Change-Gemurmel oder: Unfähige DAX-Vorstände rausschmeißen @th_sattelberger

Papis Auto: Da war die VW-Welt noch in Ordnung
Papis Auto: Da war die VW-Welt noch in Ordnung

Die Management-Religionslehre erweist sich häufig als Leerformel. Das inflationäre Gemurmel über Change, Turnaround, Prozessoptimierung, Reorganisation, Sanierung oder Kulturveränderung.

Wenn nur vier Prozent der DAX-Vorstände über unternehmerische Erfahrung verfügt, darf man sich nicht wundern, wenn sich Führungskräfte mit dieser Ersatzreligion über Wasser halten und auf jede dümmliche Analysten-Warnung mit hektischem Aktionismus reagieren, um den Börsenkurs wieder ins Lot zu bringen.

Wenn eine politische Denkfabrik Bewerber für einen Kommunikationsjob mit der Begründung ablehnt, sie kämen nicht aus einer Festanstellung, braucht sich der Laden über Diversität und Arbeiten 4.0 keine weiteren Gedanken mehr zu machen.

Winterkorn-Machtsystem beseitigen

Wer auf die Clean-Diesel-Machenschaften bei VW mit einem halbgaren Personalwechsel reagiert, darf sich nicht wundern, wenn der Abstieg weitergeht. Wie kann denn ein Kulturwandel von Top-Managern ausgehen, die im Brüll-System von Herrn Winterkorn sozialisiert wurden. Das wird nicht funktionieren. Change bedeutet hier: Schmeißt die Top-Leute raus und lasst die Führungskräfte auf der zweiten Ebene in Ruhe.

Der VW-Skandal ist kein Werk von wenigen Sündenböcken, die man in den vergangenen Wochen abgelöst hat. Das Problem sei systemischer Natur, so der ehemalige Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger im Gespräch mit ne-na.de.

Alte Böcke ändern nichts

„Alte Böcke sollte man nicht zu Gärtnern machen. Das hilft nichts. Der neue Aufsichtsratsvorsitzende Hans Dieter Pötsch war zwölf Jahre lang VW-Finanzvorstand. Der hat das gesamte Machtgebaren des Wolfsburger Konzerns nicht nur erlebt, sondern mitgestaltet. Er trägt Mitverantwortung in der Organhaftung für mangelnde Sorgfaltspflicht.“

Er sei überhaupt nicht dazu in der Lage, seinen jetzigen Kontrollaufgaben nachzukommen. Beim neuen VW-Chef Matthias Müller sieht Sattelberger keine großen Unterschiede zum Amtsvorgänger Martin Winterkorn, da auch in den Produkten von Porsche und Audi die Betrugssoftware zum Einsatz kam. Er sei Teil des alten Systems im Konzernverbund.

„Müller, Pötsch und Audi-Chef Rupert Stadler müssen zurücktreten. Ein Disruptionsmanager von außen wäre jetzt die richtige Lösung und ein Team von krisenerprobten Fachleuten, die die kritische Masse mitbringen, um nicht vom alten Führungskörper und dem etablierten Immunsystem von VW aufgefressen zu werden“, so Sattelberger.

Abnicker statt Aufseher

Der Aufsichtsrat, geprägt durch die Arbeitnehmervertreter und die Piech-Familie sei ein reines Abnick-Gremium. Die Betriebsräte und Gewerkschafter sind Co-Abhängige des gesamten Systems.

„IG-Metaller Osterloh hat einmal gesagt, Winterkorn ist jeden Euro wert. Daran erkennt man dann die Geisteshaltung der Arbeitnehmervertreter bei VW”, kritisiert Sattelberger.

Um wieder Glaubwürdigkeit zu bekommen, müsse die Spitze im Vorstand und im Aufsichtsrat weggefegt werden.

Kulturwandel könne nicht von oben verordnet werden. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an der Basis müssten mehr gehört werden, aber nicht über die Lautsprecher der Arbeitnehmervertretung. Die liebwertesten Gichtlinge der Gewerkschaft seien Mittäter der VW-Machtkultur.

Die vorherrschende Angstkultur werde mit den alten Seilschaften nicht aufgebrochen. Es müssten alle Kanäle für Whistleblower geöffnet werden, damit hochgespült wird, was in dieser Organisation sonst noch an Leichen im Keller ist. Und was bei VW passiert, gilt mehr oder weniger auch für die anderen Konzerne und Hidden Champions des Mittelstandes. Wir sollten nicht unsere Zeit damit vertrödeln, Begriffe hin und her zu schieben, sondern den zivilgesellschaftlichen Druck auf Unternehmen erhöhen, die immer noch ihre Organisationen „ganzheitlich“ mit einem Gehäuse der Hörigkeit umhüllen.

Ausführlich im The European-Debattenmagazin nachzulesen.

Ein Thema für den netzökonomischen Käsekuchen-Diskurs am Samstag, um 16 Uhr. Man hört, sieht und streamt sich. Mitdiskutieren mit dem Hashtag #NEO15

Siehe auch: „Vielen ist bewusst, dass sie Teil eines lächerlichen Spiels sind“

Wider die pro-aktiven Leerformeln der Change-Schwätzer #HolmFriebe

Die Friebe-Stein-Strategie
Die Friebe-Stein-Strategie

Holm Friebe wagt sich in seinem neuen Buch „Die Stein-Strategie – Von der Kunst, nicht zu handeln“ (Hanser Verlag) gekonnt an ein Genre, das sich im 17. und 18. Jahrhundert großer Beliebtheit erfreute: Der Klugheitslehre. In Deutschland ist in erster Linie das von Schopenhauer ins Deutsche übersetzte “Handorakel” des Jesuiten Balthasar Gracián bekannt. Bertolt Brecht hat die Empfehlungen des spanischen Intellektuellen ausgiebig rezipiert. Walter Benjamin hatte das 1931 im Insel-Verlag herausgegebene Exemplar seinem Freund geschenkt und mit einem Vers aus dem Lied „Von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens“ aus der Dreigroschenoper als Widmung versehen: „denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug“. Brecht versieht 26 der 300 Verhaltensregeln mit An- und Unterstreichungen. Nachzulesen im Brecht-Jahrbuch 23 (1997/98).

