
Industriepolitik hat sich an ein Ritual gewöhnt: Wenn Produktion sinkt, sollen Strukturen „gerettet“ werden. Gemeint sind Werke, Lieferketten, Produktlinien, Beschäftigung – möglichst so, wie sie gestern waren. Das klingt bodenständig. Es ist oft der teuerste Weg, weil er am Kern vorbeigeht: Nicht die Industrie verschwindet, sondern ihre alte Zusammensetzung. Wer Strukturen konserviert, konserviert meist Klumpenrisiken.
Der Pioneer-Text „Wohlstand von Unten“ von Guido Schmidt und Winfried Felser setzt genau an dieser Stelle an. Gleich am Anfang steht ihr programmatischer Satz: „Das alte Top-down-Modell in Deutschland muss abgelöst werden, um wieder wettbewerbsfähig zu werden. Statt zentraler Macht braucht es dezentrale Innovation und neue wirtschaftliche Spielregeln.“
Das ist keine Stilfrage. Es ist eine Standortdiagnose.
Wohlstand von unten statt große Lösung
Schmidt und Felser legen den Finger auf eine politische Selbsttäuschung: die Vorstellung, Wohlstand sei das Ergebnis einer großen Entscheidung „oben“, die dann im Land nach unten durchgereicht wird. Ihr Zwischenruf heißt nicht „weniger Staat“, sondern „anderer Staat“: weniger Inszenierung, mehr Ermöglichung; weniger Gipfel, mehr Ökosystem.
Sie nennen diese Erwartung ausdrücklich „Die Illusion der großen Lösung“ und schreiben: „Die Politik will uns erklären, dass Wohlstand ein Top-Down Ergebnis ist.“ Und sie fassen die politische Pose in acht Wörtern zusammen: „Das Versprechen der Politik lautet ‚Wir machen das‘.“
Im Text wird diese Pose an den Instrumenten festgemacht, die gerade Konjunktur haben: Kanzlergipfel, Bazooka-Rhetorik, Sondervermögen. Schmidt und Felser nennen eine Zahl, die als Zauberformel durch die Debatten wandert: Investitionen von 631 Milliarden Euro, die – so das Versprechen – „uns … in eine glorreiche Zukunft führen“ sollen. Der Einwand der Autoren ist nicht kleinlich. Er ist strukturell: Die großen Bilder ersetzen keine Antwort auf Kosten, Tempo, Bürokratie, Kapitalbildung, Technologiepfade.
Ihre Pointe ist schärfer: „In Anzug und Krawatte strahlt uns … eine sauber geordnete Vergangenheit an und will sich uns als Zukunft verkaufen.“ Das ist der Kern der Konservierungs-Illusion: Vergangenheit wird als Zukunft etikettiert.
Der lange Schatten der Deindustrialisierung
Wer heute über sinkende Industrieproduktion klagt, tut oft so, als beginne die Geschichte mit der letzten Statistik. Das stimmt nicht. Der Trend ist alt. Mein Schumpeter-Text für den Metropolis-Band, der hier als Folie dient, fasst ihn knapp: „Den Gipfelpunkt hatte das produzierende Gewerbe 1960 erreicht, seitdem geht es stetig bergab.“ Und: Seit den neunziger Jahren entsteht der Löwenanteil von Beschäftigung und Wertschöpfung durch immaterielle und nachindustrielle Produktion.
Das ist keine Einladung zur Industrie-Verachtung. Es ist eine Warnung vor falscher Politik. Wer den Trend ignoriert, nimmt das Symptom – weniger Produktion – für die Krankheit. Die Krankheit heißt eher: fehlende Neukombination, zu wenig neue Märkte, zu wenig Kapital für Skalierung, zu wenig Geschwindigkeit in der Umsetzung.
Schumpeter hat das Prinzip dafür geliefert. Entscheidend ist nicht Routine, sondern neue Kombination. Der Satz fällt im Text wörtlich: „Nur dann erfüllt er … die wesentliche Funktion …, wenn er neue Kombinationen realisiert.“ Konservierung ist das Gegenteil davon.
