Die Republik im Gesprächsverlust – Die bequeme Angst vor der Propaganda

Die Deutschen erklären sich den Erfolg des Populismus gern als Medienunfall. Falsche Botschaften, falsche Plattformen, falsche Algorithmen, falsche Einflüsterer: So entsteht das beruhigende Bild einer Gesellschaft, die im Grunde vernünftig wäre, hätte man sie nur rechtzeitig vor den Verführern geschützt. Die AfD in Sachsen-Anhalt bei Werten, die früher nur Volksparteien erreichten, das Bündnis Sahra Wagenknecht als Sammelstelle für Sozialprotest und außenpolitische Verweigerung, die wachsende Kälte gegenüber den Institutionen: All das erscheint dann als Folge einer beschädigten Informationsordnung. Es ist eine halbe Wahrheit. Und halbe Wahrheiten sind in der Politik häufig besonders bequem.

In Sachsen-Anhalt sieht der jüngste Infratest-dimap-Ländertrend die AfD bei 41 Prozent, die CDU bei 26 Prozent; gewählt wird dort am 6. September 2026. Bundesweit weist eine INSA-Erhebung vom Mai 2026 die AfD mit 29 Prozent vor CDU/CSU mit 22 Prozent aus. Das sind keine flüchtigen Störungen im Medienklima. Solche Werte entstehen aus längeren Ablagerungen: aus Enttäuschung, kultureller Distanz, Verwaltungserfahrung, Migrationskonflikten, wirtschaftlicher Sorge, ostdeutschem Gedächtnis, westdeutscher Selbstgewissheit und dem Gefühl, im offiziellen Ton der Republik nur noch als Risiko vorzukommen.

An dieser Stelle beginnt die Aktualität von Thymian Bussemer. Seine aus einer Promotionsschrift hervorgegangene Studie „Propaganda. Konzepte und Theorien“ rekonstruiert, wie die moderne Kommunikationsforschung die alte Angst vor der Masse zerlegte. Bussemer, heute Head of HR Strategy & Innovation bei Volkswagen, führt zu Paul Felix Lazarsfeld, dem Wiener Mathematiker, Sozialforscher, Emigranten und späteren Columbia-Professor, der mit seinen Studien über Wähler, Radiohörer und Mediennutzer zeigte: Menschen sind keine bloßen Zielscheiben von Botschaften. Sie wählen aus, deuten um, sprechen mit anderen, orientieren sich an Gruppen, Milieus und Personen, denen sie vertrauen. Propaganda wirkt durch Menschen. Sie fällt nicht einfach auf sie herab.

Thymian Bussemer und die Entzauberung der Masse

Bussemer beschreibt die dreißiger Jahre als Phase einer empirischen Wende. Die alte Massenpsychologie, die das Publikum als irrational, instinktgetrieben und suggestibel dachte, verlor ihre Erklärungskraft. Wer Werbung, Wahlkämpfe, Radioprogramme oder politische Kampagnen planen wollte, brauchte keine Spekulationen über den Seelenzustand der Masse, sondern Daten über konkrete Menschen. Bussemer zitiert den Psychologen Henry C. Link mit der Abkehr von der alten Psychologie der Werbung. Entscheidend sei nicht mehr, was Menschen dächten oder zu denken glaubten, sondern „what they actually do“.

Damit wurde aus der Masse ein Forschungsgegenstand. Das Publikum zerfiel in Käufer, Wähler, Hörer, Leser, Nachbarn, Vereinsmitglieder, Kollegen, Familienangehörige. An die Stelle großer dunkler Begriffe traten Fragebogen, Panel, Interview, Feldstudie, Inhaltsanalyse, Response-Analyse. Bussemer schreibt, die Leitwissenschaft dieses neuen Denkens sei bald die Demoskopie geworden. George Gallup formulierte den Anspruch, menschliches Verhalten lasse sich nie vollkommen, aber mit wachsender Genauigkeit vorhersagen.

Man sollte diese Verwissenschaftlichung weder verklären noch verwerfen. Sie brachte Erkenntnisgewinn und Steuerungslust zugleich. Sie half, die Allmachtsphantasie der Propaganda zu beschädigen, und nährte doch den Traum, Kommunikation als Sozialtechnik verfügbar zu machen. Genau in dieser Ambivalenz liegt Bussemers Gegenwartswert. Er führt nicht in ein Museum der Propaganda. Er zeigt, wie moderne Gesellschaften zugleich Aufklärung über Beeinflussung betreiben und neue Instrumente der Beeinflussung hervorbringen.

Dass Bussemer heute in einem Weltkonzern mit Strategie, Innovation und Transformation befasst ist, gibt dieser Lektüre eine eigentümliche Nähe zur Gegenwart. Transformation gelingt in einem Unternehmen nicht durch Verlautbarung. Sie braucht Belegschaften, Betriebsräte, Führung, Qualifizierung, Vertrauen, Konfliktfähigkeit, wiederholte Erklärung, greifbare Erfahrung. Der Abstand zur Demokratie ist kleiner, als manche Politiker glauben. Auch gesellschaftliche Veränderung wird nicht durch Kampagnensprache vollzogen. Sie braucht soziale Träger.

Paul Felix Lazarsfeld, der Werkzeugmacher der Wirkungsforschung

Paul Felix Lazarsfeld wurde 1901 in Wien geboren, promovierte in Mathematik und arbeitete am Psychologischen Institut der Universität Wien. 1928 gründete er die Wirtschaftspsychologische Forschungsstelle, die kommerzielle Forschung mit Sozialanalyse verband. Die Marienthal-Studie über die Folgen der Arbeitslosigkeit gehört bis heute zum Kanon empirischer Sozialforschung. 1933 ging Lazarsfeld mit einem Rockefeller-Stipendium in die Vereinigten Staaten. Später leitete er das Princeton Radio Research Project und an der Columbia University das Bureau of Applied Social Research. Bussemer beschreibt ihn als Pionier der empirischen Massenkommunikationsforschung, dessen Bedeutung vor allem in Methoden und Forschungsorganisation lag.

Lazarsfeld war kein Systemphilosoph. Er war ein Instrumentenbauer. Seine Forschung fragte, wer was hörte, wer mit wem sprach, wer wem glaubte, welche Medien genutzt wurden, welche Gruppenzugehörigkeiten politische Entscheidungen stabilisierten. Unter seiner Leitung wurde Kommunikationsforschung arbeitsteilig, datenreich, methodisch ehrgeizig. Man kann diese Form administrativer Sozialforschung kritisieren. Sie war eng mit Stiftungen, Regierung, Wirtschaft, Kriegsforschung und Marktforschung verbunden. Bussemer verschweigt das nicht. Er zeigt die Nähe von Forschung, Planung und Kontrolle. Doch gerade diese Forschung zerstörte einen Mythos, der bis heute politisch verführerisch bleibt: den Mythos vom willenlosen Publikum.

In „The People’s Choice“, der Erie-County-Studie zum amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf von 1940, erwarteten Lazarsfeld, Bernard Berelson und Hazel Gaudet zunächst, einen erheblichen direkten Medieneinfluss nachweisen zu können. Das Ergebnis verlief anders. Politische Präferenzen erwiesen sich als stabiler als vermutet. Medienimpulse wirkten häufig vermittelt durch Personen, die in lokalen Kreisen Ansehen besaßen. Bussemer fasst den Befund so zusammen: Einen direkten Einfluss der Medien fanden die Forscher vor allem bei örtlichen Meinungsführern, die danach andere Bewohner im persönlichen Austausch beeinflussten. Familien, Freundeskreise und Berufsorganisationen erwiesen sich als „wirksame Bollwerke gegen mediale Persuasion“.

Das ist für die Gegenwart weit mehr als historische Fußnote. Es bedeutet: Politische Kommunikation trifft selten auf leere Köpfe. Sie trifft auf Bindungen, Gewohnheiten, Interessen, biographische Erfahrungen, Milieus, Abwehrmechanismen. Der Mensch ist beeinflussbar, aber kein Gefäß. Er liest, hört, sieht, vergleicht, verwirft, lacht, zweifelt, fragt den Kollegen, vertraut der Schwester, folgt dem Vereinsfreund, ärgert sich über den Moderator, glaubt dem Bürgermeister oder verachtet ihn.

Der Zwei-Stufen-Fluss und die Macht der persönlichen Rede

Aus diesen Befunden entstand der berühmte Zwei-Stufen-Fluss der Kommunikation. In „Personal Influence“, 1955 von Elihu Katz und Paul Lazarsfeld veröffentlicht, wurde der Gedanke systematisch ausgearbeitet. Medien erreichen zunächst besonders interessierte oder exponierte Personen, die Informationen aufnehmen und in ihre sozialen Kreise weitertragen. Diese Opinion Leader sind keine Propagandagenies. Sie sind oft Menschen aus dem Alltag, die in bestimmten Fragen Aufmerksamkeit, Wissen, soziale Nähe oder Ansehen besitzen.

Bussemer zitiert aus „Personal Influence“ den zentralen Satz: „Individuelle Meinungen, Haltungen, Gewohnheiten und Werte sind offenbar in zwischenmenschlichen Beziehungen verankert.“ Weiter heißt es, Personen, die sich wechselseitig beeinflussen, prägten und erhielten gemeinsam Ideen und Verhaltensweisen, die sie „nur widerstrebend aufgeben oder einseitig verändern“.

Das ist keine harmlose Kommunikationsweisheit. Es ist ein Angriff auf den Furor der großen Sendung. Wer politische Überzeugungen ändern will, muss den sozialen Ort kennen, an dem sie befestigt sind. Eine Botschaft, die im Fernsehen plausibel klingt, kann im Betrieb zerfallen. Ein Faktencheck, der online korrekt ist, kann im Familienkreis als Arroganz erscheinen. Eine Rede, die in Berlin Beifall findet, kann in Stendal, Gera oder Bautzen als weiterer Beweis kultureller Fremdheit landen. Medienwirkung ist kein Transportband. Sie ist ein Weg durch soziale Landschaften.

Bussemer schreibt über Lazarsfelds Studien, sie hätten „zur Dekonstruktion eines Wirkungsmodells“ beigetragen, nach dem Menschen reine Spielbälle der Medien seien. Mediennutzer sind fähig, massenmediale Botschaften auszuwählen und eigenständig zu interpretieren. Damit sei ein neues Menschenbild auf den Plan getreten: „das des aktiven und sozial in vielfältige Netzwerke eingebundenen Medienkonsumenten“. Auch in einer zersplitterten Medienwelt, in der Messenger, TikTok, TwitterX und Co. eine Rolle spielen, hat sich das nicht geändert.

Dieser Sachverhalt sollte in jeder Sitzung stehen, in der über Desinformation, Medienkompetenz oder Extremismusprävention gesprochen wird. Der Bürger ist nicht nur gefährdet. Er ist beteiligt. Er ist nicht bloß Empfänger. Er ist Mitproduzent der politischen Bedeutung. Das macht die Sache schwieriger. Es macht sie auch demokratischer.

Der Satz, den Berlin vergessen hat

Der wichtigste Satz aus dieser Tradition steht in „The People’s Choice“, Bussemer zitiert ihn mit gutem Grund: „Vor allem Menschen können also andere Menschen zu einer Entscheidung bewegen.“ Lazarsfeld fügte hinzu, dies sei „von einem ethischen Standpunkt aus“ ein hoffnungsvoller Aspekt des ernsten sozialen Problems der Propaganda.

Dieser Satz ist im Deutschland der Gegenwart nahezu provokativ. Er entlastet die Medien nicht. Er verlagert die Verantwortung. Wer politische Propaganda allein als Problem von Sendern, Plattformen oder Algorithmen behandelt, übersieht den entscheidenden Übergang: Aus einer Botschaft wird politische Kraft, sobald Menschen ihr im Alltag Glaubwürdigkeit geben. Der Clip wird geteilt. Der Nachbar bestätigt ihn. Der Kollege ordnet ihn ein. Der Vater erzählt eine Erfahrung aus der Verwaltung. Die Tochter berichtet aus der Schule. Der Vereinskamerad kennt jemanden, dem angeblich genau das passiert ist. Dann ist die Botschaft nicht mehr nur Inhalt. Sie ist soziale Wirklichkeit.

Die AfD versteht diesen Mechanismus instinktiv besser als viele ihrer Gegner. BSW ebenfalls. Beide leben davon, dass politische Deutungen an Alltagserfahrungen andocken. Die AfD erzählt von Kontrollverlust, Migration, kultureller Entfremdung, Staatsversagen und verachteten Normalbürgern. Das BSW erzählt von sozialer Unsicherheit, Kriegssorge, Elitenversagen, Energiepreisen und einem Land, das seinen Bürgern Opfer zumutet, während es ihnen die Gründe in einer Sprache erklärt, die viele längst ablehnen. Das eine ist rechter Populismus, das andere linker Protestpopulismus mit national-sozialer Färbung. Beide gewinnen, sobald ihre Erzählungen im persönlichen Umfeld Plausibilität erhalten.

Hier versagt der moralische Reflex. Wer AfD-Wähler pauschal als verführt, verblendet oder verdorben beschreibt, zerstört den Kanal, über den Widerspruch möglich wäre. Wer BSW-Wähler als nostalgische Putin-Freunde entsorgt, macht aus einem politischen Problem eine Milieubeschimpfung. Kritik bleibt nötig. Härter sogar. Aber sie muss den sozialen Ort erreichen, an dem Zustimmung entsteht.

Propaganda wirkt unter Bedingungen

Lazarsfeld und Robert K. Merton haben Propaganda nicht verharmlost. Sie fragten nach ihren Bedingungen. Bussemer zeigt, dass erfolgreiche Propaganda für Lazarsfeld und Merton vor allem unter drei Voraussetzungen besondere Kraft gewinnt: Monopolisierung – dazu zählten auch 80-20-Verteilungen im Social Web -, Kanalisierung vorhandener Einstellungen und ergänzende persönliche Kontakte.

Monopolisierung gehört zum Arsenal totalitärer Systeme. Wo alle Informationswege gleichgeschaltet sind, schrumpft die Möglichkeit des Vergleichs. Demokratische Gesellschaften kennen solche vollständigen Monopole selten, doch partielle Monopole entstehen auch hier: in Milieus, in Plattformblasen, in Messengergruppen, in Redaktionskulturen, in moralisch abgeriegelten Szenen. Das Problem beginnt dort, wo Menschen zwar theoretisch viele Quellen haben, praktisch aber nur noch jene nutzen, die ihre Welt bestätigen.

Kanalisierung ist für Demokratien noch wichtiger. Propaganda schafft selten alles neu. Sie lenkt, was vorhanden ist. Sie muss Grundhaltungen nicht aus dem Nichts erzeugen. Es genügt, vorhandene Unruhe, Wut, Angst oder Kränkung in eine politische Richtung zu bringen. Werbung kennt dieses Prinzip seit Langem: Sie verkauft leichter eine andere Zahnpasta als ein anderes Leben. Politische Propaganda wirkt ähnlich. Sie muss nicht jeden Bürger umstürzen. Es genügt, vorhandene Skepsis in Verachtung, vorhandene Sorge in Feindbild, vorhandene Distanz in Lagerbindung zu verwandeln.

Die dritte Bedingung führt zurück zu Lazarsfelds zentraler Einsicht: persönliche Kontakte. Bussemer zitiert Lazarsfeld und Merton zum Fall des amerikanischen Radiopriesters Charles Coughlin. Dessen Erfolg habe sich nicht allein aus dem Inhalt der Radioansprachen ergeben. Entscheidend war ein „Komplex gegenseitiger Stärkung“ aus zentraler Rundfunkrede, Zeitungen, Flugblättern und örtlichen Diskussionen in kleineren Gruppen.

Man muss nur die Mediennamen austauschen, um die Gegenwart zu sehen: Video, Podcast, Telegram, X, Facebook, TikTok, Lokalgruppe, Familienchat, Stammtisch, Betriebsflur. Der Mechanismus bleibt ähnlich. Die zentrale Botschaft wandert durch dezentrale Beziehungen. Dort wird sie geprüft, gefärbt, verschärft, normalisiert. Dort entsteht politische Dauer.

AfD, BSW und die falsche Medizin

Die Reaktion des politischen Betriebs auf diesen Befund fällt oft erstaunlich hilflos aus. Sie besteht aus Gegenerklärung, Kampagne, Verfassungspathos, Talkshowempörung, Bildungsprogramm, Faktencheck, Plattformforderung. Das alles hat seinen Platz. Strafbare Hetze gehört verfolgt. Ausländische Einflussoperationen gehören offengelegt. Politische Werbung muss transparent sein. Plattformen dürfen nicht dafür belohnt werden, dass sie Wut, Lüge und Demütigung algorithmisch nach oben treiben.

Doch die reine Gegenkampagne greift zu kurz. Sie behandelt Propaganda als Nachrichtengift, das durch Gegengift neutralisiert werden kann. Lazarsfelds Forschung legt eine andere Diagnose nahe: Die Botschaft ist nur ein Teil des Vorgangs. Entscheidend ist das Milieu ihrer Beglaubigung. Wer diese Milieus nicht kennt, sendet ins Leere.

Sachsen-Anhalt ist dafür der drastische Fall. Eine AfD bei 41 Prozent entsteht nicht durch einen gelungenen Wahlkampfspot. Solche Werte haben Herkunft. Sie entstehen aus Erfahrung mit Abwanderung, gebrochenen Aufstiegserzählungen, dünner Infrastruktur, schwachen Parteibindungen, Misstrauen gegenüber Medien und Verwaltung, Konflikten über Migration, Enttäuschung über die politische Sprache des Westens. Der Bürger, der so wählt, muss nicht recht haben. Aber er hat Gründe, die in seiner sozialen Welt als Gründe gelten. Wer sie nur als Vorurteil registriert, versteht den Vorgang nicht.

Ähnliches gilt für das BSW. Seine Anziehungskraft entsteht aus der Verbindung von sozialem Schutzversprechen, Friedensrhetorik, Anti-Eliten-Affekt und kultureller Absetzung von grüner Fortschrittssprache. Es spricht Menschen an, die weder im rechten Lager aufgehen wollen noch den Ton der Ampel- und Post-Ampel-Republik ertragen. Auch hier wäre die bloße Pathologisierung politisch bequem. Sie ersetzt Analyse durch Distanz.

Der demokratische Widerspruch muss präziser werden. Die AfD ist zu stellen, wo sie mit Ressentiment Politik macht, autoritäre Ordnungen bewundert, Europa beschädigt, Institutionen delegitimiert, finanzpolitische Wunder verspricht und die Republik in Freund und Feind spaltet. Das BSW ist zu stellen, wo es den russischen Imperialismus vernebelt, soziale Fragen mit außenpolitischem Ressentiment verbindet und Konflikte in die Formel von Volk gegen Elite presst. Aber diese Kritik muss mit Menschen reden, nicht nur über sie.

Medienpolitik ohne Bürgerverachtung

Eine klügere Medienpolitik beginnt mit einer bescheidenen Einsicht: Information allein rettet keine Demokratie, deren Institutionen vielen Bürgern fern geworden sind. Bussemer zitiert Lazarsfeld und Merton mit einem Satz, der jeder Regierung ins Stammbuch gehört: „Propaganda is no substitute for social policy and social action.“ Propaganda ist kein Ersatz für Sozialpolitik und soziales Handeln. Man darf ergänzen: Öffentlichkeitsarbeit ist kein Ersatz für gelingende Politik.

Kein Faktencheck rettet eine Schule, in der Unterricht ausfällt. Keine Kampagne gegen Hass heilt eine Verwaltung, die Bürger mürbe macht. Kein Demokratieslogan ersetzt Sicherheit im öffentlichen Raum. Kein Social-Media-Format gleicht eine Migrationspolitik aus, die den Eindruck von Kontrollverlust erzeugt. Keine Talkshow stärkt Vertrauen in Institutionen, deren Verfahren als langsam, abweisend oder wirklichkeitsfern erlebt werden.

Medienpolitik muss trotzdem handeln. Sie sollte Lokaljournalismus stärken, weil dort die soziale Wirklichkeit der Demokratie sichtbar wird. Sie sollte Auskunftsrechte verbessern, weil Transparenz Vertrauen nicht garantiert, aber Geheimniskrämerei Misstrauen nährt (also Hände weg vom Informationsfreiheitsgesetz – oder besser: streicht endliche die vielen Abwehr-Paragrafen). Sie sollte politische Werbung im Netz klar kennzeichnen. Sie sollte koordinierte Desinformation offenlegen. Sie sollte öffentlich-rechtliche Medien auf Recherche, Sachaufklärung, regionale Präsenz und Pluralität verpflichten. Sie sollte den Ton der Betreuung meiden. Bürger, die sich bevormundet fühlen, hören den Ton oft früher als das Argument.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat hier eine besondere Verantwortung. Populisten greifen ihn an, weil sie eine gemeinsame Tatsachenbasis schwächen wollen. Gerade deshalb darf er nicht als moralische Anstalt auftreten. Je stärker er sich als Erziehungsmedium präsentiert, desto leichter fällt seinen Gegnern die Mobilisierung. Seine Autorität entsteht aus Genauigkeit, Distanz, Sachkenntnis, Fairness, regionaler Nähe. Eine gute Reportage aus einem Landkreis, die Schule, Betrieb, Verwaltung, Verein, Polizei, Migration und Alltag zeigt, leistet mehr für die Demokratie als zehn Studiogespräche über den Zustand der Demokratie.

Politische Bildung jenseits des Zeigefingers

Auch politische Bildung muss aus Lazarsfeld lernen. Sie darf Bürger nicht als Reparaturfälle behandeln. Viele Programme gegen Extremismus kranken daran, dass ihre Adressaten bereits durch die Form der Ansprache herabgesetzt werden. Man lädt Bürger ein, damit sie lernen, was anständige Demokraten ohnehin wissen. Das Ergebnis ist absehbar: Die ohnehin Überzeugten kommen, die anderen bleiben weg oder fühlen sich bestätigt.

Politische Bildung braucht weniger Ritual, mehr Ort. Sie braucht konkrete Konflikte, echte Streitfragen, lokale Probleme, glaubwürdige Moderatoren, längere Präsenz. Sie muss dahin gehen, wo Menschen bereits sprechen: Vereine, Betriebe, Schulen, Volkshochschulen, Feuerwehren, Seniorentreffs, Jugendclubs, Kirchen, Moscheevereine, Sportheime, Betriebsversammlungen, Bürgersprechstunden, lokale Medien. Die Demokratie wird nicht dadurch verteidigt, dass man sie abstrakt lobt. Sie wird verteidigt, sobald Menschen lernen, Konflikte auszutragen, ohne den Gegner aus der Gemeinschaft auszuschließen.

