Der vergessene Kern der deutschen Wirtschaft – und warum die Politik ihn nicht mehr versteht #ZPNachgefragtDay #OEB #NEO25

Ein Beitrag zum Zukunft Personal Nachgefragt Day mit Prof. Karlheinz Schwuchow und Prof. Hermann Simon. Special der Next Economy Open.

Wenn in Berlin wieder über Subventionen, Autogipfel und Industriestrompreise gestritten wird, bleibt ein Sektor systematisch unsichtbar: jene Unternehmen, die Deutschlands Wirtschaftsmodell überhaupt erst tragen. Die Hidden Champions, erforscht wie keine Zweiten von Hermann Simon, analysiert und systematisiert von Karlheinz Schwuchow, bilden das industrielle Rückgrat – und gleichzeitig die größte politische Blindstelle des Landes.

Die Session „Wie Hidden Champions neue HR-Pfade gehen“ beim Zukunft Personal Nachgefragt Day hat das mit einer Schärfe offengelegt, die im politischen Raum bislang fehlt.

Ein Wirtschaftsmodell unter Stress – nur nicht dort, wo Berlin hinschaut

Während der Bund über Rettung alter Industrien diskutiert, kämpfen Hidden Champions an ganz anderen Fronten:

  • demografische Lücke: doppelt so viele Beschäftigte scheiden aus wie nachkommen
  • Fachkräfteabzug in Metropolen: Wissensträger zieht es nach München, Berlin, Hamburg
  • regulatorische Überlastung: Bürokratie frisst Innovationszeit
  • geopolitische Verschiebungen: China wird vom Absatzmarkt zum Wettbewerber
  • unsichtbare Standortbenachteiligung: ländliche Räume verlieren im politischen Fokus

Schwuchow beschreibt das nüchtern: Unternehmen mit 10 Mio. bis 5 Mrd. Umsatz – oft Weltmarktführer in hochspezialisierten Nischen – stehen zugleich im Schatten der Medien und der Politik.

Wenn Volkswagen hustet, tagt der Krisenstab.
Wenn ein mittelständischer Laser-, Maschinen- oder Sensorik-Weltmarktführer in Balingen, Mendig oder Aurich stirbt, merkt es niemand.

Die stille Globalisierung: Mehr Mitarbeitende im Ausland als in Deutschland

Der politisch wohl folgenreichste Satz des Tages stammt von Hermann Simon:

„Seit 2010 haben die Hidden Champions im Schnitt mehr Mitarbeiter im Ausland als in Deutschland.“

Das ist kein Betriebsdetail. Es ist eine tektonische Verschiebung der Wertschöpfung.

Simon liefert dazu die harten Zahlen:

  • 1,1 Millionen Beschäftigte deutscher Unternehmen in China
  • 318.000 in den USA

Während die Bundesregierung über die „Abhängigkeit von China“ diskutiert, hat sich längst ein anderes Bild herausgebildet: Der deutsche Mittelstand hat sich selbst globalisiert, weil er musste – weil Standortpolitik, Energiepreise, Regulierung und Talentzugang im Inland keine Stabilität mehr versprechen.

Die politische Ironie:
Die Unternehmen, die als besonders „deutsch“ gelten, sind heute oft globaler als die Konzerne.

Das Personalproblem ist ein Politikproblem

Schwuchow und Simon zeigen gemeinsam, was Berlin nicht sehen will:
Das Personalproblem der Hidden Champions ist ein politisch erzeugtes Problem.

Ländliche Standorte – ohne politische Lobby

Viele Weltmarktführer sitzen in Regionen, die im politischen Diskurs schlicht nicht vorkommen: Emsland, Schwarzwald, Schwäbische Alb, Oberfranken. Dort entscheiden kommunale Wirtschaftsförderer, ob Unternehmen bleiben – oder abwandern.

Haribo in Bonn ist ein Beispiel: Weggeekelt, dann beklagt.

Fachkräftepolitik ohne Realitätssinn

Simon zeigt, wie absurd das deutsche System ist:
Hidden Champions bilden Geflüchtete aus, verlieren diese aber durch pauschale Abschiebungslogik – selbst wenn sie dringend gebraucht würden.

Bürokratie als Innovationskiller

Schwuchow berichtet, wie Unternehmen Fördermittel zurückgeben – aus purer Erschöpfung durch Audits und Misstrauenskultur. Dass kleine und mittlere Weltmarktführer keine Abteilungen für EU-Regulatorik unterhalten können, scheint in Berlin niemanden zu interessieren.

Was im HR jetzt politisch zählt

Die Session beim Zukunft Personal Nachgefragt Day macht klar: Personalpolitik der Hidden Champions ist Wirtschaftspolitik.

Region statt Wettbewerbsillusion

Simon: Wer im Allgäu sitzt, gewinnt keinen Wettbewerb gegen Google München. Also:

  • Kooperationen mit Berufsschulen
  • eigene Vorlesungssäle (Multivac)
  • Chinesischkurse (Groz-Beckert)
  • duale Studienmodelle
  • frühe Auslandseinsätze

Das ist regionale Personalstrategie – nicht Employer Branding als Werbekampagne, sondern Talententwicklung als Strukturpolitik.

Breite Hochschullandschaft als Standortvorteil

Deutschland ist kein Land der Elite-Unis, sondern ein Land des „Quaders“, wie Simon es nennt – solide Exzellenz statt schmaler Spitze.

Für Hidden Champions ist das ein Vorteil. Für die Politik wäre es eine Einladung zum Umdenken – wenn sie es denn hören wollte.

Der geopolitische Elefant im Raum: China

Niemand spricht deutlicher als Simon:

  • 560 deutsche Firmen allein in Taizang
  • starker Wettbewerb durch chinesische „Inchampions“
  • laufende Übernahme deutscher Schlüsselunternehmen (KUKA, Putzmeister, Rolf Benz, Leoni)

Das ist kein theoretisches Risiko, sondern ein laufender Strukturwandel.

Die Bundesregierung aber diskutiert weiterhin über Diesel-Skandale, Subventionen und Strompreise – während die industrielle Basis verkauft, verlagert oder erschöpft wird.

Die politische Botschaft des Tages

Die Interviews mit Schwuchow und Simon sind mehr als Personalmanagement. Sie sind ein Warnsignal für die Wirtschaftspolitik der nächsten Dekade.

Deutschland verliert seine industrielle Kraft nicht wegen KI, Globalisierung oder Demografie – sondern weil seine Politik die falschen Unternehmen schützt.

Hidden Champions brauchen keine Almosen.
Sie brauchen:

  • regulatorische Entlastung
  • geordnete Fachkräftezuwanderung
  • Bildungspolitik jenseits der Leuchtturm-Obsession
  • verlässliche Kommunalpolitik
  • schnelle Verfahren
  • Respekt vor ländlichen Regionen
  • und ein Ende der Bevormundung durch Förderregime

Sie brauchen das, was Simons Forschung seit 30 Jahren zeigt:
Lange Linien, nicht kurzfristige Programme.

Die Zukunft Deutschlands entscheidet sich nicht in Berlin – sondern im Emsland, in Coburg, in Taizang

Die Session macht deutlich:
Die Zukunft der deutschen Wirtschaft wird nicht in Vorständen von DAX-Konzernen geschrieben, sondern in Familienunternehmen einer Provinz, die Berlin gern unterschätzt.

Wenn Deutschland seine industrielle Basis sichern will, muss es den Blick dorthin richten, wo die Wertschöpfung entsteht – nicht dorthin, wo die Pressekonferenzen stattfinden.

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