Bibliophile Streifzüge: Von der Zettelkasten-Literatur zum Zettelkasten-Stammtisch

Zettelkasten-Literatur
Zettelkasten-Literatur

Das Resultat meiner literarischen Streifzüge in den vorzüglichsten Buchhandlungen dieser Republik ist immer gleich und ähnelt den Erlebnissen des niederländischen Schriftstellers Cees Nooteboom:

“Schränke voll knurriger, grollender, vorwurfsvoller Bände, die an der schlimmsten Bücherkrankheit leiden, die es gibt: dem Ungelesensein – ein Schmerz, der in Wut umschlägt, wenn das Buch daneben zum zweiten- oder zum drittenmal gelesen wird.“

Die Standardfrage unserer Gäste beim Betrachten der Bibliothek ist immer die gleiche. „Wie viele von diesen Büchern hast Du denn wirklich gelesen???“ Umberto Eco antwortet darauf:

“Gelesene Bücher sind längst nicht so wertvoll wie ungelesene.“

Eine Bibliothek sollte so viel von dem , was man nicht weiß, enthalten, wie der Besitzer angesichts seiner finanziellen Mittel hineinstellen kann. Dann entwickelt sich so langsam ein Depot für Zufallsfunde, für neue Gedanken und Ideen. Um so mehr, wenn man kein Freund von Ordnungssystemen ist 😉 In meinem Fall ist das noch eine vornehme Formulierung. Ich bin ein bibliophiler Vollchaot, der nur erahnen kann, wo sich ein Werk befindet. Mal da, mal hier, mal im Keller, mal im Arbeitsbüro, mal in der Bibliothek, mal in irgendwelchen Bücherstapeln in der Küche oder am Bett.

Meine Frau merkt sofort, wenn ich auf subtiler Jagd bin. Mit manischem Blick stapfe ich die Treppen hoch und runter. Folgt auf die Frage meiner Liebsten, was ich denn suchen würde, nur die knappe und etwas genervte Antwort „ein Buch“, lässt sie mich in Ruhe. Weitere Erklärungen über Autor, Titel, Verlag oder Erscheinungsjahr des begehrten Objektes wären sinnlos, da ich ja der Übeltäter bin, der das Opus nach irgendeinem Gesichtspunkt irgendwo hingestellt hat.

Auf der Suche nach der verschwundenen Literatur stoße ich dann meistens auf ganz andere Kostbarkeiten. Am Wochenende war das wieder einmal der Fall beim Umräumen meiner Keller-Bücher, die einer unüberschaubaren Zahl von Blumen weichen müssen. Also räumte ich die Holzmedien nach oben in die Bibliothek – was aber nur die halbe Wahrheit ist. Ich habe einfach den Esstisch als Zwischenlager annektiert und wurde beim Durchblättern einiger antiquarischer Trophäen in meiner Rolle als Bücherstapel-Transporteur immer langsamer. Status heute: Die Bücherregale im Keller sind noch ziemlich voll 😉

Und das brachte mich auf eine Idee. Ich könnte ja im ichsagmal-Blog ab und zu etwas über meine Fundstücke schreiben und auch die Ergebnisse des kursorischen Lesens schildern. Etwa über die zeitlosen und zeitgemäßen Betrachtungen von Richard Schaukal, die er in einer Art Zettelkasten-Literatur festgehalten hat. Zwei Bände kann ich da vorweisen, die im Georg Müller-Verlag 1913 und 1918 erschienen sind. So gleich bildete ich einen Zettelkasten-Literatur-Stapel oder Haufen, den ich für das obige Foto dann wieder ausbreitete. Dem Betrachter fallen sicherlich die Niklas Luhmann-Traktate auf. Und das ist mehr als ein Zufall: Denn ich schätze den kauzigen Soziologen, den ich bei einem Fachvortrag an der Uni Mainz hautnah erleben durfte. Das muss so Anfang der 90er Jahre gewesen sein – 1998 ist Luhmann bekanntlich gestorben.

