
Bei Maybrit Illner saß die deutsche Digitaldebatte unter grellem Studiolicht und starrte auf das neue Zentralgestirn der Weltwirtschaft: künstliche Intelligenz. Die Frage lautete, ob Deutschland im globalen Machtkampf um KI noch eine Chance habe. Schon die Ausgangslage klang wie eine Vermessung des Rückstands: Die zehn größten amerikanischen Rechenzentren seien zusammen so stark wie alle 2000 deutschen Rechenzentren; 14 Prozent der Deutschen nutzten Glasfaser, in Rumänien seien es 80 Prozent; die digitale Verwaltung Deutschlands rangiere auf Platz 21 von 27 EU-Staaten.
Sascha Lobo gab der Debatte den Satz, auf den sie gewartet hatte: „Nur durch Regulierung werden wir nicht digital souverän. Wir brauchen erfolgreiche Digitalwirtschaft dafür.“ Das ist richtig. Ein Kontinent, der Plattformmacht mit Verordnungen, Abgaben und Zuständigkeitskonferenzen beantwortet, bleibt der Gerichtsschreiber einer Wirklichkeit, die andere erschaffen. Lobo trifft auch dort, wo er die europäische Selbsttäuschung beschreibt: Man habe zu lange geglaubt, weltweite Vernetzung sei folgenlos, Abhängigkeit werde schon nicht gefährlich. Dann kamen Gas, Plattformen, Cloud, KI, Trump, Zölle, Sanktionslisten. Die Abhängigkeit bekam plötzlich ein Gesicht.
Sein zweiter Satz klingt wie die logische Fortsetzung: „Das Wichtigste, um amerikanischen Big Tech-Unternehmen etwas entgegenzusetzen, sind europäische Big Tech-Unternehmen.“ Hier beginnt die Verführung. Denn aus der richtigen Kritik an der europäischen Regulierungsreligion wächst sofort die nächste europäische Erlösungsfigur: der eigene Riese. Der Gegen-Google. Der Gegen-Microsoft. Der Gegen-OpenAI. Die alte Quaero-Sehnsucht in neuem Gewand.
Der Chor der Aufholer
Karsten Wildberger spricht in dieser Sendung wie ein Minister sprechen muss. Er will nicht das Defizit verwalten, er will den Sprung. KI sei neu, Deutschland könne mit den eigenen Fähigkeiten, der Wirtschaft und den Daten ein Stück weit neu beginnen. Dazu öffentliche Ausschreibungen, souveräne Cloud, Verschlüsselung, Wertschöpfungstiefe, Datenstandorte, Abschaltbarkeit. Das ist sachlich nicht verkehrt. Es klingt nach Aktivität, nach Staat als Ankerkunde, nach Aufbruch im Vergaberecht.
Doch genau hier lauert der alte europäische Reflex. Erst wird der Rückstand ausgerufen, dann der historische Sprung, dann das neue Programm. Europa hat diese Dramaturgie schon erlebt. Quaero sollte eine europäische Antwort auf Google werden, eine multilinguale Suchmaschine für Texte, Bilder, Musik und Videos. Geblieben ist ein Lehrstück über politische Größenphantasie im Digitalen. Theseus folgte als deutscher Nachhall. Die Geschichte ist nicht nur peinlich, sie ist strukturbildend: Der Kontinent verwechselt zu oft Namensgebung mit Machtbildung.
Hermann Simon stellt die verbotene Frage
Hermann Simon zerstört diese Euphorie nicht mit Kulturpessimismus, er zerstört sie mit Marktkenntnis. Sein Satz ist von fast unhöflicher Klarheit: „Wir haben keine Chance in den Märkten der Digitalisierung oder der künstlichen Intelligenz gegen die großen Amerikaner oder Chinesen, in den Massenmärkten.“ Dann folgt das Messer nach dem Schnitt: „Keine Chance.“
Das ist keine Absage an KI. Es ist eine Absage an die falsche Arena. Wer von Berlin aus ein digitales Massenmodell über Europa legen will, trifft nicht auf einen Markt, er trifft auf einen Kontinent aus Sprachen, Verfahren, Zertifikaten, Zuständigkeiten und lokalem Recht. Simon erklärt es am Beispiel Uber: drei Jahre in San Francisco testen, anschließend auf amerikanische Großstädte ausrollen. Der europäische Weg führt durch 27 Bürokratien, 24 Amtssprachen und rund 60 regionale Sprachen. Das ist kein kleiner Nachteil. Das ist eine andere Physik.
Lobo will den europäischen Riesen. Simon sucht den europäischen Tiefenkörper. Das ist der entscheidende Unterschied. Lobo blickt auf die sichtbare Macht der Plattformen. Simon blickt auf die verdeckte Macht der Spezialisten.
