the word louise is spelled out in scrabble letters

Krisenmanagement der Bahn – Ein „Reise“bericht

faceless woman with cardboard box on head against pond
Photo by Ryanniel Masucol on Pexels.com

Ich sitze im Zug IC 2027 von Bonn nach Nürnberg. Bis auf die 10 minütige Verzögerung kurz nach Bonn nicht eingerechnet, ist die Fahrt bis kurz vorm Frankfurter Flughafen gut verlaufen. Dies war um ca. 18:10 Uhr… Nun ist es 20:45 Uhr, der Zug ist keinen Meter mehr gefahren und es ist noch keine Besserung der Sicht. Warum sich der Zug verzögert hat? Aufgrund einer Stellwerkstörung. Da ähnliche Probleme häufiger auftauchen, wundert es mich, dass die Bahn es noch nicht gelöst hat. Schlimm ist aber eigentlich gar nicht das technische Problem, schlimm ist, wie das Krisenmanagement versagt. Nur ein paar Beispiele: Ca. all 40 Minuten kommt eine Durchsage, dass man noch nicht wisse, wann der Zug weiterfährt. Gerade zu Beginn sollten die Schaffner häufiger den Stand durchgeben. Einige haben für den Ausstieg am Flughafen bereits seit mehr als 20 Minuten gestanden, bevor die Durchsage kam, dass sich die Weiterfahrt auf unbestimmte Zeit verzögert. Die Durchsage für das kostenlose Getränk kam erst um 20:15 Uhr – nach 2 Stunden… Mittlerweile haben einige ihre Flüge verpasst – zum Glück teilen die Schaffner/innen Gutscheine aus, damit man 20 Prozent des Fahrpreises erstattet bekommt… ein kleiner Trost. Was vielleicht noch erwähnt werden sollte, der Zug steht ca. 15 Fußminuten vom Flughafen entfernt. Warum schafft die Bahn es nicht, die Reisenden mit einem Bus abzuholen?

21:05 Uhr: Plötzlich ist der Zug wieder losgefahren. Keine Durchsage der Schaffnerin. Nachdem wir am Flughafen angekommen sind, teilte uns die Schaffnerin kurz mit, dass wir angekommen sind. Den Satz noch nicht beendet, tönte es aus der Lautsprecheranlage, dass der Zug hier ende und alle bitte aussteigen mögen. Auch hier glänzte die Schaffnerin durch eine 5-minütige Pause bevor sie uns mitteilte, dass aufgrund der fortgeschrittenen Zeit doch bitte alle aussteigen mögen. Sie teile noch die Anschlusszüge mit. Deshalb bleiben wir sitzen und warten weiter auf Input. Es teilt ein Schaffner mit, dass die Reisenden über den Regionalbahnhof zum Frankfurter Hauptbahnhof kommen. Keine Worte über die nächste Möglichkeit nach Nürnberg zu kommen. Zur Sicherheit wiederholte dieser die Reisemöglichkeit nach Frankfurt. Nürnberg? Fehlanzeige.

22:35 Uhr: Ich sitze wieder im Zug nach Nürnberg. Ankunft ca. 00:37 Uhr – 4 Stunden später als geplant. Ach ja, dieser Zug ist mit 5-minütiger Verspätung am Flughafen angekommen.

VWL-Mechaniker und Ex-post-Prognostiker in der Sinnkrise

In einigen Blog-Beiträgen habe ich mich nun mit dem Niedergang der Ökonometriker, Zahlendreher, Makroklempner und VWL-Mechaniker auseinandergesetzt. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat nun eine Typologie der Wirtschaftswissenschaftler nach dem Finanzcrash erstellt. „Anfang 2008 war die Welt nämlich noch in Ordnung. Die Ökonomen sprachen von einer Abkühlung im Jahr 2009. Ein Wachstum von 1,2 Prozent, 1,5 Prozent, 1,8 Prozent sei zu erwarten, hieß es damals, aber weiß Gott keine Rezession, nicht einmal Stagnation. Ach ja. Dann kam die Krise – und mit ihr wurde offenbar, wie sehr die professionellen Prognostiker in Deutschland danebengelegen haben“, so die FAS.

Die Ökonomen würden verschreckt reagieren: „Die einen geben sich zerknirscht, die anderen behaupten, alles immer schon gewusst zu haben. Letztere nerven besonders. Denn wenn sie tatsächlich schon in ihrer Doktorarbeit vor fehlender Bankenregulierung gewarnt haben, so fragt man sich, wieso sie nicht all ihre Macht und Prominenz eingesetzt haben, die Öffentlichkeit zu warnen“. Nach meinem Eindruck sind die Zerknirschten zumindest in der Öffentlichkeit nicht sehr dominant. Die meisten wollen doch so schnell wie möglich zur Tagesordnung übergehen und jetzt analysieren, was sowieso schon bekannt ist. Es sind halt Ex-post-Prognostiker, die sich mit den Analysten zusammentun können. Letztere können auch erst ihre schlauen Reden führen, wenn ein Unheil eingetreten ist. Tun aber so, schon immer alles vorher gewusst zu haben.

Wirtschaftsforscher Snower ist einer der wenigen, die zu einem radikalen Umdenken auffordern. Ein Richtungswechsel in einer bislang hochnäsigen Wissenschaft, die gern den „Siegeszug des ökonomischen Paradigmas in alle Wissenschaften“ verkündete. Jetzt sollten die Ökonomen von ihren einst geschmähten Kollegen lernen, findet er. „Erkenntnisse vor allem aus den Neurowissenschaften, aber auch aus Psychologie und Anthropologie müssen herangezogen werden, um die Annahmen über menschliches Verhalten realitätsnäher zu machen.“ Mathematische Formeln und Ceteris-paribus-Modellrechnungen sind schon immer Rationalitätsmythen gewesen. Der heute in Ungnade gefallene Begründer der marktwirtschaftlichen Idee, Adam Smith, war davon weit entfernt: Er war Moralphilosoph, politischer Ökonom, Wirtschafts- und Sozialhistoriker, Rechtstheoretiker, Geschichtsphilosoph, Sprach- und Literaturwissenschaftler sowie Kunsttheoretiker. Also alles andere als ein Fachidiot, der sich hinter irgendwelchen Rechenmodellen versteckt, die niemals die komplexe und widersprüchliche Welt abbilden oder politische Krisen, bahnbrechende Erfindungen, Meinungstrends oder Katastrophen vorhersagen können. Besonders fragwürdig sind jene Wirtschaftswissenschaftler, die ihre Profession mit der Naturwissenschaft auf eine Stufe stellen. Diese Gruppe soll zur Zeit dominieren. Für mich sind es VWL-Mechaniker, die einem Weltbild nachlaufen, wie es der Engländer Thomas Hobbes vertrat. Er machte sich eine bereits gängige Vorstellung aus dem 16. Jahrhundert zu eigen, wenn er zu verstehen gab, der Staat, der Zusammenschluss der Menschen zu einer Einheit, eben der „Staatskörper“, sei wie jeder Körper eine Maschine, ein von einem Uhrwerk angetriebener Automat. Die Rechenschieber-Fraktion in der Wirtschaftswissenschaft ist von diesem Theoretiker des politischen Absolutismus nicht weit entfernt.

Siehe auch: Narren, Krise, Konjunktur und Schwarz Löcher, Enzensberger, Kontrollfreaks,, Prognosemist, Weltuntergangsstimmung, Krisenmanager