Glaskugel-Wirtschaftsforscher warnen vor zu viel Optimismus

Morgen ist wieder der Tag der Glaskugel-Wirtschaftsforscher. Die VWL-Alchimisten stellen ihre „Prognosen“ zum Konjunkturverlauf in diesem und im kommenden Jahr vor – doch die Indikatoren sind nach einem Bericht von Spiegel Online so widersprüchlich wie selten zuvor.

„Einerseits sind die Auftragsbücher der exportorientierten deutschen Industrie wieder gut gefüllt. Die Frachtflugzeuge der Lufthansa sind wieder so gut ausgelastet wie vor dem massiven Einbruch im März 2008 – auf manchen Strecken liegen die Werte sogar auf dem Vor-Krisenniveau. Andererseits zeigen sich Finanzexperten in den monatlichen Umfragen des Mannheimer Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) seit längerem skeptisch – und warnen entsprechend vor zu viel Optimismus“, schreibt Spiegel Online. Ob die staatlich alimentierten Fliegenbein-Zähler wieder daneben liegen, werden am Ende des Jahres wissen. Warum der Staat immer noch Millionen Euro für diese Makroklempner verschwendet, ist mir allerdings schleierhaft. Vielleicht sollte sich die Bundesregierung doch eher an der Allensbach-Jahresumfrage halten. Das kostet den Finanzminister nicht einen einzigen Cent. Siehe auch: Die Allensbach-Jahresumfrage und das Versagen der Konjunkturforscher: Wirtschaftsaufschwung stärker als es die Prognoseprofis vorhersagen!

Zu einem ähnlich positiven Befund kommen auch die Zeitredakteure Götz Hamann und Kolja Rudzio in ihrem Artikel „Es geht bergauf“. Die deutsche Wirtschaft klettere langsam aus der Krise. Und ein kleines Wunder zeichnet sich ab: Der erwartete Erdrutsch am Arbeitsmarkt bleibt aus.

Der Aufschwung sei da. „Ob er wirklich anhält und ob daraus eine lange neue Wachstumsphase wird, ‚das werden wir erst in der zweiten Hälfte dieses Jahres erkennen‘, sagt Gustav Horn. ‚Wenn wir dann tatsächlich auf einem klaren Wachstumskurs sind, dann wäre uns allerdings etwas Unglaubliches gelungen. Geradezu ein Kunststück, ein Geniestreich.‘ Horn ist Chef des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung in Düsseldorf. Wenn der Ökonom von einem Kunststück spricht, meint er zum einen das Tempo, in dem sich viele Unternehmen von der schwersten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg erholen. Zum anderen blickt er auf den Arbeitsmarkt. Viel mehr Stellen hätten verloren gehen müssen. Viel härter hätte die Krise jeden Einzelnen treffen müssen. Dass es nicht geschah, kann man ein Kunststück nennen. Oder ein Jobwunder. Der Versuch jedenfalls, es zu erklären, führt zu neuen Einsichten darüber, wie die deutsche Wirtschaft heute funktioniert. Einsichten, die das Land über diesen Aufschwung hinaus prägen werden“, so die Zeit.

Die Wirtschaftsleistung ging im Krisenjahr zwar um fünf Prozent zurück – die Zahl der Erwerbstätigen dagegen um nicht mal 0,4 Prozent. Das entspricht 148.000 Beschäftigten. Rund zwei Millionen hätten es nach gängigen Modellen sein müssen, trotz Kurzarbeit.

Vieles deutet sogar auf eine positive Trendwende am Arbeitsmarkt hin: „Seit Juli 2009 werden Monat für Monat mehr offene Stellen gezählt, seit November wächst auch die Zahl der Erwerbstätigen, und spiegelbildlich schrumpft die Arbeitslosigkeit. Selbst wenn man alle Statistikänderungen berücksichtigt, Arbeitsuchende in Ein-Euro-Jobs und Kurzarbeiter hinzuzählt, ändert das nichts – seit einem knappen halben Jahr wird der Beschäftigungsmangel kleiner. Bald dürfte er wieder unter dem Niveau des Vorjahres liegen. Falls sich diese Entwicklung verstetigte, käme die Bundesrepublik überraschend glimpflich davon. Das Jobwunder wäre perfekt“, schreiben die Zeit-Redakteure.

Kein Experte habe so etwas kommen sehen. Nun würden sich die Fachleute bemühen, das Mirakel zu erklären.

Eine wichtige Erklärung, die Ökonomen für das deutsche Jobwunder heranziehen, betrifft den Strukturwandel. „Seit Jahrzehnten verlieren die Arbeitsplätze in der Industrie an Bedeutung. Auch in Deutschland. Der vergangene Boom der Exportindustrie hat diesen Trend nicht gebrochen. Zwischen 1991 und 2008 ist der Anteil der Jobs im produzierenden Gewerbe gefallen – von fast 30 auf 20 Prozent der Gesamtbeschäftigung. Und während die Industrie 2009 rund 340.000 Arbeitsplätze abbaute, stellten die Unternehmen in vielen Dienstleistungsbranchen selbst in den finstersten Abschwungmonaten noch munter ein. Öffentliche und private Dienstleister schufen 259.000 Jobs. So wurde ein Teil des Stellenabbaus kompensiert. Allerdings sind viele der neuen Arbeitsplätze Teilzeitstellen, keine Vollzeitjobs. Vielfach sind sie schlechter bezahlt – auch weil sie nicht so hochproduktiv sind. Bei BMW oder Daimler schafft ein Beschäftigter mithilfe eines teuren Maschinenparks enorme Werte pro Stunde. Dagegen sind die Möglichkeiten zur Produktivitätssteigerung im Kindergarten oder im Altenheim beschränkt“, führen Hamann und Rudzio aus.

