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#Chirac und die wirtschaftspolitischen Märchen von Le Maire: Wir brauchen mehr Globalisierung #EURatspräsidentschaft @BrunoLeMaire @Lars_Feld @HermannSimon @KfW_Research @BMWK_Econ @ProfHolm

Die Stär­kung von Euro­pas „stra­te­gi­scher Auto­no­mie“ ist das Ziel der fran­zö­si­schen EU-Ratspräsidentschaft: „Wir sind zu weit gegan­gen mit der Verla­ge­rung und der Arbeits­tei­lung“, proklamierte Finanz- und Wirt­schafts­mi­nis­ter Bruno Le Maire. Nun müsse Europa seine Souve­rä­ni­tät zurücker­lan­gen. Die Corona-Krise deute­te Le Maire, trotz allem Leid, auch als Wende­punkt. 

Le Maire verweist auf einige der von Brüs­sel unlängst als stra­te­gisch wich­tig einge­stuf­ten Sekto­ren wie die Batte­rie­zell­-Fer­ti­gung, Biotech­no­lo­gie, Wasser­stoff, Cloud und Halb­lei­ter. Die Schlacht um Halb­lei­ter sei eröff­net. „Wir wollen, dass Europa sie gewinnt.“ Er klingt ein wenig wie Chirac, der sich durch ähnliche Sprücheklopfereien in Konkurrenz zu Google lächerlich machte. Zur Erinnerung:

Die europäische Antwort auf Google sollte Quaero sein – doch das vollmundig rausposaunte deutsch-französische Prestigeprojekt ist kläglich in die Hose gegangen. Der frühere französische Staatspräsident Chirac startete 2006 das Projekt Quaero mit großem Getöse, um die erste „wahre multimediale Suchmaschine“ in Europa auf die Beine zu stellen. Es sollte nicht nur Texte, sondern auch Musik oder Bilder finden. Die Suchergebnisse sollten auf Computern, Mobiltelefonen und Fernsehen in mehreren Sprachen angezeigt werden können. Schon damals war klar, dass man den Vorsprung von Google mit einem staatlich geförderten Projekt nicht einholen könne. Und nun will man mit einer Rückverlagerung von Produktionsstätten auf dicke Hose machen, beispielsweise in der Chip-Produktion? Ich halte das für das falsche Signal. Le Maire klingt mir zu europa-nationalistisch.

Der internationale Handel ist wichtig auch für den politischen Wandel. Abschottungen, Europa-Zentrierung, Handelskriege, Muskelspielchen und dergleichen schaden der Prosperität von allen Ländern.

„Betrachtet man die globale Situation, so ist mehr und nicht weniger Globalisierung wünschenswert. Zur Begründung dieser Position führe ich zwei Zahlenbelege an. Die deutschen Pro-Kopf-Exporte beliefen sich im Jahre 2019 auf 18 018 Dollar, in China waren es 1797 Dollar und in Indien 240 Dollar je Einwohner. Setzt man also den deutschen Wert gleich 100, so erreicht China 10 Prozent und Indien 1,3 Prozent. Was besagt dieser Vergleich? Indien muss weitaus mehr exportieren, um in hochentwickelten Ländern die Infrastrukturgüter, Maschinen und Flugzeuge kaufen zu können, die es braucht, um auf die Beine zu kommen. Für Afrika gilt Ähnliches. Im Jahre 2019 exportierten die deutschen Unternehmen Waren im Wert von 24,9 Milliarden Euro nach Schweden. Die Summe der deutschen Exporte in alle Länder Afrikas erreichte im selben Jahr einen Wert von 23,7 Milliarden Euro. Die deutschen Importe aus Afrika bewegten sich mit 24,4 Milliarden Euro in ähnlicher Höhe. Schweden hat 10,2 Millionen Einwohner, Afrika hat 120-mal so viele. Es gilt die gleiche Aussage wie für Indien: Afrika muss viel, viel mehr aus Deutschland importieren beziehungsweise nach dort exportieren, um auf die Beine zu kommen“, erläutert Hidden Champion-Forscher Hermann Simon gegenüber ichsagmal.com.

