
Marc Wagner, Vordenker der digitalen Transformation, ruft zur „digitalen Renaissance“. Er spricht von „Company Rebuilding“, von KI-Symbiosen, von Paradigmenwechseln. Das klingt ambitioniert, fast wie eine Betriebsanleitung für eine bessere Zukunft. Aber wenn François Rabelais – der schärfste Geist der französischen Renaissance – in dieser Diskussion sitzen würde, hätte er wahrscheinlich erst einmal ein Glas Wein bestellt, gelacht und gesagt: „Weniger planen, mehr trinken!“
Rabelais, dieser spitzzüngige Arzt, Schriftsteller und Erzähler, war nicht nur ein Provokateur, sondern ein Meister darin, alles Alte mit einem Augenzwinkern zu zerstören. Was würde er von Wagners Konzepten halten? Wahrscheinlich würde er schmunzeln und sagen: „Ihr wollt eine Renaissance? Dann beginnt damit, die Masken des Alten zu tragen und darüber zu lachen.“ Denn genau das haben sie im Rheinland des 16. Jahrhunderts gemacht – und wie.
Vom Rhein und der Touraine: Wo Innovation wirklich herkommt
Rabelais stammte aus der Touraine, einer Landschaft, die genauso träge und gleichzeitig lebendig war wie die Loire, die durch sie floss. Doch es zog ihn in die Städte: nach Lyon, wo er Bücher drucken ließ, und nach Montpellier, wo er Medizin studierte. Dort, zwischen den Marktplätzen, Bibliotheken und Tavernen, lernte er, dass Fortschritt nicht aus Regeln entsteht, sondern aus Chaos, Streit und Mut.
Am Rhein sah es im 16. Jahrhundert nicht anders aus. Köln, eine Stadt voller Händler, Drucker und Denker, war das Herz einer lebendigen Kommunikationskultur. Hier entstanden die ersten periodischen Zeitungen, hier brannten ketzerische Bücher und wurden gleichzeitig neue geschrieben. Der Rhein war nicht nur ein Fluss, er war eine Lebensader für Waren, Ideen und Konflikte. Die Stadt war so lebendig, dass selbst die Obrigkeit kaum mitkam.
Rabelais hätte in Köln seine Freude gehabt. Er hätte im Karneval getanzt, der damals als „Fastelovend“ bekannt war – ein Fest, das alles auf den Kopf stellte: der Narr wurde König, die Hierarchien wurden verspottet. Innovation war keine Frage der Effizienz, sondern der Freiheit. Und genau da treffen sich Rabelais und Wagner: Beide sehen, dass die Zukunft nicht in alten Strukturen liegt.
Marc Wagner trifft François Rabelais
Marc Wagner beschreibt in seinen Visionen eine „Company Renaissance“. Adaptive Organisationen, die flexibel wie ein lebender Organismus auf Veränderungen reagieren, sollen die Zukunft gestalten. Führungskräfte, sagt er, sollten keine Kontrollfreaks sein, sondern Coaches, die ermöglichen. Klingt gut? Rabelais hätte gesagt: „Das ist ein Anfang. Aber was ist mit dem Lachen? Was ist mit der Freiheit, Fehler zu machen?“
Rabelais, der schrieb: „Es ist besser, über das Lachen als über das Weinen zu schreiben“, würde Wagner vermutlich anstoßen und ergänzen: „Drop your tools, oder lasst euch vom Gewicht eurer eigenen Werkzeuge zerdrücken.“ KI und Plattformen, würde er sagen, sind schön und gut, aber wahre Innovation kommt nicht aus dem Algorithmus. Sie kommt aus dem Chaos, aus der Freude, aus dem Mut, das Alte zu verspotten.
Von der digitalen Renaissance zum digitalen Fastelovend
Der Karneval, wie er damals im Rheinland gefeiert wurde, war nicht nur ein Fest, sondern eine Methode. Eine Methode, Hierarchien zu brechen und neue Perspektiven zu schaffen. Der Fastelovend war die Bühne für das Unvorhersehbare, und genau das fehlt der digitalen Transformation. Wagner spricht von neuen Organisationsmodellen, aber wo ist der Platz für den Hofnarren, der sagt: „Euer System funktioniert nicht!“?
Die Druckereien des Rheinlands haben nicht gewartet, bis jemand ihnen erlaubte, zu drucken. Sie druckten einfach. Flugschriften wurden verteilt, und die Welt änderte sich. Heute sprechen wir von Blockchain und KI, aber wo ist der Geist des Karnevals? Wo ist der Mut, alles zu hinterfragen?
Rabelais‘ Vision für die digitale Zukunft
Rabelais würde uns heute raten, die digitale Renaissance nicht nur als technisches Projekt zu sehen. Sie muss eine kulturelle Revolution sein, eine, die das Lachen zurückbringt. „Wissenschaft ohne Gewissen ist der Ruin der Seele“, schrieb er. Das Gleiche gilt für KI ohne Menschlichkeit, für Unternehmen ohne Mut.
Marc Wagner träumt von adaptiven Organisationen, und er hat recht damit, dass wir neue Strukturen brauchen. Aber diese Strukturen dürfen nicht perfekt sein. Sie müssen Raum für Fehler, Chaos und Überraschungen lassen. Denn die wahre digitale Renaissance wird kein Plan sein. Sie wird ein Fest sein, ein Tanz, ein Fastelovend.
„Saht ihr jemals Diogenes, den zynischen Philosophen?“ fragt Rabelais. Und wir sollten antworten: „Ja, wir haben ihn gesehen. Er sitzt in einem digitalen Meeting, lacht laut und sagt: ‚Euer Ernst? Das ist keine Renaissance, das ist Verwaltungsarbeit!‘“
Die Seele bleibt das was sie seit Menschengedenken ist, auch mit, oder ohne gewissenlose Menschen.