Der etracker-Laberland-Test: Erste Erfahrungen mit dem BlaBlaMeter

Über den Blogger Richard Gutjahr bin ich auf das BlaBlaMeter gestoßen. Eine höchst sinnvolle Testmaschine für allzu ehrgeizige PR-Mitarbeiter, die in jeder Pressemitteilung mit aller Gewalt x-mal ihre Heizdecken-verkaufen-Parolen unterbringen müssen. Das scheint eine Art semantische Zwangshandlung von fast allen Pressestellen zu sein. Nun, liebe PRler, es gibt Abhilfe, um vom Bullshit-Index runterzukommen oder noch einen drauf zu setzen. Nicht jeder schreibt wie Martin Luther. Wenn Wörter „Hände und Füße haben“, wie es der große Reformator verlangte, kann man sich den BlaBlaMeter-Test sparen. Anderen PR-Menschen ist es wohl völlig wurscht, ob die Presseaussendungen zu allergischen Reaktionen beim Empfänger führen und einen Reflex beim Anklicken der Löschtaste auslösen.

Einen Praxistest mit einer willkürlich ausgesuchten Pressemitteilung, die mir heute ins Haus flatterte, möchte ich Euch nicht vorenthalten. Folgende Prosa ist da zu lesen:

dmexco: die etracker Conversion Optimisation Suite eröffnet neue Dimensionen im Web-Controlling

etracker Neuheiten: flexible Cross-Segmentierung und Customer-Journey-Analysen
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Hamburg, 26. Juli 2011 +++ Die etracker GmbH, ein in Europa führender Anbieter von Produkten und Dienstleistungen zur Optimierung von Websites und Online-Marketingmaßnahmen, stellt auf der dmexco erstmals die neue Version 11 seiner Conversion Optimisation Suite vor. Eine weitere Neuheit präsentiert etracker mit der Advanced Edition seiner Kampagnenanalyse-Lösung Campaign Control (Köln, 21. bis 22. September, Halle 8, Stand A021/A025). Die etracker Conversion Optimisation Suite (stand doch schon im ersten Satz, gs) bietet Website-Betreibern völlig neue Möglichkeiten zur Cross-Segmentierung (eine Suite der unbegrenzten Möglichkeiten, stark, gs): Erkenntnisse, die mit einer der etracker Lösungen (Lösungen dürfen in keinem Text der Computerbranche fehlen. Ist wie im Chemieunterricht, gs) für Web-Analyse, Mouse Tracking, Online-Marktforschung oder Kampagnenanalyse gewonnen werden, lassen sich jetzt gezielt durch Daten in den anderen etracker Produkten segmentieren (sehr präzise ausgedrückt, gs). Website-Betreibern eröffnen sich dadurch in puncto Erkenntnisgewinn neue Dimensionen (dachte, so etwas passiert nur nach der Bibel-Lektüre, gs): Sie können durch Cross-Segmentierung (stand doch auch schon am Anfang. Ist wie beim TV-Programm in der Weihnachtszeit, gs) beispielsweise herausfinden, was Besucher mit bestimmten soziodemographischen Merkmalen (gibt es auch unbestimmte soziodemografische Merkmale?, gs) auf einer Formularseite wahrnehmen. Oder wie zufrieden Besucher sind, die über ein bestimmtes Suchwort auf die Seite kommen. Für die Conversion Optimisation Suite 11 (Produktname die Dritte. Chinesische Foltermethode, gs) setzt etracker erstmals eine innovative (wir arbeiten innovativ, effizient und effektiv an einer völlig inhaltslosen Pressemitteilung, gs) Datenbanktechnologie ein, welche eine individuelle Auswertung nahezu beliebig großer Rohdaten-Mengen über alle etracker Lösungen (schon wieder Chemie, gs) hinweg ermöglicht. Eine weitere Neuheit präsentiert etracker (wie heißt noch einmal das Unternehmen? Ach so, ja, etracker, gs) mit Campaign Control Advanced. Die Advanced Edition der etracker Kampagnenanalyse-Software ermöglicht Website-Betreibern und Online-Marketing Verantwortlichen eine leicht zu benutzende und präzise Analyse der kompletten Customer Journey über sämtliche Kampagnenkontaktpunkte (klingt wie Urlaub, gs). Der Text ist noch nicht zu Ende. Zweite Runde in der Geisterbahnfahrt: 