Warum „Industrie retten“ oft Industrie schwächt
Schmidt und Felser kritisieren nicht nur die Erzählung, sondern die Wirkungsmechanik. Sie zeigen, dass die „große Lösung“ am Ende häufig eine große Umverteilung von Zeit und Aufmerksamkeit ist: Gipfelbilder, Förderkulissen, Beruhigungsreden – während Unternehmen die reale Kosten- und Wettbewerbsfrage anders beantworten: mit Verlagerung, Automatisierung, internationaler Aufstellung.
Sie sprechen von strukturellen Kostennachteilen und den „Behinderungen durch Bürokratie“, die von den etablierten Akteuren nicht einfach wegmoderiert werden. Und sie liefern die harte Arbeitsmarktfolie: „Allein seit 2019 sind etwa 217.000 Arbeitsplätze in der Industrie verloren gegangen.“
Dazu der Satz, der im Ohr bleibt: „Aktuell rechnet man mit ca. 10.000 Arbeitsplätzen pro Monat.“
Im selben Beitrag zeigt eine Grafik, wohin Beschäftigung wächst: Pflege und Soziales (+73 Tsd.), Gesundheitswesen (+65), öffentliche Verwaltung (+44) – während Industrie unter Druck steht.
Die Konsequenz ist unbequem: Wer Industriepolitik als Bestandsschutz betreibt, arbeitet gegen die Richtung der Volkswirtschaft und wundert sich über wachsende Friktion.
Baden-Württemberg: Vom Erfolgsmodell zum Klumpenrisiko
Baden-Württemberg war lange der Beweis, dass Deutschland Mittelstand kann: Maschinenbau, Automobil, Zuliefernetze, Export. Genau deshalb wirkt der jüngste Umsatzknick so aufschlussreich. Die von dir zitierte Datev-Analyse beschreibt einen Rückgang der Mittelstandsumsätze nach dem Hoch 2022; über Jahre nur Seitwärtsbewegung. Der Kern des Problems ist die enge Fixierung auf zwei Branchen: Auto und Maschinenbau. Die Mechanik ist bekannt und trotzdem politisch unterschätzt.
Der Umbau der Autoindustrie trifft die Zulieferer doppelt: Erst sinkt die Nachfrage nach klassischen Komponenten; dann verschieben sich Wertschöpfungsanteile in Richtung Software, Leistungselektronik, Batterieketten – oft außerhalb der bisherigen regionalen Logik. Gleichzeitig leidet der Maschinen- und Anlagenbau unter Auftragsrückgängen und unter einer Investitionsschwäche, die im Inland besonders sichtbar ist. Und wenn investiert wird, landet ein Teil der Vorhaben im Ausland; die heimische Zulieferbasis folgt nicht automatisch.
Hinzu kommt der zweite Schlag: Wenn große Arbeitgeber abbauen, fällt regionale Kaufkraft. Dann geraten auch die „unsichtbaren“ Teile des Mittelstands unter Druck: Handwerk, Dienstleistungen, lokale Zulieferer. Deindustrialisierung ist nicht nur weniger Werkstor, sondern weniger Nachfrage im Umkreis.
Dass sich einzelne Räume im Land besser halten – Ulm, Rhein-Neckar – ist kein Wunder, sondern ein Hinweis. Wo Branchenmix gelingt, stabilisieren Life Sciences, Medtech, IT und spezialisierte Industrie sich gegenseitig. Das ist „Wohlstand von unten“ als Praxis: nicht ein Sektor, der alles trägt, sondern ein Ökosystem, das Schocks verteilt.
Regionale Stärken aufladen: Schwäbische Alb als Blaupause
Konservierungspolitik fragt: Welche Fabrik bleibt? Eine zukunftsfähige Politik fragt: Welche Fähigkeit skaliert in neue Märkte?