Lazarsfelds Satz über den Einfluss von Menschen auf Menschen enthält genau diese praktische Lehre. Der überzeugendste Demokrat ist oft kein prominenter Redner, kein Minister, kein Moderator. Es ist der Kollege, der einer Lüge widerspricht. Die Nachbarin, die eine Erfahrung ergänzt. Der Bürgermeister, der einen Fehler einräumt. Die Lehrerin, die eine Debatte aushält. Der Vereinsvorsitzende, der eine Parole nicht durchgehen lässt. Der Unternehmer, der erklärt, weshalb Europa für seinen Betrieb keine Abstraktion ist. Der Polizist, der über Sicherheit spricht, ohne in Rhetorik zu fliehen.

Der Lazarsfeld-Rat

Der von mir abgeleitete Lazarsfeld-Rat an Deutschland fällt deshalb anders aus als die üblichen Reflexe. Überschätzt die Medien nicht. Unterschätzt die Gespräche nicht. Verwechselt Reichweite nicht mit Wirkung. Verwechselt Empörung nicht mit politischer Arbeit. Sucht die Orte auf, an denen Meinung entsteht.

Das klingt altmodisch und ist doch moderner als viele digitale Alarmtheorien. Wer in Sachsen-Anhalt, Thüringen, Sachsen, Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern demokratische Mehrheiten sichern will, muss in Vereinen, Betrieben, Feuerwehren, Schulen, Kommunalverwaltungen, Lokalredaktionen und Familiengesprächen wieder vorkommen. Wer bundesweit die AfD stellen will, muss ihre Deutungen dort widerlegen, wo sie plausibel geworden sind. Wer das BSW kritisieren will, muss soziale Angst, Friedenssehnsucht und Elitenmisstrauen kritisch reflektieren, statt sie in einem Verdachtsbegriff zu entsorgen.

Dazu gehört intellektuelle Disziplin. Ein Bürger, der AfD wählt, ist nicht automatisch ein Faschist. Ein Bürger, der BSW wählt, ist nicht automatisch ein Agent Moskaus. Beide treffen eine politische Entscheidung, die Widerspruch verdient. Dieser Widerspruch muss konkret, kenntnisreich und sozial erreichbar sein. Das ist schwerer als moralische Distanz. Es ist auch aussichtsreicher.

Am Ende führt der Weg zurück zu Lazarsfelds Satz: „Vor allem Menschen können also andere Menschen zu einer Entscheidung bewegen.“ Die Demokratie sollte ihn über die Eingänge ihrer Parteizentralen, Redaktionen, Stiftungen und Bildungseinrichtungen schreiben. Er enthält Warnung und Chance zugleich. Wer die sozialen Räume verliert, verliert politische Deutung. Wer sie wieder betritt, nimmt der Propaganda ihr bevorzugtes Gelände: die Einsamkeit des Bürgers vor einer Politik, die ihn nur noch als Problemfall kennt.

Die Republik wird ihre Populisten nicht durch Beschwörung besiegen. Auch nicht durch den nächsten Faktencheck allein. Sie muss wieder gesellschaftsfähig streiten. Sie muss dort auftreten, wo Entscheidungen wachsen, lange bevor sie am Wahltag gezählt werden. In der kleinen Kommunikation liegt die große Frage der politischen Gegenwart.

Glut, Geist und Gouda in Kessenich

Samstag, 11 Uhr. Kessenich liegt im Wochenendlicht, gegenüber grüßt Haribo mit jener bunten Verheißung, die seit Generationen zuverlässig funktioniert: Zucker, Farbe, Kindheitsreflex. Nur wenige Schritte weiter beginnt im Kochatelier eine andere Form der Verführung. Hier kommt das Glück aus Glut, Kräutern, Fleischsaft, Parmesan, Rauch und jener heiteren Geschäftigkeit, die gute Küchen sofort von bloßen Funktionsräumen unterscheidet.

Von 11 bis 16 Uhr dauert der Kurs im Kochatelier, fünf Stunden also, in denen aus Zutaten ein Menü, aus einzelnen Teilnehmern eine Brigade und aus einem Samstagvormittag eine kulinarische Reise wird. Prosecco steht bereit, später gesellt sich Weizenbier dazu. Die Schürzen sitzen, die Messer liegen, die ersten Fragen fliegen durch den Raum. Es riecht nach Öl, Tomaten, Kräutern und Erwartung.

Ein Niederrheiner übernimmt die Regie am Rost

Peter führt durch diesen Tag. Ein waschechter Niederrheiner, leidenschaftlicher Koch, Jäger und Weltreisender. Einer, der die Küche mit dem Blick des Praktikers erklärt und zugleich mit der Erfahrung eines Mannes, der zwischen Nordfinnland, Neuseeland, Australien und internationalen Spitzenküchen gelernt hat, wie weit der Geschmack reisen kann. Bei ihm klingt Grillen nie nach Gartenroutine. Es klingt nach Handwerk, Präzision, Wildnis, Produktkunde und Abenteuer.

Er erklärt, zeigt, korrigiert, erzählt. Mal geht es um Hitze, mal um Rauch, mal um Fleischqualität, mal um den richtigen Moment am Rost. Der Ton bleibt gelassen, die Autorität kommt aus Erfahrung. Peter muss dem Grill keine Dramatik andichten. Die Glut erledigt das selbst.

Die Mise en Place des Wochenendglücks

Das Kochatelier ist vorbereitet wie eine Bühne vor dem ersten Auftritt. Tomaten leuchten auf den Arbeitsflächen, Parmesan wartet neben Reibe und Messer, Schüsseln glänzen, Kräuter liegen bereit, Kartoffeln, Orangen, Fleisch, Teig, Öl und Gewürze ordnen sich zu einem Versprechen. Auf den Tischen stehen Gläser, an den Plätzen liegen Bretter und Messer. Das Ganze wirkt großzügig, konzentriert, einladend.

Das Menü setzt ein deutliches Zeichen gegen jede müde Grillgewohnheit. Smoky BBQ-Pizza, Bacon-Bombs, Rucola mit Parmesan-Knoblauch-Dressing, Black-Angus-Rumpsteak mit Fächerkartoffel, Kräuterbutter und spicy Grill-Tomate, zum Abschluss gegrillte Schoko-Orange mit Orangen-Schmand-Eis. Das Rezeptheft nennt es „Best of BBQ“. An diesem Samstag zeigt sich: Der Titel ist keine Übertreibung, eher eine Arbeitsanweisung.

Bacon-Bombs als kleine Barockarchitektur

Die Bacon-Bombs gehören zu jenen Erfindungen, bei denen man sofort versteht, weshalb Askese kulinarisch überschätzt wird. Hackfleisch, Käse, Bacon, Kräuter, Senf, BBQ-Sauce, Hoisin und Jack Daniels verbinden sich zu kleinen, glänzenden Paketen. Sie werden gerollt, gefüllt, gewickelt, bepinselt, gewendet. Auf dem Grill bekommen sie Farbe, Kruste, Duft und jene gefährliche Attraktion, die nur Speck in Verbindung mit Rauch entwickeln kann.

Auf den Tellern entstehen währenddessen rote Saucenbahnen mit fast graphischer Präzision. Rucola wird gezupft, Fleisch platziert, Kräuter verteilt. Die weiße Keramik, das tiefe Rot der Sauce, das Grün der Blätter und der Glanz der Bacon-Bombs ergeben ein Bild, das zwischen Atelierarbeit und Vorfreude pendelt.

Der Grill als Reiseschalter

Drinnen wurde vorbereitet, draußen steigt Rauch auf. Der Pizzaofen leuchtet burgunderrot, als habe jemand ein kleines südliches Kraftwerk in den Hof gestellt. Die Pizzen werden eingeschoben, das Fleisch kommt auf den Rost, die Bacon-Bombs werden lackiert, der Rauch zieht über das Pflaster. In dieser Bewegung zwischen Innenraum und Außenküche liegt der eigentliche Reiz des Kurses: Man lernt, dass Grillen mit Planung beginnt und mit Gelassenheit gelingt.

Peter spricht über Garpunkte, Hitzezonen und Timing. Das Black-Angus-Rumpsteak verlangt Aufmerksamkeit. Erst direkte Hitze, dann Ruhe, dann Butter, Kräuter, Salz, Pfeffer. Die Fächerkartoffel zeigt, dass eine Beilage durchaus Eigensinn besitzen darf: eingeschnitten, gewürzt, mit Speck und Käse gefüllt, langsam gegart, am Ende knusprig und üppig. Die spicy Grill-Tomate bringt Säure, Süße, Rauchsalz und Parmesan ins Spiel. Das ist BBQ mit Reisepass.

Von der Hofküche zur Feuerküche

Kessenich ist für einen solchen Nachmittag ein passender Ort. Gleich nebenan lockt die Gegenwart mit Haribo, doch die Bonner Küchengeschichte reicht tiefer. Johann Joseph Eichhoff, 1762 in Bonn getauft, war Sohn des kurfürstlichen Mundkochs Johann August Eichhoff. Er trat selbst zunächst in die Fußstapfen seines Vaters und wurde 1781 kurfürstlicher Mundkoch in Bonn. Im Auftrag von Kurfürst Max Friedrich reiste er regelmäßig nach Paris, um dort die französische Küche zu erlernen. Später machte er Karriere als Bürgermeister von Bonn, Unterpräfekt des Arrondissements Bonn und Generaldirektor der Rheinschifffahrtsverwaltung unter französischer Herrschaft, ehe er in seinen letzten Jahren als Kunstsammler und Mäzen hervortrat.

So bekommt der Grillkurs einen kleinen historischen Resonanzraum. Eichhoff brachte französische Küchenerfahrung an den kurfürstlichen Hof und stieg danach in Verwaltung, Politik und Rheinverkehr auf. Peter bringt Weltküche, Jagderfahrung und BBQ-Handwerk nach Kessenich. Zwischen Hofküche und Feuerküche liegen mehr als zwei Jahrhunderte, doch die alte Einsicht bleibt erhalten: Küche ist immer auch Bewegung, Austausch, Technik, Geschmack und Erzählung.

Prosecco, Weizenbier und die Kunst des Wartens

Die Stimmung des Kurses lebt von dieser angenehmen Mischung aus Konzentration und Geselligkeit. Niemand steht verloren herum, niemand wird mit Rezeptdetails erschlagen. Es wird gearbeitet, getrunken, gefragt, gelacht. Prosecco nimmt dem Vormittag die Schwere, Weizenbier passt zum Rauch, und die Gespräche wandern zwischen Schneidebrett, Grill und Teller hin und her.

Peter hält den Ablauf zusammen. Er gibt Tempo, lässt probieren, erklärt die nächsten Schritte, greift ein, wo es nötig ist, lässt laufen, wo die Gruppe längst verstanden hat. Das ist professionell, ohne steif zu wirken. Der Kurs hat Struktur, bleibt aber lebendig. Genau daraus entsteht diese besondere Form von Kochkursfreude: Man geht mit, ohne sich geprüft zu fühlen.

Schokolade in der Orange, Rauch in der Erinnerung

Zum Finale kommt die gegrillte Schoko-Orange. Schon die Idee ist charmant: Orangen werden ausgehöhlt, mit Schokoladenmasse gefüllt und auf dem Grill gegart. Dazu Orangen-Schmand-Eis, mit Likör 43 abgeschmeckt. Nach Fleisch, Rauch, Bacon, Tomate, Parmesan und Kräuterbutter wirkt dieses Dessert wie ein warmer Vorhang aus Zitrusduft und Schokolade.

Hier zeigt sich noch einmal, was diesen Kurs auszeichnet. Es bleibt kein bloßes Grillseminar. Es ist ein Menü mit Dramaturgie. Erst Rauch und Würze, dann Fleisch und Fülle, schließlich Süße, Frucht und Kühle. Wer am Anfang dachte, Grillen bedeute vor allem Hitze, weiß am Ende: Entscheidend sind Reihenfolge, Geduld, Produkt und Gespür.

Fünf Stunden, die nach mehr schmecken

Gegen 16 Uhr ist aus dem Vormittag ein satter Nachmittag geworden. Die Teller sind leerer, die Gespräche voller, die Schürzen tragen Spuren der Arbeit. Das Kochatelier gegenüber von Haribo hat an diesem Samstag gezeigt, dass BBQ weit mehr sein kann als sommerliche Routine. Es kann Reisebericht sein, Handwerksschule, Geschichtsstunde, Genussprobe und geselliges Ereignis in einem.

Peter bringt die Welt an den Grill, aber er lässt sie dort nicht als Pose stehen. Er übersetzt sie in Handgriffe, Hitze, Sauce, Rauch und Geschmack. Das macht diesen Kurs so vergnüglich. Man geht hinaus mit dem Duft von Glut in der Kleidung, mit Rezepten im Kopf und mit dem festen Vorsatz, den heimischen Grill künftig mit mehr Ambition zu behandeln.

Der gefährliche Schuber: Nietzsche im Schaufenster – „Ecce homo“ für schmutziges Geld

In einer Buchhandlung der DDR lag ein Buch, das dort eigentlich unmöglich war. Nicht, weil es verboten gewesen wäre. Gerade das machte den Fall gefährlich. Es lag offen aus, großformatig, kostbar, mit Faksimile, Transkription, Kommentar, Schuber. Friedrich Nietzsches „Ecce homo“ war in die Sichtbarkeit geraten.

Man muss sich dieses Objekt ansehen, bevor man über seine Wirkung spricht. Folioformat, 44 mal 31,5 Zentimeter. 104 Seiten Faksimile. 103 Seiten Transkription. 89 Seiten Kommentar. Ein bibliophiler Nietzsche aus der Weimarer Werkstatt, philologisch gereinigt, politisch entschärft, vornehm ausgestattet. Der Preis: 290 Mark der DDR. Für eine breitere Leserzielgruppe sprach das kaum, für die vielbeschworene Rezeption durch Arbeiter und Bauern erst recht nicht. Eher sah das Buch aus wie ein Sachgeschenk zum Orden, ein Band für Nationalpreisträger, Helden der Arbeit, verdiente Kulturfunktionäre, ein Prachtstück für Vitrinen, Empfänge, Jubiläen.

In solcher Aufmachung hätte man „Mein Leben“ von Erich Honecker erwartet, vielleicht die Dissertation des jungen Karl Marx, vielleicht einen Festband aus der Goethe-und-Schiller-Überlieferung. Stattdessen lag dort Nietzsches Autobiographie, das exzessivste Dokument seiner Selbstkrönung, ein Buch voller Antichristentum, Antiegalitarismus, Wagner-Abrechnung, Deutschland-Verachtung und Selbstvergöttlichung. „Ecce homo“ im Schuber: Der Staat hatte seinem Gegner eine Paradeuniform angezogen.

Wolfgang Harich traute seinen Augen nicht. Für ihn war die Sache sofort ein Politikum, ein Dammbruch, ein Beweis für Lässigkeit, Schlendrian, Versagen in den Führungsetagen. Dass ausgerechnet dieser Nietzsche, gerade dieser späte Nietzsche, gerade in dieser Pracht in DDR-Buchhandlungen auftauchte, konnte Harich nicht als editorischen Zufall betrachten. In Berlin, Leipzig und Jena war der Festtags-Nietzsche zu haben. Man darf sich vorstellen, wie danach die Telefone zwischen Berlin und Weimar liefen, wie Aktennotizen entstanden, Erklärungen verlangt, Zuständigkeiten verschoben wurden.

Harich wusste noch etwas, das die Sache in seinen Augen verschärfte: Honeckers Geburtstag, der 25. August, fiel auf Nietzsches Todestag. Die Nationale Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar, so behauptete er, wollten mit einem Nietzsche-Gedenkzimmer nicht einem Bedürfnis der eigenen Bürger entsprechen, sondern vor allem den Wünschen ausländischer Besucher entgegenkommen. Er sah Sensationslust, westliche Journalisten, Touristen, Missionsmitglieder, vielleicht sogar subversive Bestrebungen. In seinem Kopf lief die Musealisierungslinie schnell ins Braune: von Nietzsche zu Hitler, von Weimar nach Bayreuth, vom Archiv zur politischen Verführung.

Man kann Harichs Alarmismus belächeln. Man sollte ihn ernst nehmen. Nicht, weil seine Nietzsche-Lektüre besonders fein gewesen wäre. Sondern weil er präzise spürte, dass dieser Schuber mehr war als ein Buch. Er war ein Zeichen von Prestige. Und Prestige war bei Nietzsche in der DDR der eigentliche Skandal.

Die Buchminister-Erklärung

Die Sache landete bei Klaus Höpcke, dem stellvertretenden Kulturminister, zuständig für Verlage und Buchhandel. Anfangs schien er selbst nicht genau zu wissen, was da erschienen war. Eine Hausmitteilung musste ihn instruieren. Das Unglaubliche trat hervor: Verantwortet und herausgegeben hatte den Band Karl-Heinz Hahn, Direktor des Weimarer Archivs und enger Vertrauter Montinaris. Die Ausgabe erschien in der Reihe „Manuskripta“, einer entlegenen, gelehrten Reihe für Handschriften aus den Beständen des Goethe- und Schiller-Archivs. Ausgerechnet dort also: Nietzsche, versteckt im Spezialistenformat, doch durch Größe, Preis und Ausstattung unübersehbar.

Höpcke suchte die Sache kleinzureden. Die Reihe sei für den NSW-Export konzipiert gewesen, also für das nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet. Der Band erschien bei Edition Leipzig und als Lizenzausgabe im Dr. Ludwig Reichert Verlag Wiesbaden. Dort kostete er 290 D-Mark, in der DDR 290 Mark. Ausstattung, Format und Preis seien dem Export angepasst. Von 1800 gedruckten Exemplaren waren bereits bis Anfang 1986 etwas mehr als 1000 in den Westen gegangen oder für den Export reserviert. 557 Exemplare kamen für den Sortimentsbezug und den Verkauf in der DDR in Frage.

Das klang nach Erklärung. In Wahrheit machte es die Affäre reizvoller. Der sozialistische Staat produzierte einen Luxus-Nietzsche für den Westen, ließ aber eine dreistellige Zahl von Exemplaren auch im eigenen Buchhandel zirkulieren. So entstand eine merkwürdige Mischform: außen Devisenobjekt, innen Prestigeproblem; offiziell wissenschaftliche Edition, faktisch ein Nietzsche-Schrein aus Papier; verwaltungstechnisch Teil einer Archivreihe, symbolisch eine Rückkehr des verfemten Denkers ins Schaufenster.

Höpcke wollte sich nicht nachsagen lassen, der Verbreitung Nietzsches Vorschub geleistet zu haben. Gegen diese Auffassung, meinte er, sprächen bereits Faksimile-Charakter, Ausstattung, Preis, Exportanteil und der Kontext einer Handschriftenreihe aus den Beständen des Goethe- und Schiller-Archivs. Das klang plausibel und verriet gerade dadurch die ganze Verlegenheit. Nietzsche sollte nicht als Nietzsche in die DDR zurückkehren, sondern als Archivbestand. Nicht als Autor für Leser, eher als Material für Fachleute. Nicht als Ereignis, eher als Objekt. Doch ein 44 mal 31,5 Zentimeter großer Schuber lässt sich schwer in eine Registratur verwandeln.

Weimar, Archiv, Nervosität

Der Ort dieser Geschichte ist Weimar. Dort war Nietzsche nie nur ein Name. Dort lagen die Handschriften. Dort stand das Archiv. Dort trafen Goethe, Schiller, Elisabeth Förster-Nietzsche, nationalsozialistische Überformung, sozialistische Kulturpolitik und internationale Philologie aufeinander. Weimar war für die DDR ein Ort des kulturellen Besitzanspruchs, aber Nietzsche störte die Ordnung. Goethe ließ sich feiern, Schiller auch. Nietzsche musste erklärt, bewacht, abgegrenzt werden.

Matthias Steinbach erzählt in „Also sprach Sarah Tustra. Nietzsches sozialistische Irrfahrten“, wie empfindlich die DDR auf diesen Autor reagierte. Schon der Titel seines Buches, „Sarah Tustra“, geschrieben wie der Vorname Sarah und dann Tustra, zieht den Pathosnamen „Zarathustra“ in die politische Groteske. Steinbachs Material ist reich an Szenen, in denen die DDR mit Nietzsche ringt: Weimarer Pläne für ein Gedenkzimmer, Funktionärsärger, Harichs Interventionen, Hagers Nachfragen, Höpckes Verteidigungen, Exportkalküle, die Furcht vor falschen Zeichen, der Schatten des Faschismus, die Sorge vor westlicher Vereinnahmung.

Der Streit um Nietzsche war kein Gelehrtenzwist. Er berührte den Deutungsanspruch des Staates. Was sollte aus einem Denker werden, der den Sozialismus verachtete, den Liberalismus verhöhnte, die Gleichheit verspottete, das Christentum attackierte, Deutschland beschimpfte und von den Nationalsozialisten missbraucht worden war? Ihn zu verbieten, hätte die DDR provinziell erscheinen lassen. Ihn zu feiern, war riskant. Ihn philologisch zu edieren, schien ein Ausweg. Aber Philologie kann explosiver sein als Verehrung.

Denn eine philologische Ausgabe fragt nicht zuerst, ob ein Autor nützlich ist. Sie fragt, was auf dem Papier steht. Genau das machte die Arbeit von Giorgio Colli und Mazzino Montanari so folgenreich. Sie holten Nietzsche aus dem Dickicht der Legenden, Fälschungen, Eingriffe, schlechten Nachlassordnungen heraus. Sie machten den Nachlass lesbar, indem sie ihn als Arbeit am Text behandelten. Die DDR konnte von dieser Seriosität profitieren. Zugleich verlor sie einen Teil ihrer Verfügungsmacht. Wer Nietzsche genau liest, bekommt keinen brauchbaren Staatsphilosophen. Er bekommt einen Autor, der jede Zuständigkeit verletzt.

Die Italiener im Sperrgebiet

Philipp Felsch hat diese Geschichte in „Wie Nietzsche aus der Kälte kam. Geschichte einer Rettung“ mit großem Sinn für ihre Ironien erzählt. Da sind Colli und Montanari, die in Weimar an den Beständen arbeiten, in einer DDR, die ihnen Zugang gewährt und zugleich misstraut. Da sind Reisen, Genehmigungen, Akten, Behörden, Verlage, westliche Erwartungen, ostdeutsche Empfindlichkeiten. Da ist Montinari, der nicht nur den großen Nietzsche sucht, sondern die kleinsten Spuren: Randglossen, Exzerpte, Unterstreichungen, Abschriften, Lesefährten, Entwürfe. Felsch bringt dafür die treffende Formel: „Aus Quellen werden Texte.“

Dieser Satz verändert alles. Denn er rückt das vermeintlich Nebensächliche ins Zentrum. Ein gestrichener Satz ist dann nicht Abfall. Eine Unterstreichung ist nicht bloß Spur der Lektüre. Ein Exzerpt ist nicht bloß Vorarbeit. Das Werk besteht nicht nur aus den gedruckten Büchern, es hat Ränder, Vorstufen, Rückstände, Schatten. Wer Nietzsche dort sucht, findet keinen Monumentalautor, sondern einen Autor in Bewegung. Und genau diese Bewegung war für jede politische Festlegung verheerend.

