Der deutsche Handel im Ausnahmezustand – Warum das Ludwig-Erhard-Modell kollabiert und was jetzt passieren muss

Der deutsche Einzelhandel steht an einem Wendepunkt, der weit über die Jahresbilanzen hinausreicht. Während Lebensmittel-Discounter wie Aldi und Lidl im Ausland expandieren, erlebt der Non-Food-Sektor den tiefsten Einbruch seit Jahrzehnten. Innerhalb eines Jahres hat sich der Marktanteil asiatischer Plattformen wie Temu, Shein oder TikTok Shop nahezu verdreifacht – auf fast sechs Prozent. Das klingt marginal, ist aber für deutsche Händler existenzbedrohend. Professor Gerrit Heinemann, einer der profiliertesten Handelsexperten des Landes, spricht von einem „dramatischen Strukturbruch“: Der deutsche Non-Food-Handel verliere „real richtig fett“.

Der stille Niedergang des Mittelstands

Besonders hart trifft es die ehemaligen Zugpferde der deutschen Wirtschaft – Familienunternehmen. Jahrzehntelang galten sie als Rückgrat des Wohlstands. Heute sind sie oft Investitionsverweigerer. Heinemann bringt es auf den Punkt: „Familienunternehmen heißt Mangel an Kapital – immer schon.“ Die Scheu vor der Börse, die Angst, Kontrolle abzugeben, verhindert Wachstum. Dabei stünden viele Betriebe längst an der Schwelle zur Nachfolgekrise. Ganze Fonds spezialisieren sich inzwischen auf die Übernahme solcher Unternehmen, die keine Nachfolger finden.

Die Kapitalschwäche und der Mangel an Kooperation verschärfen die Lage. „Der deutsche Mittelstand denkt in Clans“, sagt Heinemann. Während weltweit Kapital mobilisiert und Know-how eingekauft wird, hält man hierzulande an patriarchalischen Strukturen fest. Das alte Modell – „Made in Germany“ plus Export plus Stabilität – stammt noch aus einer Ludwig-Erhard-Ära. Heute ist dieses Modell schlicht nicht mehr wettbewerbsfähig.

Angriff von allen Seiten

Von Osten drängen Plattform-Giganten wie Temu und Shein in die europäischen Märkte. Von Westen rollen Amazon mit seinem neuen Shopping-Assistenten Rufus und OpenAI mit dem Projekt Atlas eine neue Ära des personalisierten Einkaufens aus. Währenddessen fehlt es deutschen Online-Händlern an Masse und Geld. Der deutsche Online-Handel verliert real fast acht Prozent Umsatz, die Tochter Hermes arbeitet inzwischen als Fulfillment-Dienstleister für die asiatische Konkurrenz – ein Symbol des Systemversagens.

Heinemann spricht vom „Hinterherhecheln“ der deutschen Player. Amazon dominiert mit 60 Prozent Marktanteil, wächst weiter zweistellig – während in Hamburg und Berlin gestrichen und verkauft wird. Wer heute im Onlinehandel bestehen will, braucht Milliardeninvestitionen. Doch woher soll das Geld kommen, wenn das Tafelsilber bereits versilbert ist?

Politik ohne Kurs

„Wir haben kein Erkenntnisproblem – wir haben ein Umsetzungsproblem“, sagt Heinemann. Es fehle an Mut, die Wahrheit auszusprechen. Dreißig Jahre politischer Stillstand – vom gescheiterten Bürokratieabbau bis zur verschleppten Föderalismusreform. Deutschland lebe noch immer von Subventionen der Vergangenheit: billigem Gas aus Russland, billiger Produktion aus China, militärischer Rückendeckung aus den USA. Diese Fundament sei weggebrochen – und niemand will es offen sagen.

Heinemanns Appell ist radikal einfach: „Die Bürger nicht für dumm verkaufen. Die Wahrheit gehört auf den Tisch.“ Es braucht Reformen, die den Föderalismus auf die Realität des 21. Jahrhunderts einstellen.

Kommunen am Limit

Kaum ein Thema zeigt die Erosion der Strukturen so deutlich wie die Verödung der Innenstädte. Der Leerstand ist sichtbares Symptom eines tieferliegenden Problems: Die Kommunen sind finanziell und personell am Ende. Die Abschaffung des Oberstadtdirektors – einst Verwaltungsprofi und Gegengewicht zum oft unerfahrenen Bürgermeister – hat die Lage verschärft.

„Wenn heute ein Zwanzigjähriger ohne Ausbildung Bürgermeister werden kann, sagt das alles“, so Heinemann. Ratsmitglieder arbeiten für symbolische Entschädigungen, Dezernenten sind überfordert. Gleichzeitig drückt Bund und Land immer neue Aufgaben nach unten – ohne Finanzierung. Das Konnexitätsprinzip, wonach nur der zahlen soll, der entscheidet, gilt nicht für Kommunen. „Die Städte sind schlicht vergessen worden“, konstatiert Heinemann. Seine Forderung: eine Grundgesetzänderung, um Städte und Gemeinden wieder handlungsfähig zu machen.

Es geht auch anders

Dass Wandel möglich ist, zeigen zwei Beispiele: Thalia und dm. Beide Unternehmen stehen für mutige, datengetriebene Innovation – und für Kooperation statt Abschottung. Thalia entwickelte mit Partnern den Tolino, wurde Marktführer im E-Reading und rettete damit den Buchhandel. Heute bindet das Unternehmen lokale Buchläden in ein Franchise-System ein, das Digitalisierung mit Nahversorgung verbindet.

Auch dm beweist, dass man mit klarem Fokus und Systemintelligenz wachsen kann. Der Drogerieriese testet Gesundheitsservices wie Hautanalysen oder Bluttests in den Filialen – ein Vorstoß, der zeigt, dass Kundennähe und Innovation kein Widerspruch sind.

Die Chefsache KI

Heinemanns Schlussfolgerung ist unmissverständlich: Künstliche Intelligenz ist Chefsache. Viele Mittelständler glauben, sie seien modern, wenn sie Buchhaltung digitalisieren. Doch was heute als Innovation gilt, war vor 60 Jahren Standard. Wer KI nicht versteht oder an Delegation glaubt, verliert. „Wenn du es nicht kannst, musst du jemanden holen, der es kann – sonst bist du weg vom Fenster.“

Der Handelsexperte lässt keinen Zweifel: Der Point of No Return ist nah. Doch Deutschland hätte alle Voraussetzungen, um den Absturz zu bremsen – Kapital, Know-how, Konsumentenvertrauen. Was fehlt, ist der Mut, sich von alten Gewissheiten zu lösen.

„Es ist nie zu spät“, sagt Heinemann. „Aber jetzt ist allerhöchste Zeit.“

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