Im Zettelkasten-Labyrinth
Im Zettelkasten-Labyrinth

Sein Aufsatz „Die Kommunikation mit Zettelkästen“ verführte mich zu einer intensiveren Lektüre. Da geht es um Überraschungseffekte, Informationen und Systeme – was jetzt für Luhmann-Kenner keine Überraschung ist. Aber seine Gedanken können sehr schön in die digitale Welt transformiert werden. Denn im Vordergrund stehen systematische Zufälle in der Kommunikation. Man kann ja Zufälle systematisch in Systeme einbauen.

„Auf Notizensammlungen übertragen: Man kann den Weg einer thematischen Spezialisierung (etwa: Notizen über das Staatshaftungsrecht) oder den Weg einer offenen Anlage wählen.“

Luhmann entschied sich bekanntlich für den zweiten Weg. Wie der Zettelkasten des Systemtheoretikers genau konzipiert ist, lasse ich jetzt außen vor. Das kann man dem Schrifttum von Luhmann entnehmen – beispielsweise in „Universität als Milieu“, herausgegeben von André Kieserling.

Für das Innere des Zettelkastens, für das Arrangement, für sein geistiges Leben sei entscheidend, dass man sich gegen eine systematische Ordnung entscheidet, so Luhmann. Man benötigt beliebige innere Verzweigungsfähigkeiten.

„Als Ergebnis längerer Arbeit mit dieser Technik entsteht eine Art Zweitgedächtnis, ein Alter ego, mit dem man laufend kommunizieren kann.“

"System" der Bücher-Haufen
„System“ der Bücher-Haufen

Die Gesamtheit der Notizen lasse sich nur als Unordnung beschreiben, immerhin aber als Unordnung mit nichtbeliebiger innerer Struktur – das würde meinen Bücherhaufen entsprechen, die ich immer wieder nach neuen Themen zusammen stelle.

„Manches versickert, manche Notiz wird man nie wieder sehen (Schicksal auch einiger Bücher, die bei mir hoffnungslos vergraben sind, gs). Andererseits gibt es bevorzugte Zentren, Klumpenbildungen und Regionen, mit denen man häufiger arbeitet als mit anderen. Es gibt groß projizierte Ideenkomplexe, die nie ausgeführt werden; und es gibt Nebeneinfälle, die sich nach und nach anreichern und aufblähen, die an untergeordneter Textstelle angebracht mehr und mehr dazu tendieren, das System zu beherrschen“, schreibt Luhmann.

Es ist die Kombination von Unordnung und Ordnung, die mich bei diesem Zettelkasten-System fasziniert. Ein Ideen-Gewimmel mit unendlichen Kombinationsmöglichkeiten, das erst im Moment der Auswertung produktiv wird. „Insofern arbeite ich wie ein Computer, der ja auch in dem Sinne kreativ sein kann, dass er durch neue Kombination eingegebener Daten neue Ergebnisse produziert, die so nicht voraussehbar waren“, so Luhmann. Einige digitale Dienste adaptieren übrigens schon seit einigen Jahren diese Zettelkasten-Methodik. Hier kann man sich beispielsweise verzetteln.

Das brachte mich dann auf die Idee, einen Zettelkasten-Stammtisch ins Leben zu rufen. Also ein Forum für Ideen-Gewimmel, für organisierte und unorganisierte Zufälle, für Gedankenblitze, für überraschende Kombinatorik von digitalen und analogen Dingen, für interdisziplinären Meinungsaustausch und für überraschende Erkenntnisse. Eine Plattform für Flausch, Plausch und Geselligkeit. In Köln/Bonn, Hamburg, Berlin und München, so dass sich die Zettelkasten-Idee ausbreiten kann. Einen Sponsor kann ich vermutlich für diese Sache begeistern.

Vielleicht startet die Zettelkasten-Stammtisch-Tournee schon im Frühjahr. Wäre das für Euch interessant? Wir könnten ja im Vorfeld schon virtuelle Zettelkasten-Stammtisch-Formate starten: Zettelkasten-Radio, Zettelkasten-TV und, und, und. Vorschläge für Kultorte als Behausung für die Zettelkasten-Stammtische wären nicht schlecht 🙂

Ein Zettelkasten-Barcamp würde mich übrigens auch reizen. Euch auch?

