
Wenn Michael Krüger in seinem Bonner Vortrag plötzlich von Paul Scheerbart spricht, wirkt das zunächst wie ein Seitensprung – weg von den bekannten Namen der Lyrik, hin zu einem heute randständigen Exzentriker. In Wahrheit markiert Scheerbart in Krügers Argumentation eine Bruchstelle: an ihm lässt sich exemplarisch zeigen, wie früh die deutsche Literatur sich auf die Suche nach dem Neuen gemacht hat – und wie vollständig solche Versuche wieder aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden konnten.
Krüger erinnert daran, dass ausgerechnet ein Gedichtband von Scheerbart am Anfang der Geschichte des Rowohlt-Verlags steht: jenes schmale Buch, in dem der heute kaum mehr zitierbare, aber präzise zündende Satz steht: „Charakter ist nur Eigensinn, es lebe die Zigeunerin.“pdfKrüger Lesung final In dieser Mischung aus trotzigem Individualismus und anstößiger Leichtfertigkeit steckt bereits vieles, was Scheerbarts Schreiben ausmacht: die Absage an moralische Schwere, der Eigensinn als produktives Prinzip, die Lust, das Bürgerliche durch eine kleine Verschiebung ins Lächerliche zu ziehen.
Ende des 19. Jahrhunderts gehörte Scheerbart zu den wenigen Künstlern, die sich nicht mit der Verschönerung des Bestehenden begnügten, sondern nach neuen Welten suchten. In seinem ersten Buch „Das Paradies. Die Heimat der Kunst“ ist diese Bewegung bereits spürbar: Kunst nicht als Dekoration der Gegenwart, sondern als Probeaufenthalt in anderen Möglichkeitsräumen. „Phantastik“ nannte Scheerbart sein Programm – und gründete 1892 den „Verlag deutscher Phantasten“, ein kühnes, zugleich rührend kleines Unternehmen der ästhetischen Zukunftsspekulation. Dort erschien, neben einem eigenen Bändchen (das der Referent bedauernd nicht im Besitz hat), Albert Girauds Gedichtzyklus „Pierrot Lunaire“ in deutscher Übersetzung – jener Text, den Arnold Schönberg später in Musik sprengte. Ein verlegerisches Wagnis mit, wie Krüger sagen würde, „geringer Halbwertzeit“ im Markt, aber enormer Reichweite im ästhetischen Untergrund.
In Krügers Schilderung tritt Scheerbart noch einmal als Figur der Moderne auf, bevor diese sich selbst kanonisiert: ein Dichter unter wenigen, die sich gegen den Ersten Weltkrieg stellten, der Erfinder der Glasarchitektur, der von lichtdurchlässigen Städten träumte, während er in bitterer Armut lebte. Seine Erstausgaben, erzählt Krüger, seien heute gesuchte Kostbarkeiten; drei davon habe er selbst besessen, bis der Judaist und Philosoph Gershom Scholem sie ihm in München „herausgeredet“ und nach Jerusalem getragen habe – in die Bibliothek, wo sie nun hoffentlich ein paar Leser mehr finden als zu Lebzeiten ihres Autors.pdfKrüger Lesung final
Dieser kleine Exkurs zu Scheerbart ist bei Krüger mehr als eine bibliophile Anekdote. In ihm bündeln sich mehrere Linien: die frühe Allianz von Lyrik, Phantastik und Utopie; die kurze Phase, in der Verlage wie Rowohlt bereit waren, ihr Profil mit riskanten Gedichtbänden zu beginnen; und schließlich das fast vollständige Verschwinden solcher Autoren und Programme aus der heutigen Wahrnehmung. Scheerbart steht damit genau an jener Stelle, die Krügers Buch interessiert: zwischen später Ruhmbehauptung und frühzeitiger Vergessenheit. Seine „Phantastik“ erscheint rückblickend weniger als Randgattung, denn als vorweggenommene Form dessen, was Literatur im 20. Jahrhundert immer wieder versucht hat: aus der Enge der Verhältnisse durch sprachliche Erfindung auszubrechen – auch um den Preis einer verlegerischen Bilanz mit „geringer Halbwertzeit“.
Das passt ja zur heutigen Böttger-Veranstaltung um 20 Uhr:
DIE ANDERE SEITE. PHANTASTIK – Streifzüge durch eine besondere Bücherwelt mit Uwe Appelbe und Andreas Fieberg: Teil 3: Lamettaspuk – Phantastisches für den Gabentisch
Was hat die Phantastik an Lesestoff zu bieten im Spannungsfeld zwischen Tradition und Avantgarde?
Für manche sind unheimliche Erzählungen und Geistergeschichten nicht totzukriegen, für andere sind sie Schnee von gestern. Dabei erinnert uns die jahreszeitlich zunehmende Dunkelheit daran, dass sich Jenseitiges, Wundersames und Übernatürliches auch in moderne Zeitenläufe einmischen kann.
Anhand höchst unterhaltsamer Paradebeispiele wird an diesem phantastischen Abend das weite Feld zwischen Geister- und Dämonenbeschwörung, Wahn und Parodie durchwandert. Dabei steht weniger die fachliche Seite als vielmehr der vor- und nachweihnachtliche Lesegenuss im Vordergrund.
Zur Sprache kommen diesmal die Autorinnen und Autoren Robert Aickman, Eugen Egner, Lars Gustafsson, Susan Hill, Steve Rosnic Tem, Roland Topor und Edith Wharton.