Felsch zeigt auch, wie sehr die französische Nietzsche-Renaissance mit dieser philologischen Rettung zusammenhing. Foucault, Deleuze, Derrida, Klossowski, die Pariser Debatten, der Angriff auf Interpretation, Subjekt, Ursprung, Autorität: All das wäre ohne den anderen Nietzsche kaum denkbar gewesen, den Nietzsche der offenen Texte, der Fragmente, der Nachlassprobleme, der philologischen Neuordnung. In der DDR musste diese westliche Karriere des Denkers zwiespältig wirken. Einerseits wollte man nicht provinziell erscheinen. Andererseits kam Nietzsche plötzlich aus Richtungen zurück, die sich der Kontrolle noch weniger fügten als der alte bürgerliche Individualismus. In Weimar arbeiteten also zwei Kräfte gegeneinander. Die Verwaltung wollte Nietzsche begrenzen. Die Philologie öffnete ihn. Die Kulturpolitik verlangte Einordnung. Das Material widersprach ihr Blatt für Blatt.

Die Staatssicherheit liest mit

Im Februar 1988 wurde Nietzsche noch einmal zur Sicherheitsfrage. Die Abschrift trägt den Kopf „Hauptabteilung XX/7, Berlin, 10.3.1988“ und den Titel „Zur aktuellen Nietzsche-Problematik in der DDR. Stand: Februar 1988“. Die Hauptabteilung XX gehörte zum Ministerium für Staatssicherheit; der Bereich XX/7 war für Kultur und entsprechende Beobachtungsfelder zuständig. Damit lag Nietzsche nicht nur im Archiv, im Verlag, in der Buchhandlung. Er lag auf dem Tisch einer Behörde, die geistige Bewegungen als politische Risiken las.

Der Beginn der Abhandlung ist aufschlussreich. „Friedrich Nietzsche repräsentiert in seinem Gesamtwerk philosophische, ästhetische, moralische, schließlich politische Ansichten“, heißt es dort. Dann folgt die Einordnung als die „bisher reaktionärste Antwort“ auf die Krise der bürgerlichen Gesellschaft. Schon der Ton verrät den Zugriff: Nietzsche erscheint als Gegenwartsmacht. Kein erledigter Autor des 19. Jahrhunderts, kein museales Problem, kein Spezialfall für Germanisten. Er wird behandelt wie ein ideologischer Erreger.

Die Schlussfolgerungen, die Steinbach wiedergibt, lesen sich wie ein Handbuch der kulturellen Eindämmung. Die laufende Nietzsche-Diskussion solle sinnvoll begrenzt, eine uferlose Ausdehnung in Zeitschriften und Publikationen verhindert werden. Selbständige Nietzsche-Interessengruppen an Hochschulen und Institutionen galten als bedenklich. Auch die öffentliche Ausleihe von Nietzsche-Schriften in Bibliotheken und Archiven sollte nicht erleichtert werden; berechtigte Forschung sollte bei Fachwissenschaftlern verbleiben. Nietzsche wurde nicht verbannt. Er wurde in Quarantäne geschickt.

Das erklärt die Sprengkraft des Schubers. Die Staatssicherheit dachte in Zugriffen, Sperren, Kontrollen, Kanälen. Der Schuber tat das Gegenteil. Er vergrößerte Nietzsche. Er gab ihm Papier, Aura, Glanz. Er ließ ihn nicht als Zitat zirkulieren, sondern als Objekt. Er zeigte nicht nur den Text, sondern die Herstellung des Textes. Und ausgerechnet darin lag die größere Provokation.

Das Manuskript als Tatort

Wer den Schuber öffnet, gelangt nicht in die Ruhe der Klassikerpflege. Man betritt einen Tatort der Formulierung. Die „Transkription des Druckmanuskripts“ von „Ecce homo“ legt Nietzsches späte Autobiographie mit Varianten, Streichungen, Korrekturen, Umstellungen frei. Die Handschriftenfaksimiles zeigen noch drastischer, was im gedruckten Buch verschwindet: Zeilen, die überschrieben werden; Absätze, die unter schweren Strichen verschwinden; Einschübe, Randbewegungen, Neuansätze, Verdichtungen. Auf manchen Blättern wirkt die Tilgung wie ein zweiter Text, der sich über den ersten legt.

Das ist der philologische Schatz dieses Materials. Nietzsche korrigiert nicht bloß. Er kalibriert seine Erscheinung. Er regelt die Temperatur seiner Sätze. Er prüft, wie viel Selbstvergöttlichung ein Satz tragen kann, ehe er zur Farce wird; wie viel Bosheit er braucht, ehe aus Ärger Diagnose entsteht; wie Krankheit in Vorrecht, Einsamkeit in Rang, Kränkung in Erkenntnis, Lektüre in Herrschaftswissen verwandelt werden kann.

„Ecce homo“ ist kein Erinnerungsbuch. Es ist ein Tribunal mit dem Autor als Richter, Angeklagtem, Zeugen und Henker. Nietzsche ruft seine Bücher auf, ordnet sie neu, erklärt sie rückwirkend zu Stationen einer Sendung. „Die Geburt der Tragödie“, „Menschliches, Allzumenschliches“, „Morgenröthe“, „Also sprach Zarathustra“, „Jenseits von Gut und Böse“, „Zur Genealogie der Moral“: Alles wird in eine Autobiographie hineingezogen, die weniger Leben erzählt als Rang herstellt. Die Korrekturen zeigen, dass dieser Rang nicht einfach behauptet wurde. Er wurde gebaut.

Gerade deshalb ist das Faksimile so aufschlussreich. Der Druck zeigt den souveränen Ton. Das Manuskript zeigt die Werkstatt dieser Souveränität. Die Selbststilisierung fällt nicht vom Himmel. Sie entsteht durch Ausschluss, Kürzung, Verschiebung, Steigerung. Nietzsche verwirft Möglichkeiten, um gefährlicher zu klingen. Er streicht Übergänge, um härter einzusetzen. Er nimmt der Erklärung Raum, damit der Angriff stehen bleibt. Er verwandelt biographische Anlässe in mythische Beweise.

Ein Staat, der nach politischer Einordnung sucht, muss an diesem Material verzweifeln. Man kann aus Nietzsche Sätze herauslösen, gegen ihn oder für ihn. Im Manuskript aber zeigt sich eine andere Wahrheit: Der Gedanke lebt bei ihm nicht vor dem Ausdruck. Er entsteht im Ausdruck. Eine politische Etikette kommt immer zu spät.

Eine Autobiographie gegen den Staat

Das macht „Ecce homo“ für die DDR so heikel. Dieses Buch handelt von einem Ich, das sich keiner kollektiven Erzählung unterordnet. Es ist die Selbstbeschreibung eines Autors, der sich nicht in Klasse, Nation, Kirche, Partei, Fortschritt oder Menschheit auflösen lässt. Nietzsche schreibt an der äußersten Gegenfigur zum sozialistischen Kollektivsubjekt. Sein Ich ist nicht bescheiden, nicht lernend, nicht eingebunden, nicht nützlich. Es will glänzen, verletzen, richten, überleben.

Im Druck klingt das oft wie Größenwahn. Im Faksimile erkennt man die Methode. Die Autobiographie ist ein Kunstgriff zur Nachlassverwaltung in eigener Sache. Nietzsche will nicht warten, bis Herausgeber, Schwester, Gegner, Freunde oder Staaten ihn erklären. Er nimmt die Deutung vorweg. Er entwirft seine Rezeptionsgeschichte, bevor sie stattgefunden hat. Er schreibt, als habe die Zukunft bereits bei ihm angeklopft und um Anweisungen gebeten.

Das ist für die DDR doppelt brisant. Ein Staat, der die Zukunft zu besitzen glaubte, traf auf einen Autor, der seine eigene Zukunft beanspruchte. Ein Staat, der Geschichte als Gesetz deutete, traf auf einen Autor, der Geschichte als Kampf der Wertsetzungen verstand. Ein Staat, der Kollektivformeln brauchte, traf auf einen Stil, der jedes Kollektiv beschmutzte, sobald es sich ihm als moralische Autorität näherte.

Harich konnte das sehen, auch durch die Verzerrungen seiner Polemik hindurch. Für ihn war Nietzsche kein harmloser Archivautor. Er war ein gefährlicher Ton. Ein Ton, der junge Leser verführen konnte, Intellektuelle elektrisieren, Funktionärssprache lächerlich machen. Harich irrte, wo er Nietzsche zu schnell in eine braune Linie zwang. Er irrte weniger, wo er die Macht der Form spürte.

Der Export-Nietzsche kehrt heim

Die Ironie der Ausgabe liegt darin, dass sie vermutlich gerade durch ihre Exportlogik möglich wurde. Für den Westen durfte der Schuber teuer, prachtvoll, bibliophil sein. Dort war Nietzsche längst Teil eines internationalen Marktes, einer akademischen, philosophischen und sammlerischen Nachfrage. Edition Leipzig und die Wiesbadener Lizenzausgabe passten in diese Ökonomie. Devisen hatten ihre eigene Dialektik.

Doch ein Teil der Auflage blieb im Land. So kehrte der Export-Nietzsche heim. Nicht als Massenbuch, nicht als Schultext, nicht als philosophische Broschüre, sondern als Luxusgegenstand. Das machte ihn sichtbarer, nicht unsichtbarer. Ein billiges Taschenbuch hätte man leichter übersehen. Ein solcher Schuber verlangte Aufmerksamkeit. Er sagte schon durch sein Format: Hier wird etwas gewürdigt.

Die DDR geriet damit in eine selbstgebaute Falle. Um den Band zu verteidigen, musste man ihn als Spezialfall darstellen: Archivreihe, Faksimile, Export, Fachpublikum, Preisbarriere. Doch genau diese Argumente steigerten seine Aura. Was angeblich begrenzte, veredelte. Was die Lektüre erschweren sollte, machte den Gegenstand kostbarer. Was als Devisengeschäft begann, wurde zum Zeichen kultureller Ambivalenz.

Deshalb ist „schmutziges Geld“ eine so treffende Formel. Nietzsche kam nicht nur aus der Kälte, er kam über Preise, Lizenzen, Exportquoten, Sortimentszahlen, Druckgenehmigungen, Hausmitteilungen. Er kam durch den Verwaltungsapparat hindurch. Und der Apparat merkte zu spät, dass er nicht nur ein Produkt genehmigt hatte, sondern eine Szene: den gefährlichen Autor im Schaufenster des späten Sozialismus.

Der letzte Nietzsche der DDR

Der gefährliche Schuber erschien in einer Endzeit. 1988 dachte die Staatssicherheit noch über Begrenzung der Nietzsche-Diskussion nach. Wenig später zerfiel der Staat, der solche Begrenzungen anordnen wollte. Das macht den Fall heute so aufschlussreich. In ihm kreuzen sich Archivpolitik, Devisenökonomie, Kulturangst, internationale Philologie und die eigentümliche Macht eines Manuskripts.

Die DDR wollte Nietzsche nicht den Faschisten überlassen, nicht dem Westen, nicht den französischen Theoretikern, nicht den eigenen Unruhigen. Sie wollte ihn prüfen, rahmen, kommentieren, zuständig machen. Der Schuber aber zeigte einen Nietzsche, der jeder Zuständigkeit entkam. Schon im Manuskript gehörte er nicht einmal seiner ersten Fassung. Er korrigierte sich aus ihr heraus.

Das ist der Kern der Geschichte. Der Schuber war gefährlich, weil er keinen befriedeten Nietzsche enthielt. Er enthielt Streichungen. Er enthielt die Bewegungen eines Autors, der an seiner eigenen Legende schrieb, bevor andere sie besetzen konnten. Er enthielt den Beweis, dass Nietzsches Texte nicht nur aus Aussagen bestehen, sondern aus Angriffen auf die Bedingungen, unter denen Aussagen verwaltet werden.

So lag in einer DDR-Buchhandlung ein Objekt, das die ganze Verlegenheit des Staates bündelte. Es war zu teuer für die behauptete Breitenwirkung, zu prächtig für eine bloße Handschriftenedition, zu sichtbar für ein Spezialistenprojekt, zu philologisch für Propaganda, zu Nietzsche für den Sozialismus. Ein Buch, das als Exportware erklärbar war, als Schaufensterereignis aber gefährlich wurde.

Am Ende bleibt dieses Bild: Ein Staat, der seine Klassiker ordnete, stellte ausgerechnet den Unordentlichsten aus. Ein Apparat, der Kultur überwachte, ließ ein Faksimile erscheinen, in dem jeder Strich von Unverfügbarkeit zeugt. „Ecce homo“ kam im Schuber. Die DDR gab ihm Format. Nietzsche erledigte den Rest.

Semantische Zuspitzungen: Was Nietzsche aus seinen Sätzen macht

AusgangsbewegungKorrekturbewegungErgebnis im TextBedeutung
biographische MitteilungUmformung zur RangbehauptungHerkunft, Krankheit, Diät, Klima, Lektüre werden nicht als private Umstände behandelt, sondern als Voraussetzungen einer besonderen ErkenntnisAus Leben wird Argument.
Erinnerung an Personen und OrteEinbau in eine WertungshierarchieFreunde, Gegner, Lehrer, Musiker, Deutsche, Christen, Philologen erscheinen nicht neutral, sondern als PrüfsteineDie Autobiographie wird Tribunal.
Kritik an WagnerVerschärfung zur KulturdiagnoseWagner ist nicht nur ein Irrtum der Biographie, sondern Symptom einer décadenceAus persönlicher Distanz wird Epochenurteil.
SelbstbeschreibungÜberhöhung zur SendungNietzsche erscheint nicht als Autor unter Autoren, sondern als Ereignis, das seine Leser erst später verstehen werdenDie Gegenwart wird abgewertet, die Zukunft als Instanz angerufen.
KrankheitserzählungUmwertung in ErkenntnisprivilegSchwäche, Leiden, Reizbarkeit, Genesung werden produktiv umgeschriebenKrankheit wird nicht entschuldigt, sie legitimiert.
deutsche KulturkritikSteigerung zur AbrechnungDeutschland erscheint nicht als Herkunftsraum, sondern als Gegenstand einer aggressiven DiagnoseDie Autobiographie wird antinationale Selbstplatzierung.
moralische ReflexionPolemische ZuspitzungMoral wird nicht diskutiert, sondern entlarvtNietzsche ersetzt Abhandlung durch Angriffssatz.
WerkkommentarSelbstkanonisierungFrühere Bücher werden als Etappen einer inneren Logik neu sortiertNietzsche schreibt seine Rezeptionsgeschichte selbst.

Besonders ergiebige Textzonen

Kapitel / ZoneSichtbarer KorrekturcharakterMögliche These
VorwortViele Setzungen zur Selbstpositionierung; Nietzsche inszeniert den Abstand zwischen sich und seinen Lesern.Der Autor tritt nicht ein, er setzt Bedingungen für seine Lektüre.
„Warum ich so weise bin“Biographisches Material wird in Erkenntnis- und Rangformeln verwandelt.Nietzsche macht aus Herkunft, Körper und Krankheit eine Philosophie der Selbstauslegung.
„Warum ich so klug bin“Ernährung, Klima, Ort, Lektüre, Musik, Umgang werden selektiv in Lebensregeln verwandelt.Die Autobiographie wird eine Physiologie des Denkens.
„Warum ich so gute Bücher schreibe“Der Werkkommentar dient der Selbstkanonisierung.Nietzsche wird zum ersten Herausgeber seiner eigenen Legende.
„Die Geburt der Tragödie“Rückblick, Korrektur des eigenen Frühwerks, Einordnung Wagners und der Griechen.Nietzsche bearbeitet die eigene intellektuelle Herkunft wie ein belastetes Archiv.
„Der Fall Wagner“ / Wagner-ZonenPolemische Verdichtung, Zuspitzung, kulturdiagnostische Aufladung.Wagner wird zur Probe auf Nietzsches spätes Urteil über Moderne, Rausch und décadence.
„Morgenröthe“ / Moral-ZonenMoralische Begriffe werden aggressiv neu gerahmt.Die Korrekturen arbeiten an der Verwandlung von Kritik in Entlarvung.
„Also sprach Zarathustra“Hohe Selbstmythologisierung, starke Nähe von Werkkommentar und prophetischer Rolle.Nietzsche kommentiert nicht bloß ein Buch, er baut seinen eigenen Nachruhm.
SchlusszonenVerdichtung der Selbstdeutung; stärkerer Ton der Endgültigkeit.Der Text endet nicht als Rückblick, sondern als Vorgriff auf die Zukunft seiner Wirkung.

Der Verein der Stimmen – David Eisermann bei Böttger: eine Bonner Reise von Crèvecoeur bis Warhol, vom WDR bis zu den „Unerhörten Jahren“

Alfred Böttger beginnt, wie nur ein Buchhändler beginnen kann, der sich das Recht auf Abschweifung erarbeitet hat. Er weiß nicht, was David Eisermann an diesem Abend machen wird. Er weiß nur, dass es wunderbar werden dürfte. Das Publikum erfährt zuerst vom Düsseldorfer Böttger, der 2004 seine Bonner Buchhandlung gründete und seither eine Art akustisches Bürgerrecht in dieser Stadt erworben hat. Bonner Köpfe kannte er zunächst über Stimmen: Burkhard Müller aus den Morgenandachten, später David Eisermann aus dem WDR-Morgenmagazin. Über zwanzig Jahre habe er Eisermann gehört. Und dann dieser herrliche Satz der Selbsterkenntnis: Das kannst du nie, was der kann. Das ist keine Höflichkeit. Das ist Neid in seiner gebildetsten Form.

Eisermann bedankt sich und gibt die Bewegung zurück. Aus der Buchhandlung wird binnen weniger Minuten ein Klubraum der Geisteswissenschaften. Hans Ulrich Gumbrecht, hier schon zu Gast und später im Gespräch auf meinem YouTube-Kanal zu hören, habe ihn vor Jahren gefragt, ob er eigentlich einen Verein habe.

Schalke 04 lag nahe, die Schwiegermutter war Anhängerin. Die Antwort des Rückblicks lautet: Buchhandlung Böttger. Das ist eine der schönen Definitionen des unabhängigen Buchhandels. Ein Verein ohne Mitgliedsausweis, mit Büchertisch, leicht chaotischem Preissystem und erstaunlicher Integrationskraft.

Palantir, Ontologie und die Drei in Chemie

Eisermann erzählt seinen Weg in die Literaturwissenschaft mit einer Komik, die aus der Genauigkeit kommt. Als junger Mensch wollte er Forscher werden, angezogen von den alten Fragen der Philosophie: Herkunft, Sprache, Menschwerdung. Dann rücken die Naturwissenschaften in diese Bezirke ein. Später findet er bei Palantir, ausgerechnet bei einer Firma, die in der öffentlichen Phantasie eher nach Datenmacht klingt als nach Aristoteles-Seminar, eine Abteilung für Ontologie. Alex Karp habe in Frankfurt Philosophie studiert. Ontologie im IT-Konzern: Da steht plötzlich ein alter philosophischer Begriff im Neonlicht der Gegenwart.

Ein väterlicher Freund aus der Geologie gibt dem jungen David einen Rat von klassischer Bosheit: Wer diese großen Fragen einigermaßen studieren wolle, müsse Geologie studieren. Wer ein guter Geologe sein wolle, brauche Chemie. Damit war die Sache entschieden. Das Beste, was Eisermann in Chemie zustande gebracht hatte, war eine Drei. Also Sprachen. Englisch, Französisch, neusprachliches Abitur, eine Welt vor Kursphase und Punktsystem. Man möchte sagen: Die deutsche Literaturwissenschaft verdankt in diesem Fall der organischen und anorganischen Chemie einiges.

Bonn wird in dieser Erinnerung zur Stadt der Fächer, die noch nach Bibliothek riechen. Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, damals ein neuer Studiengang. Eisermann gehört zu den frühen Teilnehmern. Er muss erklären, dass dies keine Germanistik sei, sich aber sehr wohl mit Germanistik kombinieren lasse. Hinzu kommen neuere englische und amerikanische Literaturwissenschaft, Sprachwissenschaft, Ablautreihen, historische Linguistik, Altenglisch, Mittelenglisch. Im germanistischen Seminar begegnet er Regine, wird Hilfskraft, sieht ein Angebot, das heute fast märchenhaft wirkt: Altsächsisch, Gotisch, die alten Stufen der Sprache, bevor die Gegenwart sich für alternativlos hält.

Über der Bonner Komparatistik steht bei Eisermann der Name Ernst Robert Curtius. Er steht für eine Literaturwissenschaft, die nicht an nationalen Grenzen haltmacht, sondern Sprachen, Epochen und Traditionen zusammenliest. Wer so arbeitet, braucht Vorrat: Kenntnisse, Geduld, Sprachgefühl.

Schreiben lernt man in Amerika, warnen die Deutschen

Dann Amerika. Eisermann kommt mit einem DAAD-Stipendium in die Vereinigten Staaten und erhält von deutschen Hochschullehrern die Warnung vor amerikanischen Schreibkursen. Bloß nicht. Unseriös. Die Warnung hat den Klang einer alten Bundesrepublik, die Kunsthochschulen und Konservatorien anerkennt, beim Schreiben aber sofort den Verdacht des Gewerblichen wittert. In den USA findet Eisermann längst etablierte Kurse für journalistisches Schreiben, Drama, Drehbuch, literarisches Erzählen, Lyrik und Theater. Viele prominente Autoren aus dem englischen Sprachraum, mit denen er später beruflich zu tun bekommt, haben solche Programme durchlaufen. Dazu zählen Alan Duff (neuseeländischer Autor, bekannt für das Werk Warriors / Die letzte Kriegerin), T. C. Boyle (US-amerikanischer Bestsellerautor), Robert Harris (britischer Großmeister des historischen Romans und Politthrillers) pder Louis Begley (jüdisch-amerikanischer Schriftsteller).

Dieser Umweg erklärt seinen späteren Ton. Eisermann redet über Literatur nie nur wie über Gegenstände im Glasschrank. Ihn interessiert die literarische Werkstatt: Wie schreibt jemand? Wie baut jemand ein Buch? Wie entsteht eine Stimme? Bei James Ellroy erfährt er später, dass dessen Plan für ein Buch beinahe so lang sein kann wie das Buch selbst. Eisermanns Reaktion fällt knapp aus: Das dauert zu lang. Das musst du anders machen. Herrlicher kann eine Begegnung zwischen amerikanischem Kontrollfuror und rheinischer Arbeitsökonomie kaum ausfallen.

