Überraschungsei-Politik oder Staatskunst? Schumpeter neu denken in Zeiten der Stagnation #Innovationspolitik @bundeskanzler @BMWE_

In einer politischen Kultur, die sich mit Vorliebe an disruptiven Erzählungen berauscht – an den Märchen von der Sprunginnovation, am Hype um die „Gamechanger-KI“, an der ständigen Angst vor der Übermacht des Silicon Valley oder dem chinesischen Überwachungskapitalismus – gleicht die Wirtschaftspolitik zunehmend der verzweifelten Suche nach einem ökonomischen Überraschungsei: Irgendwo wird schon die nächste Sensation schlummern. Man muss nur kräftig genug rühren, fördern, „entfesseln“.

Doch was wäre, wenn gerade dieses Denken das eigentliche Problem ist? Wenn die große Innovation nicht im Disruptiven liegt, sondern in der Fähigkeit, Wandel organisieren, verstehen und kultivieren zu können – jenseits technizistischer Mythen? Es geht um die Durchsetzung von Innovationen am Markt.

Schumpeter reloaded: Der Staat als strukturierende Instanz

Der 2024 erschienene Sammelband „Joseph Schumpeter und der Staat“, herausgegeben von Richard Sturn, zeichnet ein Bild des Schumpeter’schen Denkens, das mit den gängigen Management-Vokabeln disruptiver Fantasien nur wenig gemein hat. Vielmehr erscheint Schumpeter dort als ein radikal-realitätsbewusster Ökonom, der den Staat weder dämonisiert noch glorifiziert, sondern als „institutionellen Möglichkeitsraum“ begreift – gerade in Phasen der Stagnation und Strukturbrüche.

Günther Chaloupek hebt hervor, dass Schumpeter eine „kreditfinanzierte Innovationsökonomie“ dachte, in der der Staat eine aktive Rolle bei der Erweiterung des Investitionsspielraums spielt – nicht als Ersatzmarktteilnehmer, sondern als katalytischer Ermöglicher.

Gegen die Mythologie der Sprünge

In der Perspektive von Heinz D. Kurz (Kapitel „Laborismus vs. Kapitalismus“) zeigt sich, wie sehr Schumpeter zwischen rationalem Innovationsverständnis und ideologischen Missdeutungen unterschieden hat. Die bloße Technikverliebtheit, wie sie heutige Sprunginno-Katechismen prägt, war ihm fremd. Vielmehr ging es um die Einbettung des Neuen in das soziale und institutionelle Gefüge einer Gesellschaft.

Sprunginnovation als Projektionsfläche – das war Schumpeters Sache nicht. Sein Denken war zyklisch, nicht eruptiv. Es war differenziert, nicht evangelikal.

Ein Staat der Möglichkeitsräume – nicht der Märkteingriffe

Rudolf Dujmovits und Richard Sturn argumentieren in ihrem Beitrag zum Steuerstaat, dass Schumpeter sehr wohl ein Gespür für die fiskalische Intelligenz von Staaten hatte. Es ging ihm nie um „mehr Staat“, sondern um „kompetenten Staat“. Er dachte in fiskalischen Richtungsentscheidungen, nicht in punktuellen Rettungsaktionen. Der Staat soll nicht Träger der Innovation sein – er soll ihre systemische Ermöglichung garantieren.

Tina Ehrke-Rabel und Martin Sumper skizzieren, dass Schumpeter „Finanzverfassungen“ stets als Ausdruck gesellschaftlicher Wandlungsfähigkeit betrachtete – nicht als starre Steuerbürokratie, sondern als gestaltbares System, das neue Formen produktiver Allianzen zwischen Staat, Gesellschaft und Wirtschaft ermöglicht.

Schumpeter als Prophet der Re-Konfiguration

Walter Reese-Schäfer spricht in seinem Beitrag davon, dass Schumpeter ein „bürgerlicher Marx“ gewesen sei – kein Umstürzler, sondern ein Chronist der Dynamik, ein Theoretiker des Übergangs. Die Idee einer sprunghaften Vernichtung als Geburtshelfer des Neuen war ihm fremd. Vielmehr vertraute er auf die Kombinatorik von Wissen, Institutionen und Kapital. Er analysierte Übergänge, keine Offenbarungen.

Innovation als institutionelle Hausaufgabe

Was folgt daraus für heute?

  • Statt auf Technologie-Überraschungen zu hoffen, sollte Wirtschaftspolitik strukturell denken: Förderpolitik muss auf Adaption und Adoption zielen – nicht auf heroische Durchbrüche.
  • Innovationskultur entsteht nicht im Labor, sondern im Zusammenspiel von Rechtssicherheit, Bildungsstruktur, Lernräumen und Finanzierungsketten. Schumpeters Lieblingswort lautete: „Neukombination“.
  • Made in Germany begann im 19. Jahrhundert als Schmähbegriff für Nachahmer. Doch das Imitieren und Verbessern war genau das Erfolgsrezept, das aus Preußen eine Industriemacht formte. Innovationspolitik bedeutet: Systematisch kopieren, verbessern, verankern.
  • Der Staat sollte gezielt in Wissensallmenden, infrastrukturelle Plattformen, modulare Standards und Reallabore investieren – nicht in Unternehmensretterei oder blinde Start-up-Subventionierung.
  • Der zentrale Hebel ist: organisierte Experimentierfähigkeit – also strukturelle Innovationsresilienz.

Schlussbild

Wenn Schumpeter heute im Bundeswirtschaftsministerium säße, würde er keine Start-up-Gipfel veranstalten und keine „Disruption Awards“ verleihen. Er würde fragen: Wo sind unsere Institutionen der möglichen Zukunft? Wo sind die Räume, in denen Wandel zur lernbaren Praxis wird?

Er würde sagen: „Innovation ist kein Wunder. Sie ist eine Pflichtaufgabe intelligenter Systeme.“

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