Ein Theaterabend zwischen Gide, Kafka und der Willkür von heute #SchlossparkTheater

Manchmal weht ein Abend durch die Jahrzehnte, als hätte er nie aufgehört. Einer dieser Abende war der 30. Juni 1950 im Schlosspark Theater Steglitz: die deutsche Erstaufführung von Franz Kafkas „Der Prozeß“, in der Bearbeitung von André Gide und Jean-Louis Barrault, Übersetzung Josef Glücksmann, inszeniert von Willi Schmidt.

Das war kein Theater wie sonst. Das war ein Schlag auf die Nerven einer Stadt, die sich gerade erst aus Trümmern erhob.

Gide entdeckt Kafka – „Cet être traqué, c’est moi“

Als André Gide 1940 Kafkas Roman erneut las, mitten im besetzten Frankreich, notierte er:
„Je relis Le Procès avec une admiration plus vive encore […]. L’angoisse que ce livre respire est, par moments, presque intolérable, car comment ne pas se dire sans cesse: cet être traqué, c’est moi.“

Das war keine literarische Pose, das war Selbstbekenntnis. Gide, der zwischen Besatzung, Vichy-Formalitäten und Stempeljagd fast zerdrückt wurde, erkannte sich in Josef K. wieder. „S’il fallait autant de formalités pour mourir… De quoi construire un conte admirable“ – „Wenn es so viele Formalitäten bräuchte, um zu sterben… das wäre ein bewundernswerter Kafka-Text“.

Daraus wuchs die Idee einer Bühnenfassung. Barrault lieferte das Gerüst, Gide „legte Fleisch auf das Skelett“, wie er sagte. Er tat es nicht aus Liebe zum Theater – das langweilte ihn oft –, sondern weil er spürte: hier ging es um mehr. Um die Frage, wie man in einer Welt überlebt, die von Willkür regiert wird.

Berlin 1950 – Schauspieler wie Boten

Dann also Berlin, Sommer 1950. Auf der Bühne standen Horst Caspar als Josef K., von seiner NS-Vergangenheit beschattet. Neben ihm ein junger Klaus Schwarzkopf, noch nicht Fernsehkommissar, sondern auf der Suche nach der schneidenden Stimme. Inge Keller, die später zur Königin der DDR-Bühnen werden sollte, in frühen, klaren Konturen. Gert Haucke, Harry Wüstenhagen, Albert Beßler – Gesichter und Stimmen einer Generation, die wusste, dass Verhöre nicht Theorie waren, sondern Erfahrung.

Das Bühnenbild von Willi Schmidt: kahle Flächen, Treppen ins Leere, Türen ohne Ziel. Kein Ornament, keine Ablenkung. Ein Raum, der den Zuschauer packte und in den Prozess hineinzog.

Gide als Kulturpolitiker wider Willen

Lutte de la liberté contre toute forme de dictature“ – „Kampf der Freiheit gegen jede Form von Diktatur“. So formulierte Gide 1947 seinen Auftrag. Es ging ihm nicht um eine philosophische Exegese, sondern um den Widerstand des Einzelnen – gegen Befehle, Urteile, Meinungen, die von oben verordnet oder vom lärmenden Mob erzwungen werden.

Das war 1950 in Berlin kein fernes Thema. Das Publikum bestand aus Menschen, die noch Gestapo-Verhöre, Entnazifizierungskommissionen und die neue Teilung der Stadt im Nacken hatten. Der Prozess war nicht nur Kafka, er war Zeitgeschichte in dramatischer Form.

Heute – die Autokraten lieben den Prozess

Und heute? Heute erkennt man, wie prophetisch dieser Abend war.

  • Putin lässt Oppositionsführer vor Gericht schleifen, Urteile stehen fest, bevor der Prozess beginnt.
  • Erdogan entlässt Richter und setzt neue ein, bis nur noch die Linie der Macht bleibt.
  • Orbán schreibt Gesetze, die Gegensprecher gar nicht mehr zulassen.
  • Trump hat das Gericht gleich in eine Fernsehshow verwandelt, wo der Skandal mehr zählt als das Recht.

Es ist immer das gleiche Prinzip: Man simuliert ein Verfahren, aber in Wahrheit herrscht die Willkür. Genau so hat es Kafka beschrieben, genau so hat Gide es auf die Bühne gebracht.

Und wir? Wir erleben den Prozess längst digital: Algorithmen, Scores, Filter, Black-Box-Entscheidungen. Kein Richter sichtbar, kein Maßstab überprüfbar – aber das Urteil steht fest.

Das Tribunal der Zuschauer

Das Schlosspark Theater wurde 1950 zum Gerichtssaal. Nicht die Bühne war der Prozess, sondern der ganze Saal. Jeder Zuschauer saß plötzlich als Angeklagter da: Was läuft gegen mich? Wer bestimmt mein Urteil?

Gide, der sich selbst als „gehetzten Menschen“ erkannte, hat Kafka nicht interpretiert, sondern ausgestellt – nackt, auf der Bühne, mitten in Berlin. Was 1950 wie ein Schock wirkte, ist heute bitter aktuell: Der Prozess ist die Lieblingsform der Autokraten. Ob in Moskau, Ankara, Budapest oder Washington – überall läuft er, immer neu inszeniert.

Und das eigentlich Beunruhigende: Auch wir sind längst Figuren darin. Nicht nur im Gerichtssaal, sondern in der digitalen Verwaltung, in den Systemen, die über uns urteilen.

Der Prozess ist nie zu Ende. Er läuft weiter. Und wir stehen mittendrin.

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