Literaturtipp für die Bücherjagd: Cees Notebook, Notebooms Hotel, Suhrkamp Taschenbuch, hier das vor allem das Kapitel „In Ecos Labyrinth“.

Tagebuch der Bibliophilie

Ein magischer Anziehungspunkt in Freiburg

„All books are equal, but some books are more equal than others.“ Allen entgegengerichteten Zeitläuften zum Trotz bin ich stolz darauf, einige der etwas weniger gleichen Bücher in meinem Antiquariat anbieten zu können. Wer aber E-Bücher und deren Lesegeräte hier sucht, der hat sich im weltweiten Aberwitz verlaufen.

Ich kann dieses emphatische Bekenntnis des Antiquars Rainer Friedrich Meyer nachvollziehen. In Zeiten von Amazon, ZVAB oder Wikipedia sollte man die Tempel für gute Bücher hegen und pflegen. Oder anders ausgedrückt mit den Worten des Philosophen Odo Marquard: „Je mehr Zukunft modern, für uns das Neue, das Fremde wird, desto mehr Vergangenheit müssen wir in die Zukunft mitnehmen und dafür immer mehr Altes auskundschaften und pflegen“. Eine Hermeneutik als Altbausanierung im Reiche des Geistes. Die Tempelritter unserer Zeit sind leidenschaftliche Buchhändler und Antiquare. Zu ihnen zählt der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom die Buchhandlung Tropismes in Brüssel, Laie in der Pau Claris in Barcelona, Knesebeck Elf in Berlin (bei meinen Berlin-Aufenhalten versuche ich immer, dort hinzugehen), Felix Jud in Hamburg, Klaus Bittner in Köln, die Buchhandlung zum Wetzstein in Freiburg, das winzigkleine Sandoe’s in London oder Müller & Böhm, die mittlerweile im Geburtshaus von Heinrich Heine in Düsseldorf residieren.

Das Resultat dieser literarischen Streifzüge ist immer gleich: „Schränke voll knurriger, grollender, vorwurfsvoller Bände, die an der schlimmsten Bücherkrankheit leiden, die es gibt: dem Ungelesensein – ein Schmerz, der in Wut umschlägt, wenn das Buch daneben zum zweiten- oder zum drittenmal gelesen wird“, so Nooteboom. Die Standardfrage beim Betrachten voller Bücherregale ist immer die gleiche. Wie viele von diesen Büchern hast Du denn wirklich gelesen??? Der Schriftsteller Umberto Eco antwortet darauf: „Gelesene Bücher sind längst nicht so wertvoll wie ungelesene“. 

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Eine Bibliothek sollte so viel von dem , was man nicht weiß, enthalten, wie der Besitzer angesichts seiner finanziellen Mittel hineinstellen kann. Auch er macht sich ab und an Gewissensbisse, weil er einige Bücher noch nicht gelesen hat und stößt dabei auf ein überraschendes Phänomen: Wir nehmen eines dieser vernachlässigten Werke zur Hand, blättern es durch und entdecken, dass wir schon fast alles kennen, was darin steht.

Eco liefert dafür drei Erklärungen: „Erstens: Im Lauf der Jahre hat sich durch die verschiedenen Berührungen, wenn wir das Buch umgestellt, abgestaubt oder auch bloß ein Stück zur Seite geschoben haben, um ein anderes besser herausziehen zu können, etwas von seinem Inhalt über unsere Fingerkuppen in unser Hirn übertragen, wir haben es also gewissermaßen taktil gelesen, als ob es in Blindenschrift gedruckt wäre….Zweite Erklärung: Es stimmt gar nicht, dass wir das fragliche Buch nie gelesen haben. Jedes mal, wenn wir es abstauben oder verschoben, haben wir einen kurzen Blick darauf geworfen, es irgendwo aufgeschlagen, etwas in der Graphik, in der Konsistenz des Papiers, in der Farbe hat uns von einer Epoche, von einem bestimmten Ambiente gesprochen, und so haben wir nach und nach einen großen Teil davon absorbiert. Dritte Erklärung: Im Lauf der Jahre haben wir andere Bücher gelesen, in denen von diesem die Rede war, so dass wir, ohne es uns bewusst zu machen, gelernt haben, was es zu sagen hatte (sei’s dass es sich um ein berühmtes Buch handelte, von dem alle gesprochen haben, oder um ein banales, dessen Ideen so gewöhnlich sind, dass wir sie fortwährend anderswo gefunden haben)“, schreibt Eco in seinem neuen Opus „Die Kunst des Bücherliebens“, erschienen im Hanser Verlag.