Deep Tech ist keine Nische, es ist die unterirdische Geologie der Macht
Simon verweist auf Hidden Champions, auf Spezial-Know-how, auf Deep Tech. Er nennt Reinhausen aus Regensburg, einen Namen, der in Talkshows kaum einen Scheinwerfer bekäme. Doch durch den Laststufenregler dieses Unternehmens liefen 50 Prozent des weltweit verbrauchten Stroms. Er nennt Trumpf mit Lasern für extreme Ultraviolett-Lithographie, Zeiss mit optischen Systemen, eine Thüringer Firma, die 42.000 Saatkörner pro Sekunde sortiert. Das sind keine bunten Apps, keine Plattformmythen, keine Gründerlegenden mit Kapuzenpullover. Es sind verborgene Knoten der Weltfunktion.
Hier liegt die bessere Strategie. Nicht Europa als verspätetes Silicon Valley. Nicht Deutschland als Cloud-Nation mit Bundesadler. Nicht der nächste Versuch, dem amerikanischen Konsumentenimperium ein europäisches Wappen aufzukleben. Die realistische Macht entsteht dort, wo Deep Tech mit KI, Sensorik, Software und Daten verschmilzt. Simon beschreibt dafür Business-Ökosysteme: Unternehmen sollen nicht alles selbst entwickeln, sie sollen sich dauerhaft mit denen verbinden, die digitale Werkzeuge beherrschen.
Das ist eine radikalere Idee, als sie zunächst wirkt. Sie verlegt den Ort der Souveränität. Weg vom Bildschirm, hin zum Prozess. Weg vom Nutzerkonto, hin zur Wertschöpfung. Weg vom europäischen Google-Traum, hin zum KI-verstärkten Weltmarktführer, den kaum jemand kennt, auf den aber niemand verzichten kann.
Das Pro und Contra der Lobo-These
Lobos Stärke liegt in der Abrechnung mit der europäischen Ersatzhandlung. Er erkennt, dass Regulierung ohne eigene Unternehmen nur die höfliche Form der Ohnmacht ist. Er sieht die Erpressbarkeit. Er sieht, dass Europa seine klugen Leute verliert, wenn Wissen hier entsteht und Macht anderswo daraus geformt wird. Sein Verweis auf Jakob Uszkoreit gehört genau hierher: europäischer Kopf, amerikanisches Umfeld, globale Wirkung.
Sein Problem liegt in der Größe der geforderten Figur. „Europäische Big Tech-Unternehmen“ klingt wie ein Befreiungswort, kann aber zur nächsten Fata Morgana werden. Denn Big Tech ist nicht einfach groß gewordene Technologie. Big Tech ist Kapitalakkumulation, Plattformeffekt, Datenvorsprung, Ökosystembindung, Rechenmacht, globaler Binnenmarkt, militärnahe Forschung, Börsenbewertung und kulturelle Dominanz. Wer darauf mit dem Ruf nach eigenen Schwergewichten antwortet, hat noch keinen Hebel gefunden. Er hat eine Silhouette beschrieben.
Das Pro und Contra der Simon-These
Simons Stärke liegt in der Entzauberung. Er nimmt Europa nicht die Zukunft, er nimmt ihm den falschen Spiegel. Er sagt nicht: kein KI-Ehrgeiz. Er sagt: kein Rennen in fremder Disziplin. Deutschlands Chance liegt dort, wo Komplexität schützt, wo Fachwissen tief sitzt, wo Kundennähe zählt, wo ein Prozess nicht durch eine App ersetzt wird, wo KI reale Anlagen, Materialien, Energiesysteme, Optiken, Roboter, Prüfverfahren und Produktionslogiken verbessert.
Die Schwäche seiner Sicht wäre nur dann gegeben, wenn man sie als Rückzug missversteht. Deep Tech darf kein Museum deutscher Präzision werden. Der Hidden Champion, der KI nur als Fremdwort im Strategiepapier führt, wird selbst zum Auslaufmodell. Simon verlangt gerade keine Nostalgie. Er verlangt Verbindung: Spezialwissen plus KI, Präzision plus Software, Mittelstand plus Ökosystem, Weltmarktanteil plus digitale Beschleunigung.
Der Chirac-Reflex muss enden
Der Chirac-Reflex besteht darin, digitale Souveränität als Theater der Nachahmung zu inszenieren. Amerika hat Google, Europa ruft Quaero. Amerika hat Cloud, Europa ruft souveräne Cloud. Amerika hat OpenAI, Europa ruft KI-Airbus. Jedes Mal steht am Anfang das große Wort und am Ende die Beschaffungsvorlage. Die in den früheren Texten beschriebene Linie von Quaero über „Cloud Made in Germany“ bis zur heutigen Souveränitätsrhetorik zeigt genau diesen Kreislauf: viel Symbolik, wenig Substanz, zu häufig nationale Eitelkeiten statt skalierbarer Architektur.