Amerika erscheint zuerst als Ruine

Eisermanns erstes Buch gilt Crèvecoeur, einem Autor des achtzehnten Jahrhunderts, der Europa früh ein Bild Amerikas lieferte. „Crèvecoeur oder Die Erfindung Amerikas“ heißt diese Arbeit, und der Titel trägt das Programm. Amerika wird in Briefen, Berichten, Erwartungen und politischen Phantasien hervorgebracht. Der Scan zeigt Crèvecoeur als „unbekannten Klassiker“, der in Amerika zum Bestand gehört und in Deutschland nie vergleichbar heimisch wurde.

Bei Böttger liest Eisermann aus seiner Übersetzung keinen Festgesang auf die neue Republik. Er liest New York im Revolutionskrieg: abgebrannte Häuser, militärische Willkür, Kälte, Hunger, ein Notquartier im Pferdestall, ein Kind ohne passende Kleidung. Der Autor, der das erste erfolgreiche amerikanische Buch in Europa veröffentlichte und eine positive Vorstellung der neuen Vereinigten Staaten prägte, erlebt die Geburt dieser Welt als Bürgerkrieg, Besatzung, Vertreibung. Ausgerechnet an dieser Bruchstelle beginnt Eisermanns eigene Schreibgeschichte. Übersetzen heißt für ihn, die deutsche Stimme zu finden, in der ein Autor geschrieben hätte, hätte er Deutsch geschrieben.

Ellroy kommt mit Schrotflinte

Danach der Sprung zu James Ellroy. Eben noch Crèvecoeur, Quäker, Trinity Church und britische Besatzung. Nun Los Angeles, Herbst 1958: Fieberträume, Schuld, Polizeijargon, Reporter, Wettbüro, Razzia, Schrotflinten, Blut und Wettscheinkonfetti. Eisermann hatte Ellroy kennengelernt, als „L.A. Confidential“ im Kino lief. Russell Crowe, Kim Basinger, der ganze Glanz der amerikanischen Verbrecherphantasie. Oscar Wilde darf noch hinein mit seiner Beobachtung, die Amerikaner bewunderten unter ihren Helden besonders die Verbrecher.

Eisermann holt Ellroy vom Flughafen ab, moderiert eine Veranstaltung, versteht sich mit ihm und übersetzt später „White Jazz“. Der im Ullstein Verlag erschienene Band zeigt den Übersetzer an einer ganz anderen Klaviatur. Bei Crèvecoeur muss die deutsche Sprache das Achtzehnte Jahrhundert atmen. Bei Ellroy muss sie schneiden, springen, jagen, knirschen. Aus dem Farmer-Amerika wird das Noir-Amerika. Aus der politischen Hoffnung wird eine Stadt, in der Polizisten Ordnungshüter und krumme Hunde zugleich sind, Karrieristen und Verbrecher im gleichen Halbdunkel stehen und die Sätze kaum Zeit haben, vollständig angezogen zu erscheinen.

WDR 3 und der Choral vor der Literatur

Der Wechsel zum WDR Hörfunk führt aus der Universität in ein Medium, das für Eisermann ideal gewesen sein muss. Er geht als Autor und Übersetzer. Für den Hörfunk überträgt und adaptiert er viel aus dem amerikanischen Englisch: Monty Python, Steve Martin, Woody Allen. Wer solche Stoffe ins Deutsche bringt, lernt Demut vor der Sekunde. Humor verträgt keine pomadige Übersetzung. Ein Satz kann korrekt sein und trotzdem tot.

Schön ist auch die kleine Rückbindung an Böttgers Eröffnung. Burkhard Müllers Morgenandachten, die Böttger so liebte, durfte Eisermann senden. Seine Aufgabe war, den Choral anzusagen, und er bemühte sich, drumherum etwas zu erzählen. Daraus ließe sich fast eine kleine Poetik des Kulturfunks gewinnen. Erst kommt ein Choral, dann kommt eine Stimme, die ihn in die Gegenwart holt. Später kommen Bücher, Autorinnen, Autoren, Gespräche, Lesereisen, zweisprachige Veranstaltungen. Das Verfahren bleibt verwandt: eine Form findet ihren Weg zum Publikum.

Corona Tagebuch

Mit den eigenen Texten ändert sich der Abend erneut. Johanna Hansen lädt Eisermann zu einem Projekt ein, in dem Autorinnen und Autoren aus verschiedenen Ländern während der Corona-Zeit Tagebuch führen sollen. Eisermann sagt zu und legt sofort die Axt an die Tagebuchgewissheit: Er führe kein Tagebuch, er denke sich etwas aus. Dann folgt der amerikanische Disclaimer, beinahe als literarische Ouvertüre. Namen, Figuren, Orte und Handlungen seien Produkte der Phantasie; bei Personen der Zeitgeschichte gelte die Kunstfreiheit. Die übrigen Beiträge hätten sich wirklich wie Tagebücher gelesen, seine Texte bildeten nur die Form des Tagebuchs nach. Das ist eine sehr elegante Frechheit.

Die Corona-Texte beginnen in Bonn, mit Straßenecken, Fassaden um 1900, tonnenschweren Straßenbahnen in Asphaltgleisen, Listen zur Kontaktnachverfolgung, Rosé, Spargel, August-Macke-Licht. Dann sitzt man mit Freunden, und Hegel übernimmt den Entspannungsdienst. „The Hegel Comedy Hour“: Das ist Bonn in einer sehr genauen Form. Nicht Berlin, nicht München, kein Feuilletoncafé mit Markenpose. Bonn sitzt draußen, trinkt Wein, isst Spargel und schaltet auf Hegel, weil dieser Betrieb noch alte Leitungen hat.

Der Traum von der Morgensendung folgt. Das Funkhaus muss durch eine Tiefgarage betreten werden, eine Corona-Schutzbestimmung. Eisermann läuft nur mit einem Handtuch bekleidet durch ein Foyer voller Tagungsteilnehmer, sucht einen Studiogast, will telefonieren. In Wirklichkeit existiert unter dem Funkhaus gar keine Tiefgarage. Also auch das gelogen. In diesem Satz steckt die ganze Freiheit dieser Texte: Erinnerung darf lügen, weil sie manchmal erst dadurch brauchbar wird.

Eine Allee, die weiter führt, als sie reicht

„Fernweh“ beginnt mit einem Anruf aus Hannover. Eine Beethoven-Biographie, ein Podium draußen in Celle, die erste Veranstaltung nach dem Abflauen der Epidemie. Dann gleitet der Text zurück nach Bonn, zum Blumenverkauf an Münster- und Poststraße, zum Unterstützungsfonds, zu Rektorat, Alumni-Organisation, Immunforscherin, Rektoratsvilla, Sternwarte. Friedrich Wilhelm Argelander tritt hinzu, der Hunderttausende von Sternen nach Leuchtkraft vermaß, von Hand, vor der fotografischen Himmelskartierung. Aus einer Sitzung wird Kosmologie im Vorgarten der Universität.

Die Poppelsdorfer Allee wird bei Eisermann zur Bühne der Entfernung. Sie führt gefühlt ins Offene, obwohl sie am Hauptgebäude schon endet. Das ist eine sehr Bonner Erfahrung: Die Ferne ist manchmal architektonisch viel kürzer als emotional. Auf einer Parkbank sitzt ein Verstorbener (Gottfried Eisermann?), spricht über Bäume, Luft, Verkehrsführung, Heidelberg, Kanzler, Bleibeverhandlungen, alte Linien, verlorene Menschen. Der Text kann akademischen Verwaltungston, Familiengeschichte und Jenseitsbesuch in einen Spaziergang legen, ohne den Ton zu ruinieren. Solche Stellen tragen das Projekt der „Unerhörten Jahre“: Die Toten kommen nicht als Gespenster mit Nebelmaschine. Sie kennen noch Gremien, Kanzler und badische Tonfälle.

Lilli Palmer kommt kurz herein und bringt das Jahrhundert mit

Lilli Palmer darf in diesem Abend nur kurz auftreten, aber sie kommt mit Gepäck. Der junge Eisermann arbeitet neben der Schule für eine Lokalzeitung. Der Lokalchef, reserviert, promovierter Volkswirt, mit nur einem Arm und kaum Haaren auf dem Kopf, schickt ihn in eine Buchhandlung. Eine Schauspielerin signiert dort ihre Memoiren. Das Foto macht der Pressefotograf, Eisermann soll den Text liefern. Die Schauspielerin heißt Lilli Palmer. Rosa Fingernägel, getönte Brille, Jacke mit Bluse und weitem Kragen. Freundlich spricht sie über „Dicke Lilli – gutes Kind“.

So kurz kann das zwanzigste Jahrhundert auftreten. Theaterverlust wegen jüdischer Herkunft, Emigration nach Frankreich, Großbritannien und in die USA, Hitchcock, Fritz Lang, später „Der Kommissar“ und „Derrick“. Ein Schüler mit Presseausweis trifft eine Biographie, die mehr Länder durchquert hat als sein Auftrag Zeilen haben dürfte. Die Szene muss im Essay klein bleiben, gerade deshalb funkelt sie. Eine Petitesse, ja. Aber manche Petitessen sind wie ein Metallbeschlag in einer transparenten Brille: klein, sichtbar, konstruktiv.

Meringue, Baiser und die erste Semantik des Peinlichen

Dann Avignon. Der erste Tag in einer Patisserie. Hinter der Theke die Konditorin und ihre Tochter, Schürzen, weiße Kragen, gestärkte Oberteile. Eisermann verlangt ein Baiser, jenes blassgelbe Gebäck aus Eiweiß und Zucker, das er vom Bonner Bäcker kannte. Die Konditorin erklärt sehr deutlich, das heiße Meringue; Baiser bedeute etwas ganz anderes, und sie nimmt das Wort offenbar nicht in den Mund. Peinlich reicht als Beschreibung kaum aus. Der junge Mann fährt weiter ins Zeltlager des deutsch-französischen Jugendwerks und denkt morgens im Licht der Zeltleinwand an Konditorin und Tochter, manchmal auch gleichzeitig. Wer später Crèvecoeur und Ellroy übersetzt, hat in Avignon bereits gelernt: Wörter sind keine etikettierten Gegenstände. Sie haben Orte, Temperaturen, soziale Risiken.

Hi, David. I’m Andy

Der Auftritt von Andy Warhol und Willy Brandt braucht Platz. Eisermanns Text „Willy Brandt kommt in die Poppelsdorfer Allee“, im „Bonner Bogen“ erschienen, führt über die Galerie Wünsche hinein in eine Bonner Kunstgeschichte, die viel weltläufiger war, als mancher Hauptstadtblick zugestehen würde. Hermann Wünsche, Hans-Gerd Tuchel, der erste Katalog der Druckgrafik von Warhol, das Beethoven-Plakat als letzte Arbeit Warhols: Bonn hängt hier am internationalen Kunstbetrieb, und zwar an einer sehr konkreten Adresse.

Vor dem Warhol-Termin liegen Jugendfahrten, Russlandreise, Aeroflot, Jacques Rivette, Britta, Nivea-Duft, milchkaffeefarbene Wolle, schimmernde Knöpfe. Dann die Einladung: Willy Brandt trifft Andy Warhol im Beisein der Presse. Castor, Wünsches Kompagnon numero uno, bittet Eisermann, früher zu kommen. Castor spricht Französisch wie ein Franzose, was bei Salvador Dalí oder Georges Braque hilfreich ist. Hermann Wünsche kann kein Französisch, Castor so gut wie kein Englisch. Eisermann hat Englisch als Hauptfach. Damit ist seine Funktion festgelegt: Dolmetscher, Beobachter, junger Mensch in der Nähe eines Vorgangs, den er noch gar nicht vollständig einordnen muss.

Ein diesiger Winternachmittag auf der Poppelsdorfer Allee, sechzig Meter breit, außen der Verkehr, in der Mitte eine zertretene Wiese mit Schneematsch. Am Ende die Galerie, gleich am Eingang zur Prinz-Albert-Straße: ein weiß gestrichener Anbau, klein und modern in einer Straße alter Fassaden. Im Erdgeschoss warten Presse, Sicherheitsleute, Hermann Wünsche und Hans-Gerd Tuchel, der besser reden kann als Hermann und Castor zusammen. Oben wartet Eisermann mit Castor auf die Polaroid-Session für das Porträt, das Warhol von Brandt machen soll. Schon diese räumliche Ordnung ist komisch: unten Bundesrepublik, oben Pop-Art, dazwischen eine Treppe, auf der gleich die Nachkriegsgeschichte hinaufkommt.

Castor stellt Eisermann vor. Warhols erste Worte sind sanft: „Hi, David. I’m Andy.“ Ein Satz, den man erst einmal aushalten muss, wenn man achtzehn ist. Warhol ist erleichtert. Endlich jemand, mit dem er reden kann, nach all den Leuten mit ihrem „Hotzenplotz-Englisch“. Hermann heißt bei ihm „Herman the German“. Castor wird über „castor oil“ erklärt, auf Deutsch Rizinusöl. Die Kunstgeschichte ist noch keine fünf Minuten im Raum und schon riecht es nach Apotheke.

Dann fragt Warhol nach dem Mann, den er gleich treffen wird. Wie berühmt sei dieser Willy Brandt? Sehr, sehr, sehr berühmt. Nobelpreis. Wofür? Frieden, internationale Verträge, Länder, mit denen Krieg war, Russland, Polen, das ganze Programm. Warhol prüft die Ikone wie Material. Was für ein Typ sei Brandt? Sehr männlich, ungefähr. Erwachsen. Schwul? Wohl kaum, verheiratet, viele Frauen nebenbei, die eigenen Leute hätten ihn deswegen zum Rücktritt gedrängt. Warhol erinnert an den Spion im Büro. Er weiß also mehr, als seine Fragen zunächst verraten. Dann bleibt er am Vornamen hängen: Nennen die Leute ihn wirklich Willy? In Pittsburgh bedeute „willie“ etwas Anatomisches. Aus dem Friedensnobelpreisträger wird für einen Augenblick ein Sprachwitz, den Bonn glücklicherweise nicht kennt.

In die Komik rutscht unvermittelt eine zarte Passage. Warhol ist damals so alt wie Eisermanns Mutter. Eisermann erzählt von ihr, von ihrer Zeit als Dolmetscherin bei der British Army of the Rhine, von ihrer Bedeutung für ihn. Warhol erzählt von seiner Mutter Julia, seiner ersten Zeichenlehrerin, die er nach New York geholt hatte und die drei Jahre zuvor gestorben war. Eben noch Rizinusöl, Hotzenplotz-Englisch, Nobelpreis und Willy-Witz; nun sprechen zwei Söhne über Mütter. Darin liegt die eigentliche Überraschung der Szene. Der Pop-Künstler erscheint nicht als Maschine der Oberfläche, sondern als jemand, der die Mutter in die Kunstgeschichte mitgebracht hat.

Eisermann bedauert, dass er von der Zeitung keinen Auftrag bekommen hat, über diesen Termin zu schreiben. Warhol gibt ihm den Satz, der als Journalistenschule genügt: „You watch and learn.“ Dann steht er auf, weil Willy Brandt mit Hermann aus dem Erdgeschoss heraufkommt.

Warhol hat eine große Polaroid-Kamera mit Balgen, eine Art Ziehharmonika zwischen Gehäuse und Linse. Klicken, Bild auswerfen, wedeln, warten. Er geht erstaunlich nah an Brandt heran, kaum mehr als einen Meter. Hinter ihm steht Hermann und hält die ausgeworfenen Bilder, deren Folien sich leicht rollen. Dann stehen Warhol und Brandt am Fenster und schauen hinaus auf die kahlen Kastanien der Poppelsdorfer Allee. Warhol mit Kartoffelnase und transparenter Vollrandbrille aus leicht getöntem Acetat, in der man Scharniere, Nieten und Drähte erkennt. Brandt mit dem Gesicht eines Mannes, der gelebt hat. Staatsmann neben Pop-Künstler, Bonner Winterlicht, draußen Schneematsch, drinnen die Herstellung eines Bildes, das seine eigene Zeit sofort in Erinnerung verwandeln will.

Unten bei den Fotografen wird daraus ein Bild im Bild. Warhol hält in der linken Hand die Kamera, in der rechten ein Polaroid von Willy Brandt, während Willy Brandt direkt daneben steht: Brandt als Person, Brandt als Sofortbild, Brandt als künftiges Porträt. Brandt schaut ein wenig sieghaft von den Fotografen weg, Warhol sieht direkt ins Objektiv und hält sein Polaroid hoch, eines von denen, die er später für das Siebdruckporträt nicht verwendet. Zwischen beiden Hermann, glatt rasiert, froh, mit offenem Mund: „Oh my God, OMG.“ So klingt es, wenn der internationale Kunstbetrieb für einen Moment Bonner Plattfüße bekommt.

Böttger versteigert den Abend zurück ins Leben

Nach Warhol, Brandt, Crèvecoeur, Ellroy, Hegel, Corona und Geisterallee kommt Böttger an den Büchertisch. Das ist der richtige Schluss, weil Literatur in einer Buchhandlung am Ende auch bezahlt werden muss. Er habe im Netz geschaut, eines der Bücher werde für 128 Euro angeboten. Hier könne man es zum Okkasionspreis bekommen: 126 Euro. Dann rechnet er herunter, herauf, quer, bietet 11,50 Euro an, packt fünf Euro dazu, landet schließlich bei 15 Euro und räumt ein, dass er sich immer verrechne. Besser kann man die Würde des Buchhandels kaum verteidigen: mit einem Taschenrechner, der innerlich lacht.

Zur Übersetzung erklärt er, gebrauchte Exemplare im Netz seien zerlesen, mit Gebrauchsspuren und Anstreichungen. Hier gebe es jungfräuliche Exemplare. Für zehn Euro mache er sogar eine Anstreichung hinein. Beim lieferbaren Buch aber schlägt die Stunde des gebundenen Ladenpreises. 16,90 Euro, und wer kauft, fördert die Aufrechterhaltung dieses Systems. Dann noch der Wortschau-Band für acht Euro, mögliche Verwirrung am Kassenmodul, Mitarbeiterin Rebecca, Signaturen, Wiederverkaufsrisiken. Aus einer Lesung wird für ein paar Minuten eine ökonomische Farce mit bibliophiler Grundlage.

Ein Abend, der nicht heim will

Am Ende bedankt sich Eisermann für die Aufnahme und hofft, das Ganze eines Tages in größerem Bogen wieder aufnehmen zu können. Der Satz passt. Dieser Abend war selbst ein Bogen: von der Chemie-Drei zur Ontologie bei Palantir, von der Bonner Komparatistik zum amerikanischen Creative Writing, von Crèvecoeurs New York zu Ellroys Los Angeles, von WDR 3 zu Monty Python, von Lilli Palmer zu Warhol, von Hegel im Rosélicht zu Kindern im Hubschraubertraum, von der Poppelsdorfer Allee zurück zum Kassenmodul.

Böttger hatte am Anfang behauptet, er wisse nicht, was kommen werde. Am Schluss weiß man: Genau diese Ungewissheit war die passende Form. David Eisermann bringt Literatur nicht als Besitzstand mit, er führt sie als Bewegung vor. Sie wandert durch Sprachen, Stimmen, Sender, Städte, Bücher, Träume und sehr reale Buchpreise. Bonn erscheint dabei als Stadt, in der Weltgeschichte manchmal einen schmalen Anbau an der Prinz-Albert-Straße betritt und ein junger Mann nur wach genug sein muss, um zuzusehen und zu lernen.

Gegen die Lagerlogik: Netzpolitik jenseits von links und rechts @rene_pfister #rp26

Die Konferenz im Bildausschnitt

René Pfister hat im SPIEGEL aus der re:publica eine Erzählung gebaut, die sofort einrastet: einst Netzutopie, heute progressives Milieu; einst Aufbruch, heute Ritual; einst digitale Befreiung, heute letzte Party auf der „Titanic“. Man erkennt die Konstruktion, weil sie gut funktioniert. Sie nimmt einzelne Szenen, einzelne Stimmen, einzelne ästhetische Eindrücke und zieht daraus ein Gesamtbild. Der Text ist klug komponiert, an manchen Stellen auch treffend. Nur kippt die Beobachtung dort in die Verengung, wo sie sich für das Ganze ausgibt.

Auf der Netzkonferenz re:publica findet jeder, was er sucht. Wer Selbstvergewisserung sucht, findet Selbstvergewisserung. Wer moralische Überhitzung sucht, findet moralische Überhitzung. Wer Langeweile sucht, wird fündig. Wer Abseitiges, Überdrehtes, Kuratiertes, Eitles, Gutes, Kluges, Technisches, Verspieltes und Praktisches sucht, ebenfalls. Eine dreitägige Konferenz dieser Größe lässt sich mit jeder These bespielen, solange man die passenden Ausschnitte wählt.

Die re:publica 2026 bestand laut aus rund 670 Sessions auf 27 Bühnen mit mehr als 1.200 Sprecherinnen und Sprechern. Dann kommen noch inoffizielle Sessions hinzu. Etwa die schon traditionellen Sessions auf dem Hof von Klaus Eck. Oder das legendäre Treffen beim „Griechen“, organisiert von Thorsten Ising. Verhandelt wurden digitale Souveränität, Infrastruktur, KI, Demokratie im digitalen Raum, neue Öffentlichkeiten, Keynotes, Panels, Workshops, Performances und viele weitere Formate. Schon diese Größenordnung macht jede Totaldiagnose verdächtig, die aus einigen Bühnenmomenten eine geistige Gesamtverfassung ableitet.

Das Lagerfeuer ist kein Lager

Für mich ist die re:publica immer noch ein Lagerfeuer. Ich schreibe das ohne ironischen Sicherheitsabstand. Sie gehört zu meiner erweiterten Familie. Ich fühle mich dort zu Hause, auch dort, wo mich Sätze nerven, Panels ermüden, Begriffe zu glatt laufen oder Rituale zu vertraut klingen. Ein Lagerfeuer verlangt keine Parole. Es sammelt Nähe, Streit, Erinnerung, Überdruss, Lachen, Wiedersehen, Reibung, Wärme und auch Trauer. Ein Lager prüft Zugehörigkeit. Das Lagerfeuer hält Ambivalenz aus.

Genau an dieser Unterscheidung scheitert die Lagerlogik. Die re:publica hat Codes, Milieus, Lieblingsbegriffe, alte Bekannte, eingeübte Gesten. Das lässt sich kaum bestreiten. Doch daraus eine linke Einheitssauce zu kochen, verkleinert den Ort. Netzpolitik war nie sauber in rechts und links aufzuteilen. Sie entstand aus Fragen nach Infrastruktur, Protokollen, Standards, Bürgerrechten, Datenschutz, Urheberrecht, Open Source, Medienmacht, Plattformökonomie, Verschlüsselung, staatlicher Handlungsfähigkeit und öffentlicher Kommunikation.