Alle diese drei Erklärungen wirken zusammen, um uns jene Seiten vertraut zu machen, die wir, streng genommen, nie gelesen haben. Die Büchersammlung ist auch ein Depot für Zufallsfunde, für neue Gedanken und Ideen. Und selbst die Jagd nach Büchern wirkt anregend und erweitert den Horizont. So durchwandern Nooteboom und Eco die verborgenen Schatzkammern von Amsterdam, darunter Antiquariate, die sich auf Okkultismus, Alchimie und Gnosis spezialisiert haben. „Wir gingen zuerst in das Antiquariat, in dem ich früher am meisten gekauft hatte. Es gehört Nico Israel und ist auf Kartographie, Manuskripte und Naturwissenschaften spezialisiert; sein Bruder Max, den Eco bereits aus eigenem Forscherdrang entdeckt hatte, führt Wissenschaft, Medizin und Kunst. Dieser Nachmittag ist für mich eine kostbare Erinnerung geblieben, zum einen, weil ich nach so langer Zeit wieder diese heiligen Hallen besuchte, und dann, weil Eco, unermüdlich, ständig zum Lachen bereit, mit seiner Stentorstimme und seinem starken italienischen Akzent stets den Kern der Sache traf“, so die Abhandlung von Nooteboom „In Ecos Labyrinth“, erschienen in „Nootebooms Hotel“, Suhrkamp Taschenbuch.

Sie besuchten Schors‘ Antiquariat – Spezialgebiet Esoterik in all ihren Verzweigungen – das Herzstück von Ecos Sammlung und das Fundament für die Romane „Im Namen der Rose“ und „Das Foucaultsche Pendel“. Der letzte Besuch galt der Bibliotheca Hermetica Rosicruciana in der Lauriersgracht. Es war ein Nachmittag der drei Kanäle, Amsterdam war wie verzaubert, berichtet Nooteboom: „Hier wurde nicht verkauft, jegliches Geschäftsdenken war verbannt. Die Bücher, Manuskripte, Inkunabeln, illuminierten Kodexe hatten von den Räumen Besitz ergriffen, die versammelte gnostische Weisheit, kabbalistische Berechnungen, chymische Hochzeiten und Geheimlehren verbreiteten ein ohrenbetäubendes Schweigen.“

Kircher, einer der größten Gelehrten des Barock.
Kircher, einer der größten Gelehrten des Barock.

Nooteboom sah Eco in offensichtlicher Erregung an den Regalen entlanggehen. Plötzlich drehte er sich um und fragte: „Haben Sie keinen Athanasius Kircher?“ Es folgte Schweigen und dann sagte Frau Ritman, die Frau des Besitzers: „Aber Mister Eco, Kircher war ein Jesuit und ein Feind der Rosenkreuzer.“ Das sei keine wissenschaftliche Einstellung, entgegnete Eco und fügte stolz hinzu: „Ich besitze zweiundzwanzig Kirchers!“ Eco ist ein bibliophiler Jäger und Forscher. Spuren davon kann man im Foucaultschen Pendel finden. Es beschreibt den Wahn von drei Lektoren, die zugleich Wissenschaftler sind und einen gigantischen Geheimplan ausbrüten. Ein Spiel von Wahrheit und Schein, gespickt mit Geheimlehren, kabbalistischen Permutationen, historischen Daten, gnostischen Initiationen und Zahlenkombinationen.

Aus den antiquarischen Streifzügen ist eine Bibliothek entstanden als Ort der Forschung, Andacht, Überraschungen, Ideen und Inspiration. Kein E-Book, kein Onlinebuchhändler, keine schnelle Information über Wikipedia kann diese Erlebniswelt ersetzen.