Ähnlich sieht es Lars Feld, bis Ende Februar 2021 Vorsitzender des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: „Wir brauchen meiner Ansicht nach mehr statt weniger Globalisierung, um eine Absicherung gegenüber zukünftigen Krisen zu haben. Wir brauchen mehrere Lieferanten in verschiedenen Ländern der Erde.“

Statt die internationale Verflechtung zurückzudrehen, empfiehlt Simon mehr Direktinvestitionen in anderen Ländern.

Auch Dr. Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der KfW-Bankengruppe, plädiert für globale Strategien.

„Freihandel und globale Arbeitsteilung sind die Grundlage unseres Wohlstandes – und Erfolgsrezept für das deutsche Wirtschaftsmodell. Insofern sollte man europäische Souveränität eben nicht als Autarkie verstehen“, erklärt Dr. Julian Dörr, Leiter Digitalisierungs- und Innovationspolitik des Familienunternehmer-Verbandes.

Eine Rückverlagerung internationaler Produktion nach Deutschland würde zudem die deutsche Wirtschaftsleistung fast 10 Prozent schmälern. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie im ifo Schnelldienst. „Wenn wir ausgelagerte Teile der Wertschöpfung nach Deutschland zurückholen, führt das dazu, dass weniger wettbewerbsstarke Tätigkeiten plötzlich große Anteile im Mix der deutschen Wertschöpfung gewinnen. Die damit verbundene geringere Produktivität würde die Wirtschaftskraft schwächen,“ sagt Lisandra Flach, Leiterin des ifo Zentrums für Außenwirtschaft und Mitautorin der Studie.

Diese Ergebnisse basieren auf Berechnungen des ifo-Handelsmodells. „Dabei wird angenommen, dass kein anderes Land eine ähnliche Strategie verfolgt oder Vergeltungszölle als Gegenreaktion erhebt. Die negativen Auswirkungen der Nationalisierung von Lieferketten könnten daher tendenziell noch höher ausfallen“, sagt Flach.

Über den Autor

gsohn
Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.

1 Kommentar zu "#Chirac und die wirtschaftspolitischen Märchen von Le Maire: Wir brauchen mehr Globalisierung #EURatspräsidentschaft @BrunoLeMaire @Lars_Feld @HermannSimon @KfW_Research @BMWK_Econ @ProfHolm"

  1. Andreas Seidel | 24. Januar 2022 um 12:52 |

    Die Schlussfolgerungen aus dem Beitrag sind mir etwas zu sehr nach Schwarz und Weiß gebürstet. Ja, wir brauchen mehr Globalisierung und Ja, wir brauchen mehr lokalisierte Produktionsketten. Aber dazu müssen unsere Produktionsparadigma einmal gründlich durchgeschüttelt werden. Ich bin lange genug in Logistik/SCM tätig, z.B. braucht Afrika viel mehr von unserer Maschinenbauhochtechnologie, es bracht aber nicht die Reste aus unseren Geflügelzerlegebetrieben, die mit EU-Dumpingpreisen jeden Aufbau einer eigenen Geflügelwirtschaft unterdrücken.
    Transport ist und bleibt absehbar eine der größten globalen Klimadreckschleudern. Das gigantische Größenwachstum der Containerschiffe hat ihre Transportkosten zugleich verdampft, bis sie irgendwo vor Reede liegen, ihre Fracht nicht entladen, geschweige denn neue aufnehmen oder den Umlauf von Leercontainern sicherstellen können. Das Zurückholen von Produktion nach Deutschland hat vielmehr mit Kosten-, Qualitäts- und Zeitvorteilen zu tun (siehe u.a. Industrie 4.0), die nichts mehr mit dem Transport zu tun habe. Wir müssen aber im Gegenzug etwas zurückgeben.
    Nur weil Consulter in der Vergangenheit gigantische Summen mit dem Megatrend Globalisierung verdient haben, macht es diesen nicht besser. Mit mehr Hirn können wir den Widerspruch zwischen Globalisierung und Lokalisierung zum Vorteil von allen auflösen.

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