Christoph Kappes passt in kein simples Lagerbild. Er steht für eine Tradition der Netzdebatte, die Technik, Ökonomie, Medien, Staat und Kultur zusammen denkt. Viele Protagonisten dieser Szene funktionieren so. Sie kommen aus Verlagen, Agenturen, Universitäten, Hackspaces, Redaktionen, Start-ups, Behörden, NGOs, Forschungsinstituten, Bürgerrechtsinitiativen, Kunstkontexten. Ihre Themen sind oft politisch, aber selten parteipolitisch sortierbar. Wer sie durch das Rechts-Links-Sieb drückt, verliert fast alles, was an ihnen interessant ist.

Digitalpolitik als Arbeit am Staat

Auch das Gespräch von Markus Beckedahl mit Bundesdigitalminister Karsten Wildberger passt schlecht in die Erzählung einer reinen Gesinnungsbühne. Die Rede des Ministers und die anschließende Diskussion fragte nach dem digitalen Stand Deutschlands, nach der Zusammenarbeit von Staat und Gesellschaft, nach Plattformregulierung, digitaler Souveränität und Deutschland-App. Das ist keine Kulisse für Milieu-Folklore. Das ist Digitalpolitik im Feld ihrer konkreten Schwierigkeiten.

Gerade Markus Beckedahl verkörpert einen Teil jener netzpolitischen Geschichte, die aus Bürgerrechten, Plattformkritik und institutioneller Arbeit erwachsen ist. Netzpolitik bleibt hier keine Pose, keine Szenesprache, keine Abzeichenkunde. Sie wird zur Frage, wie Verwaltung, Recht, Öffentlichkeit und technische Systeme zusammenwirken. Der digitale Staat ist kein dekoratives Projekt. Er entscheidet darüber, ob demokratische Institutionen in einer beschleunigten Umwelt handlungsfähig bleiben. Netzpolitik beginnt dort, wo man nach Macht in technischen Systemen fragt: Wer setzt Standards? Wer kontrolliert Datenflüsse? Wer definiert Sichtbarkeit? Wer baut digitale Verwaltung? Wer verdient an Erregung? Wer kann Regeln durchsetzen? Wer verliert Anschluss, weil der Staat zu langsam lernt?

Die alte Utopie und ihre Besetzung

Ein durchaus vorhandener Bruch in der Netzszene reicht weiter zurück als jede einzelne re:publica-Ausgabe. Die frühen Medienutopien kreisten um eine Befreiung durch Teilhabe. Bertolt Brecht wollte in den 1920er Jahren den Rundfunk aus dem Lieferantentum lösen (Stichwort Radiotheorie). Hörer sollten sprechen können. Hans Magnus Enzensberger dachte Medien als Apparate, die Produzenten und Rezipienten neu verbinden. Das Netz hat viele dieser technischen Voraussetzungen geschaffen. Es senkte Zugangshürden, vergrößerte persönliche Öffentlichkeiten, gab Stimmen Reichweite, die früher kaum an den Türwächtern der Massenmedien vorbeikamen.

Walter Lippmann beschrieb schon 1922 in „Public Opinion“ die Selektionsketten der Öffentlichkeit. Jede Zeitung, die den Leser erreicht, ist Ergebnis vieler Vorentscheidungen. Diese Welt der Gatekeeper war keineswegs unschuldig. Sie erzeugte Vereinheitlichung, Berechenbarkeit, Ausschlüsse, blinde Flecken. Doch ihr Zerfall löste das Problem der Öffentlichkeit keineswegs auf. Er verlagerte es.

Meine Analyse von 2017 im Netzpiloten-Magazin lief genau auf diesen Punkt hinaus: Aus dem Werkzeug der Befreiung wurde auch ein Werkzeug der Alt Right. Die niedrigen Zugangsschwellen des Social Webs öffneten den Raum für emanzipatorische Öffentlichkeiten, zugleich für autoritäre, reaktionäre, nationalistische und rassistische Mobilisierung. Die Jedermann-Medien wurden von allen genutzt, auch von Kräften, die mit Aufklärung wenig im Sinn haben.

Der alte Traum lautete: Alle können senden, also wird Öffentlichkeit freier. Die Gegenwart zeigt: Alle können senden, also wird Öffentlichkeit umkämpfter. Der Zugewinn an Stimme erzeugt noch keine Kultur der rationalen Prüfung. Aus Reichweite entsteht keine Vernunft. Aus Partizipation entsteht keine demokratische Reife. Die Alt Right hat die Netzutopie gekapert und ihre Naivität sichtbar gemacht.

Die Krise des Empfangens

Pfister trifft etwas Richtiges, sobald er auf die mediale Beweglichkeit rechter Akteure blickt. Podcasts, TikTok, X, Clips, Memes, Empörungszyklen, persönliche Marken, Anti-Establishment-Erzählungen: Rechte Öffentlichkeiten haben gelernt, die Plattformlogik aggressiv zu bedienen. Doch daraus folgt keine simple Fortschrittsgeschichte der Rechten und keine Verfallsgeschichte der Progressiven. Daraus folgt eine unangenehmere Diagnose: Die digitale Öffentlichkeit hat das Senden demokratisiert, aber das Empfangen kulturell vernachlässigt.

Bernhard Pörksen sprach auf der re:publica über Zuhören in einer Medienwelt, in der Information reichlich vorhanden ist, Aufmerksamkeit aber knapp bleibt. Stefan Niggemeier und Dirk von Gehlen beschäftigten sich mit besseren Debatten, Meinungsänderung, der Trennung von Person und Meinung, privaten Räumen der Klärung in Zeiten von Desinformation und AI-Slop. Auf ichsagmal.com war diese Spur bereits gelegt: Die offene Gesellschaft verfügt technisch über mehr Stimmen denn je, verliert aber Formen des Empfangens.

Diese Sessions passen nicht zur These vom progressiven Katechismus des Spiegel-Redakteurs. Dort wurde keine abgeschlossene Gewissheit gefeiert. Dort ging es um die Möglichkeit, eigene Urteile zu prüfen, Gegengründe auszuhalten, Irrtum zu bearbeiten, öffentliche Rede beweglicher zu machen. Das rettet die re:publica gewiss vor keiner Kritik. Aber es widerspricht dem Bild eines Ortes, an dem bloß Glaubenssätze verwaltet werden.

Karl Popper liefert dafür die präzise Grammatik. Erkenntnis wächst bei ihm aus der Prüfung, aus der Möglichkeit des Scheiterns, aus der Bereitschaft, die eigene Theorie einem Test auszusetzen. Auf Demokratie übertragen heißt das: Eine freie Gesellschaft braucht Menschen und Institutionen, die Fehler entdecken können, bevor sie zerstörerisch werden. Sie braucht Verfahren, in denen Macht begrenzt, Regierungen abgewählt, Irrtümer korrigiert und Gewissheiten beschädigt werden dürfen.

Meinung als soziale Haut

Die digitale Gegenwart erschwert genau das. Meinung wird zur sozialen Haut. Sie wärmt, schützt, grenzt ab. Sie zeigt, zu wem jemand gehört, welche Codes er kennt, welche Empörung er teilt, welche Verdächtigen er benennt. Ein Wort reicht, eine Formel, ein ironischer Verweis, ein Meme. Das Publikum weiß Bescheid. Argumente werden durch Signale ersetzt. Streit wird Aufführung. Das Gegenüber dient als Requisit für Zustimmung aus dem eigenen Resonanzraum.

Hier liegt auch die Gefahr kluger Milieus. Intelligenz schützt keineswegs automatisch vor Selbsttäuschung. Wer schnell denkt, kann schnell ausweichen. Wer rhetorisch geübt ist, findet leicht Gründe, den eigenen Irrtum zu entschärfen. Wer Fehler der Gegenseite präzise erkennt, übersieht oft die Lücken des eigenen Lagers. Kritik wird dann zum Werkzeug gegen andere, kaum noch zur Praxis der eigenen Korrektur.

Das betrifft rechte und linke Öffentlichkeiten, journalistische Zirkel, akademische Milieus, Aktivisten, Ministerien, Unternehmen, Plattformen, alte Netzgemeinden. Der Fehler liegt im Modus. Öffentlichkeit wird zur Bühne der Unverwundbarkeit. Die eigene Meinung erscheint als Besitzstand. Meinungsänderung wirkt wie Schwäche. Genau an dieser Stelle verliert Demokratie ihre Beweglichkeit.

KI als privater Prüfungsraum

In der Diskussion von Niggemeier und von Gehlen tauchte ein Gedanke auf, der in die Gegenwart passt: KI-Sprachmodelle könnten als private Prüfungsräume dienen. Keine Wahrheitsrichter, keine Autoritäten, keine Ersatzöffentlichkeit. Eher Werkzeuge, mit denen man vor dem öffentlichen Senden die eigene Position belastet. Welche Einwände übersehe ich? Welche gegnerische Formulierung wäre fair? Wo verwechsle ich Kritik mit Kränkung? Welche Prämissen trage ich ungeprüft mit mir herum?

Diese Nutzung von KI hätte mit Textglättung wenig zu tun. Sie könnte helfen, den eigenen Satz vor seinem Auftritt im öffentlichen Raum zu prüfen. Natürlich kann KI auch Müll vermehren, Scheinsicherheit erzeugen, Konflikte verkitschen und Phrasen perfektionieren. Doch als Instrument der Selbstprüfung wäre sie in der digitalen Öffentlichkeit interessanter als viele Automatisierungsfantasien. Sie würde helfen, die alte Netzfrage neu zu stellen: Wie wird aus technischer Kommunikationsfähigkeit eine demokratische Kultur?

Gegen die AfD hilft keine bessere Lagerästhetik

Die rassistische AfD wird durch feinere Milieusortierung kein bisschen schwächer. Sie wird auch durch eine grobe Rechts-Links-Verortung der Netzpolitik kaum besser verstanden. Ihre digitale Stärke liegt in der Fähigkeit, Ressentiment zu skalieren, Misstrauen zu organisieren, Erregung in Reichweite zu verwandeln und lokale Kränkungen in große Erzählungen einzubauen. Plattformen liefern dafür Anreize, Formate, Geschwindigkeit und Publikum.

Demokratische Gegenwehr braucht Präzision. Sie muss wissen, wie Empfehlungslogiken funktionieren, wie Desinformation Vertrauen angreift, wie Messenger-Räume, Kurzvideos, Podcasts und persönliche Kanäle zusammenspielen, wie sich Empörung monetarisieren lässt, wie Unsicherheit politisch geerntet wird. Sie braucht einen Staat, der digital handlungsfähig wird, eine Zivilgesellschaft, die technisch kompetent bleibt, Medien, die ihre eigene Rolle prüfen, und öffentliche Räume, in denen Korrektur mehr gilt als Lagerapplaus.

Die re:publica bleibt ein Ort der Reibung

Die re:publica ist kein heiliger Ort. Sie hat Eitelkeiten, Routinen, Codes, blinde Flecken, modische Wörter, zu volle Panels, zu erwartbare Dramaturgien. Sie kann ermüden. Sie kann sich selbst gefallen. Sie kann in Szenesprache kippen. Doch gerade das macht sie als Ort der digitalen Gesellschaft kenntlich. Sie ist Familienfest, Bühne, Werkstatt, Marktplatz, Kontaktbörse, Streitfläche, Gedächtnisraum und Versuchsanordnung zugleich.

Wer nur das politische Lager sieht, verpasst die technischen und institutionellen Fragen. Wer nur Technik sieht, verpasst die sozialen Bindungen, ohne die Netzpolitik nie eine Bewegung geworden wäre. Das Lagerfeuer ist kein Kitsch. Es ist die soziale Infrastruktur einer Szene, die über Jahre gelernt hat, dass digitale Politik aus Menschen besteht, aus Vertrauen, Konflikt, Erinnerung, Zusammenarbeit, alten Rechnungen, neuen Projekten.

Pfisters Titanic-Bild ischließt die Wahrnehmung zu früh ab. Die re:publica sinkt nicht einfach in den Gewissheiten eines progressiven Milieus. Sie zeigt vielmehr, wie schwer es geworden ist, digitale Gesellschaft noch in gemeinsamen Räumen zu verhandeln. Dass dort vieles nebeneinandersteht, manches schief, manches brillant, manches politisch aufgeladen, manches handwerklich, manches technisch, manches sentimental, gehört zu ihrer Wahrheit.

Die alte Netzutopie ist beschädigt. Sie war zu leichtgläubig gegenüber der Kraft des Sendens. Die nächste Phase braucht weniger Faszination für Reichweite und mehr Arbeit an Empfang, Prüfung, Korrektur und Institutionen. Das klingt weniger romantisch als die frühen Jahre des Netzes. Es ist aber näher an der Aufgabe.

Die re:publica ist keine letzte Party. Sie ist ein Ort, an dem sichtbar wird, was der digitalen Gesellschaft fehlt und was sie noch lernen kann. Nicht als Lager. Als Lagerfeuer.

Das Risiko wohnt oben: Costes Schweiz-These als Management-Erzählung

Oliver Coste hat ein Talent für die große Vereinfachung. Die Schweiz, sagt er, habe weder Silicon Valley noch Binnenmarktgröße, weder Euro noch demografische Wucht. Neun Millionen Einwohner, ein Zehntel Deutschlands. Und doch stehe sie seit Jahren an der Spitze der Innovationsranglisten. Die Erklärung, die Coste daraus ableitet, passt in einen LinkedIn-Post und wirkt wie ein Ordnungsruf an die Politik: Die Schweiz lebe mit einem der flexibelsten Arbeitsrechte der Welt. Restrukturierung koste dort im Schnitt 2,5 Monatsgehälter, in Deutschland 31. Folglich investierten Schweizer Unternehmen deutlich mehr in Tech- und Biotech-Forschung, deutsche deutlich weniger. Aus dieser Differenz macht Coste den Hebel für Europas Zukunft.

Die Attraktion des Arguments ist offensichtlich. Es liefert eine Zahl, eine Kausalkette, einen Reformknopf. Wer ihn drückt, so die Verheißung, bekommt mehr Wagnis, mehr Umsteuerung, mehr Innovation. In Zeiten, in denen das Land nach Orientierung sucht, ist das ein politisch dankbares Angebot.

Monatsgehälter als Masterkennziffer

Nur entsteht aus einer gut gewählten Kennzahl noch keine hinreichende Erklärung. Restrukturierungskosten in Monatsgehältern fassen einen Ausschnitt, der sich leicht vergleichen lässt. Gleichzeitig verschwindet in dieser Kennzahl genau das, was in Konzernen über Innovationsfähigkeit entscheidet: Anreizsysteme, Machtstrukturen, Entscheidungswege, Kontrollqualität, Risikoteilung. Wer alles auf eine arbeitsrechtliche Reibungszahl reduziert, landet schnell in einer Welt, die ordentlich aussieht, aber die falschen Ursachen priorisiert.

Der entscheidende Punkt lautet: In großen Unternehmen hängt der Mut zum Neuen selten an der Frage, wie teuer ein späterer Abbau wird. Er hängt an der Frage, wie teuer eine falsche Entscheidung für diejenigen wird, die sie treffen.

Vorstandsverträge und die Abkopplung von Konsequenzen

Coste argumentiert mit Führungskräften und hochbezahlten Spezialisten. Ausgerechnet dort ist die deutsche Praxis oft ein Gegenbeweis gegen die Reformlogik „Kündigungsschutz lockern = mehr Risiko“. Viele Vorstände arbeiten typischerweise mit mehrjährigen Verträgen. Scheitert eine Strategie, endet ein Mandat, folgt häufig eine komfortable finanzielle Landung. Man sieht regelmäßig Fälle, in denen ein Vorstand nach kurzer Zeit wieder geht und dennoch den Restlaufzeitwert oder vergleichbare Kompensationen erhält. Die Organisation zahlt und die Führungskraft geht bis zum nächsten Mandat auf den Golfplatz (ich weiß, ein Klischee). Innovative Schumpeter-Unternehmer, dass hat der von mir schon häufig zitierte Wirtschaftswissenschaftler Jesko Dahlmann in seiner Arbeit „Das innovative Unternehmertum im Sinne Schumpeters: Theorie und Wirtschaftsgeschichte“ kristallklar herausgearbeitet: Die in seiner Arbeit untersuchten Unternehmer waren mehr Schöpfer als Zerstörer. „Ihre Innovationen haben ihren Unternehmen den wenig aussichtsreichen Kampf erspart, stets kostengünstiger als die Konkurrenz sein zu müssen, denn ein langfristiger Wettbewerbsvorteil entsteht erst durch neuartige bzw. qualitativ bessere Produkte, neue Produktionstechniken etc. Unternehmer, die sich durch ihr innovatives Wirken einen Vorsprung erarbeiten, können ihre Mitarbeiter auch besser entlohnen….“

Wer das ernst nimmt, erkennt eine Schieflage: Risiko und Entscheidungsmacht fallen an der Spitze zu selten zusammen. Das dämpft Innovationsneigung weit wirksamer als die Frage, ob ein Projektteam im Fall der Fälle schneller getrennt werden kann. Das eigentliche Problem liegt in der Absicherung der Entscheider, nicht in der Absicherung der Ausführenden. Damit rückt ein Thema in den Vordergrund, das in Costes Erzählung kaum vorkommt: Corporate Governance.

Aufsichtsräte, Investoren, Anreize: Wer steuert die Steuernden

Die Innovationsfähigkeit eines Konzerns wird in der Realität von Aufsichtsräten, Vergütungsausschüssen, Großinvestoren und dem Management selbst geformt. In Deutschland hat sich diese Architektur seit den späten neunziger Jahren stark verändert. Institutionelle Anleger prägen vielerorts den Ton, Aufsichtsräte werden in Teilen zu politischen Gremien, in denen Netzwerke und Loyalitäten eine Rolle spielen. Zugleich bleibt die operative Macht häufig beim Management, das Informationsvorsprünge organisiert, Narrative kontrolliert und die eigenen Systeme gestaltet. Martin Hellwig hat diese Konstellation früh analysiert: In großen Unternehmen liege die faktische Macht oft bei den Managern; der Shareholder-Value-Diskurs habe sich vielfach mit aktiver Unterstützung der Führungsetagen etabliert, inklusive Bonus- und Kursfixierung. In einem solchen Umfeld ist die arbeitsrechtliche Debatte ein Nebenschauplatz. Sie lenkt Aufmerksamkeit auf Personalbeweglichkeit, während die zentrale Frage offen bleibt: Wer trägt die Folgen von Fehlsteuerung, wer profitiert von kurzfristigen Effekten, wer bezahlt die Langfrist?

Quartalslogik gegen Entwicklungszeit

Tech- und Biotech-Innovation folgt Entwicklungszeiten, die sich nicht auf Quartale herunterbrechen lassen. Wer in Forschung investiert, akzeptiert Umwege, Fehlversuche, Rückschläge. Die Börsenkommunikation bevorzugt jedoch Planbarkeit, Storytelling und kurzfristige Signale. Diese Spannung ist kein deutsches Sonderproblem, sie wirkt hierzulande jedoch besonders stark, weil der Kapitalmarkt in vielen Fällen als Disziplinierungsinstrument verstanden wird, nicht als Ermöglicher langer Zyklen.

Coste stellt das Umsteuern in den Mittelpunkt. Das ist plausibel. Nur entsteht Umsteuern in Konzernen primär aus Entscheidungsfähigkeit, nicht aus Kündigungsfähigkeit. Entscheidungsfähigkeit wiederum hängt an Governance: an Aufsichtsräten, die Technologien verstehen, an Vergütung, die Entwicklung belohnt, an Investoren, die Geduld mitbringen, an einer Kultur, die Widerspruch zulässt. Wer diese Bedingungen schwach ausprägt, bekommt Umsteuern als Ritual und Innovation als Folie.

Alter, Nachfolge, Investitionsstau im Mittelstand

Ein weiterer Teil der deutschen Innovationsdebatte spielt jenseits der börsennotierten Welt. Deutschland altert, und damit altert auch Unternehmertum. KfW-Analysen weisen seit Jahren darauf hin, dass mit zunehmendem Alter vieler Inhaber die Bereitschaft sinkt, in neue Themen zu investieren. Das Verhalten nähert sich dem Bestandsmanagement an, häufig mit Blick auf Risikominimierung. Unerledigte Nachfolgefragen verschärfen den Effekt: Wer nicht weiß, wie es weitergeht, verschiebt Investitionen.

Diese Faktoren lassen sich durch arbeitsrechtliche Eingriffe bei Spitzengehältern kaum beeinflussen. Wer den Innovationsmotor anwerfen will, kommt an Nachfolgemodellen, Gründungsfinanzierung, steuerlichen Übergängen und verlässlichen Eigentümerwechseln nicht vorbei.

Inhaberführung, Haftung, Hidden Champions

Ausgerechnet dort, wo Haftung, Vermögen und Lebensarbeit zusammenfallen, zeigt sich oft die robustere Innovationspraxis. Inhaber- und familiengeführte Unternehmen investieren häufig in Produkte, Verfahren und Marktnischen mit langem Atem. Die von Hermann Simon beschriebenen Hidden Champions stehen exemplarisch für eine Logik, die in Konzernen schwer zu replizieren ist: technische Tiefe, Kundennähe, Disziplin in der Kapitalallokation, Fokus auf dauerhafte Wettbewerbsvorteile. In dieser Welt taugt Kündigungsschutz selten als Hauptthema. Entscheidend ist die Fähigkeit, Talente zu halten, Kompetenzen aufzubauen, Technologien zu beherrschen, Lieferketten resilient zu organisieren, Kundenprobleme präzise zu lösen.

Diese Beobachtung ist ein Hinweis auf das eigentliche Zentrum der Debatte: Innovationsfähigkeit hängt an Eigentümerlogik und Haftungsnähe. Wo Haftung verschwindet, wachsen Ersatzmechanismen, die Risiken auspreisen und Verantwortung verdünnen.

Reformauftrag im Aktienrecht und in der Corporate Governance

Genau hier liegt der Aktualisierungsbedarf, den Coste gar nicht auf der Agenda hat. Deutschland diskutiert Arbeitsrecht, während es zugleich eine Reformdebatte über Aktienrecht und Governance braucht, die an die heutigen Machtverschiebungen angepasst ist. Es geht um Transparenz in Einflussketten, um Offenlegung wirtschaftlich Berechtigter, um Interessenkonflikte zwischen Investoren, Aufsichtsräten und Management. Es geht um Stimmrechtsausübung, die langfristige Verantwortung abbildet. Für bestimmte Beschlüsse könnte man Haltefristen oder Loyalitätsmechanismen prüfen, die Einfluss nicht allein an kurzfristige Positionierung koppeln. Es geht um Vergütungsarchitekturen, die echte Langfristigkeit erzwingen: klare Clawback-Regeln, strengere Bedingungen für Abfindungen, konsequente Kopplung variabler Vergütung an mehrjährige Technologie- und Produktziele, nicht an kurzfristige Kurs- und Bilanzmomente.