Als eigenständiges Produkt innerhalb der etracker Optimisation Suite 11 (Produktname die Vierte. Wie bei Loriot, gs) macht Campaign Control Advanced den Kampagnenerfolg ebenso transparent wie die Wirksamkeit einzelner Werbemittel, Werbepartner oder Umfelder. Darüber hinaus hat etracker in Zusammenarbeit mit Online-Marketing Spezialisten verschiedene (oder auch beliebige, gs) Kennzahlen entwickelt, auf deren Basis sich zum Beispiel das Engagement der Nutzer sichtbar machen lässt, der sogenannte Customer Engagement Index. Auch diese Erkenntnisse erlauben selbstverständlich (man gönnt sich doch sonst nichts, gs) die Cross-Segmentierung mit Daten aus anderen Produkten der etracker Conversion Optimisation Suite (Produktname die Fünfte, gs). Website-Betreiber erfahren beispielsweise (Wortwiederholungen machen den Text lesefreundlich, vor allen Dingen in Grundschule, gs), wie engagiert besonders zufriedene Besucher im Vergleich zu weniger zufriedenen Nutzern sind. Ebenso lassen sich auf Basis von soziodemographischen Informationen aus der Onsite-Befragungslösung Visitor Voice die Daten in etracker Web Analytics segmentieren, die wiederum in Relation zum Erfolg bestimmter Kampagnen oder Werbemittel gesetzt werden k
önnen. Website-Betreiber erkennen durch Cross-Segmentierung von Daten innerhalb der etracker Conversion Optimization Suite (Produktname die Sechste) beispielsweise (ja, ja, es reicht jetzt, gs) ganz konkret Folgendes: Ein bestimmter Call-to-Action-Button im Bestellformular wird von männlichen Besuchern der Altersgruppe 40-49 kaum wahrgenommen, und 80 Prozent dieser Gruppe brechen den Besuch ab. Frauen im Alter von 20-29 Jahren hingegen, die über eine bestimmte Display-Kampagne auf die gleiche Seite kommen, legen ein anderes Scroll-Verhalten an den Tag und schließen die Bestellung doppelt so häufig ab. Auf diese Weise können etracker Kunden ihre Website unter anderem zielgruppenorientiert optimieren (starkes Schlusswort?).

Was sagt das BlaBlaMeter zu diesem Thomas Mannesken Schreibstil? Ergebnis:

Der Bullshit-Index liegt bei 0.7 (da ist also noch Luft nach oben). Dieses Indikator fehlt übrigens in der Welt der innovativen, weltweit führenden, optimierten, beispielhaften  etracker-Web-Analytics-Conversion-Optimization-Suite-Display-Kampagne-Onsite-Campaign Control Advanced-Befragungslösung-Visitor-Voice-Cross-Segmentierung-Lösung.
Das Urteil des BlaBla-Meter hätte auch Martin Luther unterschrieben: „Es stinkt gewaltig nach heißer Luft!“

Empfehlung für Manager: „Drücke dich schlicht aus“, dann läuft die Wirtschaft besser

Nach Erfahrungen des Managementexperten und FAZ-Autors Erhard Glogowski verarmt die deutsche Muttersprache durch gedankenlose Verwendung von Anglizismen, fehlerhafte Grammatik und Unkenntnis des reichen Wortschatzes. „Dabei ist es nicht kompliziert, die Sprachkultur zu verbessern. Zur Kunst des geschmeidigen Redens haben die Meister der deutschen Sprache prägnante Regeln formuliert“, weiß Glogowski. Die Sprachverwilderung habe sich besonders in der Unternehmenswelt ausgebreitet. Wenn Manager im Ausland unterwegs seien auf der Suche nach neuen Märkten, handele es sich nicht um eine Erkundungsreise, sondern um eine „fact finding mission“. An den Börsen werde „getradet“ statt wie einst gehandelt. Unternehmensbilanzen wurden früher von Analysten durchleuchtet, jetzt werden sie „gescreent“.

„Die Reden und Kommentare von Wirtschaftsführern, Geschäftsberichte und Pressemitteilungen stehen allzu häufig mit der deutschen Sprache auf Kriegsfuß. Die Folge ist, dass man wirtschaftliche Zusammenhänge der Öffentlichkeit schon deshalb nicht erklären kann, weil es an der Sprachkompetenz mangelt, das heißt, an der Fähigkeit, Sachverhalte unterschiedlichen Schwierigkeitsgrades in schlichten Worten auszudrücken“, so Glogowski. Seine Empfehlung lautet daher: „Drücke dich schlicht aus!“ Die Kunst der Rede bestehe seit der Antike darin, seine Zuhörer durch einfache Worte zu fesseln. So beruhte Luthers Wortgewalt auf der Einfachheit des Ausdrucks. „Alle Prediger sollen sich gewöhnen, dass sie schlicht und einfältig predigen, und sollen bei sich bedenken, dass sie jungen, unverständigen Leuten predigen. Einfältig zu predigen ist eine große Kunst. Man muss nicht predigen und tapfer mit großen Worten prächtig und kunstreich herfahren, dass man sehe, wie man gelehrt sei.“

Knapper bringt es Schopenhauer auf den Punkt: „Man brauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge.“ Man solle den Hörer zügig, aber nicht abrupt mit den Kernaussagen vertraut machen, rät Schopenhauer. „Demgemäss vermeide man Weitschweifigkeit und alles Einflechten unbedeutender, der Mühe des Lesens nicht lohnender Bemerkungen“. Man müsse sparsam mit der Zeit, Anstrengung und Geduld des Menschen umgehen. Dadurch werde man bei ihm sich den Kredit erhalten; immer noch besser, etwas Gutes wegzulassen, als etwas Nichtssagendes hinzusetzen. Für geschmeidiges Reden gibt es kein Patentrezept, aber eine von den Meistern der deutschen Sprache empfohlene Grundregel: Lasse Dich nicht gehen und feile am Stil. Dazu nehme man wiederum Nietzsche als Vorbild: „Den Stil verbessern – das heißt den Gedanken verbessern und gar nichts weiter!“