Der Charme des Unperfekten: Warum ich die Krautreporter nun doch unterstütze

Die Betonung liegt auf HEITER
Die Betonung liegt auf HEITER

In den ersten Tagen nach dem Start des ambitionierten Krautreporter-Projektes reagierte ich reflexhaft mit Skepsis. Da ist einiges holprig angelaufen. Bezahlfunktion eher bescheiden, kein klassisches Crowdfunding-Projekt, Arbeitsproben liegen nicht vor, das Wort „Abo“ wirkt abschreckend (wo ich doch alle Abonnements in den vergangenen Jahren gekündigt habe) und, und, und.

Dass man die Pressekonferenz auf Dienstag angesetzt hatte, um in die einschlägig bekannten Freitagsmedien Werbemedien reinzukommen (Thomas Knüwer sprach im Digitalen Quartett von Horizont und w&v), dort aber wohl keine Unterstützer zu finden sind, entspricht wohl den Tatsachen (also die Tatsache, dass man über die Werbemedien nicht sehr viele Geldgeber finden wird). Aber auch diese Erfahrung muss erst einmal gemacht werden.

Dann habe ich über meine eigenen Projekte nachgedacht, die ich in den vergangenen Jahren mehr oder weniger erfolgreich gestartet habe. Etwa das Startnext-Ding namens „Unbuch über die Streaming-Revolution“ – gemeinsam mit Hannes Schleeh. Das war so eine Art eierlegende Wollmilchsau über Jedermann-TV mit dem Google-Dienst Hangout on Air. Wir wollten die Buchproduktion irgendwie so machen, wie Dirk von Gehlen mit seinem Startnext-Opus „Eine neue Version ist verfügbar“, nur anders. Das erste Projektvideo war zu lang und inhaltlich scheiße. Unsere ersten Präsentationen hat niemand so richtig verstanden. Nach hinten ging uns die Puste aus und wir konnten nur so rund 3.000 Euro von insgesamt 5.000 Euro einsammeln. Projekt geplatzt. Ich konnte dann Vorträge halten unter der Überschrift: „Besser scheitern mit Crowdfunding“.

Hannes und ich waren noch Crowdfunding-Grünschnäbel. Gelernt haben wir in den Kampagnen-Monaten aber eine Menge. Was ist übrig geblieben? Ein Workshop-Projekt namens “Video-Blogging und Echtzeitkommunikation über Streaming-Dienste” mit einigen Aufträgen, die die Crowdfunding-Summe bei weitem übertroffen haben, und ein Buchvertrag mit dem Hanser-Verlag, wo wir im Herbst einen Band über die TV-Autonomen veröffentlichen werden (da muss ich bis Ende Juni noch kräftig in die Tasten greifen).

Ähnliches erlebe ich jetzt mit dem Neustart von ne-na.de seit Ende des vergangenen Jahres. Irgendwie reizt mich die Idee von Jeff Jarvis, ein Netzwerk-Projekt aufzusetzen und so ein wenig Zeitung 2.0 zu spielen über die Zusammenarbeit mit ausgewählten Bloggern, Unternehmern, Bürgern und Communitys, die Nachrichten recherchieren, sammeln und verbreiten. Nachzulesen unter: VON SILVERSTRIPE ZU WORDPRESS: WWW.NE-NA.DE ZIEHT UM – BETA-STADIUM. So richtig funzt das noch nicht. Aber das läuft weiter und ich bin geduldig. Vielleicht gibt es ja Werbekunden und Sponsoren, die die Grundidee cool finden und genügend Euro in die Kasse werfen, damit man auch mal Projekthonorare ausschütten kann. Und ich wiederhole meine Überlegung:

Wer seine eigenen Blogpostings in nachrichtlicher Form verwerten will, das Netzgeschehen kuratieren und Ideen mit anderen Interessierten im Social Web nach vorne bringen möchte, sollte mich einfach kontaktieren.

Schwerpunkt ist das Netz und die digitale Transformation, die als Querschnitts-Technologie das Leben in Wirtschaft, Gesellschaft, Politik, Bildung und Kultur verändert. Habe ich einen Plan? Nein. Ich wurstel mich durch, wie es der Zeit-Online-Chefredakteur so schön formuliert hat. Man sollte sich als Beobachter des Zufalls bewähren. Gelegenheiten erkennen, statt einer Schimäre der rationalen Entscheidung hinterherzulaufen. Ein Unternehmer ist für den Ökonomen Israel Kirzner ein Häscher des Okkasionellen – ein Chancenverwerter. Occasio ist die Göttin der Gelegenheit mit einem nach vorne fallenden Haarschopf, an dem man sie zu ergreifen hat; wer diesen Augenblick verpennt, hat keine zweite Chance, denn von hinten ist die Dame kahl. Da wollte ich doch ein Occasio-Logo für ne-na.de entwerfen. Auch so eine Idee, die ich noch nicht angepackt habe. Online-Projekte bleiben halt auf Ewigkeit eine Baustelle. Das ist aber das Schöne am Netz. Man hat die Stellschrauben selbst in der Hand, kann vieles ausprobieren und fällt halt ein paar Mal auf die Schnauze. Na und. Wer keine Angebote macht, kann sich auch als Chancenverwerter nicht bewähren.