Ein weiterer Hebel liegt in der Qualifikation und Unabhängigkeit von Aufsichtsräten. Technologieentscheidungen werden in vielen Gremien mit einer Mischung aus Finanz-, Rechts- und Politikkompetenz verhandelt, technische Tiefe bleibt knapp. Wer AI, Halbleiter, Biotech oder Plattformökonomie steuern will, braucht dort Verständnis für Pfade, Risiken und Entwicklungslogik. Ohne diese Kompetenz wächst die Neigung zu Symbolmaßnahmen. Diese Reformpunkte adressieren das, was Coste als „Kosten des Scheiterns“ beschreibt, nur eben an der Quelle: bei Risikoallokation und Verantwortungsdurchgriff.

Innovationspolitik jenseits des Kündigungshebels

Coste verdient Anerkennung für den Versuch, die europäische Debatte aus der Komfortzone zu holen. Seine Schweiz-Erzählung schärft den Blick für die Folgen langsamer Restrukturierung. Sein Schluss, Deutschlands Innovationsproblem lasse sich über gelockerten Kündigungsschutz bei Führungskräften lösen, bleibt ein Sprung.

Die entscheidenden Bremsen sitzen höher: in Vertragslogik, in Aufsicht und Kontrolle, in der Machtbalance zwischen Eigentümern, Investoren und Management, in der Kapitalmarkttaktung, im demografischen Investitionsstau, in ungeklärten Nachfolgen. Wer diese Ebenen ausblendet, bekommt eine Reformdebatte mit klarer Zahl, klarer Forderung, klarer Schlagzeile. Die Wirkung entsteht woanders.

Der Preis des Scheiterns beginnt im Vorstandszimmer. Dort wird entschieden, ob ein Fehlversuch als Lernkosten akzeptiert wird oder als Karrieregefahr gilt. Dort wird definiert, ob Entwicklungszeit als Vermögenswert behandelt wird oder als Störfaktor. Dort wird festgelegt, ob Verantwortung real greift oder in Verträge verpackt wird. Genau dort gehört die Debatte hin, bevor man am Kündigungsrecht herumjustiert.

Bargfeld auf 34 Zeilen: Chausseestraße, plötzlich Heide @lfbrecht

Im Brecht-Haus rückte Berlin-Mitte für einen Abend nach Norden. Christian Nipp eröffnete die Veranstaltung mit dem Hinweis, Arno Schmidt und Bertolt Brecht hätten wenigstens eines gemeinsam: die lange Übung des Notierens, die Hefte für Alltag, Arbeit und Werkgenese. Gleich darauf fiel jener Satz, der den Ton des Abends traf wie ein Nagel den Kopf: Die Chausseestraße entwickle sich allmählich zu einer „Bargfelder Chaussee“. Auf dem Podium saßen Susanne Fischer und Jan Philipp Reemtsma; vorgestellt wurde die Edition „Tagebücher 1957–62“, also jenes einzige erhaltene Tagesnotizbuch Arno Schmidts, das den Weg von Darmstadt nach Bargfeld, die Entstehung von „Die Gelehrtenrepublik“ und „Kaff auch Mare Crisium“, die Übersetzungen, die Rundfunkarbeiten, die Geldsorgen, die Wetterlagen und den Ehealltag in einem erstaunlich schmalen Format festhält.

Der editorische Bau dieser Ausgabe verdient Beachtung. Fischer erläuterte, der Tagebuchtext stehe auf der rechten Seite, die Erschließung gegenüber links; dazu komme auf jeder Doppelseite ein Schwarzweißbild aus dem Archiv von Arno und Alice Schmidt. Auf diese Weise wächst aus mehr als zweitausend verzeichneten Tagen ein Mosaik, das Arbeit, Lektüre, Korrespondenz, Reisen und Krisen zugleich lesbar macht. Man blickt also auf keinen fromm verglasten Nachlaßgegenstand. Man hat ein Arbeitsbuch vor sich, in dem die Literatur noch in der Schwebe hängt.

Der Mann, der seinem Tagebuch mißtraut

Von besonderem Reiz war der Auftakt der Lesung. Gelesen wurde zuerst aus Schmidts Rundfunkessay von 1964 über Autoren, die Tagebuch schreiben. Das klang wie eine kleine Strafpredigt gegen das Genre. Tagebücher erscheinen dort als Lieblingsform des Dilettanten; Historiker und Biographen, von Schmidt boshaft „Vergangenheitslüsterne“ genannt, verfolgen sie mit dem Eifer von Schatzgräbern; Ehrlichkeit wird ihnen ausdrücklich abgesprochen. „Die große Literatur ist weit weit ehrlicher denn jegliches Tagebuch“, heißt es in diesem Text. Kaum hat Schmidt die Gattung zerlegt, folgt der Haken: Er selbst führt selbstverständlich eines. Nur nach einer eigenen, fast asketischen Regel.

Diese Regel hat Witz, Strenge und einen Stich ins Groteske. Schmidt kauft, wie er sagt, alle vier bis fünf Jahre ein fertiges „Tagesnotizbuch“, Format 11 mal 30, jedem Tag seine Seite, 34 Zeilen von zehn Zentimetern Länge. Daraus folgt das Gesetz, das in Berlin mit hörbarer Freude aufgenommen wurde: „Je länger die Eintragung, desto wertloser der Tag.“ Die Formel ist Komik und Selbstdisziplin zugleich. Hinter ihr steht das Arbeitsethos eines Autors, der den Tag nicht ausgießt, sondern zusammenzieht; der ausläßt, rafft, verknappt; der im Kalender schon jene Energie des Weglassens übt, aus der seine Prosa ihre Spannung gewinnt.

Wetteramt des Geistes

Sobald Susanne Fischer aus den ersten Januarseiten von 1957 las, war der ganze Schmidt im Raum. „Erde weiß; Himmel grau. Später Aufklärung: fatales Hoch!“ Dann vier Seiten „Goethe“ geschrieben, Alice Schmidt liest „Tina“, das Feuer geht aus, Joyce wird verglichen, Kohlen werden bestellt, mit Rowohlt und der „FAZ“ wird abgerechnet, die Katze provoziert Debatten, Ullstein kündigt Geld an. Wenige Tage später folgt die Zeile „Luft wie graue Seide“; vier Wörter, und der Darmstädter Winterabend liegt da mit Kälte, Nässe und einem leisen Glanz auf dem Asphalt. Genau in solchen Formulierungen springt das spätere Werk bereits an.

Schmidt erklärt selbst, weshalb zwei volle Zeilen stets dem Wetter gehören. Er wolle Landschafter sein, sammele Beleuchtungen, beobachte Luftdruck und Temperatur; hinzu komme die Rücksicht auf die eigene Gesundheit, denn Hochdrucklagen machten ihm schwer zu schaffen. Aus dieser Verbindung von Körperkunde und Sprachlust gewinnt das Tagebuch seine eigentümliche Farbe. Das Wetter ist bei Schmidt keine Staffage. Es ist Arbeitsbedingung, Seismograph des Befindens, Vorratskammer für spätere Sätze. Daher rührt wohl die Genauigkeit, mit der sich in den Notizbüchern Regen, Tauwetter, Halbmond, Kälteeinbruch und „wundervolles Tief“ aneinanderreihen.

Kasse, Katze, Kränkung

Die Berliner Lesung zeigte zugleich, wie eng Werk und Tageslauf verzahnt sind. Fischer machte darauf aufmerksam, daß in den Notizbüchern fast alles in Abbreviaturen, Zeichen und kurzen Reizwörtern erscheint: Posteingang, Nachmittagsruhe, Liebe, Alkohol, Schlaftablette. Dazu kommt das berühmte „Gewäsch“, das in den Tagebüchern mehr als fünfzig Mal auftaucht und Besuch, Gespräch, Gesellschaftspflicht, kurz alles bezeichnet, was Schmidt Zeit kostet. Die Katze Purzel, die wiederkehrenden „Katzendebatten“, das Warten vorm Kaufhaus, die Vorleserituale von Alice Schmidt, das Ringen um Geld, Wettbewerbe, Honorar und Ruhe: all das tritt in diesen Heften mit einer Gereiztheit hervor, die komisch wirken kann, gelegentlich auch hart. Gerade darin liegt ihr Wert. Hier sitzt ein Autor, der jeden Verlust an Arbeitszeit wie einen körperlichen Angriff registriert.

Der Kommentar der Edition macht diese Kürzelwelt auf exemplarische Weise begehbar. Er erläutert, wofür Ullstein die tausend Mark zahlte, welche Texte im „Darmstädter Echo“ oder in der „FAZ“ erschienen, was die Remissen bedeuteten, welche Bücher bei Bläschke gekauft wurden, weshalb das „fatale Hoch“ medizinisch ernst zu nehmen war.

Wie „Die Gelehrtenrepublik“ anläuft

Für das Verständnis von Schmidts Werk sind die Passagen über „Die Gelehrtenrepublik“ besonders aufschlußreich. Im Januar 1957 taucht beim Rasieren die Überlegung auf, das Nachtprogramm über Klopstock so anzulegen, daß ein Beschauer in eine Gelehrtenrepublik reist. Zunächst bleibt das ein Gedanke mit Warnschild: „Gefahr des Grotesken.“ Ende März kehrt die Sache zurück, nun im Umfeld von „Texte und Zeichen“, dem „Spiegel“, von Reporterbesuchen und Revolutionslektüren. Im Juni häufen sich „Fantasien Gelehrtenrepublik“, „Gedanken zur gelehrten Republik“, „Einfälle“. Mitte Juli ist die Kartei angelegt, der französische Revolutionskalender wird abgeschrieben, und plötzlich läuft die Sache in tägliche Seitenzahlen um. Am 1. August heißt es schließlich, hundert Seiten seien um 12.53 Uhr beendet. Der Roman von 160 Druckseiten ist in elf Tagen niedergeschrieben. Der Kalender zeigt hier das Anlaufen eines Werks mit einer Präzision, wie man sie sonst nur aus Werkstattberichten der Malerei kennt.

Von besonderem Interesse war dabei ein Hinweis, der im Brecht-Haus fast nebenbei fiel und doch viel erklärt. Kurz bevor „Die Gelehrtenrepublik“ im Tagebuch wieder auftritt, erscheint der Journalist Richard Weber vom „Darmstädter Tagblatt“, schreibt ein Porträt über Schmidt, berichtet über Neuerscheinungen und Rundfunksendungen. Fischer ließ offen, wie weit sich daraus schon eine direkte Linie zur Gestalt des Berichterstatters in „Die Gelehrtenrepublik“ ziehen lasse. Ganz abwegig wirkt die Vermutung nicht. Der Journalist, der in ein künstliches Reservat reist, befragt, umworben und manipuliert wird, hat in diesem Darmstädter Alltag durchaus einen Vorboten.

Thomas Franke und die eiserne Insel

Im literarischen Gespräch in Bonn hat Thomas Franke diesen Roman aus einer ganz anderen Richtung aufgeschlossen. Für ihn ist „Die Gelehrtenrepublik“ jenes Arno-Schmidt-Buch, das den Leser rasch in seinen Bann zieht und mit verblüffender Gegenwart anspricht. Franke sprachvon seinem Projekt „Bücher aus den Städten die es nicht gibt“, einer Reihe, in der das einzelne Buch schon durch Material, Haptik und Bildsprache als Inkarnation seines Inhalts erscheinen soll. „Die Gelehrtenrepublik“ stand in seinem Plan am Anfang. Die eiserne Insel, draußen in den windarmen subtropischen Meerzonen, ist für Thomas Franke einer jener erfundenen Schauplätze, an denen Literatur Wirklichkeit dichter speichert als ganze Straßenzüge der Geschichte.

Seine Ausgabe von „Die Gelehrtenrepublik“ ist als kleine, kostbare Auflage konzipiert worden, mit eigens gewähltem Einbandmaterial, Holzstich-Collagen, Grafikdruck und jener Aufmerksamkeit für die Haptik des Buches, die Franke aus seiner ostdeutschen Buchsozialisation mitgebracht hat. In Bonn sprach er über den Hominidenstreifen, die mobile Insel, die Ost-West-Spaltung, die Wissenschaftler als Dienstleister des Militärs und über eine Expertokratie, die sich auch im einundzwanzigsten Jahrhundert wieder ziemlich leicht dingfest machen läßt. Das fügt sich erstaunlich gut in den Berliner Befund. Während Fischer im Tagebuch zeigt, wie der Roman entsteht, führt Franke vor, wie weit sein politischer und ästhetischer Schatten heute noch reicht.

Der Zettel denkt weiter

Hektor Haarkötter stellt diesen Kalenderraum in einen noch größeren Zusammenhang. In „Notizzettel“ beschreibt er Arno Schmidts Arbeitsweise als Zettelwirtschaft im eigentlichen Sinn. Für „Seelandschaft mit Pocahontas“ sind 620 kleine Zettel und 18 Fotografien der Dümmer-Reise erhalten. Schmidt klebte die Notate direkt in Typoskriptseiten, sparte sich Abschrift und Reinschrift, montierte aus Karte, Bild, Stichwort und Satzfragment seine Prosa. Später wächst dieses Verfahren ins Gewaltige: „Abend mit Goldrand“ verlangt 25.000 Zettel, „Julia“ 30.000, „Zettel’s Traum“ dehnt sich auf 1334 Typoskriptseiten in mehreren Spalten aus. Haarkötters Satz, der Zettelkasten verknüpfe die Welt der Literatur mit der Welt des Büros, gehört zu den Formulierungen, die Arno Schmidt mit einem Griff in die Tradition stellen. Plötzlich steht er in einer Reihe mit Conrad Gesner, Vincent Placcius, Johann Jacob Moser und Jean Paul, also mit jener langen europäischen Kunst des Exzerpierens, Umordnens, Wiedervorlegens, Wiederbeschreibens.

Von hier aus erscheinen die Tagesnotizbücher in neuem Licht. Sie sind die Taschenfassung dieses großen Zettelreichs. Im Kalender liegt der Rohstoff noch unter freiem Himmel: Wetter, Geld, Post, Traum, Ehekrieg, Spaziergang, Herz, Katze, Lektüre, Manuskript. Im Kasten beginnt die zweite Karriere des Materials. Dort wird geordnet, versetzt, geklebt, verdichtet, umadressiert. Wer im Brecht-Haus zuhörte und Haarkötters Seiten danebenlegt, sieht Arno Schmidt bei einer uralten europäischen Tätigkeit: beim Bau von Literatur aus Resten, Vermerken, Einfällen und winzigen Papierstücken, die sich irgendwann zu einer eigenen Welt zusammenschieben.

Der Schriftsteller am Barometer

Das eigentliche Bild dieses Berliner Abends bleibt darum klein und groß zugleich. Arno Schmidt sitzt morgens an seinem Tagesnotizbuch, sieht aufs Barometer, prüft den Himmel, registriert Luftdruck, Herzlage, Arbeitsziel, Remisse, Katzenärger und Schachpartie. Aus diesen wenigen Zeilen wächst später eine Prosa, deren Raumweite man mit bloßem Biographismus nie erklären könnte. Gerade im kleinen Format wird sie verständlich. Bargfeld paßt auf eine Seite. Die Heide schrumpft auf 34 Zeilen. Und plötzlich sieht man sehr genau, wie der Satz entsteht, der später das Blatt beherrscht.

Salons, Slums und symbolisches Kapital: John Ruskin, Marcel Proust und die Zürcher Frage nach der (Netz-)Ökonomie

Marcel Proust gehört zu jenen Autoren, deren Werk immer wieder in neue Gegenwarten hineintritt. Als Roman der Erinnerung wurde die „Recherche“ kanonisch. Als Anatomie der Salons wurde sie berühmt. Als Analyse von Eifersucht, Prestige, sozialer Verstellung und Zeitverlust bleibt sie unerschöpflich. Die Zürcher Tagung „Marcel Proust und die Ökonomie / Marcel Proust et l’économie“, veranstaltet von der Marcel Proust Gesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Romanischen Seminar der Universität Zürich, unterstützt von der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften sowie dem Collegium Romanicum, öffnet einen Zugang, der Proust aus der Sphäre des rein Literarischen herausführt: Proust als Diagnostiker von Wertordnungen.

Das Programm setzt schon mit Jochen Hörischs Abendvortrag „Der snobistische Blick der Literatur auf das Geld“ den Ton. Der Snobismus ist bei Proust keine gesellschaftliche Nebensache. Er ist eine Wahrnehmungsform. Er taxiert Namen, Gesten, Herkunft, Distanz, Vermögen und Umgangsformen. Geld erscheint darin selten allein als Geld. Es tritt verkleidet auf: als Stil, als Adresse, als Einladung, als Zugang, als falsche Selbstverständlichkeit. In der „Recherche“ zirkuliert fast alles. Namen wechseln ihren Kurs. Salons gewinnen und verlieren Kredit. Körper, Einladungen, Erbschaften, Titel, Gerüchte, Kunsturteile und Liebesversprechen werden zu sozialen Währungen.

Wer diese Ökonomie der Zeichen verstehen will, muss John Ruskin hinzunehmen. Jérôme Bastianellis „Dictionnaire Proust-Ruskin“ zeigt Ruskin als intellektuelles Nervensystem Prousts. Der Band rekonstruiert ein Geflecht aus Personen, Orten, Motiven, Kirchen, Städten, Bildern, Übersetzungen und Denkfiguren. Ruskin wird dabei als Autor sichtbar, der Proust das Sehen lehrt: Kunst als Erkenntnis, Architektur als Moral, Schönheit als soziale Frage. Der Band spricht von einem „réseau complexe“ von Konvergenzen zwischen Proust und Ruskin. Dieser Ausdruck könnte als Schlüssel für die Zürcher Ökonomie-Tagung dienen: Prousts Werk ist ein Netzwerk von Wertzuschreibungen, Ruskins Denken ein Netzwerk moralischer Wertfragen.

Der snobistische Blick auf das Geld

Michel Ermans Vortrag „Proust et l’argent“ schließt an Hörischs Auftakt an. Geld ist in Prousts Welt stets in symbolische Ordnungen eingebunden. Es verleiht Zugang, verliert aber an Glanz, sobald ihm der alte Name fehlt. Es kauft Nähe, ohne Zugehörigkeit zu garantieren. Es ermöglicht Sammlungen, Reisen, Wohnungen, Geliebte und Lebensstile, erzeugt aber keine stabile Identität.

Esther Schomachers Thema „Svevo, Mann, Proust und die neoklassische Wirtschaftstheorie“ rückt diesen Befund in die Nähe der Theoriegeschichte. Die neoklassische Ökonomie denkt Kalkül, Präferenz, Nutzen, Gleichgewicht. Prousts Figuren kalkulieren ebenfalls, doch sie kalkulieren mit Kränkungen, Erinnerungen, Rangphantasien, Begehrensresten. Wer bei Proust handelt, handelt unter dem Druck unsichtbarer sozialer Preise.

Hier tritt Ruskin als Gegenfigur zur klassischen politischen Ökonomie auf. Seine Kritik richtet sich gegen die Reduktion des Lebens auf Nutzen, Marktwert und Akkumulation. Schönheit, Bildung, Arbeit, Würde und Gemeinsinn gehören für ihn zur Frage des Reichtums. Darum führt die Zürcher Tagung, auch wo sie Geld, Börse oder Luxus behandelt, auf eine ältere moralökonomische Debatte zurück.

Albertine als Spekulationswert

Der Albertine-Komplex macht diese Verbindung besonders sichtbar. Annelies Schulte Nordholt spricht über „Fragments économiques d’un discours amoureux. Le cycle d’Albertine“. Schon der Titel liest Liebe als ökonomische Form. Albertine ist Geliebte, Geheimnis, Projektionsfläche, Verlustobjekt, Investitionsfeld. Der Erzähler setzt Aufmerksamkeit, Zeit, Angst, Überwachung und Erinnerung ein. Er will Gewissheit gewinnen, erzeugt aber immer neue Unsicherheit.

Bastianellis Eintrag zu Albertine führt diese Figur ausdrücklich zu Ruskin. Dort heißt es über eine Äußerung Albertines, Ruskin sei „un merveilleux poète en prose“. Albertine, die im Roman meist Objekt der Beobachtung ist, wird hier zur Trägerin eines Ruskin-Urteils. Sie spricht über Ruskin, während sie selbst für den Erzähler zum Gegenstand permanenter Interpretation wird.

Ruskins Schule des genauen Sehens kehrt damit in Prousts Liebesökonomie verwandelt wieder. Der Erzähler liest Albertine wie Ruskin eine Fassade, ein Bild, eine Kirche gelesen hätte. Doch ein Mensch bleibt unabschließbar. Albertine gewinnt Wert durch Entzug, Distanz, Geheimnis. Je mehr der Erzähler wissen will, desto größer wird die Spekulation. So entsteht eine Liebesbörse der Unsicherheit.

Verluste, Vermögen, Untergrabungen

Bernd Blaschkes Beitrag „Prousts Poetik der niedrigen Muse, der hohen Verluste, der großen Vermögen und die Untergrabung des homo oeconomicus“ trifft den Kern der Tagung. Prousts Figuren bewegen sich durch Vermögen, Erbschaften, Salons und Besitzverhältnisse, doch der ökonomische Mensch zerfällt unter ihren Händen. Sie begehren gegen ihren Vorteil, verschwenden Zeit, verwechseln Prestige mit Glück, Liebe mit Verfügung, Kunst mit Besitz.

Jacques Letertres Thema „Proust spécialiste: une esthétique de la Bourse“ ergänzt dies um die Marktform der Moderne. Die Börse arbeitet mit Erwartung, Gerücht, Vertrauen, Panik, Übertreibung, Korrektur. Prousts Gesellschaft funktioniert ähnlich. Ein Name steigt, ein Salon fällt, eine Familie verliert Kredit, ein Neureicher gewinnt vorübergehend Aura. Die „Recherche“ ist auch ein Roman der Kursbewegungen.

Wolfram Nitschs Vortrag „Rollender Luxus. Prousts Pferdewagen als Vehikel demonstrativer und transgressiver Verschwendung“ führt diese Dynamik in die Dinge hinein. Wagen, Mobilität, Luxus und Verschwendung sind bei Proust soziale Zeichen. Bewegung ist Auftritt. Konsum wird Sichtbarkeit. Das Fahrzeug wird zur Bühne der Distinktion.

John Stuart Mill als liberaler Gegenspieler

Der Eintrag zu John Stuart Mill im „Dictionnaire Proust-Ruskin“ führt mitten in die politische Ökonomie des 19. Jahrhunderts. Mill steht für Freiheit, Nutzenkalkül, Liberalismus, Individualität und Gesellschaftstheorie. Ruskin griff jene Reduktion des Lebens auf Nützlichkeit und Marktwert an, die er in der politischen Ökonomie seiner Zeit erkannte.

