
Einst, zu DDR-Zeiten, schüttete das „Neue Deutschland“ regelmäßig bitter-ernste Tinte aus, um den Westen als Reich hinterhältiger Konsumenten-Verführer zu entlarven: Da verteilten Weihnachtsengel schwedisches Büchsenfleisch statt himmlischer Gnade, Kukident-Hirten lockten die Senioren an, und „Ajax, weißer Wirbelwind“ wurde zum funkelnden Gipfel kommerzieller Sittenlosigkeit. Damals fürchtete man um die Seele des westdeutschen Konsumenten, dem die Konsumpriester geschickt jede D-Mark aus der Tasche zauberten.
Heute übernehmen Aufpasser im Hosentaschenformat – die Datenschützer – diese Rolle. Sie stehen wie mahnende Kasperlefiguren zwischen uns und dem Internet, um uns vor der angeblichen Übergriffigkeit von Google, Facebook und Co. zu beschützen. Ihre Lieblingswaffe: Cookie-Banner. Diese gut gemeinten Pop-up-Kästen, die weltweit als digitales Ärgernis gehasst werden, haben sich längst zur Posse entwickelt – zu einer Art Sisyphus-Spiel mit der Maus, bei dem man sich täglich fragt, ob Datenschutz überhaupt noch ernst gemeint sein kann oder nur eine satirische Performance darstellt.
Mittlerweile sind Cookie-Banner zu einem Monument der Bürokratie mutiert – nicht hilfreich, sondern nervtötend. Sie erinnern an jene Ampeln, die stets auf Rot stehen, obwohl weit und breit kein Auto zu sehen ist. Selbst wer mit Elon Musk zum Mars fliegt, so sagt man, würde dort mit Cookie-Abfragen begrüßt – Datenschutz-Kontrollettis kennen keine Grenzen, nicht einmal kosmische.
Wirklich skurril wird es aber, wenn man fragt, was diese digitalen Taschenspieler eigentlich konkret erreicht haben. Während sie sich leidenschaftlich gegen harmlose Street-View-Aufnahmen von Fassaden echauffierten, ignorierten sie großzügig staatliche Überwachungsinstrumente wie Satellitenfotos, liebevoll „Geodaten“ genannt, oder das staatliche Hacking namens „Staatstrojaner“. Und die Vorratsdatenspeicherung? Ach, die passt offenbar nicht in den Datenschutz-Hosentaschenkalender.
Erstaunlicherweise ähnelt die Denkweise heutiger Datenschützer jener Haltung, die einst Vance Packard in seinem Bestseller „Die geheimen Verführer“ verewigte. Nutzer sind in diesem Weltbild immer noch wehrlose Opfer von Werbestrategen, digitale Marionetten ohne eigenen Willen, trotz unzähliger Fernbedienungen und millionenfacher digitaler Wahlmöglichkeiten.
Dabei sind wir längst in einer digitalen Realität angekommen: Nutzer sind keine hilflosen Konsum-Sklaven, sondern selbstbestimmte Akteure ihrer digitalen Welt. Doch Datenschützer geben sich weiter dem nostalgischen Wahn hin, uns vor jenen Drachen zu beschützen, die längst nur noch als harmlose Echsen existieren.
Kurz gesagt: Datenschutz ist heute oft nur eine absurde Bühnenperformance.