Die Schwäbische Alb steht für eine Fähigkeit, die selten als Zukunftstechnologie etikettiert wird, aber genau das ist: Feinmechanik. Präzision, Messkultur, Materialgefühl, Prozessstabilität – das sind Deep-Tech-Voraussetzungen. Wer diese Stärke „auflädt“, hängt sie an neue Themen: Sensorik, Medizintechnik, Robotik, Laborautomation, Präzisionsfertigung für Bioprozesse. Dann bleibt die Region industriell – aber nicht in der alten Branchenlogik.
Schmidt und Felser formulieren die Zielrichtung als Epochenwechsel: „Es geht um die Erkenntnis, dass die neue Welt kleinteiliger, dezentraler, vernetzter, innovativer und mutiger werden muss.“ Das beschreibt ziemlich genau, was ein regionales Kompetenz-Upgrade leisten soll: weniger Monolith, mehr Kombinatorik.
Montanregionen: Vom Stollen zum Orbit
Noch radikaler wird das Prinzip in Montanregionen. Kohle und Stahl als Leitindustrie sind Geschichte. Aber die zugrunde liegenden Kompetenzen – Förderung, Aufbereitung, Stoffströme, Großanlagenbetrieb, Sicherheit, schwere Verfahrenstechnik – sind nicht wertlos. Sie brauchen einen neuen Marktbezug.
Hier passt das von dir gesetzte Thema Rohstoffgewinnung im Weltall als strategischer Projektor. Nicht, weil „Space Mining“ morgen Jobs in fünfstelliger Zahl bringt. Sondern weil es zwingt, Kompetenzen neu zu verschalten: Robotik und Autonomie, Energieversorgung unter Extrembedingungen, Materialtrennung, neue Werkstoffe, Standards, Haftung. Wer Montankompetenz so neu kombiniert, baut ein Wissensökonomie-Profil, das zurückwirkt: auf Recyclingtechnologien, Kreislaufwirtschaft, Rohstoffsicherung, neue Prozessketten in der Energiewende.
Das ist der Punkt: Es geht nicht um ein neues Branchenplakat, sondern um eine neue Kombinationsmaschine.
Was Politik leisten muss – und was sie lassen sollte
Schmidt und Felser argumentieren nicht gegen Investitionen. Sie argumentieren gegen die Vorstellung, Investitionen wirkten automatisch, solange „oben“ genügend Geld bewegt wird. Ihr eigener Chart zur Frage „Wie viel Wachstum bringt das Sondervermögen?“ illustriert genau diese Skepsis: Ein Investitionsszenario kann deutlich stärker wirken als das, was als „aktuelles Politikscenario“ mit fraglicher Zusätzlichkeit daherkommt. WohlstandVonUnten
Die Folgerung liegt nahe: Industriepolitik muss weg vom Denkmalpflegerischen und hin zum Ermöglichen von Neukombinationen. Nicht das einzelne Werk retten, sondern die Bedingungen schaffen, unter denen Regionen Neues bauen.
Schumpeter liefert dafür die ökonomische Logik: Routine schöpft ab, Entwicklung entsteht endogen. Das Routineunternehmen „arbeitet auf den überkommenen Grundlagen“ – und genau so entsteht kein neues Wachstum.
Keine Rückkehr, sondern ein Upgrade
Die öffentliche Debatte hängt zu oft an der Frage, ob Deutschland „wieder mehr Industrie“ bekommt. Die entscheidendere Frage lautet: Ob Deutschland schneller neue Kombinationen organisiert – regional, dezentral, wissensbasiert.
„Wohlstand von unten“ ist dabei kein Wohlfühlbegriff. Es ist eine Zumutung an Politik und Verbände: weniger Theater, mehr Strukturarbeit. Schmidt und Felser sagen das in ihrer Grundformel: Top-down ersetzen, dezentrale Innovation ermöglichen, Spielregeln ändern.
Wer alte Strukturen konserviert, bekommt am Ende beides: weniger Industrie und weniger Zukunft. Wer regionale Stärken auflädt, bekommt das, was im Moment fehlt: neue Themen, innovative Kombinatorik, Wissensökonomie – und damit wieder einen Grund, warum Produktion hier stattfindet.