Die niedrigere Produktivität wiederum bedeute: Es sei weniger Wachstum nötig, um Jobs zu schaffen. In den sechziger und siebziger Jahren entstanden erst ab drei, vier Prozent Wirtschaftswachstum neue Stellen. Heute steige die Erwerbstätigkeit schon bei 1,2 Prozent.

Das habe ich ja schon vor einigen Tagen hier gepostet: Service-Ökonomie ist krisenresistent – Warum wir uns von der Industrie-Nostalgie verabschieden sollten.

Die VWL-Propheten der Wirtschaftsforschungsinstitute orientieren sich wohl zu sehr an den alten Mechanismen des Industriekapitalismus. Umdenken, liebe VWLer, und die Steuergelder zurückgeben für die Fehlprognosen!

Glaskugel statt Ökonometrie: Warum die Prognosen der Wirtschaftsforscher nichts taugen

Alchemie & Mystik: Vielleicht der bessere Konjunktur-Ratgeber
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Das Frühjahrsgutachten der Wirtschaftsforschungsinstitute prognostiziert für 2009 einen Rückgang des Bruttoinlandsproduktes von sechs Prozent. Der DGB-Vorsitzende Michael Sommer warnte angesichts der tiefen Rezession vor sozialen Unruhen wie in den 1930er Jahren. Die Situation sei vergleichbar mit den Zahlen aus den Jahren der Wirtschaftskrise 1930, 1931 und 1932, sagte Sommer am Mittwochabend in der ARD-Sendung „hart aber fair“.

Möglicherweise würden sich Menschen jetzt von der Politik abwenden oder radikalisieren. Die Zahlen des Frühjahrsgutachten könne man nach Ansicht von Udo Nadolski, Geschäftsführer des Düsseldorfer Beratungshauses Harvey Nash, nicht mit der Wirtschaftsdepression der Weimarer Republik vergleichen. „Das ist wissenschaftlich höchst unseriös und für die Menschen der damaligen Zeit, die Not, Hunger und Elend durchmachten, eine Beleidigung“, kritisiert der Personalexperte Nadolski.

Zudem müssten neben der Veränderung des Bruttoinlandsproduktes auch die Niveauunterschiede berücksichtigt werden. „Wir müssten schon um rund 90 Prozent schrumpfen, um in eine Situation wie vor rund 80 Jahren zu kommen. Davon kann aber keine Rede sein. Selbst wenn wir zurückgeworfen werden auf das Wohlstandniveau von 2005 oder 2006, können wir den Wirtschaftseinbruch sehr gut verkraften“, sagt Nadolski.

Darüber hinaus hätten die Wirtschaftsprognostiker in den vergangenen Jahren regelmäßig daneben gelegen. „Warum soll das diesmal anders sein“, fragt sich Nadolski. Vielleicht sollten es die Ökonometriker mal mit einer Glaskugel versuchen, um valide Konjunkturdaten zu erstellen.

Ähnlich urteilen die Cicero-Autoren Richard Gaul und Christiane Goetz. Der kollektive Krisenrausch suche zwar nach Parallelen mit 1929. Nur dieser Vergleich sei schief. „Verglichen werden nämlich Wachstumsraten und nicht Substanzniveaus“. Der prozentuale Rekordeinbruch würde nur wenig über die realen Effekte aussagen. Entscheidend bleibe der Bezugswert und wir schrumpfen eben auf einem sehr hohem Niveau. Vom höchsten, das uns die Weltgeschichte je beschert habe.

„Das Wohlstandsniveau liegt um ein Zigfaches über dem vor 80 Jahren”, so Gaul und Goetz. Was immer man vergleiche – die Lebenserwartung, die Qualität des Essens, das Bildungsniveau, die Wohnsituation, der industrielle Kapitalstock – „wir leben so dramatisch viel reicher als die Generation von 1929“, erklären Gaul und Goetz.

Die Vorhersagen, diese Krise werde nicht nur schwer, sonder auch lang, könnte trügen. Denn immer mehr Indizien sprechen dafür, dass ein Aufschwung schneller bevorstehen könnte als die meisten denken. „Viele Unternehmen haben ihre Lagerbestände stark zurückgefahren, sodass bei einer anspringenden Nachfrage sehr schnell sehr viel wieder produziert werden muss. Diesen Lagerzykluseffekt sieht man derzeit bei den Folgen der Abwrackprämie der Autoindustrie“, erläutern Gaul und Goetz.

Die wichtigsten Rahmenbedingungen würden gute Nachrichten für einen baldigen Aufschwung verheißen: Die extrem niedrigen Öl- und Rohstoffpreise, die historisch geringen Zinsen, die politische Stabilität, die milliardenschweren Konjunkturprogramme und die Abwesenheit großer Konflikte könnten zu einer überraschend schnellen Gesundung der Wirtschaft beitragen. Der ZEW-Konjunkturindex deutet schon darauf hin, dass die Konjunktur wieder anspringt. Er ist um 16,5 Punkt auf plus 13 gestiegen – erstmals seit Juli 2007 liegt er wieder im positiven Bereich.

Siehe auch:
VWL-Mechaniker im Machbarkeitswahn

Antizyklisch agieren

Der Spiegel in Weltuntergangsstimmung

Enzensberger und das Alphabet der Krise