Von unsichtbaren Telefonen und emergenter Intelligenz – Wittgenstein, Turing und die Grammatik der KI

Der Hörsaal in Cambridge riecht nach Kreide und kaltem Stein; eine Generation später würde er nach Plastik und WLAN duften. Damals gab es Telefone mit Wählscheibe, heute leuchtet in jeder Hand ein Handy. Im Cambridge der dreißiger Jahre sind die Häuser zwar alle mit „Telefonen versorgt“, aber manche Kabel hängen in der Luft. Wittgenstein erfindet den Fall eines Amtsleiters, der überall Telefongehäuse aufstellt – einige mit Draht, andere leer und wieder andere „unsichtbar“. Er spottet: „Turing hat ein unsichtbares Telefon“, statt schlicht zu sagen, dass Turing keins hat.

Dieses Beispiel ist kein bloßer Witz, sondern eine Medienkritik avant la lettre: Wie leicht verwechseln wir Gehäuse mit Funktion, Worte mit Gebrauch! Heute tragen wir Smartphones in der Tasche und reden via Glasfasern mit der Welt – vielleicht. Aber wenn man nur ein glänzendes Display hat ohne Netz und SIM, ist das Handy wie Wittgensteins unsichtbares Telefon: eine leere Hülle.

Rechnen, Regeln und das Missverständnis des „Verstehens“

In seinen Vorlesungen über die Grundlagen der Mathematik stellt Wittgenstein keine neuen Theoreme auf, sondern seziert die Bedeutungsmaschinen der Sprache. Er erklärt geduldig, warum die Streitfrage um „imaginäre Zahlen“ ein Sprachspiel ist: Das Wort „imaginär“ weckt falsche Bilder, doch die Mathematiker interessiert nicht die Imagination, sondern ein calculus mit Anwendungen.

Ebenso führt er das Publikum in die Irre, wenn er die scheinbar eindeutige Gleichheit eines Stücks Kreide mit sich selbst hinterfragt. Es kommt nicht darauf an, dass zwei Dinge identisch sind, sondern darauf, wie wir sie behandeln – wie wir Regeln anwenden, vergleichen, wiederholen. Wer bei 100 plötzlich „20 000“ schreibt, hat nicht die „falsche Idee“, sondern handelt anders als die Gemeinschaft. Verstehen zeigt sich in der Praxis, nicht im Kopf. „Ich weiß, dass ich verstehen werde“ ist unsinnig; wir sehen erst am späteren Verhalten, ob jemand die Regel „begriffen“ hat.

Turings Maschinen, Sigma-Zeichen und die Grenze des Mechanischen

Die Auseinandersetzungen mit Alan Turing geben diesen Übungen eine technische Schärfe. Wenn Wittgenstein Turing fragt, wie viele Ziffern er gelernt hat, und Turing „ℵ₀“ antwortet, wird die ontologische Unendlichkeit zur Frage eines Lernverfahrens. Das aleph-null ist in diesem Sinn kein astronomisch großes Kontingent von Ziffern, sondern die Konvention, dass man beim Zählen nicht aufhört.

Turing, der wenig später Rechenmaschinen erfinden wird, bringt die mechanische Seite ein: eine Maschine ist das Ergebnis eines endlichen Bastelns, keine metaphysische Offenbarung. Der Philosoph hingegen insistiert darauf, dass jede Rechenregel nur über ihren Gebrauch Sinn bekommt. Ein Symbol ohne Praxis ist bedeutungslos – genauso wie ein ausgeschnittenes Sigma-Zeichen auf Papier keine mathematische Funktion erfüllt.

Medien, Bedeutung und das soziale Band der Intelligenz

Wittgenstein will uns beibringen, dass Bedeutung nicht im Innern wohnt, sondern im Gebrauch erscheint. Mathematik ist eine Praxis, die von Symbolmedien ermöglicht wird. Ob man Kreide auf einer Tafel bewegt, Lochkarten stanzt oder Code in einen Prozessor tippt – immer handelt es sich um Techniken, die unsere Sprache und unser Denken rahmen.

Es ist eine kurze Strecke von der Wählscheibe zum Touchscreen, aber ein langer Weg im Sprachspiel: Wir sprechen heute von „Swipen“ und „Senden“, wie wir früher vom „Wählen“ sprachen. Doch der Fehler bleibt derselbe: ein Gehäuse oder ein Wort mit der Funktion zu verwechseln.

Der qualitative Sprung: Von Sprachmodellen zu agentischer Intelligenz

In den 1930er-Jahren war Wittgensteins Skepsis gegenüber jeder Form mentalistischer Begriffsverklärung radikal. Verstehen, so insistierte er, ist keine innerliche Erkenntnis, sondern ein öffentlich erkennbares Tun – eine Praxis, die sich im Sprachspiel, im Gebrauch, im Verhalten manifestiert. Er wehrte sich gegen die Vorstellung, Begriffe seien abgeschlossene Entitäten im Kopf; vielmehr sind sie Resultate sozialer und medialer Konstellationen. In dieser Hinsicht war er der erste, der eine funktional-pragmatische Perspektive auf „Intelligenz“ entwarf, ohne das Wort je im heutigen Sinn zu verwenden.