Bastianelli vermerkt, Ruskin habe Mill keineswegs geschätzt; er habe ihn sogar „crétin“ und „coq“ genannt. Die Polemik ist grob, aber aufschlussreich. Sie zeigt, dass Ruskin Mill als Gegenspieler einer moralischen Ökonomie wahrnahm. Der Konflikt lautet: Akkumulation oder Bildung, Nutzen oder Schönheit, Marktwert oder Würde.

Proust führt diesen Konflikt in die Romanform. In der „Recherche“ erscheinen Adel, Großbürgertum und Kunstwelt als Märkte symbolischer Güter. Ein Name kann mehr wert sein als Vermögen. Eine Einladung kann eine soziale Bilanz verändern. Ein geschmackvolles Urteil kann Kredit schaffen. Ein falscher Ton kann einen Kurssturz auslösen.

Schopenhauers Wille im Salon

Schopenhauer rückt den Willen ins Zentrum. Bei Proust wird daraus eine Theorie des Begehrens, der Vorstellung und der leidvollen Fixierung. Bastianelli zitiert in seinem Schopenhauer-Eintrag den Satz: „L’artiste nous prête ses yeux pour regarder le monde.“ Der Künstler leiht uns seine Augen, damit wir die Welt betrachten können.

Der Satz verbindet Schopenhauer, Ruskin und Proust. Bei Ruskin ist Sehen eine moralische Übung. Bei Schopenhauer eröffnet Kunst eine andere Beziehung zur Welt. Bei Proust wird der Blick selbst zum Ort der Ökonomie. Wer etwas sieht, bewertet es bereits. Wer begehrt, steigert den Wert des Begehrten. Wer verliert, erzeugt im Rückblick eine neue Form von Besitz: Erinnerung.

Damit lässt sich auch die Zürcher Frage nach Verschwendung, Luxus und Liebe vertiefen. Der Wille schafft Unruhe, Vergleich, Mangel. Er treibt den Erzähler in die Eifersucht, den Snob in den Salon, den Sammler zum Kunstwerk, den Aufsteiger zur Aristokratie. Wert entsteht aus Entfernung, Projektion, Verlangen.

Oscar Wilde und der Kredit der Oberfläche

Oscar Wilde bringt die Ästhetik der Oberfläche ins Spiel. Bastianellis Eintrag zu Wilde führt Ruskin, Wilde und Proust in eine Zone, in der Schönheit, Kritik und sozialer Schein ineinandergreifen. Wilde wird mit der Formulierung zitiert, die Kritik verfüge über „formes objectives d’expression“ wie die Kunst selbst. Kritik ist damit Schöpfung, kein Begleittext.

Für Proust ist das zentral. Seine Gesellschaft lebt von Oberflächen: Tonfall, Kleidung, Möbel, Einladungskarten, Gesten, Mimik, Pausen, Titeln, Namen. Diese Oberflächen sind Speicher sozialer Macht. Wer sie lesen kann, versteht die Ordnung der Salons.

Ruskin will Schönheit an Wahrheit und Moral binden. Wilde gibt der Oberfläche Autonomie. Proust verarbeitet beide Impulse. Ein Kleid, ein Name, eine Geste, ein Satz in einem Salon können bei ihm so folgenreich sein wie ein Börsensignal. Letertres Börsen-Thema erhält hier seine ästhetische Grundierung.

Jo Yoshida und die Weltreise eines Einflusses

Der Eintrag zu Jo Yoshida öffnet den internationalen Horizont. Yoshida, japanischer Proust-Forscher, promovierte über „Proust contre Ruskin“. Bastianelli referiert seine These, Prousts Leidenschaft für Ruskin habe sich abgeschwächt; zugleich habe Proust Gründe gehabt, Ruskin aus dem eigenen Text zurücktreten zu lassen. Im „Dictionnaire“ fällt die Formulierung, Proust habe „d’autres raisons de vouloir effacer Ruskin de son texte“.

Einfluss zeigt sich bei Proust gerade dort, wo er verdeckt wird. Ruskin verschwindet als Name und bleibt als Verfahren: in der Aufmerksamkeit für Architektur, in der moralischen Aufladung des Sehens, in der religiösen Intensität der Kunstbetrachtung, in der Verbindung von Ästhetik und Gesellschaft. Yoshida macht außerdem die globale Zirkulation dieses Verhältnisses sichtbar: England, Frankreich, Japan, französische Romanistik, Zürcher Ökonomie-Debatte.

Vom Schreiben leben

Jürgen Rittes Beitrag „Vom Schreiben leben“ führt die Frage nach der Ökonomie zur Autorschaft selbst zurück. Proust war kein Autor einer Boheme des Mangels, aber die „Recherche“ entsteht dennoch aus einer eigentümlichen Ökonomie des Schreibens: Zeit, Krankheit, Rückzug, Erbe, sozialer Abstand, Gedächtnisarbeit. Schreiben erscheint als Lebensform, als Verausgabung, als Verwandlung von sozialer Erfahrung in literarischen Wert.

Auch hier ist Ruskin gegenwärtig. Übersetzen, kommentieren, lesen, sammeln, erinnern: Prousts Verhältnis zu Ruskin war eine Arbeitsform. Es ging um Aneignung, Umformung, Distanzierung. Aus Lektüre wurde Stil. Aus Bewunderung wurde Romanverfahren. Aus Ruskins Kunstreligion wurde Prousts Ökonomie der Wahrnehmung.

Vom Oxford-Zirkel zur Netzökonomie

An dieser Stelle gewinnt Winfried Felsers Gedanke der „Next Ruskins“ seine gegenwärtige Brisanz. Ruskin war Kunsttheoretiker, Sozialkritiker, Bildungsreformer, Netzwerkknoten. Von Oxford aus wirkte sein Denken in Toynbee Hall, Settlement-Bewegung, Reformmilieus, Round-Table-Strukturen und jene imperialen wie geoökonomischen Netzwerke hinein, die für Großbritannien und das Commonwealth prägend wurden.

Diese Netzwerke hatten eine moralische Sprache, institutionelle Formen, Zeitschriften, Gesprächskreise, Orte und langfristige Bindungen. Ihre imperiale Schattenseite gehört zur Geschichte. Ihre Organisationsform bleibt lehrreich. Sie zeigt die Macht von Netzwerken, die Ideen, Personen, Kapital, Institutionen und Narrative koppeln.

Felser überträgt diese Logik auf die heutige Netzökonomie. Plattformen, Datenräume und digitale Märkte erzeugen Kontakte in enormer Geschwindigkeit. Kontakt ergibt aber noch keinen Zusammenhang. Reichweite ergibt noch keine Urteilskraft. Moderne Ökonomie braucht vermittelnde Figuren, die Technologie, Kultur, Sozialkapital, Bildung und wirtschaftliche Transformation zusammendenken.

Die „Next Ruskins“ wären Übersetzer zwischen Feldern. Sie müssten industrielle Innovation, digitale Infrastruktur, ökologische Transformation, Bildung, Kultur und soziale Kohärenz verbinden. Produktive Netzökonomie entsteht durch Beziehung, Vertrauen, geteilte Sprache und gemeinsame Deutungsarbeit.

Proust liefert dafür die literarische Anatomie. Seine Salons sind Netzwerke. Sie produzieren Zugehörigkeit, Ausschluss, Reputation, Kredit, Distanz. Ruskin liefert die moralische Frage nach dem Sinn solcher Ordnungen. Felser fragt nach den institutionellen Formen, die aus Netzwerken mehr machen als Plattformverkehr.

Zürich als Probebühne einer Wertdebatte

Die Zürcher Tagung wird so zu einem intellektuellen Knoten. Hörischs snobistischer Blick auf Geld, Ermans Geldfrage, Schomachers neoklassische Theorie, Blaschkes Untergrabung des homo oeconomicus, Schulte Nordholts Albertine-Lektüre, Letertres Börsenästhetik, Nitschs rollender Luxus und Rittes „Vom Schreiben leben“ ergeben zusammen ein Panorama der Proust’schen Wertformen.

Der Ruskin-Horizont vertieft diese Debatte, weil er Wert, Schönheit, Arbeit, Moral und soziale Bindung zusammendenkt. Mill liefert den liberalen Gegenspieler. Schopenhauer erklärt den Drang, der Begehren und Mangel erzeugt. Wilde zeigt die Macht der Oberfläche. Yoshida macht die internationale Zirkulation des Ruskin-Proust-Verhältnisses sichtbar. Felser überträgt das Ganze in die Gegenwart der Netzökonomie.

Ein „Wirtschaftswunder 2.0“ wäre aus dieser Perspektive mehr als Industriepolitik, Digitalisierung und Kapitalmobilisierung. Es wäre eine kulturelle Aufgabe. Es bräuchte neue Orte, an denen Unternehmer, Wissenschaftler, Künstler, Philologen, Technologen und politische Akteure gemeinsame Maßstäbe entwickeln. Proust und Ruskin lehren, dass gesellschaftlicher Reichtum aus der Fähigkeit entsteht, Wert zu erkennen, zu deuten und zu teilen. Genau daran entscheidet sich auch die Zukunft der Ökonomie.

Homer im Zeitalter der Sirenen aus Glas

Die Antike als Gegenwartskunde

Sylvain Tesson liest Homer wie einer, der in einer Epoche der Beschleunigung nach einem älteren Takt sucht. „Un été avec Homère“ ist kein Kommentar zur „Ilias“ oder zur „Odyssee“ im gelehrten Sinn, eher eine Probe auf die Haltbarkeit des Menschen. Tesson sucht bei Homer keine Bildungsgirlande, keine Herkunftsurkunde Europas, keine museale Akropolis des Geistes. Er sucht das, was unter wechselnden Kostümen wiederkehrt: Krieg, Heimkehr, List, Zorn, Meer, Müdigkeit, Ruhmverlangen, Herdsehnsucht, Tiernähe, göttliche Überhöhung durch Sprache.

Schon im Vorwort schlägt Tesson den Ton an: Homer sei der Musiker, wir lebten im Echo seiner Symphonie. Dieser Satz vertreibt den modernen Menschen aus seiner Lieblingsrolle. Wir halten uns gern für spät, kompliziert, irreversibel aufgeklärt. Bei Homer wirken wir plötzlich altbekannt. Die Drohne liefert den GoPro-Blick, die Nachrichtenlage läuft in Echtzeit über den Globus, die seelischen Grundfiguren bleiben eigentümlich archaisch. Tesson rückt mehrfach das Motiv des Unveränderlichen ins Zentrum: Homer zeige keine Vergangenheit als Museum, er lasse Konstanten des Menschen sichtbar werden, jene alten Triebkräfte, die unter technischen Oberflächen weiterarbeiten.

Achilles steht vor Troja, zugleich steht er im Kommentarbereich. Er ist verwundet durch Kränkung, maßlos in der Antwort, berauscht vom eigenen Recht. Sein Zorn beginnt mit einer Beleidigung, keiner strategischen Lagebeurteilung. Genau darin ist er unserer Zeit nah. Öffentliche Debatten kippen rasch vom Argument in die Ehrverletzung. Ein Satz, ein Bildausschnitt, ein alter Fehltritt, schon liegt das Lager geteilt vor den Mauern der Stadt. Troja ist dann kein Ort in Kleinasien mehr, es wird zum Belagerungszustand einer Öffentlichkeit, in der Abrücken als Niederlage gilt.

Odysseus irrt durch das Mittelmeer, zugleich durch Flughäfen, Migrationsrouten, Hotelkorridore, Karrierelabyrinthe und Datenwolken. Er ist der Mann, der überall ankommt und nirgends ganz da ist. Am Gate überprüft er seine Bordkarte wie einst den Wind, im Posteingang lauern die Sirenen, auf LinkedIn die Lotosesser der permanenten Selbstoptimierung. Sein Ithaka kann ein Haus sein, ein verlorenes Verhältnis, eine Sprache, ein gelöschter Kindheitsgeruch, vielleicht der Zustand, morgens aufzuwachen, ohne sich selbst erklären zu müssen.

Penelope wartet in Ithaka, doch ihre Größe liegt im Verwalten der Zeit. Ihr Webstuhl ist heute der Kalender, die Pflegearbeit, das Durchhalten einer Bindung inmitten beschleunigter Optionen. Sie ist keine passive Figur, eher die große Strategin der Verzögerung. Während die Freier das Haus besetzen, verteidigt sie die Ordnung mit dem unscheinbarsten aller Mittel: Geduld. Eine Epoche, die jede Verzögerung für Ineffizienz hält, versteht kaum noch, welche Intelligenz im Warten liegt. Penelope weiß, dass Treue kein bloßes Gefühl ist. Treue ist Formbewusstsein unter Druck.

Fortschritt ohne Erlösung

Die philosophische Provokation dieses kleinen Buches liegt im Verdacht, dass der Fortschritt zwar Apparate, Verfahren, Institutionen, Diagnosen, Therapien hervorgebracht hat, den Menschen jedoch aus der tragischen Grammatik keineswegs entlassen konnte. Er wurde beweglicher, länger lebend, informierter. Seine alten Energien blieben erhalten. Anerkennung, Ruhm, Besitz, Rache, Begehren, Angst, Heimkehr: Die Namen wechseln, die Grammatik bleibt.

Die „Ilias“ ist für Tesson das Gedicht des Kampfes. Gemeint ist mehr als militärischer Kampf. Leben heißt Reibung, Widerstand, Verwundbarkeit. Der moderne Humanismus behandelt Konflikt gern als Betriebsunfall. Genug Kommunikation, genug Moderation, genug Psychologie, genug Governance — der Friede werde schon aus vernünftiger Verwaltung entstehen. Das alles sind Schönwetter-Weisheiten. Homer singt gegen diese Hoffnung an. Der Mensch will anerkannt werden, gesehen werden, siegen, rächen, glänzen, bewahren, besitzen. Politik beginnt dort, wo diese Energien Form gewinnen. Tragödie beginnt dort, wo sie aus der Form fallen.

Hektor ist der Verteidiger Trojas, zugleich der Mann, der seinen möglichen Untergang kennt und trotzdem hinausgeht. In ihm liegt die Würde dessen, der an die Pflicht glaubt, auch ohne Siegesgewissheit. Man findet ihn heute bei Ärzten in überfüllten Notaufnahmen, bei Feuerwehrleuten vor brennenden Wäldern, bei Lehrern in beschädigten Institutionen, bei Eltern, die morgens Brotdosen füllen, während die Weltlage apokalyptisch kommentiert wird. Hektor ist der Held ohne Rausch. Er kämpft, weil jemand den Platz halten muss.

Agamemnon, der beleidigte Oberbefehlshaber, ist ebenfalls keineswegs verschwunden. Er sitzt in Vorstandsetagen, Ministerrunden, Fakultätsgremien, Redaktionskonferenzen. Er verwechselt Rang mit Wahrheit, Macht mit Urteil, Besitz mit Recht. Seine Schwäche ist die alte Krankheit aller Hierarchien: Wer oben steht, hält die eigene Kränkung für ein Staatsproblem. So beginnt bei Homer ein Krieg im Krieg. So entstehen bis heute institutionelle Katastrophen, die als Sachkonflikte ausgegeben werden und doch aus verletzter Eitelkeit stammen.

Achill im Kommentarbereich

Die kriegerische Grammatik der „Ilias“ liegt unter der Oberfläche digitaler Zivilität. Man spricht von Debattenkultur, oft herrscht Zweikampf. Man spricht von Sichtbarkeit, oft glimmt das alte Verlangen nach Ruhm. Man spricht von Empörung, Achills Zorn hat nur ein neues Übertragungsmedium gefunden. Der Unterschied zwischen Speerwurf und Shitstorm ist technisch erheblich, anthropologisch geringer, als der Fortschrittsstolz zugibt. Der antike Held wollte seinen Namen im Gesang bewahren; der Gegenwartsmensch will ihn im Feed stabilisieren. Beides ist ein Kampf gegen das Verlöschen.

Tesson liebt an Homer die Epitheta, jene festen Beiwörter, die Figuren und Dingen Glanz verleihen: der listenreiche Odysseus, die eulenäugige Athene, der göttliche Achilles, das weinfarbene Meer. Das klingt zunächst ornamental. Tatsächlich steckt darin eine Theorie der Erkenntnis. Ein Epitheton ist kein Etikett, eher eine Verdichtung. Es hält eine Erscheinung im Licht fest. Die moderne Sprache zersplittert zwischen Fachjargon, Managementformel und digitaler Verkürzung. Sie benennt immer genauer, sieht oft weniger. Homer sieht, weil er wiederholt. Wiederholung ist bei ihm kein Mangel an Originalität; sie ist Treue zur Gestalt.

Für die Gegenwart, berauscht von Aktualität, ist das fast skandalös. Unsere Kultur misstraut dem Feststehenden. Sie bevorzugt Update, Revision, Wechsel der Oberfläche. Homer erinnert daran, dass Welt erst bewohnbar wird, sobald Dinge Namen erhalten, die länger halten als der Reiz des Augenblicks. Ein Baum ist mehr als Biomasse, ein Meer mehr als Verkehrsraum, ein Körper mehr als Datensatz, ein Toter mehr als Kollateralschaden. Die homerische Sprache rettet die Erscheinung vor der Verrechnung.

Die Treue der Wörter

Darin liegt ihre ökologische Kraft. Tesson sieht bei Homer die Natur als kosmische Ordnung, in der Tiere, Pflanzen, Winde, Flüsse und Menschen ein gemeinsames Drama bilden. Der Mensch ist kein Herr der Szene. Er ist ein Wesen unter anderen, groß durch Sprache, klein vor dem Sturm.

Gerade hier gewinnt „Un été avec Homère“ eine wissenschaftliche Aktualität, die über Literaturkritik hinausgeht. Das Anthropozän hat dem Menschen eine mythische Rolle gegeben, ohne ihm mythische Weisheit zu verleihen. Er verändert Klima, Meere, Böden, Artenvielfalt, Atmosphärenchemie. Zugleich wirkt er erstaunlich unfähig, sich selbst als Naturwesen zu denken. Homer kannte keine Erdsystemmodelle. Seine Welt besitzt dennoch jene dichte Verbundenheit, die moderne Ökologie in Diagrammen rekonstruiert. Ein Fluss ist bei ihm mehr als Wasserlauf, er kann zürnen. Ein Meer ist mehr als Fläche, es trägt Schicksal. Ein Tiervergleich ist keine hübsche Metapher, er rückt den Menschen zurück in die Ordnung des Lebendigen.

Athene, die Göttin der klugen Intervention, lässt sich heute kaum als reine Vernunft allegorisieren. Sie ist raffinierter. Sie tritt auf, sobald rohe Kraft eine Form braucht. Sie flüstert, tarnt, lenkt, verschiebt den Blick. In unserer Gegenwart wäre sie vielleicht die Kunst, Wissen rechtzeitig anzuwenden: eine klare Stimme im Krisenstab, eine gute Richterin, eine Ingenieurin, die vor dem schönen Plan die Bruchstelle sieht, eine Redakteurin, die den Satz rettet, bevor er zur Parole verkommt. Athene steht für Intelligenz, die ordnet, ohne sich selbst zu feiern.

Das Mittelmeer als Prüfungsraum

Die Entzauberung hat ungeheure Klarheiten geschaffen. Sie hat auch eine Sprache der Verfügbarkeit hervorgebracht. Was keinen Preis, keine Kennzahl, keinen Nutzwert besitzt, gerät leicht aus dem Blick. Homer kennt eine andere Ökonomie: Ehre, Maß, Gastfreundschaft, Heimkehr, Bestattung, Erinnerung. Der tote Feind bleibt ein Toter, der begraben werden muss. Der Gast bleibt ein Gast, bevor er zum Fremden, Konkurrenten, Risiko oder Fall wird. Die „Odyssee“ ist auch ein großes Gedicht der Aufnahme und Prüfung: Wer am Tisch sitzt, verrät die Moral derer, die ihn bewirten.

Damit trifft Tesson einen Nerv Europas. Das Mittelmeer, bei Homer mythischer Raum der Prüfung, ist heute Grenzraum, Grab, Handelsweg, touristische Projektionsfläche. Odysseus, der Schiffbrüchige, wäre in unserer Gegenwart Aktenvorgang, Sicherheitsfrage, humanitäres Symbol, politischer Zankapfel. Homer zwingt dazu, hinter jeder Kategorie wieder den Körper zu sehen: durchnässt, hungrig, listenreich, erschöpft, gefährdet, mitunter gefährlich. Die Größe der „Odyssee“ liegt darin, Fremdheit weder sentimental zu glätten noch administrativ zu entsorgen. Sie weiß, dass der Ankommende geprüft wird. Sie weiß auch, dass die Prüfenden sich im Umgang mit ihm selbst enthüllen.

Die Sirenen singen heute aus Geräten. Ihr Lied ist personalisiert, algorithmisch verfeinert, immer schon auf die Schwäche des Hörers gestimmt. „Nur noch ein Video“, „nur noch eine Nachricht“, „nur noch diese Erregung“: Das ist der kleine Gesang, der Heimkehr verhindert. Odysseus ließ sich an den Mast binden, weil er die Schwäche des eigenen Willens kannte. Die Moderne nennt das Medienkompetenz, Homer nennt es Klugheit gegenüber der eigenen Verführbarkeit.

Auch die Lotosesser leben weiter. Sie wohnen in Komfortsystemen, die den Schmerz betäuben und die Richtung löschen. Man denkt an jene Formen weicher Verwahrlosung, in denen das Leben angenehm wird und gerade dadurch seine Kontur verliert: endloses Scrollen, Konsum als Sedativ, Reisen ohne Ankunft, Wellness ohne Heilung. Der Lotos tötet nicht. Er macht das Vergessen angenehm.

Die Einhegung der Rache

Tessons Homer ist kein Pazifist, kein Moralist, kein Therapeut. Gerade seine Härte macht ihn brauchbar. Eine Epoche, die alles in Verletzung, Diskurs, Prävention und Prozess übersetzt, begegnet bei Homer einer Welt, in der Schmerz nicht verschwindet, weil man ihn benennt. Die Götter sind launisch, der Ruhm ist blutig, das Meer bleibt unzuverlässig, der Heimkehrer kommt beschädigt zurück. Am Ende der „Odyssee“ steht keine Wellness der Versöhnung, eher eine fragile Wiederherstellung der Ordnung. Frieden ist Arbeit am Zorn. Zivilisation beginnt nicht bei der Behauptung allgemeiner Güte. Sie beginnt bei der Einhegung der Rache.