Mit sicherem Griff fand Brecht Texte, die er gebrauchen, bearbeiten, verwerten konnte.

„Er hatte bekanntlich keine Scheu, sich die Lektüreerfahrung anderer nutzbar zu machen. Auf diese Weise akkumulierte er eine erstaunliche Menge Lesestoff“, so Helmuth Lethen und Erdmut Wizisla.

Zwei Eintragungen offenbaren die Lust des Dramaturgen, sich kommentierend mit Graciáns Handlungsanweisungen auseinanderzusetzen: an den Rand der Regel „Nicht mit übermäßigen Erwartungen auftreten“ notiert Brecht in der Höhe der Zeile: „Viel besser ist es immer, wenn die Wirklichkeit die Erwartung übersteigt und mehr ist, als man gedacht hatte.“ Eine Weisheit, die auch der Antipode von Angela Merkel im Wahlkampf beherzigen sollte. Genauso wie das Plädoyer von Holm Friebe für eine Kultur des klugen Abwartens. Apple-Gründer Steve Jobs war davon beseelt:

„I am going to wait fort he next big thing.“

„Keine vollmundigen Zielverkündigungen, kein wolkiges Wunschdenken, vielmehr Ausdruck von gut abgehangener Klugheit und Demut vor der Zukunft“, führt Friebe aus.

Dazu passe, dass Steve Jobs sich seit seiner Collegezeit mit fernöstlicher Spiritualität befasste und vom Zen-Buddhismus inspirieren ließ. Auf der Suche nach einem philosophischen Überbau für die Stein-Strategie werde man am ehesten dort fündig: in den fernöstlichen Lehren und den geharkten Steingärten des Zen, deren Ästhetik vor über tausend Jahren von chinesischen Mönchen nach Japan importiert wurde:

„Die Grundprinzipien ‚Kanso’ (Schlichtheit), ‚Shizen’ (Natürlichkeit) und ‚Shibumi’ (Eleganz) kennzeichnen nicht nur die Designsprache von Apple, sondern lassen sich als ethische Maximen im Sinne der Stein-Strategie auf das ganze Leben übertragen“, so das Credo von Friebe.

Dieses Gedankengebäude folgt nicht den monokausalen Ziel-Plan-Vorgaben der westlichen Controlling-Gichtlinge, sondern nutzt eher das Potenzial der Situation. Die Wirksamkeit entfaltet sich nicht mit der Brechstange von Apologeten einer modellierten Kunstwelt, sondern widmet sich den Chancen der vorliegenden Situation. Handeln durch Nicht-Handeln und dabei das Gras wachsen hören. Wer sich also von den pro-aktiven Leerformeln des so genannten Change-Managements lösen möchte, sollte sich den Thesen von Holm Friebe widmen.

Soweit der Auszug meiner heutigen The European-Kolumne, die hoffentlich viele Kommentare, Likes, Retweets und Plusse erntet.

Zur Klugheitslehre siehe auch:

Ovid, Steve Jobs und die Klugheitslehre: Wie man mit Luftstreichen und Gerüchten die Konkurrenz verblüfft.

Über die Unmöglichkeit, in der Netzöffentlichkeit authentisch zu sein.

Die Karriere des Don Alphonso und der Nutzen von Schelmexperten.

Chesterfield als Vademekum gegen Maulhelden im Wirtschaftsleben.

Change Management-Phrasen und die Kuscheltiere der Kommunikation

„Realitätsverlust der Chefetage – Change-Projekte scheitern ganz oben“ titelt das CIO-Magazin und schreibt: „Der Fisch, sagt der Volksmund, fängt immer am Kopf an zu stinken. Weniger rustikal, im Grunde genommen aber mit derselben Botschaft, wartet der Report ‚Change. Points of View‘ von Kienbaum Management Consultants auf: ‚Topmanager in deutschen Unternehmen“, heißt es dort, „sind häufig der Grund, warum Veränderungsprojekte scheitern.‘ Sie schätzten ihren Beitrag für das Gelingen solcher Projekte zu optimistisch ein und seien gleichzeitig ’nur in geringem Maße‘ zu Selbstkritik fähig. Offenbar mangelt es aber auch an der Bereitschaft, sich Hilfe von außen zu holen, um Veränderungsprojekte erfolgreich zu bewältigen.“

Vielleicht mangelt es den Beratern aber auch nur an der Einsicht, dass eine Veränderung per se weder gut noch schlecht sein muss.

Change, Change, Change kann auch Ausdruck der Konzeptionslosigkeit sein. Veränderungen, weil es den Consulting-Leerformeln-Predigern eben so ins Konzept passt. Change zählt nach Ansicht des Organisationswissenschaftlers Dr. Gerhard Wohland zu den Kuscheltieren der Kommunikation (siehe die Markierung Bedenkenträger):

Die Geschwätzigkeit über „Kanäle“ im Social Web habe ich ja auch in den Kreis der Kuscheltiere aufgenommen 🙂