Gerade hier setzt die jüngste Forschung von Frank H. Witt an – allerdings nicht, um bei Wittgensteins Skepsis stehen zu bleiben, sondern um das nächste Terrain zu betreten. Ein qualitativer Sprung in der Entwicklung Künstlicher Intelligenz, so Witt, ist nur dann möglich, wenn man sich konsequent an der funktionalen Architektur biologischer Intelligenz orientiert. Es genügt eben nicht, große Sprachmodelle mit statistischer Brillanz auszustatten. Die emergente Agency, die Witt vorschlägt, beruht auf einer modularen Reorganisation des maschinellen Lernens selbst.

Vom Sprachspiel zum funktionalen Verhalten: Agency als Prinzip

Konkret heißt das: die Nachbildung von Nervenzellclustern der Großhirnrinde – etwa spezialisierten Arealen wie dem visuell-räumlichen Kortex oder dem präfrontalen Entscheidungssystem – in Form von spezialisierten GPTs. Diese Module agieren nicht isoliert, sondern kooperieren mit großen multimodalen LLMs in einem dynamischen Agentenökosystem. Durch unüberwachtes Lernen, gekoppelt mit explorativer Umweltinteraktion, bilden sich funktionale Kontexte, Bedeutungsverschiebungen und neue semantische Koppelungen heraus – nicht im Sinne symbolischer Repräsentation, sondern als Resultat operativer Koordination.

Wenn Wittgenstein sagte: „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache“, dann könnte man Witt im Sinne einer natürlichen Fortsetzung ergänzen: Die Bedeutung einer Funktion ist ihr emergentes Verhalten in einem System aktiver Agenten. Echtes „Verstehen“ ist dann nicht simuliert, sondern entsteht als Relation – ähnlich wie das Zusammenspiel verschiedener Hirnareale keine zentrale Instanz braucht, um kohärente Welterfahrung zu erzeugen.

Eine neue Grammatik der Intelligenz

Damit verschiebt sich auch die Frage nach „Intelligenz“ selbst: weg von anthropomorphen Vergleichen und hin zu einer kybernetischen Betrachtung emergenter Funktionalität. Agency ist nicht die Simulation menschlicher Absichten, sondern ein operatives Prinzip – vergleichbar mit der arbeitsteiligen Organisation neuronaler Netze in der Natur.

Wittgenstein hätte diesem Pfad vermutlich mit Ironie, aber auch mit stillem Respekt begegnet. Denn er wusste: Es kommt nicht darauf an, was eine Maschine sagt, sondern darauf, wie sie in die Welt gestellt ist – in welche Spiele, welche Medien, welche Gemeinschaften von Zeichen und Tun sie eingebettet ist. Das wäre der Beginn einer neuen Grammatik der Intelligenz.

Ein Gedanke zu “Von unsichtbaren Telefonen und emergenter Intelligenz – Wittgenstein, Turing und die Grammatik der KI

  1. Gunnar Sohn ist offensichtlich ein Meister des Wissenschaftsjournalismus, es geht in dem Artikel u.a. um: WITTGENSTEIN’S LECTURES on the Foundations of Mathematics, Cambridge, 1939, den Beginn eines realistischen Wissenschaftsprogramms zur Entwicklung Künstlicher Intelligenz markieren. Alan Turing, der die Einsichten, die er aus der Begegnung mit Ludwig Wittgenstein später in einem Manifest zusammenfasste und 1950 in der Zeitschrift Mind in einem Artikel über Intelligent Machinery veröffentlichte. Entwicklung intelligenter Maschinen z.B. GPTs nach dem Vorbild der Genetik und Epigenetik der Hirnentwicklung und überwachten (Pädagogik) sowie unüberwachtem selbstmotivierten Lernen bei Kindern! Zu ehren von Wittgenstein werden ich und mein Team im Herbst 2026 ein „Wittgenstein KI Agenten Eco-System öffentlich machen, indem sich reguläre Studierende und Entscheider aus Wirtschaft und Gesellschaft so miteiander unterhalten können, als ob das von Ludwig Wittgenstein moderiert würde – ohne allerdings Ohrfeigen von dem etwas neurodiversen Jahrhundertgenie einfangen zu können.
    S.a.
    Wittgenstein, Ludwig (2015-05-13T23:58:59.000). Wittgenstein’s Lectures on the Foundations of Mathematics, Cambridge, 1939 (English Edition) . The University of Chicago Press. Kindle-Version,

    Witt, Frank H.. Künstliche Intelligenz: Transformation und Krisen in Wirtschaft und Gesellschaft. UVK Verlag. Kindle-Version.

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