Die Freier in Ithaka sind eine besonders moderne Gruppe. Sie wohnen im Haus eines anderen, verbrauchen fremde Vorräte, reden sich gegenseitig ihre Ansprüche schön und halten ihre eigene Dreistigkeit für Normalität. In ihnen erkennt man die parasitäre Seite jeder Ordnung: Milieus, die von Institutionen leben, ohne sie zu achten; Profiteure, die das Gemeinsame rhetorisch preisen und praktisch verzehren. Odysseus’ Heimkehr ist deshalb mehr als eine private Rückkehr. Sie ist die Wiederherstellung einer Grenze.

Das erklärt, weshalb Homer im einundzwanzigsten Jahrhundert nicht altert. Seine Welt ist brutal, doch nicht zynisch. Sie ist fatalistisch, doch nicht nihilistisch. Sie kennt Götter, doch keine billige Erlösung. Sie kennt Helden, doch zeigt ihre Tränen. Diese Mischung fehlt vielen Gegenwartsmythen. Unsere Populärkultur liebt den Sieger, unsere politische Kultur liebt das Opfer, unsere Technik liebt das lösbare Problem. Homer kennt Menschen, die zugleich Täter, Leidende, Irrende, Liebende, Prahlende, Betende sind. Kein Algorithmus liebt solche Mehrdeutigkeit. Die Maschine klassifiziert; Homer singt.

Bewunderung als Erkenntnisform

Tessons eigener Stil, manchmal pathetisch, manchmal aphoristisch, manchmal von aristokratischer Weltmüdigkeit durchzogen, eignet sich für diesen Gegenstand, weil er Homer nicht neutralisiert. Er nähert sich dem Text mit Bewunderung, nicht mit Besitzanspruch. Das ist riskant. Bewunderung kann blind machen. Sie kann auch eine Form der Erkenntnis sein, besonders bei Werken, die größer sind als die Methoden, die sie sezieren. Wer Homer nur erklärt, verfehlt ihn. Wer ihn nur verehrt, verfehlt ihn ebenfalls. Tesson bewegt sich auf dieser gefährlichen Linie. Er will kaum beweisen, dass Homer wichtig ist; er schreibt aus der Erfahrung, dass Homer ihn erwischt hat.

Die Gegenwart braucht vielleicht genau diese Art Lektüre: keine Flucht in die Antike, keine gelehrte Nostalgie, keine konservative Pose, die in jedem Hexameter eine verlorene Ordnung wittert. Homer taugt nicht als Parteiprogramm. Er ist älter, wilder, uneindeutiger. Er erinnert daran, dass der Mensch vor jeder Ideologie ein Wesen mit Hunger, Angst, Stolz, Schlaf, Sprache, Gewaltfähigkeit und Heimweh ist. Wer das vergisst, baut Systeme für Fantasiegeschöpfe. Wer es bedenkt, gewinnt Klarheit über die menschliche Lage.

Selbst die Götter Homers sind weniger fremd, als es scheint. Man kann sie als Namen für Mächte lesen, die größer sind als der Vorsatz des Einzelnen: Aphrodite für die Verblendung der Begierde, Ares für den Rausch der Gewalt, Poseidon für die störrische Welt, die Pläne zerbricht, Hermes für die Beweglichkeit zwischen den Sphären. Die Gegenwart hat diese Mächte nicht abgeschafft. Sie hat ihnen andere Ressorts gegeben: Biochemie, Märkte, Stimmungen, Infrastrukturen, Netzwerke. Die alten Götter tragen heute Laborkittel, Firmenlogos, Einsatzwesten, Push-Mitteilungen.

Unter den Glasfaserkabeln liegt Troja

Am Ende bleibt bei Tesson das Bild eines Sommers mit Homer: Licht, Meer, Wind, Insel, Gesang. Doch dieses Idyll täuscht. Im Licht liegt Troja. Im Meer liegen die Toten. Im Wind liegt die Stimme, die den Menschen aus seiner Aktualität herausruft. Homer ist kein Gegenteil der Gegenwart. Er ist ihr Röntgenbild. Unter Glasfaserkabeln, Satelliten, Börsentickern, Talkshows, Laboren, Parlamenten, Plattformen liegt weiterhin die alte Szene: Jemand bricht auf. Jemand kämpft. Jemand verliert den Namen. Jemand sucht den Weg nach Hause.

Troja ist überall dort, wo eine Stadt zur Bühne verletzter Ehre wird. Ithaka ist überall dort, wo Heimkehr Wiedergewinnung einer Ordnung heißt. Achilles lebt in jedem Menschen, der lieber die Welt brennen sieht, als eine Kränkung hinunterzuschlucken. Hektor lebt in jedem, der ohne Illusion standhält. Penelope lebt in jeder Form treuer Intelligenz. Odysseus lebt in jedem, der den Umweg nicht mit dem Scheitern verwechselt. Homer bleibt nicht, weil er alt ist. Er bleibt, weil wir es sind.

Die digitale Republik verlässt den Konjunktiv #rp26

Beckedahls Prüfstein

Markus Beckedahl stellte Karsten Wildberger auf der re:publica eine Frage, die in Wahrheit größer ist als jedes Ressort: Wie steht es um die Digitalisierung in Deutschland? Seine eigene Bilanz fiel vorsichtig hoffnungsvoll aus. Ein engagierter Minister, der die großen Fragen kenne, auch Wege sehe, nun aber an Lösungen gemessen werde. Sabine Gillessen nannte das Gespräch auf LinkedIn angenehm überraschend gut und wartete zugleich auf die Umsetzung. Stephan Noller sprach von Authentizität. Diese Reaktionen markieren den neuen Ton: weniger Misstrauen aus Gewohnheit, mehr prüfende Erwartung.

Das ist für die deutsche Netzpolitik ein seltener Zustand. Die Szene, aus der Beckedahl kommt, hat über Jahre gelernt, politischen Digitalversprechen mit archivarischer Skepsis zu begegnen. Zu oft wurde Freiheit beschworen und Überwachung gebaut. Zu oft wurde Open Source gelobt und proprietär beschafft. Zu oft wurde Bürgernähe angekündigt und ein Formularserver ausgeliefert. Der Applaus auf der re:publica hat deshalb Gewicht. Er war kein Blankoscheck. Er war ein Darlehen.

Wildberger trat dort mit einer Erzählung auf, die sich von der üblichen Digitalrhetorik unterscheidet. Vor einem Jahr habe er noch Absichten vorgetragen, heute spreche er über Umgesetztes und Begonnenes. Aus wenigen Leuten seien 500 Mitarbeitende geworden, die Digitalisierung sitze nun jeden Mittwoch am Kabinettstisch. Das ist noch keine Staatsmodernisierung, aber es ist eine institutionelle Verschiebung. Digitalisierung hat einen Ort bekommen, der mehr sein kann als Koordinationsfolklore. War übrigens meine Forderung – also nicht mehr am Katzentisch des Kabinetts zu sitzen.

https://www.linkedin.com/pulse/laber-rituale-der-digitalpolitik-groko-meinung-gefragt-gunnar-sohn

Souveränität als demokratische Infrastruktur

Der wichtigste Satz des Vortrags war nicht technisch. Er lautete: Digitale Souveränität ist eine Demokratiefrage. Wildberger zeichnete die Abhängigkeit Deutschlands von fremden Plattformen, fremden Standards und fremden Wertordnungen als machtpolitisches Problem. Wer Kommunikationsräume kontrolliert, kontrolliert Sichtbarkeit. Wer Datenräume kontrolliert, kontrolliert Handlungsoptionen. Wer Rechenleistung kontrolliert, kontrolliert die Voraussetzungen künftiger KI.

Damit berührt er einen Kern der Netzpolitik, der lange zwischen Bürgerrechten, Plattformkritik und Industriepolitik zerrieben wurde. Souveränität darf nicht zur Subventionsformel für heimische Anbieter verkümmern. Sie darf auch nicht als digitaler Protektionismus missverstanden werden. Gemeint ist Wahlfähigkeit. Der Staat muss auswählen können, welche Infrastruktur er nutzt. Er muss Verträge gestalten können, statt Bedingungen nur zu akzeptieren. Er muss im Zweifel ausweichen können.

Hier liegt die Verbindung zu Ralph Brinkhaus’ 100 Vorschlägen für den Neustaat. Der CDU-Politiker beschreibt den Vertrauensverlust öffentlicher Institutionen, die zu langsam, zu umständlich und zu wenig digital arbeiten. Regeln seien zu oft wichtiger geworden als Zielerreichung, Wirkungskontrolle und Ergebnisverantwortung. In seiner Diagnose steckt ein Satz, der Wildbergers re:publica-Auftritt rahmt: Ohne funktionierenden Staat geraten alle großen politischen Vorhaben ins Stocken.

Wildberger spricht nun über Souveränität, Brinkhaus über Leistungsfähigkeit. Beides gehört zusammen. Ein Staat, der keine eigenen digitalen Grundlagen beherrscht, kann auch seine demokratischen Versprechen nicht einlösen.

Regeln, Code, Plattform, KI

Wildberger ordnete seine Agenda in vier Ebenen: Regeln, Code, Plattform und KI. Diese Ordnung ist brauchbar, weil sie das ewige Durcheinander der Digitaldebatte sortiert. Auf der Ebene der Regeln verteidigte er DMA und DSA als europäische Antwort auf die Macht der Plattformkonzerne. Zugleich sprach er die deutsche Selbstblockade an: fragmentierte Aufsicht bei der DSGVO, ein Datenschutzverständnis, das industrielle Maschinendaten und sensible Personendaten zu häufig gleich behandelt, zu wenig Raum für verantwortungsvolle Datennutzung.

Das ist eine heikle, aber notwendige Linie. Grundrechte brauchen Schutz. Der Staat braucht zugleich Datenfähigkeit. Wer jede Datennutzung unter Generalverdacht stellt, erzeugt keine Freiheit, er erzeugt Verwaltungsohnmacht. Gerade für KI, Planungsbeschleunigung, Sozialleistungen und Bürgerkonten wird die Frage entscheidend, ob Deutschland aus Daten Nutzen ziehen kann, ohne Vertrauen zu zerstören.

Auf der Ebene des Codes kündigte Wildberger Verbindlichkeit an. Open Desk soll als vollständig quelloffene Arbeitsplatz-Suite in der Bundesverwaltung eingeführt und ausgeweitet werden. Neue Beschaffungen des Bundes sollen Open Source bevorzugen, sofern tragfähige Lösungen existieren. Mit Steuergeld entwickelter Code soll öffentlich werden. Das alte netzpolitische Motto „Public money, public code“ ist damit im Ministerton angekommen.

Das ist mehr als Symbolik. Es trifft einen der blinden Flecken deutscher Verwaltung: Hunderte Millionen Euro Lizenzkosten, Abhängigkeiten von wenigen Anbietern, Verträge, in denen der Staat eher Kunde als Gestalter ist. Wildberger nennt es Komfort, der teuer wird, sobald politische Konstellationen kippen. Diese Formulierung sitzt.

Der Deutschland-Stack als Bewährungsarchitektur

Der Deutschland-Stack ist bei Wildberger keine bloße Metapher. Er beschreibt ihn als Architektur mit gemeinsamen Standards, souveräner Cloud-Infrastruktur und einer Anwendungsebene für digitale Identität, Verwaltungszugänge und KI-Plattform. Das Entscheidende daran ist der Gedanke der Nachnutzung: Was eine Behörde einmal gut baut, sollen andere übernehmen können. Offenheit wird hier zum Skalierungsprinzip.

Das passt zu Brinkhaus’ Vorschlägen. Dort finden sich bundesweite IT-Standards, ein Bundes-IT-Rahmengesetz, eine souveräne Bundescloud, eine Bundesdigitalagentur, ein App Store für Verwaltungssoftware und ein Rechtsanspruch auf digitale Verwaltungsakte. Gerade der Rechtsanspruch wäre der Unterschied zwischen freundlich gemeinter Modernisierung und einklagbarer staatlicher Leistungsfähigkeit. Zielverfehlungen und Zeitüberschreitungen dürfen nicht folgenlos bleiben.

Der Stack kann diese Ideen bündeln. Er darf aber nicht zur neuen Großvokabel werden, die alles verspricht und wenig erzwingt. Architektur wird erst politisch, sobald sie Standards setzt, Mittel bindet, Zuständigkeiten klärt und Dopplungen beendet. Die alte deutsche Krankheit heißt Nachbau. Jede Ebene entwickelt ihre eigene Lösung, jede Lösung bekommt ihre eigene Schnittstelle, jede Schnittstelle ihren eigenen Arbeitskreis. Wildbergers Versprechen der Nachnutzung muss genau diesen Mechanismus brechen.

Wallet, Vertrauen und die alte Netzpolitik

Die EUDI-Wallet ist auf der re:publica naturgemäß umstritten. Beckedahl fragte nach Daten, Zugriffen und Risiken. Wildberger antwortete mit Bauprinzipien: Datensparsamkeit, Selective Disclosure, Open-Source-Komponenten in kritischen Schichten, externe Audits, Transparenz über Nutzungsvorgänge. Die Wallet soll im Januar 2027 einsatzbereit sein; mehr als 100 Unternehmen entwickeln Anwendungen in einer Sandbox.

Hier entscheidet sich viel. Eine digitale Identität kann Verwaltung vereinfachen, Geschäftsprozesse beschleunigen und Once-Only endlich greifbar machen. Sie kann zugleich zum Albtraum der Bürgerrechte werden, falls sie zentralistisch, intransparent oder zwanghaft aufgebaut wird. Wildberger klang in diesem Punkt dialogbereit. Das reicht für den Anfang. Der Nachweis folgt im Code, in den Audits, in der Architektur und im Umgang mit Kritik.

Die Netzpolitik sollte sich hier nicht in Reflexen einrichten. Ablehnung aus Prinzip schützt keine Grundrechte. Vertrauen entsteht durch überprüfbare Technik, offene Verfahren, Widerspruchsmöglichkeiten und klare Grenzen staatlicher Datennutzung. Die re:publica-Community ist an dieser Stelle nicht Publikum. Sie ist Prüfinstanz.

KI als Verwaltungsinstrument mit Revisionspflicht

Wildberger berichtete über KI in Genehmigungsverfahren. Komplexe Infrastrukturgenehmigungen seien über acht Teilprozesse weitgehend automatisiert worden; der Arbeitsaufwand sei um 80 Prozent gesunken, Nachnutzung laufe in Hamburg, Nordrhein-Westfalen und bei der Bundesnetzagentur. Am Ende entscheide ein Mensch, die Maschine unterstütze. Entscheidungen müssten nachvollziehbar bleiben.

Hier kommt die Verwaltung in den Bereich, in dem KI tatsächlich Wirkung entfalten kann: Vollständigkeitsprüfungen, Widerspruchserkennung, Dokumentenanalyse, Fristenmanagement, Aktenstrukturierung, Vorprüfung. Das ist weniger glamourös als die großen AGI-Erzählungen, aber für den Staat ungleich relevanter. Eine Baugenehmigung, die Monate schneller bearbeitet wird, ist mehr wert als das nächste KI-Strategiepapier.

Brinkhaus schlägt vor, KI in jeder öffentlichen Einrichtung systematisch zu prüfen, Routinearbeiten und Routinekommunikation zu automatisieren und KI-Kompetenz zur Führungsaufgabe zu machen. KI-Projektteams und finanzierte Projekte gehören für ihn zur Grundausstattung einer modernen Verwaltung. Genau hier liegt der Abgleich: Wildberger zeigt ein Beispiel, Brinkhaus fordert die Systematisierung. Aus Pilotfällen muss Verwaltungsstandard werden.

Zendis, Open Desk und der Preis der Bequemlichkeit

Besonders aufschlussreich war die Passage zu Open Desk und Zendis. Wildberger räumte ein, dass der Bund weiterhin erhebliche Mittel für proprietäre Software ausgibt, während Zendis mit deutlich kleineren Summen arbeiten muss. Er kündigte an, die Struktur, Produktfähigkeit und Ausstattung von Zendis zu überprüfen. Das ist politisch wichtiger, als es klingt.

Open Source scheitert in staatlichen Organisationen selten an Sympathie. Sie scheitert an Produktpflege, Migration, Support, Beschaffung, Verantwortlichkeit und Geduld. Der Staat kann nicht nur fordern, dass offene Lösungen entstehen. Er muss ein professioneller Kunde werden. Er muss Wartung finanzieren, Communities pflegen, Repositories absichern und Produktqualität einfordern.

Hier trifft Wildberger den Punkt, an dem digitale Souveränität zur Haushaltsfrage wird. Wer jährlich viel Geld an globale Anbieter überweist und offene Alternativen mit Projektmitteln abspeist, wählt Abhängigkeit. Wer Souveränität will, muss Beschaffung, Budget und Organisationsform ändern.

Plattformregulierung ohne eigene Plattformen bleibt defensiv

Beckedahl fragte zu Recht nach DMA, DSA, TikTok, Instagram und der Durchsetzung europäischer Regeln. Wildberger verteidigte die europäischen Plattformgesetze, verwies aber auf das Problem stumpfer werdender Regulierung, sobald Europa keine eigene technologische Fähigkeit mehr besitzt. Das ist der unangenehme Kern der Debatte.

Europa kann Plattformen regulieren. Es kann Bußgelder verhängen, Transparenz verlangen, Risiken prüfen. Doch eine Ordnungsmacht ohne eigene digitale Produktionsfähigkeit bleibt abhängig von den Systemen, die sie beaufsichtigt. Das regulatorische Schwert glänzt, aber es wird schwerer zu führen.

Wildbergers Hinweis auf eigene Plattformen ist deshalb wichtig, bleibt aber noch offen. Mastodon, Eurosky und föderierte Alternativen brauchen mehr als wohlwollende Nutzung durch Ministerien. Sie brauchen Finanzierungsmodelle, Produktentwicklung, Skalierungsarchitekturen, Moderationsstrukturen und öffentliche Ankerkunden. Gerade hier könnte der Staat experimenteller auftreten: als Nutzer, Förderer, Standardsetzer, Auftraggeber. Die alte Plattformkritik muss zur Plattformpolitik werden.

Rechenzentren, Gemeinwohl und der fehlende Gesellschaftsvertrag

Die Debatte über Rechenzentren zeigte einen weiteren Bruch. Wildberger will die Kapazität bis 2030 deutlich erhöhen, KI-Kapazitäten vervielfachen und Nachhaltigkeit mitdenken. Beckedahl fragte nach Ressourcenverbrauch, Wasser, Energie und gemeinwohlorientiertem Zugang zu Rechenleistung. Das ist mehr als Umweltkritik. Es geht um den neuen Gesellschaftsvertrag der KI-Infrastruktur.

Rechenzentren werden zur Grundversorgung der digitalen Republik. Sie verbrauchen Strom, Fläche, Wasser und politische Aufmerksamkeit. Sie schaffen zugleich die Voraussetzung für Forschung, Verwaltung, Startups und KI-Anwendungen. Wer private Rechenzentren zulässt, darf fragen, welche Gemeinwohlrendite entsteht. Zugang für öffentliche Forschung, vergünstigte Rechenzeit für Startups, Kapazitäten für Verwaltung und Zivilgesellschaft, Transparenz über Energie- und Wasserverbrauch: Das wären keine antitechnischen Forderungen, sondern Bedingungen demokratischer Infrastrukturpolitik.

Brinkhaus’ Ziel- und Wirkungsorientierung liefert auch hier das Raster. Input allein genügt nicht. Rechenzentren sind kein Erfolg, weil sie gebaut werden. Der Maßstab liegt in Wirkung: mehr souveräne Anwendungen, bessere Verwaltungsverfahren, europäische KI-Fähigkeit, geringere Abhängigkeit, messbare Energieeffizienz.

Vom Bürgerhackathon zur Delivery Unit

Wildberger sprach vom Einfachmachen-Portal mit mehr als 20.000 Hinweisen und vom „Bürgerhackathon Deutschland, was geht“. Sohn@Sohn finden das Angebot nicht so überzeugend. Aus Problemen sollen Prototypen werden, die besten Lösungen in die Bundesverwaltung wandern. Das klingt nach offenerem Staat. Doch offene Formate allein verändern noch keine Verwaltung. Entscheidend wird der Weg vom Prototyp in den Regelbetrieb.

Brinkhaus beschreibt dafür eine härtere Struktur: Transformationsentwicklung soll nachverfolgt und kontrolliert werden, angelehnt an Tony Blairs Prime Minister Delivery Unit. Ein kleines Team überwacht Reformfortschritte, identifiziert Hindernisse, bringt Ministerien zur Rechenschaft. Daneben fordert er Transformationsteams mit Budgets, Reallabore, Experimentierräume und bessere Nutzung der vorhandenen Transformationsressourcen aus Verwaltung, Wissenschaft, GovTech und Zivilgesellschaft.

Genau hier liegt die Anschlussfähigkeit an Beckedahls Frage. Ein Hackathon ist gut, sobald er ein Eingang in eine Umsetzungsarchitektur ist. Er wird zur Folklore, sobald Prototypen nach dem Wochenende in Präsentationsordnern verschwinden. Die digitale Republik braucht ein Gedächtnis für gute Lösungen und ein Verfahren, das diese Lösungen in Betrieb bringt.

Der neue Minister und die alte Prüfung

Karsten Wildberger wirkte auf der re:publica anders als viele seiner Vorgänger in digitalpolitischen Rollen. Weniger Ausweichrhetorik, mehr konkrete Baustellen. Er sprach über Abhängigkeiten, über Open Source, über Wallet-Risiken, über Rechenzentren, über KI in Verwaltungsverfahren, über die Sperrigkeit staatlicher Zuständigkeiten. Dass Beckedahl, Gillessen und Noller darauf mit vorsichtigem Zuspruch reagieren, ist bemerkenswert.

Aber die Prüfung beginnt erst. In einem Jahr wird weniger zählen, wie gut der Ton war. Dann wird zählen, ob Open Source in Vergabekriterien steht. Ob Open Desk skaliert. Ob Zendis handlungsfähig finanziert und strukturiert wurde. Ob der Deutschland-Stack Nachnutzung erzwingt. Ob die Wallet Vertrauen verdient. Ob die Deutschlandapp mehr ist als ein Zugangssymbol. Ob KI-Verfahren nachvollziehbar bleiben. Ob die souveräne Cloud tatsächlich souverän gebaut wird. Ob die Community nicht nur konsultiert, sondern technisch ernst genommen wird.

Brinkhaus liefert mit seinen 100 Vorschlägen den Maßstab. Wildberger liefert erste Bausteine. Beckedahl liefert die öffentliche Prüfung. Die Netzpolitik sollte daraus kein Tribunal machen, aber auch kein Vertrauensfest. Sie sollte genau das tun, was sie am besten kann: Code lesen, Macht befragen, Standards prüfen, Rechte verteidigen, bessere Lösungen verlangen. Die digitale Republik verlässt den Konjunktiv erst, wenn ihre Infrastruktur trägt. Die Rede war ein Anfang. Jetzt zählt das Protokoll der Umsetzung.