Simon bietet den Ausweg aus dieser Wiederholung. Er denkt nicht vom verletzten europäischen Stolz her, er denkt vom Weltmarkt her. Nicht die Kränkung ist sein Ausgangspunkt, sondern die Frage: Wo sind wir unersetzlich? Diese Frage ist härter, kälter und fruchtbarer als jeder Ruf nach europäischen Digitalgiganten.
Der kommende Champion trägt keinen Hoodie
Die europäische KI-Zukunft wird womöglich nicht aussehen wie eine Bühne in San Francisco. Sie wird keinen Gründerkult brauchen, keinen globalen Feed, keine App, die jeder Teenager kennt. Sie könnte in Regensburg, Jena, Ditzingen, Aachen, München, Eindhoven, Grenoble oder Thüringen entstehen. Nicht als Kopie amerikanischer Plattformmacht, sondern als Deep-Tech-Schicht unter der sichtbaren Welt.
Das wäre die erwachsenere Souveränität: nicht die Fahne auf dem Rechenzentrum, nicht das Pathos der Unabhängigkeit, nicht das nächste Quaero mit KI-Etikett. Souverän wäre ein Europa, dessen Spezialisten Maschinen, Netze, Materialien, Energieflüsse, optische Systeme, Robotik, Medizintechnik und Produktionsprozesse mit KI so verbessern, dass selbst die großen Plattformreiche nicht an ihnen vorbeikommen.
Sascha Lobo hat den richtigen Gegner erkannt: die europäische Ohnmacht durch bloße Regulierung. Hermann Simon erkennt den besseren Ort des Gegenschlags. Nicht der Traum vom europäischen Big Tech führt heraus aus der Abhängigkeit. Der Weg führt über Deep Tech, über Hidden Champions, über jene Firmen, die nicht laut sind, weil ihre Macht nicht im Lärm liegt. Ihre Macht liegt darin, dass die Welt stockt, wenn sie fehlen.
@ichsagmal.com ein nach machen von »erprobten konzepten« funktioniert nicht nur nicht wegen anderer gründungsgrundlagen oder offener Schnittstellen in komplexen abhängigkeiten – es fehlt der prozess der anpassung auf bereits etablierte strukturen die eine neue lösung verbessern sollte – nicht stumpf zubetoniert. bin da voll bei simon. reaktionelles handeln beschränkt sich selber auf den aktiven big brother der weiterhin vorgaben machen kann. vernunft < $€£€0uT
Das bloße Nachbauen „erprobter Konzepte“ ist in Wahrheit oft nur eine besonders teure Form der Ratlosigkeit. Man übernimmt die sichtbare Oberfläche eines Erfolgsmodells, aber nicht seine Entstehungsbedingungen: Marktgröße, Kapitaltiefe, Geschwindigkeit, Schnittstellen, Talentströme, Kundenverhalten, Risikokultur und gewachsene Abhängigkeiten.
Deshalb bin ich hier ebenfalls klar bei Hermann Simon. Neue Lösungen entstehen nicht dadurch, dass man vorhandene Strukturen übergießt wie Beton und anschließend „Souveränität“ darauf schreibt. Sie müssen sich in bestehende Gefüge hineinarbeiten, dort Reibung erzeugen, echte Verbesserungen liefern, Komplexität aufnehmen und produktiv verändern. Gerade Deep Tech lebt von dieser Anpassungsleistung: nicht vom Nachbau des Sichtbaren, vielmehr vom besseren Verständnis des Unsichtbaren.
Reaktives Handeln bleibt dagegen im Käfig des Gegners. Wer nur auf Big Tech antwortet, akzeptiert Big Tech weiter als Taktgeber. Dann bleibt der amerikanische Plattformkonzern der aktive Big Brother, der Tempo, Architektur und Spielfeld vorgibt, während Europa die Gegenkulisse baut.
Simons Ansatz ist deshalb stärker: nicht Kopie der Giganten, nicht europäisches Kostüm für amerikanische Modelle, nicht der nächste staatlich verzierte Tech-Mythos. Entscheidend ist die Stärkung jener Deep-Tech-Kompetenzen, die vorhandene Wertschöpfung real verbessern und Europa an kritischen Stellen unersetzlich machen. Genau dort beginnt digitale Souveränität: nicht beim Imitieren, beim klügeren Einpassen, Verändern und Übertreffen.