
Joseph Schumpeter diagnostizierte 1928 eine tiefgreifende Transformation des Kapitalismus. Die Dynamik, die den kapitalistischen Wettbewerb einst auszeichnete, schwindet. Die Welt hat sich vom Prinzip der freien Konkurrenz abgewandt, nicht aufgrund einer ideologischen Entscheidung, sondern weil die industrielle Entwicklung eine Konzentration der Wirtschaftsmacht in immer größeren Einheiten erforderte. Damit einher geht eine Mechanisierung der Entscheidungsfindung, eine Bürokratisierung des Unternehmertums.
Was einst der mutige Unternehmer war, ist heute ein Manager. Und das ist keine bloße semantische Unterscheidung. Wo früher Instinkt, Mut und risikobereites Handeln gefragt waren, dominiert nun ein System, das auf Stabilität und Berechenbarkeit ausgerichtet ist. Der Unternehmer war ein Pionier, ein Gestalter, jemand, der Entwicklungen vorantrieb, weil er neue Wege wagte. Der Manager hingegen ist ein Verwalter des Status quo. Und genau darin liegt die Krise des modernen Kapitalismus.
Die Vertrustung der Wirtschaft: Von der Konkurrenz zur Verwaltung
Schumpeter beschreibt in The Instability of Capitalism die wachsende Bedeutung der „vertrusteten Wirtschaft“. Unternehmen sind nicht mehr durch Wettbewerb getrieben, sondern durch interne Strukturen und politische Einflussnahmen geformt. Die Trennung von Eigentum und Kontrolle führt dazu, dass nicht mehr die wirtschaftlich fähigsten Akteure aufsteigen, sondern jene, die sich innerhalb der Machtstrukturen geschickt bewegen. Entscheidungen werden nicht mehr getroffen, weil sie wirtschaftlich sinnvoll sind, sondern weil sie in bestehende Managementstrukturen passen.
Wilhelm Röpke erkannte bereits in den 1930er Jahren, dass diese Entwicklung der Wirtschaft die „Mannigfaltigkeit“ nimmt. Monopolisierte Märkte ersticken Innovationen, weil neue Unternehmen es schwer haben, sich gegen etablierte Player durchzusetzen, die durch ihre schiere Größe über Vorteile verfügen. Die Folge ist eine Wirtschaft, die in Routine erstarrt.
Führung in emergenten Zeiten: Ein Gegenmodell?
Während der Manager-Kapitalismus Kontrolle über alles stellt, argumentiert Guido Schmidt in seinen „Thesen zur Führung in emergenten Zeiten“ für ein anderes Verständnis von Führung. Statt Management als einen Akt der Planung und Steuerung zu begreifen, sieht er es als einen dynamischen Prozess, der in einem Spannungsfeld aus Kontext, Können und Chaos operiert.
Schmidt beschreibt Führung als eine emergente Praxis, die sich nicht in Prognosen und Kennzahlen erschöpft, sondern die Fähigkeit besitzt, aus Unsicherheiten neue Strukturen zu entwickeln. Er knüpft damit an Hegels Dialektik an: Fortschritt entsteht nicht durch lineare Prozesse, sondern durch Widersprüche und deren Überwindung. Während der Manager-Kapitalismus versucht, Unsicherheit durch Kontrolle zu eliminieren, erkennt die emergente Führung die kreative Kraft des Unbestimmten.
Schmidt bringt eine weitere Dimension ins Spiel: die Poiesis, die schöpferische Kraft des Handelns. Hier unterscheidet sich seine Perspektive fundamental vom Denken der modernen Wirtschaftsbürokratie. Während Manager sich auf Techné – das handwerkliche Können – verlassen, braucht es in einem sich wandelnden Umfeld Poiesis, also das kreative Hervorbringen neuer Möglichkeiten. Wer das Chaos der Wirtschaft nur mit Kontrolle begegnen will, erstickt genau die Prozesse, die Fortschritt überhaupt erst ermöglichen.
Der Kapitalismus als stagnierendes System?
Schumpeter schrieb 1928 nicht über schöpferische Zerstörung, sondern über den Kapitalismus als ein System, das sich selbst in eine Sackgasse führen könnte. Er erkannte, dass sich der Unternehmer als Figur zurückzieht und der Kapitalismus in einen Zustand übergeht, in dem wirtschaftliche Machtstrukturen träge und unbeweglich werden.
Heute sind wir an diesem Punkt angekommen. Der Manager-Kapitalismus erzeugt keine echten Innovationen mehr, sondern verwaltet bestehende Strukturen. Große Unternehmen fürchten nicht den Wettbewerb, sondern verwalten ihre Märkte durch Regulierungen, Übernahmen und interne Politik. In dieser erstarrten Landschaft ist es kein Zufall, dass Start-ups und Gründer es schwer haben, langfristig erfolgreich zu sein.
Die Frage ist also: Wie kommen wir aus dieser Lähmung heraus? Die Antwort liegt nicht in noch mehr Planung, in noch mehr Kontrolle, sondern in einer Rückkehr zur unternehmerischen Verantwortung. Schmidt würde sagen: Gelingen ist wichtiger als Erfolg. Es geht nicht darum, Quartalszahlen zu optimieren, sondern darum, wieder eine Wirtschaft zu schaffen, in der Wagnis, Instinkt und echte Entscheidungen möglich sind.
Wenn der Kapitalismus überleben will, muss er sich von seiner eigenen Bürokratie befreien. Unternehmen müssen wieder Orte werden, an denen gehandelt, nicht nur verwaltet wird. Ansonsten wird der Kapitalismus, den Schumpeter analysierte, in sich selbst erstarren – nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil ihm das Prinzip der Bewegung verloren geht.