Deshalb ist es völlig ok, wenn die Krautreporter kräftig eins auf die Mütze bekommen, um das Projekt zu verfeinern und besser zu erklären. Sie müssen jetzt um jeden Unterstützer kämpfen. Letztlich folgen die Macher des Unterfangens dem Crowdfunding-Prinzipien. Wer 60 Euro in den Topf schmeißt, verlangt Erklärungen. Und die werden geliefert im Gegensatz zu vielen anderen Medienprojekten, die am Grünen Tisch konzipiert und der Öffentlichkeit mit Werbedruck vorgesetzt werden. Ich gebe Euch die 60 Euro. Nach einem Jahr wird man sehen, ob sich eine weitere Unterstützung lohnt.

Siehe auch:

kritik-kritiker kritik

Über die Kraft einer positiven Sogwirkung und wie verfrühte Kritik sie verhindert (was ist eigentlich eine verfrühte Kritik????)

Die Kraut-Ökonomie: Nur ein Nischen-Phänomen?

Ende der Massenproduktion?

Die vernetzte, kollaborative und digitalisierte Welt reduziert die Eintrittsbarrieren, um als Produzent tätig zu werden! Es fördert die Autonomie und schwächt das Regime der Fremdbestimmung. Das spüren nicht nur die Zeitungsverlage. Siehe meine Kolumne für The European, die Anfang Dezember des vergangenen Jahres erschien.

„Die Kultur der meisten Mega-Konzerne mit ihren ausgeprägten Hierarchien, ihren starren Formalitäten, ihren unbeholfenen Kommunikationsmechanismen und als Resultat davon ihren langsamen Reaktionszeiten passt offensichtlich nicht mehr zu dem heute herrschenden Tempo. Sie ist nicht mehr vereinbar mit der heute existierenden Wirtschaftskultur und erscheint im Vergleich dazu alt und atemlos“, bemerkt der Philosoph Frithjof Bergmann.

Neue Techniken und die Open-Source-Prinzipien forcieren diese Entwicklung, die sich von der überholten industriellen Massenproduktion wegbewegt.

Besonders spannend sind dabei die vielen Crowdfunding-Initiativen, die auch in deutschsprachigen Ländern wie Pilze aus dem Boden schießen, wie Dirk von Gehlen am Beispiel seines Buchprojektes „Eine neue Version ist verfügbar“ beim Digitalen Quartett darlegte. Hier werde ein direkter Austausch zwischen Produzent und Konsument ermöglicht. Es sei keine Bettelei, wie Kritiker meinen, sondern es gehe um die Beteiligung der Crowd an innovativen Projekten. Normalerweise gebe man sein Buchmanuskript bei einem Verlag ab und kümmert sich nicht um den Rest. Beim Crowdfunding begleiten die Kunden den Entstehungsprozess und werden danach gefragt, was ihnen das Projekt wert sei. Und diese Werte entstehen nur durch die aktive Unterstützung – das sei das genaue Gegenteil von Bettelei.

Verändert sich dadurch die Ökonomie im Ganzen? Davon bin ich zutiefst überzeugt. Es ist die perfekte Form der Beteiligung, die sich im Crowdfunding manifestiert. Es könnte das etablierte Finanzsystem in den Schatten stellen, Unternehmensgründungen beflügeln, als Katalysator für Innovationen fungieren und für eine Demokratisierung der Beziehungen zwischen Unternehmen und Konsumenten beitragen.

Anne Haeming beschreibt in der FAS diese Effekte im Journalismus: „Dagegen ist eine Crowd gewachsen“ lautet der Titel des Beitrages. Etwa das am Dienstag startende Projekt „Krautreporter“:

„Man muss die Nutzer als Investoren betrachten, die Kosten transparent machen, kontinuierlich über den Stand der Dinge bloggen, sie einbeziehen“, schreibt Haeming.

All das ist nicht nur in klassischen Verlagen und Redaktionen undenkbar. Das gilt auch für den Rest der Unternehmenswelt. Und ob diese Graswurzel-Bewegungen die Medienbranche nur „ergänzen“ werden, wie die FAS-Autorin meint, bleibt noch abzuwarten. Vielleicht erleben wir eine Metamorphose der Volkswirtschaft im großen Stil. Könnte noch einige Zeit dauern, aber ich sehe hier einen weiteren „Tipping Point“.

Vielleicht werde ich das in meiner Mittwochskolumne aufgreifen. Da brauche ich aber noch ein wenig mehr Input. Mal schauen, was ich da an weiteren Ideen zu Papier bringen kann.