die Maschine ist es auch nicht. Das Problem ist die Hybris, beides zu verschmelzen und zu glauben, man könne das Leben selbst zu einem Algorithmus machen. Denn wer die totale Ordnung anstrebt, schafft die totale Unfreiheit.

Wer sich mit Herbert W. Franke beschäftigen möchte, dem empfehle ich das Sohn@Sohn-Opus.

2 Gedanken zu “Kybernetik, Kontrolle und der Widerstand der Zukunft

  1. Anonym

    Hallo Herr Sohn,

    es ist schon schlimm, wenn man es nach über 10 Jahren immer noch nicht geschafft hat, die eigenen Prämissen wenigstens nochmal zu überprüfen. Dann kommt wieder ein Bündel Polemik dabei raus, und dazu noch ganz ohne Quellenangaben.

    Selbst Katherine Hayles hat es mittlerweile – wenigstens halbwegs – hingekriegt, ihre Sichtweise zu korrigieren.

    Quelle: Hayles, Katherine N., Detoxifying Cybernetics: From Homeostasis to Autopoiesis and Beyond, in: Yuk Hui (ed.), Cybernetics for the 21st Century,
    Vol. 1: Epistemological Reconstruction, Hanhart Press 2024, p. 85-100

    Darüber hinaus sollten Sie mal hier rein schauen, das trägt bei zu einer differenzierteren und damit wertvolleren Sichtweise:

    Matteo Pasquinelli, Das Auge des Meisters – Eine Sozialgeschichte Künstlicher Intelligenz, Münster 2024

    Bestes, Ihr
    Joachim Paul
    https://www.vordenker.de/blog/
    Ps: Vllt. können wir mal öffentlich rhetorisch die Klinge kreuzen. Reden können Sie ja.

  2. gsohn

    Sehr geehrter Herr Paul,

    schlimm ist ja vieles. Schlimm ist, wenn man aus Angst vor der eigenen intellektuellen Geschichte nach Jahren der Selbstwiderlegung so tut, als hätte es das, was man einst begeistert propagierte, nie gegeben. Schlimm ist auch, wenn man den Exorzismus kybernetischer Überdehnung durch eine Fußnote zu Hayles betreibt, um dann doch wieder ein unerschütterliches Vertrauen in die Steuerungsfantasien durchblicken zu lassen.

    Aber ich nehme Ihre Einladung an. Die Frage ist doch: Kann sich die Kybernetik selbst detoxen – oder bleibt sie im Kern ein Projekt der Reduktion? Hayles’ jüngste Wendung in Detoxifying Cybernetics ist mir bekannt. Dass sie nun von der Autopoiesis aus zu einer Art rehabilitierten Systemtheorie aufbrechen will, mag ein Versuch sein, die alte Faszination mit einer neuen Narration zu retten. Der Begriff „Detox“ ist allerdings schon entlarvend: Was muss gereinigt werden, wenn das Modell an sich tragfähig wäre? Ist nicht gerade die Obsession, alles im kybernetischen Rahmen zu erhalten, die eigentliche Schwäche dieser Denkrichtung?

    Pasquinellis Das Auge des Meisters lese ich derzeit – ein beeindruckender Versuch, die Geschichte der Künstlichen Intelligenz als soziale Konstruktion zu erzählen, allerdings mit einer auffälligen Blindstelle gegenüber den dystopischen Tendenzen der kybernetischen Steuerung. Denn der kybernetische Zugriff war nie nur eine technologische Entwicklung, sondern stets auch eine politische Bewegung, die Herrschaft durch Optimierung ersetzen wollte.

    Mein Punkt ist nicht, dass Kybernetik keine spannenden Denkangebote macht. Mein Punkt ist, dass ihre Überdehnung in die soziale Sphäre den Boden für Kontrollregime bereitet – eine Einsicht, die Herbert W. Franke literarisch zugespitzt hat. Dass er nicht mit formalen Systemtheorien argumentiert, sondern mit narrativer Spekulation arbeitet, ist kein Mangel, sondern die eigentliche Stärke: Er zeigt, was passiert, wenn kybernetische Steuerung in ihrer radikalsten Form gesellschaftlich implementiert wird.

    Lassen Sie uns das gerne in einem öffentlichen Talk weiter vertiefen – den von Ihnen vorgeschlagenen rhetorischen Klingentanz nehme ich an. Ich schlage einen Livetalk im April vor. Schicken Sie mir ein paar Terminvorschläge, und wir bringen das auf die Bühne.

    Mit besten Grüßen,
    Gunnar Sohn

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